#100 Der Gesundheitsteilnehmer
3WW: Sabes de donde vienes? Una silaba fue pronunciada de los labios de tu madre y recibido por tu padre. Asi llegaste a ese mundo.
Weißt du, woher du kommst? Eine Silbe wurde von den Lippen deiner Mutter ausgesprochen und empfangen von deinem Vater. So bist du auf diese Welt gekommen.
Dieses Eingangszitat aus dem letzten Lied, das ich als Outro spielte, liefert uns einen wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Schräglage in den heutigen Gepflogenheiten abetreffs der Liebe. Die Frau sollte eigentlich das aktive Element darstellen und den Mann mit ihrer Empfindungskraft und Verve überraschen -
Nun aber zum Eigentlichen, es gibt hierunter viel Text zu lesen, den ich in wildem Unverstand chaotisch komponierte. Zunächst wende ich mich mit ein paar einordnenden Worten an euch, meine Hörer, sowie die Nachwelt, für welche dieses Zeugnis vielleicht dienlich sein wird und Auskunft erteilen mag über die stattgehabten Kämpfe dieser Epoche, innere Kämpfe, die das Selbst zum Schauplatz machen, auferlegt von der harten Weltwirklichkeit, die einem zarten Herzen allzuoft Missmut und Gram abringen wird in ihrem derzeitigen Verfasstheit der imperialistisch-neoliberalen Epoche.
Demfolgend werde ich einige Texte anbringen, aus denen ich in der Folge vorlas. Darunter „Der Gesundheitsteilnehmer“, worin ich die Drogenproblematik behandle und das Puritanertum abkänzele mitsammen Peter Hacks, dem ich eine in seinem Werk „Zur Romantik“ vorgeführte protestantisch-keusche Gesinnung vorwerfe – aber das nur nebenbei.
Nächstdessen mein leider in diesem Stadium noch mit Geburtsfehlern behaftetes Werk „Konsum und Liebe“, das ich dennoch weiter verfolgen muss, da es die elementaren Fragen behandelt.
Nun denn, beginnen wir mit der Grußadresse.
Liebe Arbeiterklasse, liebe Parteifreunde, liebes Volk
Heute wende ich mich in privater Mission an euch, meine Öffentlichkeit, die mir dabei hilft, meine inneren Kämpfe verständlich zu machen und in kommunizierbare Formen zu übersetzen. Ohne euch wäre dieser Podcast unmöglich. Eure treue Hörarbeit ist die Grundlage meiner immer neuen Lust am Sprechen. Mögt ihr bislang auch träge und verschüchtert geblieben sein, indem ihr meine herzlichen Einladungen zum fröhlichen Kommentieren und Weiterführen der ideologischen Grabenkämpfe in den Kommentarspalten permanent ignoriert und nonchalant überhört. Diese Tatsache aber ist erklärbar, denn Kommunikation ist schwierig und wird immer schwieriger im gegenwärtigen reaktionären politischen Umfeld.
In diesem nämlich existiert der Große Andere, in Gestalt des liberalen, autonomen, selbstbewussten Marktteilnehmers, unser ideelles Double, das uns bedrängt und vorhält, was man noch alles aus der Biografie hätte machen und herausholen können, wenn man nur verstände, die eigene Freiheit auf produktive, effiziente Weise zu nutzen.
„Der Große Andere existiert nicht“, so lehrt hingegen Slavoj Zizek, der mich stark beeinflusst, auch wenn ich in letzter Zeit kaum noch auf seine Texte zurückgriff, die dessenungeachtet ihre Arbeit in mir vollzogen und zuweilen im geistigen Magen rumoren.
„Die Frage, die dieser Podcast zu klären versucht, ist, ob der Große Andere existiert“, so beschrieb ich schon früh in den 20er Folgen irgendwann die historische Mission meines Podcasts.
Nun bin ich weit gekommen, muss aber konstatieren, bei der Beantwortung dieser Frage gefährlich nahe an die Klippen der Idee geraten zu sein, mein Podcast stelle diesen großen Anderen für mich da, hierin könne ich ganz ich sein und er bzw. das Publikum nehme mich sicherlich ganz getreu und wahrheitsgemäß auf. Aber was solls, vielleicht ist diese Idee doch nicht so weitab.
Der Begriff der sozialen Normativität wirft ein erhellendes Licht auf die Transitivität der menschlichen Handlungen, Motive und Selbstauffassungen: diese gehen von einem auf den anderen Menschen über, ohne dass sich die Individuen überhaupt darüber bewusst sein müssen, dass sie in einem sozialen Zusammenhang genießen, handeln, ihre Anschauungen gleichsam als Antwort auf die zurschaugestellten Anschauungen des Anderen, des Gegenübers, Freundes, Konkurrenten, Mitmenschen entwickeln.
So wie Eva Illouz diesen Begriff verwendet (das genaue Zitat konnte ich leider noch nicht finden), beschreibt sie, inwiefern man sich nach einer Liebesbeziehung sehnt, weil man andere dabei beobachtet, wie sie die Liebe leben und dabei glücklich und zufrieden scheinen. Es geht darum, diese anderen so wahrzunehmen, dass es sie zugleich befriedigt und ihnen wichtig ist, etwa eine Liebesbeziehung zu führen, oder dies auf eine bestimmte Weise zu tun.
Der Schmerz, der entsteht, wenn wir in einer Liebesbeziehung Enttäuschung und Scheitern erleben, rührt daher, dass wir das Verhalten der anderen so beurteilen, dass es diesen scheinbar leichter fällt, das Ziel der Liebe zu erreichen und dass ihnen dies für ihr Leben ungemein wichtig ist.
Auf diese Weise also schafft das Soziale, der Raum, in dem wir anderen begegnen und Ähnlichkeiten sowie Unterschiede wahrnehmen, die Kategorie der Normativität.
Wenn man also heutzutage über die Massenmedien mit erotisierenden Werbeclips, sowie pseudotherapeutischen Tips zu Sexualität, Verführung, Romantik bombardiert werden, fühlt man sich leicht mal „oversexed“, was an sich noch kein Problem darstellen würde, käme nicht die andere Seite der Medaille hinzu, nämlich das materielle Fehlen von körperlicher Liebe, Zärtlichkeit und psychischer Intimität mit einem realen Geliebten im Schlafzimmer – mithin die Pauperisierung breiter Bevölkerungsschichten, was sich in dem Attribut „underfucked“ ausdrückt.
Auf das Feld der Drogen (im erweiterten Sinne: Konsummittel) übertragen, bedeutet dies, dass allein die massenmediale Stilisierung von Drogen zum Signum des Rebellentums noch nicht die gegenwärtigen Schäden anrichten würde, die sich beispielsweise in den Drogenepidemien in den USA zeigen, wo die Arbeiterklasse vor lauter Verzweiflung über ihre zunehmende Deklassierung und Abdrängung an den Rand der Gesellschaft zu den Drogen greift und bei den verbreiteten „härteren“ Drogen wie Metamphetamin oder Opioide einen frühen Tod nicht nur in Kauf nimmt, sondern vielleicht sogar bewusst herbeiführen will, um ihrer kläglichen Position im Gesellschaftsgefüge zu entrinnen.
Hinzukommen muss im sozialen dialektischen Spiel die seit etwa einem Jahrhundert weltweit implementierte Prohibitionspolitik, die selbst nach objektiven Kriterien sehr harmlose Substanzen wie Cannabis verbot und zum absolut Anderen, Mystischen erklärte, obwohl sie jahrtausendelang fester Bestandteil der abendländischen und vieler anderer Kulturen waren. Nun wird das Rauchen dieser wild wuchernden Pflanze, die auch zahlreiche medizinische Verwendungszwecke hat, unter härteste Strafen gestellt, wie etwa in den USA in den 60ern, als man für einen im Park gerauchten Joint schon mal fünf Jahre ins Gefängnis kommen konnte.
Hierdurch wird der Akt des Drogenkonsums zum staatlich abgestempelten Akt der Rebellion. [LIED RICHTER Müller: https://www.youtube.com/watch?v=KfNN6OVkkts ]
Dadurch lässt sich der Ekel, den ein Mensch anhand der heutigen Verfasstheit unserer Gesellschaften empfinden kann, in eine sublime Lust am Bruch der „heiligen“ Regeln der „Mehrheitsgesellschaft“ transformieren. Der Mehrheit ist es scheinbar wichtig, drogenfrei zu leben und sie fühlt sich dabei gut und gewinnt aus ihrer bewussten Selbstbeherrschung und dem Verzicht auf die dunkle Substanz Selbstachtung. Die Selbstachtung ersetzt für diese „Mehrheit“ also die Lust, die der Drogenkonsument empfinden kann, wenn er sich seinen hedonistischen Ausschweifungen hingibt, wie Robert Pfaller zeigt.
(Dass die vorgeblich cleane Mehrheit natürlich gar nicht so clean ist sondern selbst auch harte Drogen wie Alkohol konsumiert oder in den Führungsetagen der Banken und Versicherungen selbstverständlich weiterhin Kokainorgien gefeiert werden, ohne welche die ausgebeuteten Mitarbeiter wohl auch kaum in der Lage wären, ihr dreckiges Geschäft mit dem Kapital zu betreiben, versteht sich von selbst, spielt hier aber keine Rolle. Es geht um die Selbstzuschreibung der Gesellschaft sowie derjenigen, die sich in Opposition zu ihr definieren wollen.)
Mehr wollte ich auch gar nicht sagen. Was für die Zukunft sehr interessant wäre zu erforschen, ist der Zusammenhang der im 20. Jahrhundert einsetzenden radikalen Prohibitionspolitik mit dem Aufblühen des Imperialismus, der höchsten Stufe des Kapitalismus also. Denn wie Zizek beschreibt, war Drogenkonsum im 18. und 19. Jahrhundert noch ganz anders angesehen und wurde als Spleen, als private Marotte betrachtet:
Aus „Die gnadenlose Liebe“, Fußnote Nr. 12 auf S. 20:
„Die Aufmerksamkeit, die der Drogenabhängigkeit als massiver Bedrohung des gesellschaftlichen Gefüges heute zuteil wird, kann nur vor dem Hintergrund der vorrangig subjektiven Wirtschaft des Konsums als Erscheinungsform der Sparsamkeit verstanden werden. In früheren Epochen war der Drogenkonsum einfach eine unter mehreren halbverheimlichten gesellschaftlichen Praktiken, die von realen (de Quincey, Baudelaire) und fiktiven (Sherlock Holmes) Charakteren gepflegt wurde.“
Doch mit dem Aufkommen der Pflicht zur effizienten Verwertung der individuellen Arbeitskraft (vgl. Hacks Zitat in #89: die Gründung des sächsichen Holzfabrikantenkartells markiert den Beginn der Krise des Individuums, das nun nur noch nutzbar gemacht werden muss für die Zwecke des Großkapitals) änderte sich der gesellschaftliche Blick auf Drogen. Sie waren nun das ganz Andere, Gefährliche, da sie das Individuum dem stumpfen Alltag der Produktionsmaschinerien zu entreißen vermochten. Für den Bourgeois geht es in erster Linie darum, „sauber“ zu bleiben, das ist der Sinn der Kapitalakkumulation. So weist etwa Jacques Lacan auf die Wortherkunft von „proprieté“ (Eigentum) hin, das sich aus „propre“ (sauber) ableite.
Dazu passt etwa eine Stelle aus Lacans Seminar 8, „Die Übertragung“, in der er Platons „Gastmahl“ analysiert, im Speziellen die Rede von Pausanias, einem bekanntermaßen reichen athenischen Bürger (S. 77):
„Was bei den Athenern geschieht, scheint ihm die höchste Auffassungsweise des Ritus zu sein, wenn man das sagen kann, der gesellschaftlichen Ausgestaltung der Liebesbeziehungen. Wenn Pausanias es den Athenern zubilligt, dafür Hindernisse, Formen, Verbote aufzustellen, dann entsprechen diese Praktiken einem bestimmten Zweck. Es ist Absicht, dass diese Liebe sich in einer gewissen Dauer und mehr noch in einer Dauer, vergleichbar, sagt er ausdrücklich, der ehelichen Gemeinschaft, zeigt, erweist und herstellt. Es gibt einen Wettbewerb der Liebe – die Liebe leitet den Kampf, die Konkurrenz unter den Bewerbern, indem sie diejenigen auf die Probe stellt, die sich in der Position des Liebhabers präsentieren, und es geht darum, dass die Wahl, die diesem Wettbewerb folgt, die bessere ist.
Über eine ganze Seite hinweg wird die Zweideutigkeit eigenartig beibehalten. Wo hat die Tugend, die Funktion desjenigen, der wählt, ihren Platz? […] Was er in dem Geliebten suchen wird, ist, etwas ihm zu geben. Beide treffen sich in diesem Punkt, den er irgendwo den Treffpunkt des Diskurses nennt, an dem die Verbindung, die Koinzidenz stattfinden wird. Worum handelt es sich?
Es handelt sich um einen Tausch. Der erste zeigt sich eines Beitrags fähig, dessen Gegenstand die Einsicht und das gesamte Feld des Verdienstes ist. Der zweite hat im Sinne der Erziehung und allgemein des Wissens Erwerbungen nötig. Sie werden sich hier treffen und nach seinen Worten das Paar einer Verbindung von höchstem Niveau bilden. Auf der Ebene einer Erwerbung, eines Gewinns, eines Besitzes wird das Treffen dieses Paares stattfinden, das für immer diese sogenannte höhere Liebe artikulieren wird, diese Liebe, die, selbst wenn wir die Partner ausgetauscht haben werden, für die weiteren Jahrhunderte die platonische Liebe heißen wird.
Es scheint mir sehr schwierig, wenn man diese Rede liest, nicht zu verspüren, an welchem Register diese Psychologie teilhat. Die ganze Rede wird in Abhängigkeit von einer Kotierung der Werte, einer Untersuchung der kotierten Werte ausgearbeitet. Es geht geradezu darum, seine psychischen Investmentfonds zu platzieren. Wenn Pausanias irgendwo verlangt, dass strenge Regeln der Entwicklung der Liebe, wie man dem Geliebten den Hof macht, auferlegt werden, dann finden diese Regeln ihre Rechtfertigung darin, dass nicht zu viel Aufmerksamkeit – es geht um diese Investition, von der ich sprach – für diese kleinen Jüngelchen verschwendet, vergeudet werden darf, die der Mühe nicht wert sind. […] Es geht um den Besitz des Geliebten, weil er ein guter Fonds ist.“
In diesem Abschnitt geht es also um die Liebe, die der reiche Bürger als Investitionsgelegenheit betrachtet. Daher „kotiert“ oder beschmutzt er die potentiellen Objekte seiner Zuneigung und stellt hohe moralische Anforderungen an sie. Nur wer sich der Liebe würdig erweist, soll geliebt werden. Der Reiche möchte den Wert seiner Geliebten herabdrücken, um selbst ein gutes Geschäft zu machen und die Liebe gleichsam günstig zu erwerben.
An anderer Stelle (die ich nicht finden konnte) zieht Lacan die Parallele zwischen Eigentum und Sauberkeit, die uns mehr über den Drogenkonsum sagen könnte. Sparsamkeit ist eine bürgerliche Tugend und wer sich rein hält von exzessiven Lüsten und Lastern, der entspricht dem Bild des rationalen Marktteilnehmers, der sauber zu wirtschaften versteht und seine Kräfte nicht übermäßig verausgabt wie etwa der Junkie, der sich in seiner radikalsten Form noch selbst konsumiert und bis hin zum Tod alles der Droge unterordnet.
Heute sind wir in der von Pfaller beschriebenen Kultur der Askese angekommen, in der die Sparsamkeit (mit der eigenen Gesundheit, den Ressourcen von Mutter Erde etc.) zur Norm erhoben wird und somit der Zugang zu den kulturellen Lustgütern blockiert wird. Dies widerspricht aber einer revolutionären Auffassung vom Proletariat als Handlungsträger, das sich die sinnlichen Genüsse der Welt anzueignen versuchen soll.
Daher müssen wir also diese Bourgeoismoral zurückweisen, vor allem in den neu aufzubauenden sozialistischen Staaten. Die in dieser Folge dargelegte Kritik am realen Sozialismus zielt darauf, aufzuzeigen, inwieweit dieser zwar sicherlich imstande war, seinen Bewohnern eine höhere Lebensqualität, Lebenserwartung und psychische Gesundheit zu ermöglichen, da er sie von den Zumutungen der Monokapitalherrschaft befreite. Aber die Instrumentalisierung der Gesundheit zu politischen Propagandazwecken bleibt doch verwerflich. Sollte also die seit zwei Jahren proklamierte chinesische Covidstrategie „Zero Covid“ einen ernstgemeinten gesundheitspolitischen Hintergrund haben (was ich stark bezweifle), dann könnte diese Art des Gesundheitsparadigmas dem Individuum im Sozialismus sogar noch größere Lasten aufbürden als im Imperialismus.
Dies drücke ich in untenstehendem Text „Der Gesundheitsteilnehmer“ aus: im Imperialismus darf man sich zugrunde richten, mit der Einschränkung, man müsse aber weiterhin normgerecht produzieren und nicht hinter die Leistung der Mit-Konkurrenten zurückfallen. Im Sozialismus aber lautet der Aufruf des Staates an den einzelnen Gesundheitsteilnehmer, dieser müsse durch seine Gesundheit einen Beitrag zum Wohlergehen des Volkes und zur Prosperität des Sozialismus leisten. Diese Sichtweise verwurstet den Menschen letztlich deutlich perfider als der Produktions-Reduktionismus in den imperialistischen Gesellschaften. Doch diese Kritik soll nicht missverstanden werden als Ablehnung des Sozialismus, der aus meiner Sicht und zum Wohle meiner persönlichen Entfaltung und Gesundheit sowie der allermeisten heute entrechteten Menschen möglichst schnell wieder herbeigeschafft werden muss.
Fakt ist aber, dass der große Andere nicht existiert, und es mir daher auch egal ist, was Kommunisten wie Peter Hacks über meine gegen ihn und sein Werk „Zur Romantik“ gerichteten Polemiken denken würde – sicher ging der ein oder andere Schlag unter die Gürtellinie aber auch er hätte vielleicht die persönlichen Verletzlichkeiten dem politischen Grabenkampf untergeordnet, der dringend nötig ist, um schnellstmöglich zur Revolution und zur Etablierung eines menschlichen Zusammenlebens zu kommen, in dem wieder lustvoller und sorgenfreier konsumiert und geliebt werden kann.
Daher also meine Offenlegung der aus meiner Sicht realen Mängel der sozialistischen Ideologie. Hinzu kommen eingebildete Mängel, die ich hier herausarbeiten wollte, weil ein so schüchterner Mensch wie ich es bin sich leicht ängstigen kann anhand der Hülle und Fülle der Jugendorganisationen, die etwa in der DDR existierten oder Bünde wie den Bund der deutsch-sowjetischen Freundschaft, in die man durch sozialen Anpassungsdruck fast automatisch hineingezogen wurde. Das löst in mir Widerwillen aus, da ich grundsätzlich Menschenmengen und Gruppen lieber meide und mich hier also meiner Freiheit beraubt sehe. Dieses Ressentiment konnte ich hoffentlich aber in der Folge als solches enthüllen, als rein fiktiven „Fehler“ des Sozialismus, der aber in Wirklichkeit eine seiner größten Errungenschaften ist, denn ohne Zwang und Anleitung von oben wird sich der Mensch schwerlich bewegen, selbst wenn er weiß, dass es zu seinem Besseren wäre.
So muss also der sozialistische Staat oder eine andere Instanz uns erst dazu anleiten, den Kontakt zu anderen Menschen zu suchen und den Austausch von freundschaftlichen, höflichen oder galanten Gesten zu üben. Im Imperialismus gibt es keinen anderen mehr, weil es letztlich auch kein Selbst gibt; unsicher über die Position in der Welt sowie die Erwartungen der Gesellschaft und der Mitmenschen an einen verflüchtigt sich jeder eigene, gewitzte, originäre Charakterzug und geht über in die amorphe Anpassung an diejenigen bürgerlichen Gewohnheiten, die für das Weiterfunktionieren der Kapitalgesetze unschädlich oder förderlich sind. Rebellentum ist hier nur herbei gelogen und in Wahrheit Ausdruck von Konformismus. Wo im Inneren Chaos vorherrscht und die Gegner des Systems planlos sind, kann das System weiter reibungslos weiter bestehen. So schreibt Marlon Grohn in Fußnote 66 von „Kommunismus für Erwachsene“ auf S. 260:
„Die Ziel- und Planlosigkeit der Anarchoiden ist die konsequente Erfüllung bürgerlicher Systemerfordernisse. Wo die Gegner des Systems planlos sind, kann das System weiter obsiegen. Die Produkte einer chaotischen Erziehung der planlosen bürgerlichen Vorstellungswelt lügen sich dann im Verlaufe ihrer Pubertät dieses Chaos als selbstbestimmte, autonome Widerständigkeit zurecht. Die bürgerliche Anarchie der Warenproduktion bringt Arbeitsmarktwaren hervor, die anarchisch sind.“
Peter Hacks hat also recht, wenn er schreibt, das Individuum sei eine der größten Leistungen, die vom real existierenden Sozialismus hervorgebracht wurden. Erst hier kann der Chaotisierung der eignen Person, Bildung und Einstellungen Einhalt geboten werden.
- Text – ca. Minute 15
Stalin:
Der grundlegende Knacks in unserer modernen Wahrnehmung des Todes und der davon emanierenden Gefahr, liegt in der Illusion der Beherrschbarkeit. Die Illusion, frei über den Tod verfügen zu können, hat uns die Medizin mit ihren schwindelerregenden Fortschritten eingeflößt. So wird der Tod zum Objekt, das uns zu Diensten zu stehen hat. Da sind wir aber gar nicht erfreut, wenn Stalin in der Sowjetunion im Zuge des Großen Terrors Oppositionelle erschießen lässt. Da glauben wir, so schlimm darf es nie wieder werden. Doch, es muss sogar. Wir müssen unsere Feinde definieren und ausschalten- hoffentlich nicht physisch, sondern nur ihren Wirkungskreis so weit hemmen, dass sie unschädlich für den Aufbau des Sozialismus gemacht werden und ihren Antikommunismus im Gefängnis oder im Ausland oder Arbeitslager ausleben und sich bessern können.
Und wenn sich die Weltlage verändert und faschistische Angriffskriege am Horizont drohen wie zu Beginn des Großen Terrors anno 36 dann wird man auch zu vorher undenkbaren Mitteln greifen. Ohne die Exzesse des Terrors rechtfertigen zu wollen, bleibt doch nun mal Fakt, dass Stalin nicht frei und nach Belieben handelte, sondern innerhalb des geschichtlichen Rahmens, den ihm die damaligen Zwänge auferlegten. Auch war er nur ein Mensch voller Mängel, Wissenslücken und Fehler, auch wenn er als unverbesserlicher Autodidakt diese stets auszumerzen versuchte im Gegenteil zu uns selbstgerechten Postmodernen. Stalin wurde als Kind geschlagen und als es hart auf hart kam in den dreißiger Jahren und das Überleben des bolschewistischen Staats auf dem Spiel stand, da langte er auch kräftig zu, wie er es von seinem Vater gelernt hatte. Erwähnenswert ist auch, dass die Ausgangslage vor der Revolution anno 1917 im feudalen Russland nicht vergleichbar ist mit dem etwa heute hochentwickelten Deutschland und wir viele Härten der nachrevolutionären Klassenkämpfe in dieser Form heute nicht zu spüren bekommen werden aufgrund der bereits durch den Imperialismus erfolgten Entwicklung hierzulande. Es bleibt trotzdem richtig, sich an Stalin zu orientieren und nicht blind seine angeblich exzessive, unerhörte, grausame Gewaltanwendung zu verdammen. Denn wozu sollen wir, die wir ernst machen wollen und die bolschewistische Revolution anstreben, in den Grundlinien unseres Denkens also mit Lenin und Stalin übereinstimmen, die reaktionäre Propaganda übernehmen, die nur die schützende Hand über die heute herrschende Klasse hält? So grausam sei es im sibirischen Arbeitslager gewesen, stöhnen die bürgerlichen Historiker und wollen uns damit weismachen, wir alle stünden auf der bürgerlichen Seite der Moral, von wo aus man gar nicht anders könne, als die bolschewistische Politik von Grund auf zu verdammen. Dabei sind es jene, die uns heute Gewalt antun indem der Zustand der Entrechtung und Ausbeutung tagtäglich aufrechterhalten wird, die durch solche Lügenmärchen über sowjetische Unmenschlichkeit geschützt werden sollen. Sie, die uns heute ausbeuten, schädigen und verächtlich machen, dürfen angeblich nicht in Arbeitslager verfrachtet oder erschossen werden, das gehe gegen unsere allgemeingültige Moral. Die Moral ist aber stets nur die Moral einer Klasse und wir Proletarier sind eben erst im Begriff die uns eigene zu schaffen und wollen von solchen bürgerlichen Empfindlichkeiten nichts wissen. Wer rumflennt, der hat was zu verbergen, der will uns das bürgerliche Gewissen, die Rücksichtnahme auf kapitalistische Verbrecher, deren staatlich-politische Repräsentanten einschmuggeln. Solche Leute also, die müssen wir nach der Revolution ganz bestimmt in die Arbeitslager stecken und sie gerade wegen ihnen wieder aufbauen. Aber das sind Detailfragen der Neuen Geistigen Politik.
Gesundheitsteilnehmer
20.4.22
Kommen wir hier aber wieder etwas näher ans eigentliche Diskurszentrum des hiesigen Textes. Die Gesundheit ist in Zeiten der Pandemie ein Druckmittel, vermöge dessen der Einzelne gefügig gemacht wird und seine Autonomie gegen das vermeintliche Wohl der Herde, der Population abgewogen wird. Dort wirft die Zukunft ihren Schatten, sie dräut mit überlaufenen Intensivstationen und Long Covid. Eine offensichtliche Parallele ist die Hatz gegen den Sozialismus seit 1990 insbesondere. Mit der gleichen Intensität, die der Covidschatten der ungesunden, ausgelieferten Zukunft wirft, sticht von hinten der Strahl der stechenden Sonne der DDR-Vergangenheit. Ja, was wäre, wenn du auch in der DDR hättest leben müssen oder freiwillig hingegangen wärst, dann hätten sich deine Ideale geändert… Exakt, deshalb wäre ich ja hingegangen, damit sich meine Vorstellungen dialektisch von einer in Realität gegossenen sozialistischen Vision bearbeiten und befruchten lassen. Die Vergangenheit nimmt mich als materielles Sein in Beschlag. Sie macht mich zu ihrem Faustpfand. Du bist auch materiell, auf ökonomisch gefertigte Waren angewiesen (bis hierhin noch recht marxistisch korrekt), also musst du zugeben, dass die Überlegenheit an Quantität und Qualität der Waren, die der Westen seinen Bürgern zur Verfügung stellte, die Überlegenheit des Systems beweist (hier liegt der Fehler). Etwas anderes kann gar nicht behauptet werden von einem materiellen Sein, welches immer zuerst an seine grundlegende Versorgung denkt und immer auch nach mehr Gütern und Kommoditäten, Annehmlichkeiten streben wird, Fetische ausbilden wird etc., einer Person also, die an der warmen Milchbrust des Kapitals hängt und sich niemals mit Recht wird anmaßen dürfen, Solidarität und Sympathie für ein Projekt wie die sozialistische UdSSR zu zeigen, wo man einfach materiell weniger hatte.
Wichtig hier: aufzeigen, dass trotz des absoluten Abstands die Sowjetunion weniger Arme und Arbeitslose hatte, insbesondere im Vergleich zu den heutigen Standards Europas, Amerikas.
Aber wichtiger noch: die grundlegend richtige marxistische implizite Ideologie herauszuheben und zu würdigen. Dieses Denkmuster ist nicht ganz abzulehnen, hat etwas Bemerkenswertes in sich, verdient an dieser Stelle sogar Lob.
Dasselbe gilt also für den Klimakampf. Auch dort die In-Geißelhaftnahme meines biologisch-materiellen hemmt mein heutiges Sein und mein Denken bezüglich der Relevanz dieser Klimakrise. Ich mag nicht denken, der Klimatsunami werde schon nicht so schlimm. (Wenn er doch kommt, stehe ich dumm da und bin blamiert) Das sind die impliziten Diskursvoraussetzungen, die das System der Kommunikation bilden, und uns Anreize und unausgesprochene Zwänge mitgeben, was möglich und was unmöglich oder unschicklich zu sagen sei.
Allerdings muss ich hier kurz kritisch auf die realen sozialistischen Staaten und ihre Instrumentalisierung der Gesundheit eingehen. China entwirft die NoCovid-Strategie, um der Welt die Überlegenheit seines politischen Systems zu beweisen. Das ist verwerflich, nicht aber, wenn man wirklich den Gedanken des Gesundheitsschutzes damit verbindet. Um das zu tun müsste man aber ziemlich paranoid sein und jede realistische Gefahreneinschätzung einfach über Bord werfen, sobald Covid um die Ecke kommt, was sicher zu unserer hypernervösen Verfassung im Westen passt, aber in China?
Die DDR impfte viel und ausführlich "vom Säugling bis zum Greis". Es mag ja nicht so schlimm sein, aber doch: was ich schon als schlimm empfinde, ist dieses soziale Beisammensein, dass man zur 40-Jahr-DDR-Feier in der Pfadfindergruppe oder einer der Myriaden Bünde der DDR antanzen musste etc… all diese Bedeutungen des Wortes "Sozialismus" sind mir ungeheuer, so wie im Juligedicht (#70) ausgedrückt: "der feige sozialistische Gedanke an die Realisierungsmöglichkeiten der Liebe…"
Aber trotzdem sehe ich dank Belehrung und Studium doch ein, dass es besser so ist und gerade diese soziale Kohäsion- sei sie auch obrigkeitsstaatlich verordnet - der größte Triumph der DDR war. Aber es verlangt mir einiges ab, mich vom liberalen Paradigma zu lösen und mich einzuordnen in die autoritäre Struktur. Doch es ist das richtige.
Nur: wenn jetzt der Sozialismus seinen Anspruch auf Besserung der sozialen Verhältnisse aufgibt und einfach die individuelle Gesundheit als die große Trumpfkarte betrachtet, mittels derer er seine Bürger von der Richtigkeit und Glückseligkeit ihres Daseins überzeugen könne, dann wird es albern und ich muss mich von diesem Staat abwenden. Ein solcher Staat wie in China, der nun den Lockdown in Schanghai durchsetzt, ist nicht wegen der autoritären Mittel zu verurteilen, sondern wegen der dahinterstehenden Ziele. NullCovid ist einfach eine hirnlose Strategie. Wenn es tatsächlich das Kalkül ist, die Überlegenheit des chinesischen Politikmodells zu zeigen, dann gibt China hiermit schon sein Scheitern zu, gesteht sich ein, dem Westen unterlegen zu sein und sich auf sein Niveau herablassen zu müssen und sagen zu müssen: jawohl, auch wir überzeugen jetzt unser Volk erstmal davon, es gut zu haben, auch wir sind demokratisch und stützen uns auf das Wohlwollen eines manipulierten Volkskörpers- was für ein Witz!
Der Westen hat seine imperialistischen Medien und glaubt die Lügen, die er ihnen erzählt, wenn er sie liest (Karl Kraus), China hat seine Staatsmedien und glaubt, irgendjemanden überzeugen zu müssen, so als wären die Chinesen nicht auch selbst alle brave Schäfchen wie wir im Westen, die brav jeder Ansage von oben folgen, bis es gar nicht mehr geht und man in Widersprüche verstrickt keine materielle Grundlage mehr hat.
Seien wir ehrlich: hier liegt das grundlegende Schisma zwischen mir, dem Liberalismus und dem Sozialismus. Ich will ja auch so frei sein, dass ich alles noch aus mir machen könnte (Trip Italien bei Napoli mit Dani: was studieren? Ökonomie, Physik… welcher Mensch würde ich werden?) Jede Frau verführen könnte. Weil ich so viel Geld oder Witz hätte. All das müsste ich mir noch beschaffen und antrainieren, ja, dennoch: prinzipiell ermöglicht mir der Liberalismus alles. Doch das ekelt mich an. Wer würde nicht einfach gern daheim sitzen und auf dem Sofa lesen oder rauchen? Da bleibt kein Platz für persönliche Entwicklung. Somit komme ich zum Sozialismus. Doch der sagt mir: sei gesund, damit du dem sozialistischen Vaterland dienen kannst. Das widerstrebt mir immens. Kann ich mich denn nichtmal hier in Ruhe ruinieren? Dann doch wieder zurück ins freiheitliche System, wo du dich immerhin mittels Konkurrenzzwang ruinieren darfst. Das ist die Synthese.
Aber nein, ich schreibe nun so frei, nicht aus Profitinteresse, nicht aus revolutionärem Impetus - aus reiner Langeweile, um meiner Freundin etwas vorlesen zu können, mich mit den Podcasthörern amüsieren zu können etc.
Exakt, der Sozialismus fällt schon vom Glauben an sich selbst ab und findet in seiner heruntergekommenen Verzweiflung nur noch Halt beim eigenen Körper. So wie Hacks über Drogen lästert und herzieht und einzelne Schriftsteller anprangert, die sich gewisser Opiate bedient hätten und dadurch gesündigt hätten (die Sozialisten sind in Wahrheit verkappte Protestanten, keusch und asketisch bis zum Umfallen, und daraus erklärt sich auch Hacks‘ Ablehnung alles Katholischen, siehe „Zur Romantik“), so zieht Xi die Coronapolitik auf, um sein Volk zu überzeugen, Gesundheit und Achtung des Lebens gebe es nur bei ihm im Sozialismus. Lächerliche Kreaturen und Wichte, …
Dialektik des Subjekts So stehe ich hier, blank und bar in dieser Welt. Unschlüssig vor allem, was zu tun, wen zu hassen ich mir vorsetzen sollte. Denn ja, die Wut kocht über und kann einen noch am ehesten jene Lebenskraft spüren lassen, die sonst nur das geschlechtliche Begehren hervorruft. Dann denke ich: ja, um ein Ausgestoßener der Gesellschaft zu sein, reicht es ja, einfach nur Drogen zu nehmen. "Drogen" und "Medikamente", da besteht ein himmelweiter Unterschied, schreibt Hacks.
In der Tat, am interessantesten an seinem Werk ist diese synchrone Lust an der Verächtlichmachung einerseits des Drogengenusses und andererseits der geschlechtlichen Promiskuität und Ausschweifungen. Fräulein Soundso ließ sich herumreichen wie einen Wanderpokal, so in etwa geht ein ganzes Kapitel von ihm, und man beginnt sich zu fragen, ob der Autor selbst wohl nicht an Impotenz oder darum kreisenden Zwangsvorstellungen litt, aber das soll uns hier nicht tangieren. Wichtig ist nur, was Hacks hier als scharfgemachter Spürhund verlässlich aufspürt, die Parallelität von geschlechtlichem Begehren und Drogenkonsum.
Wer keinen Sex will, möchte sich auch von der rohen Gesellschaft abkoppeln, die ihn mit lächerlichen ironiegetränkten Vorstellungen über die richtige Liebe, Sehnsucht, Schwärmerei und romantische Beziehungsannäherung ersäuft. So wendet man sich angeekelt ab, von links dräut die Pornografie, von rechts Goethe und die ganzen Autoren, die zur "Liebe" ihren Schmarrn mit dazugaben und ihre Feder in diese Tinte tunken mussten.
Wer keine Drogen will, der wendet sich angeekelt von so viel Kerouac, Bourroughs oder Thompson-Lektüre ab und denkt: ja, wenn ich einfach nur so bleibe, wie mich die herrschende Klasse haben will, brav, arbeitsam, drogenfrei, dann wird mir nichts passieren und ich werde immer weiter genährt und geschützt, egal von welchem System, sowohl der Kapitalismus als auch der Sozialismus brauchen fleißige Arbeiter, daran wird sich nie etwas ändern; der schaffende Mensch ist der rechtschaffene Mensch.
Wer dagegen angeekelt ist von dieser Gesellschaft und dank den DDR-Versagern wie etwa Hacks nun auch keinen realen Sozialismus mehr zur Verfügung hat, wohin er sich flüchten könnte, dem bleibt nur, sich in den Drogenrausch und die damit verbundene eskapistische Glückseligkeit für einige Augenblicke zu begeben. Dort ist man geschützt vor dieser harten Welt, die einen so ungerecht angeht. Alles verlangt sie, und hat man es erfüllt, will sie einem nicht mal sagen, wozu das nun nötig gewesen sein soll.
So bleibt nur, sich den eigenen Wert zu setzen, frei nach Nietzsche, und die Hasch- oder Opiumpfeife zum höchsten Gut zu erheben, nach dem sich der Arbeiter sehnt und wollüstig daran denkt während der stupiden eintönigen Arbeitszeit. Dies nun sieht der Sozialismus nicht gern und gemahnt den Einzelnen daran, Teil des Volkes zu sein und sich der großen Volksgesundheit und dem Volkswillen zu beugen. Hierin gebärdet er sich also noch eselhafter als der Kapitalismus, der jedem freie Wahl lässt, zu konsumieren und nur leicht kritisch anmerkt, die allzu offen ausgelebte Abhängigkeit von einer toxischen Substanz führe zu verminderter Arbeitseffizienz, was nicht wünschenswert sei. Du produzierst dann nicht mehr genug, du Kiffer, das ist die simple Botschaft des Kapitalismus. Viel schlimmer ist die sozialistische Botschaft an den Gesundheitsteilnehmer. Du gefährdest den Fortschritt der Menschheit hin zum gesunden, glücklichen Leben, so seine eitle Parole.
Es bleibt dem unzufriedenen Menschen aller Zeiten also immerhin der Griff zu den Drogen, dem kleinen Glück. Nur insofern Literatur den Einzelnen anleitet, wie dieser Griff geschickt und elegant auszuführen sei, nur insofern verdient sie überhaupt ihren Namen. Was Hacks veranstaltet, ist purer Puritanismus und ein Machwerk des drogenfreien assoziationslosen heruntegekommenen Verstandes, der sich aus Selbstzweifel daran festklammert, immerhin lebenslang eine feste Opposition zur bösen Substanz, der Droge, beibehalten zu haben.
Und ja, ich gestehe es zu: Hacks klare Worte, die das Geschwafel der Bewusstseinserweiterung verurteilen, sind sicher hilfreich für einige. Die zögern, probieren vielleicht mal und rauchen einen Joint, aber kommen durch Hacks eindringliche Klärungen zu Vernunft. Nur sind jene Subjekte eben nur die andere Seite der Medaille jener anderen, drogenaffinen Subjekte, die einen dunklen Drang spüren, sich diese Substanzen einzuverleiben, allein weil sie im Mehrheitsdiskurs eine ambivalente Note verliehen bekommen, die sie adelt und als elitär, geheim, gefährlich, subversiv auszeichnet.
Sie fühlen sich von Hacks opahaften, spaßverderberischen Worten nur noch mehr angestachelt und rauchen umso mehr, verfallen umso leichter einer Sucht. So bleibt es ein Nullsummenspiel, die einen berauschen sich daran, zu kiffen, die anderen daran, selbstgenügsam, willensstark und sauber genug zu sein, sich reinzuhalten von solchen Anwandlungen und nur auf anderen Gebieten Ausschweifungen zu pflegen. Also etwa auf dem Feld Sexuellen, wo uns die kruden Seitenhiebe Hacks' auf mehrfache Ehen und intime Verhältnisse der gebildeten, adeligen Schichten merkwürdig aus der Zeit gefallen anmuten. Verteidigt er hier die eheliche Treue?
So ist also die Treue das Äquivalent zur Nüchternheit, zum sauberen Gesundheitsteilnehmer, der sich täglich wäscht und sein Leben wie seinen Körper in Ordnung hält und nicht ruiniert (als symbolische Nachformung der Ruinierung der Welt, die heutzutage von jedermann als gegeben und in vollem Gange befindlich hingenommen/angenommen/zugrunde gelegt wird - siehe "Klima") - der Ehebrecher ist gleichzeitig Haschraucher; der auf Entzug befindliche ehemalige Kiffer ist der treue Ehemann, der allsamstäglich zum Werk an seiner Gattin schreitet.
So weit, so bekannt. Der Mensch will das Begehren, das ihn durch seine überbordende Kraft und Herausforderung ängstigt, einhegen und in seine Schranken verweisen. Daher erschafft er sich ersatzweise Süchte und andere Begehrensobjekte, Zielscheiben seiner schweifenden, tragischen, trägen Wolllust, die ihn erlöst aus den harten Forderungen des modernen Alltags: sei rational, sei selbstgewiss, wisse, was du willst!
Das Begehren zum Verschwinden zu bringen, ist möglich mittels des übermäßigen Cannabiskonsums. Aber dieses Verschwinden stellt die einleuchtende Frage: was ist es eigentlich, was so wertvoll und unabdinglich daran sein soll, ein volles, vollumfängliches, vollausgestattetes Begehren zu haben?
Naja, um wie die anderen, normal eben zu sein, ein Normal- und Durchschnittsbürger (auch wenn man sich das ganz auch wieder nicht eingestehen darf, denn man muss ja individuell, exzeptionell sein als Moderner, sich behaupten, mit Brille auf Stupsnase, Erkennungszeichen von diesem oder jenem Signum, meine Signatur, mein Gewerk, mein Weib, mein Garten… kleinbürgerliche Dinge, an denen man sich festzuhalten versucht, während man in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit stürzt. Es wird nie eine Bedeutung haben, was dieser Ort ist, was hier geschieht… irgendwann wird wieder Krieg sein und dann ja, wird man dich fragen: bist du Kommunist, Jude oder sonstiges? Dann wird es wieder eine lebensentscheidende Bedeutung haben, zu diesem Zeitpunkt eben hier oder schon fort zu sein; bis dahin ist alles egal, wir spielen unser programmiertes, normalisiertes Leben weiter und manche beginnen sich schon nach neuen faschistischen Erhebungen zu sehnen und wünschen sich den Weltenbrand herbei, den Krieg, der alles umwälzt und unsere Seelen von innen stählt…), so sagt sich der mehrheitliche Mensch dieser Zeit des demokratisch schlechten Geschmacks.
Aber das reicht den meisten schon.
Die Beschränkung unserer Lust ist also Voraussetzung unserer Lust; um zu sein wie die anderen, dürfen wir keine Drogen konsumieren und nicht ehebrechen (oder den Schein zu wahren versuchen…), und erst diese Angleichung an die Norm ermöglicht es uns, einen positiven Bezug zu den brachliegenden Lustgütern unterhalb der Gürtellinie aufzubauen und sie produktiv in Betrieb zu nehmen.
Was waren eigentlich die Probleme des Sozialismus? Egal was sie waren, seine Vertreter wollen immer nur über Gesundheit sprechen. Der Sozialismus macht aber nicht gesund, er macht mich krank durch seine übertriebenen Erwartungen. Ich solle antreten zum FSJ, zu den Feierlichkeiten der Pioniere und so weiter, das alles geht mir viel zu weit. Andererseits gut, dass sich der Staat um die sozialen Bande kümmert.
Aber die DDR und andere sozialistische Staaten litten an Schwindsucht, sie wollten verschwinden. Und ausgerechnet die Gesundheit sollte das eine sein, was sie noch auszeichne vor den kapitalistischen Ländern. So wird das Soziale, Grundelement und Heimstätte der Revolution, in ein bedrohliches, fremdes Element verwandelt, das uns mit biologischen Viren, Infektionen und generell dem gefährlichen Austausch mit anderen droht. Hier zeigt sich, wie wenig die Sozialisten an ihre eigene Ideologie glaubten.
Was ich meine: hinter der engen Betonung des Biologisch-Medizinischen (vgl. Propaganda zu Impfkampagnen, Sport als Ideologie-Element,…) liegt nicht sehr verborgen die dunkle Ahnung, es möge der Sozialismus doch noch nicht ausreichend tiefe Wurzeln im Volksbewusstsein geschlagen haben. Daher sei es vorteilhaft, den generellen zwischenmenschlichen Kontakt zu reduzieren. Diese Überlegung dürfte eine Erklärung für die chinesische Covidstrategie und diverse biologisch-reduktionistische Ansichten der DDR-Führung und des Literaten Peter Hacks geben. Auch die Hetzjagd gegen Drogenkonsum gliedert sich hierunter ein: denn wer nicht mehr zusammen kifft, kommt bald auch gar nicht mehr zusammen, vereinzelt und verliert sich in den individuellen kleinbürgerlichen Vergnügungen. Diese Strategie ist zwar einerseits perfide, andererseits fördert sie auch etwas Entscheidendes zutage: das ambivalente Element, welches so zweideutig im Begriff des Sozialismus anklingt. Einerseits der ökonomische Sozialismus, der sich brüstet, die Produktionsgüter zu vergesellschaften. Andererseits der Begriff verstanden als eine Emporhebung des Sozialen hin zum politisch wichtigsten Element. Die Verbindung aller Menschen, ihr Zusammenhang und ihre Eingliederung in das alltägliche Netz an Beziehungen und Begegnungen, die unsere Erfahrung der Gesellschaft prägen.
Sozialistisch hieße hier, für das Geflecht einzutreten und gegen die Wichtigkeit des Individuums. Das ist mein Programm. Ich stelle in Abrede, dass ich so wichtig bin als Individuum (auch wenn ich gleichwohl eines bin) und gleichzeitig auch, dass irgendein anderes Individuum so wichtig sein könnte - wie etwa Jesus. Da bürdet man ihm zu viel auf, diesem armen Haufen an Erfahrungen und Erinnerungen, der doch immer wieder nur die Tätigkeiten, zu denen ihn seine niedere Natur, die Begierde und Reproduktion verurteilt, wieder ausführen muss.
Nur als Teil des Weltganzen, der Hegelschen Synthese, die von der Umwälzung der Geschichte jedes Mal aufs Neue vorangetrieben wird, nur so kann ich mich finden und zu dem werden, der ich spüre, dass ich bin und dass ich sein muss, um eine rechtschaffene Lust an meiner Arbeit zu finden.
Die Arbeit muss verherrlicht werden, das können wir von der DDR lernen.
Der Liberalismus stellt sogar in Abrede, es sei überhaupt eine legitime Betrachtungsweise, zu überlegen, naja, also die Vielen, die nun nie wirklich einverstanden waren mit dem Ende der DDR, denen es dann vielleicht schlechter ohne Arbeit und so…
haben die nicht auch ein Recht auf politische Vertretung, auch wenn sie sich vielleicht nicht so äußern?
Der Liberalismus sagt: ich bin doch frei und wer seine Freiheit nicht rafft, der hat nicht genug nachgedacht. Ich kann gehen, über die Grenze, in den Edeka, zum Studieren… Lalalal so bin ich froh und glücklich und wer was anderes glaubt, muss meschugge sein.
Das reale Elend wird in der geistigen Welt des Liberalismus einfach aufgehoben durch den Satz "Aber jeder hätte ja die Chance, was aus sich zu machen".
Sobald es auch nur die minimale Chance gibt, bzw. diese Chance zumindest formell jedem offensteht, sobald ist die Gerechtigkeit erreicht und Politik nur noch an den Rändern und Ecken der Gesellschaftsordnung nötig; alles ist getan und abgesichert, ich kann gehen und lieben, wen ich will und irgendwann werden grade mich alle lieben, da der Kapitalismus jedem die Chance gibt, als Börsenspekulant reich zu werden…
Soweit die Traumwelt, deren konzeptueller Grundlage die Mehrheit ausgeliefert ist und sich passiv ohne Gegenwehr in das Unvermeidliche fügt. Diese politische Auffassung hat etwa drei Viertel der Bevölkerung sediert und geistig-politisch ausgeschaltet hat.
Hacks schreibt über Drogen, als wären wir noch in der gleichen Welt wie um 1800, wo deren Konsum nichts überaus Ärgerniserregendes war, sondern als ein privater Spleen angesehen wurde, eine Marotte, ein Laster. Seitdem aber hat sich die Welt weitergedreht, Drogen wurden verboten, deren Gebrauch unter härteste Strafe gestellt und gleichzeitig durch die massenwirkende Populärkultur des Kinos zu etwas Mystischem, Orgiastischen, Edlen verklärt.
Diese Doppelzange greift uns heutige Lustindividuen des 21. Jahrhunderts also bedrohlich an. Einerseits ist Drogenkonsum gefährlich unter juristischem Gesichtspunkt, nicht nur unter biologischem. Andererseits scheint er noch eine letzte Zuflucht und Ausflucht aus dem modernen entfremdeten Alltag zu bieten. Der Akt des Konsumierens einer nach dem Betäubungsmittelgesetz verbotenen Substanz ist also gleichsam ein staatlich abgestempelter Akt der Rebellion und gar des Widerstands.
"Die Akte kriegt nen Stempel drauf" (Lied mit Richter Müller)
Diese Ausgangslage ergibt eine Melange an Verbotenem und heimlichem Schatz, den die erwiesenermaßen böse und menschenfeindliche, da kapitaltreue Regierung vor uns verheimlichen will. Somit greift man zur Haschpfeife, ohne zu wissen, warum. Man mag beiläufig sogar merken, wie einem das Rauchen schadet und immer wieder den eben noch klaren Bewusstseinszustand niederdrückt und verdunkelt, hemmt und auflöst, wo eben noch frische Luft und Licht war.
So ist also das Romantik-Thema ein epochenübergreifendes und weltumspannendes. Hacks' Buch öffnete mir erst die Augen für die verborgene romantische Tendenz in mir selbst. (Während ich dies schreibe, überkam mich ein Glücksschauder: endlich hatte ich den Gedanken gefunden, nachdem ich die letzten zwanzig Minuten, während ich schon schreibe, gesucht hatte: durch den Rauchnebel im Kopf war mir das heldenhaft kurz nach dem Inhalieren Gedachte jetzt entrauscht und unzugänglich, aber schon ist es aufgefunden. Und schon denke ich an den nächsten Joint/Haschpfeifchen, das ich rauchen möchte.)
Diese Tendenz ist also der Drang nach dem Dunklen, derjenige, welcher den Drang nach dem Hellen hemmt und abschneidet und zersetzt. Immer wieder bricht ja dann aber der negativen Tendenz zum Trotz ein heller Strahl herein, der das Gemüt auflockert wie einen weichen Kuchen das Backpulver oder der Quark.
KONSUM UND LIEBE
Der Konsum und die Liebe
Nichts definiert uns – außer dem, was wir konsumieren, und dem, was wir lieben.
Ich nehme mir vor, jeden Abend zu kiffen. Immer fühlte ich da eine gewisse Leere in mir, ein Gefühl, dass dieser Tag nicht richtig genutzt sei, wenn ich nur arbeitete oder zur Uni ging und meine alltätlichen Verrichtungen vornahm. Nein- wir sind zu mehr bestimmt, das war mir klar, zu einem Abenteuerleben in der hellen Mittagssonne, an steilen Küstenklippen klettern und um jeden Meter ringend. Das ist unser Schicksal, unsere Bedeutung.
So fabulierte ich vor mich hin, als das Semester zu Ende ging und ich wieder einmal unglücklich war über meine Studienwahl.
Das gras war mir durchaus bekannt und ich hatte lange gezögert, mich ihm zu nähern, doch letzten Sommer war der Zeitpunkt doch gekommen, wo ich mich überwand und einen Joint probierte.
Ich spürte, dass ich mich lächerlich machte, wenn ich weiter zögerte und der Angst nachgab, was passieren könnte, sollte ich mir dieses illegale Laster zu eigen machen.
Also rauchte ich bei meinem Bruder mit und empfand ein unglaubliches Gefühl der Belustigung und des Außerhalbseins, der Überschreitung meiner Willenskräfte, ich war nicht mehr in der Lage, meine Handlungen und Gefühle zu kontrollieren.
Das weckte zwar noch nicht den Drang, ständig zu rauchen und dieses Erlebnis bald zu wiederholen, aber mit zunehmender Verzweiflung über meine sinnlose Studiererei wuchs in mir die Lust, sich einfach ein Laster aus Übermut zu geben. Aus purer Verschwendungssucht, denn was anderes ist das Rauchen als Verschwendung an Lebenskraft, an Geist, an der Daseinslust?
Das gab mir ein Gefühl der tiefen Beruhigung schon vor dem Rauchen, denn nun wusste ich ja, was am Abend zu tun war, um den Tag erträglich zu machen.
So wie der müde Arbeiter am Nachmittag genau weiß, was nun allein sein Herz erfreuen kann: ein frisch gebrühter Kaffee, als cappucino, espresso oder auch Filterkaffee, ganz gleich. Ihm geht es dabei um das Symbol, er muss sich versichern, wenigstens noch einen letzten Trumpf in der Hand zu haben, wenn die Geisteskräfte nachlassen und die langwierige Bildschirmarbeit seine Nerven auszehrt.
Genauso war mir zumute, als ich lustlos die Semesterferien in Angriff nahm. Ich musste kiffen, ich brauchte etwas zu tun, um meinen rastlosen Geist ruhigzustellen, ihm dieses harte Brot zu kauen zu geben. Du sollst rauchen. Jeden Abend. Das ist dein Gebot der Lust. Alles andere als rauchen wäre Verschwendung dieses wunderbaren Konsumangebots, wozu hat Gott wohl diese zauberliche Cannabispflanze erschaffen ,wenn nicht für deinen Genuss?
(Als Prüfung?)
So hätte es immer weiter gehen können, doch etwas stellte sich meinem Genuss in den Weg. Ein schüchternes Mädchen kreuzte denselben und verdrehte mir den Kopf. Wie es sich für einen ernsthaft Verliebten gehört, dachte ich jeden Abend an sie, diese Gewohnheit ging mir noch stärker in Fleisch und Blut über als das Kiffen. Und dieses bescherte mir immer mehr Probleme wie ich merkte: die Gedanken rasten und fanden nach dem Rauchen endgültig keinen anderen Haltepunkt mehr als sie, meine geliebte Arbeitskollegin Amanda.
Ohne das Rauchen schienen sich meine Gedanken noch ausgeglichener zu bewegen und es kamen Intervalle vor, in denen ich gar nicht mehr an Amanda dachte, wenigstens ein paar Minuten, vielleicht Stunden.
Also hörte ich auf damit, vom einen Tag auf den anderen. Ich setzte einen Roman über den Konsum auf, denn er schien mir die Grundsubstanz unseres Lebens. Wenn ich kein Gras mehr konsumierte, dann konsumierte mich nun eben der Gedanke an eine Beziehung mit Amanda. Irgendeine Form des Verzehrens, Verbrennens muss es immer geben. Suche ich, davon loszukommen? Nein, nur einen Roman niederzuschreiben, der mir Ruhm bringen wird, mich also begehrenswerter für Amanda macht. Dieser Roman spielt in einer Welt, in der die Polizei streng überwacht, dass die Bürger ihre Verpflichtungen zum Genuss einhalten. Jeder darf sich sein eigenstes Konsumlaster aussuchen, doch er muss täglich und nachweisbar darin Leistung erbringen.
Letztlich spiegelt dieser Gesellschaftsentwurf die Ermüdung der kapitalistischen Gesellschaft wider. Was passiert, wenn wir zu träge werden, um noch Lust am Konsumieren zu haben, aber wir das Kaufen und Verkaufen brauchen wie die Luft zum Atmen, damit unser Wirtschaftssystem weiterläuft?
Offensichtlich hat der Staat dann die Pflicht, seine Bürger zum Konsum zu animieren und im Extremfall zu zwingen. Denn diese wollen ja auch nichts anderes, als dass ihre geregelten Leben als Arbeiter und halblebendige Regelbefolger weitergehen, ohne dass sie sich groß darum zu kümmern bräuchten. Nur der Trieb zum Konsum ist ihnen abhanden gekommen. Man ekelt sich vor dem Mitmenschen, es gilt als große Überwindungsleistung, jemanden zu lieben und als Krönung, eine Beziehung einzugehen und all jene ekelhaften Dinge am anderen wahrzunehmen, den Körpergeruch, die schlechten Manieren und Laster, die unverständlichen Meinungen und Neigungen. Nur wenige gehen noch diesen Weg und erfüllen ihre Konsumpflicht in Form der Liebe. Aus heutiger Sicht mag es merkwürdig anmuten, die Liebe auch gleich unter den Konsum einzuordnen, doch für die Menschen dieser zukünftigen Gesellschaft schien der Gedanke selbstverständlich.
Ich aber entschloss mich bewusst, den Weg der Liebe zu wählen, da mir nach der jahrelangen Fixierung auf das Kiffen kein anderes Laster mehr erträglich schien. Essen konnte ich schon lange nicht mehr genießen, seit ich entdeckt hatte, welche sinnliche Befriedigung und Berauschung der Verzicht aufs Essen brachte, die disziplinierte Verweigerung der Triebbefriedigung. Das heißt nicht, dass ich wenig aß, nur aß ich nicht aus Hunger und Lust, sondern die Lust steckte in jenen Stunden des Fastens, wenn ich spürte, wie sich die Leere breitmachte und mich ganz leicht und frei wie einen Vogel machte. Als ich meinen ersten echten Job antrat und dabei Amanda kennenlernte, war mir der Weg klar, den ich beschreiten würde. Zwar hatte ich wenig Hoffnung, sie könne meine erdichteten Gefühle für sie erwidern. Wie gesagt waren nur noch wenige hart genug, sich den Untiefen der Liebe hinzugeben. Aber mir würde schon das reine Gefühl reichen, die innerliche Anspannung und Hoffnung, das wäre mein Trieb, mein Konsumgut, das ich begierig verschlingen würde. Und genauso wie ich mir beim Kiffen schon sicher gewesen war, hiermit die Lösung in Händen zu halten, war ich es auch diesmal wieder. O du schöne Vergesslichkeit, wie erträglich machst du erst das Leben inmitten all dieser unbeugsamen Gebilde aus Willen, Zwecken, Verantwortlichkeiten.
Ups, nun ist mir die Realität mit meinem Roman verschwommen, Verzeihung. Amanda existiert in der Realität, das harte Regime der Genusspflicht natürlich nur im Roman. Die Geschichte, die ich erzählen möchte, handelt auch von der Realität, von meiner geteilten Realität mit Amanda
Gerade als Stoner fühle ich, wie man sich manchmal zu sehr der Reflexion hingibt, man raucht und dann geht die Gedankenmaschine los. Dabei wär ich doch so gerne frei in meinem Tun. Aber das geht nicht, wenn immer gleich schon die Folgen abgeschätzt und die Bedeutungen reflektiert werden.
So sitze ich beim Friseur, und dieses Wahnsinnsmädchen wäscht und trocknet meine Haare. Sie tastet sich langsam vor, ihr scheint zu gefallen, was sie findet und sie packt härter zu.
Wie gern würde ich ihr sagen, oh das machst du aber gut. Bist du in der Ausbildung?
Und das könnte ich auch, ich hätte noch die Kraft dazu bis zu dem Moment, wo das Rattern im Kopf losgeht. Was wenn wir zusammenkommen? Was wenn ich feststelle, dass ich mich verguckt habe und sie in Wirklichkeit ganz schön zickig ist? Ihr wilder Blick stachelt mich jetzt an, aber was wird später sein, wird diese Leidenschaft in einen explosiven Streit münden?
Aber egal, ich weiß, dass dies eine perfekte Chance ist, meine Pflicht zum Konsum zu erfüllen. Denn immer nur an meine Kollegin zu denken wird langsam zur Last. Also verfasse ich heute ein Gedicht über die schöne Lisbeth, die bei der Friseurin, die ich neu an meinem Arbeitsort entdeckt habe, in die Lehre geht. Ich bin erfüllt, die schwere Augustluft ist schwanger von dem jugendlichen Übermut, der von Lisbeth ausgeht. Entgegen meiner Gewohnheit haue ich mir doch wieder einen Joint an. Was das zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Aber nach der Hälfte vergeht mir die Lust und ich lege ihn beiseite. Ich sinniere in der lauen Abendluft und es kommt mir vor, als genösse ich tatsächlich, einfach hier zu sitzen und an meine Gehemmtheit gegenüber Frauen zu denken. Was hält sie von mir fern, ist es mein durchdringender Blick, mein zerrüttetes Gesicht?
Aber diese Art von unschuldigem Genießen ist uns heute nicht mehr so einfach möglich. Bald darauf kommt eine Polizistin des Wegs und hält direkt vor mir an. „Hallo.“ sage ich. Und plötzlich bin ich meiner Schüchternheit überdrüssig. „Setzen Sie sich doch. Der Abend ist so wunderschön, da wäre es doch passend, ihn gemeinsam mit einer so schönen Frau zu genießen“. Sie lächelt, das scheint ihr zu gefallen. „Oh, vielen Dank für das Kompliment. Aber ich bin dienstlich hier. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wie ich sehe, haben Sie ihren Joint nicht aufgeraucht. Darf ich fragen, warum?“ „Nun, ich fühle mich nicht mehr verpflichtet dazu, seit ich mein Laster offiziell zur Liebessucht geändert habe.“ „Liebessucht, soso, so einer sind Sie.“ „Wir können uns ruhig auch duzen.“ „Gern“ „Nun, wenn du bei mir bleibst und dich hierher an meine Seite setzt, dann kann ich meine Liebespflicht sicher noch besser erfüllen. Du regst mich an, da fallen mir gleich mehrere Gedichte ein. Meine Knie werden schon ein bisschen weich…“
Die Ballettschuhe Es war einmal ein Roman, der war darauf angewiesen, dass etwas passierte, eine nachzuverfolgende Handlung sich vollzog. Also wurde die unerfüllte Liebe der schüchternen Kollegen in eine reale Liebesgeschichte transformiert. Der Dreh- und Angelpunkt unserer Geschichte ist die Heirat, der Moment, in dem er sie oder sie ihn kriegte. Die Heirat wird symbolisiert durch ein Mühlrad, da dieses sich immerfort dreht und durch den angetriebenen Mahlprozess der Übergang von der Phase der Produktion der Liebe in die Phase des Konsums der Liebe versinnbildlicht.
Lassen wir das, wir sollten nicht so sehr in trüben Gewässern fischen, die wir nicht kennen. Ich erkläre feierlich, dass ich mit 25 Jahren noch keine Liebesbeziehung innehatte und somit nicht über deren Vollzug oder den markanten Moment der gegenseitigen Bejahung sprechen kann. Allerdings kann ich auch nicht schweigen, da dies Schande bedeuten würde, mich nicht gewagt zu haben, den Fuß in dies kalte Gewässer zu tauchen, jetzt wo ich verliebt bin und etwas zu wagen habe--
Der Fuß, er ist mir überhaupt sehr wichtig. Denn er ist mein Tor zur Welt des Unbedenklichen, der samtigen Sicherheit, die das Hineinschlüpfen in meine schönen weißen Ballettschuhe vermittelte.
Das Rauchen von Gras ist eine fürchterliche Sache, sicherlich. Gerötet ziehen sich die Augen zurück ins Körperinnere. Wer uns aus ihnen anschaut, ist schwer zu vollziehen. Zu vollziehen? Ich fürchte, der Graskonsum ruft schon in mir gewisse Hemmungen, korrekt zu schreiben, hervor. Aber naja. Haben wir nicht alle unsere Problemchen, Süchtchen und netten Dingelein, von denen wir nicht lassen wollen, obschon wir doch aus heiterem Himmel die Epiphanie erfuhren, dass es von nun an RICHTIG sei, dies zu unterlassen – haargenau dies, was uns bis hierher so viel Lust verschafft hatte.
Da sind wir wieder, beim Konsum. Das Diktum von Peter Hacks, der Vorwurf der Konsumgesellschaft gehe fehl in Bezug auf den Westen, denn er verfehle das Wesentliche, dass nämlich Konsum etwas Wunderbares ist, wie uns eigentlich allen aus der Erfahrung geläufig ist, und somit der Tatbestand der „Konsumgesellschaft“ – die Ausdehnung der Luxusgüter auf breitere Volksschichten, die Demokratisierung der materiellen Reichtümer – das mithin einzig Lobenswerte an der gegenwärtigen Verfasstheit unserer korrupten und bis zum Fassboden verschimmelten westlichen pluralistischen (nichts für wahr haltenden) Gesellschaften darstellt. Letztlich ist diese Feststellung aber hilflos gegen die anbrandenden Wellen der feurigen jungen Klimaaktivisten, denen ich hier auch höchsten Respekt zolle. Ihren Mut und ihre kühne Verachtung der gesellschaftlichen Standards, welche ihnen erlaubt, ihren Eltern ins Gesicht zu blicken und vollständiges klimapolitisches Versagen zu attestieren, ist sehr bewundernswert und sollte unsere Nachahmung finden. Allerdings ist das zarte Mitfühlen mit Mutter Erde nicht gerade ein politischer Gedanke, nicht gerade maßgeschneidert für den Menschen als geschichtlich-politisches Wesen.
Weniger Konsumieren, um weniger Müll zu hinterlassen, weniger verdrecken, die Luft nicht weiter aufheizen, die Sonne wieder natürlich strahlen lassen, den Rauch der Industrieschlote nicht zu ungehemmt entströmen lassen.
Genug, man konsumiert, um zu leben. So auch das Gras. Das sollten die Aktivisten einsehen. Doch weil sie das nicht taten, landeten wir in der Klimadiktatur. Von dort gings in die Konsumdiktatur. Und hier sind wir jetzt, beim Übergang hin zur Liebesdiktatur. Unsere Philosophen fanden heraus, der Reihe nach: Klimagase sind schädlich, gefährden unsere Zukunft. Als niemand mehr die bösen Produkte, die mittels Öl-, Kohle- und Gaseinsatz hergestellt wurden, konsumieren wollte, schlug die Regierungsform um in eine „Konsumdiktatur“, welche ich oben beschrieb. Ihr Grundprinzip war die Verpflichtung zum Konsum. Das funktionierte, eine zeitlang. Dann jedoch war jeder nur noch so darauf beschränkt, zu konsumieren und sich schöne kleine Dinge zu leisten, neue Uhren, die Pulsschlag und Bauchfett maßen und protokollierten; Ferngläser, mit denen sich auf gekrümmter Bahn bis hinter die umliegenden Berge und in die dahinterliegenden Täler sehen ließ… doch so fühlte sich niemand mehr sicher beim Liebesspiel, jederzeit könnte man beobachtet werden.
Niemand war mehr bereit, Kinder zu zeugen. So entstand die Liebesdiktatur, die basierte auf der Pflicht, wenigstens einmal für kurze Zeit zu lieben. Unter hohen Pinien an den weißen Stränden Italiens erfüllte ich in einem turbulenten Jahr diese Pflicht. Ich war hergereist, um meinen Sommerurlaub zu verbringen. An Liebesabenteuer dachte ich nicht, auch wenn ich wusste, dass es Zeit war, meinen Soll zu erfüllen, sonst würde das Liebesamt mich bald ermahnen und mir sogar Zusatz-Zärtlichkeiten und romantische Briefe und Tete-a-Tetes aufbrummen. Das würde ich vermeiden, schwor ich mir. Also sah ich mich um. Aber statt Frauen konnte ich nur die Bäume bewundern, die sich im leichten Seewind bogen und mit den Zweigen wedelten. Eine maritime Brise ist etwas Herrliches. Ganz leicht wurde mein Herz und schien bereit, aufzufliegen und sich übers Meer in die Luft zu begeben, um von oben herunter zu schauen auf die Menschen und ihre Probleme, ihre vergeblichen Versuche, anzubandeln und für eine gewisse Zeit mit der Person ihrer Wahl zurecht zu kommen, lange genug, um Kinder zu machen und sie aufzuziehen.
-theorie: Ästhetik der Konsumption. Alles lastet schwer auf einem, wenn man einmal anfängt, darüber nachzudenken, zu konsumieren. Dieses ganze Werk hier lastet schwer wie ein drückender Joint, der einem nach und nach in alle Glieder fährt und lähmt und ein langsam sich ausbreitendes Bewusstsein begründet, dass man ohne Rausch doch besser dran wäre, dass man klarer sähe, dächte, wahrnähme, dass man mehr bei sich selbst und wagemutiger, unternehmungsfreudiger und anpackender wäre. Und doch ist es das einzige Thema, das in diesen Zeiten lohnt, angepackt zu werden. All meine theoretischen Versuche konvergieren in dieselbe Richtung. Die Gesundheit, das Maßhalten und Verausgaben, der frühe Tod, die Sparsamkeit beim Umgang mit dem Leben, die in Geiz umschlägt. Die Religion des langen Lebens (Pandemie nur Symptom, Klima schon eher Fanal und geschichtlicher Wendepunkt der kulturellen Beleuchtung in den Post-Spaßgesellschaften). Gesundheit, Sex und Liebe sind meine Themen. Immer wieder kehre ich zurück. Mal verfange ich mich in der Idee, über Drogen und Negativität zu schreiben und erlauchte Betrachtungen zu verfassen. Mal kommt es mir wie eine Epiphanie, eine unverhoffte Eingebung, dass man einfach nur Nein sagen will, sich aus der Gesellscahft ausklinken, indem man das konsumiert, was sie für schändlich, unheilig erklärt. Sich damit zum Götzendiener und Sündenbock einer scheiternden Gesellschaftsideologie macht, denn niemand glaubt mehr so recht an die Sitte und Ordnung heutzutage. Alle spielen mit auf ihrem Posten in der Lohnarbeit, weil sie glauben, es sei wohl anders noch schlimmer zu erwarten und Aufbegehren sei nur etwas für die anderen, die Klassenkameraden, die schon immer so aufmüpfig waren, während man selbst doch einfach nur Englischvokabeln studierte und hoffte, dass einen die Lehrerin bei der Abfrage in Ruhe ließe.
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