Tischlein, deck dich!

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#108 Eros

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108 Eros

Was ist der Eros, der Liebesgott oder Liebestrieb?

Ist es nur das Verlangen, eine bestimmte Person zu lieben und mit ihr gesellschaftlich approbierte Zuneigungsrituale zu vollziehen? Oder liebt nicht viel mehr auch der Künstler, der Handwerker oder Lastwagenfahrer, der um seiner Geliebten willen arbeitet und ihr ein zufriedenstellendes Abendessen auf den Tisch bringen möchte?

Ja, um es ganz ehrlich zu sagen, das sind schwierige Gefilde. Eine Grenze muss markiert werden zwischen der erotischen Liebe und der sonstigen des Bibliomanen zu seinen Büchern, des Philosophen zu seinen Ideen usw. Nur insofern der Philosoph die Idee unter dem Einfluss des Liebespfeils gebärt, wie dies Platon eigener Überzeugung nach tat, lässt sich von Liebe nicht nur zur Weisheit, was der griechische Begriff für Philosophie bedeutet, sondern von Liebe im Allgemeinen reden. Platon meinte, dass erst die Jünglinge von Athen, die so exaltiert und einzigartig schön seien, er zu seinen philosophischen Gedankenspielen angeregt wurde, und nach dem Anblick der schönen Athener auf dem Marktplatz keine Ruhe mehr finden konnte, bis er den Samen der Schönheit in das wunderbare Erdreich des Denkens versenkt hatte, so in etwa beschreibt Nietzsche Platons eigene Überlieferungen.

Und genau so fühle ich mich beim Philosophieren, Theoretisieren oder Podcasten. Ich muss den Stachel der Erkenntnis in das Erdreich der profanen Mitwelt senken und ihr meine Ergebnisse vermittelbar machen. Eros geht hervor aus dem Wettstreit zwischen verschiedenen Positionen oder Eigenschaften, er pendelt hin und her zwischen Alter und Jugend, Weisheit und Torheit. So fühle ich oft einen Stoß in der Magengrube, wenn geliebte Menschen einer falschen Theorie anhängen und muss sie daher korrigieren.
Die theoretische Maxime Platons, wer das Schöne in einer anderen Person erkenne, dürfe sich auch den vielen anderen schönen Körpern und Seelen nicht verschließen, genießt für mich den erhabensten Rang. Wohin uns Platon von dieser Höhe aus weiter entführt, wird nicht so recht deutlich, es soll aufs Höchste Gut, den Berg des abstrakten, nackten, unbenennbaren Schönen gehen, was eher nach einer idealistischen Spinnerei klingt nach der zuvor beschriebenen materialistischen Profanität der Liebe zu jedem beliebigen Menschen.
Hier ergreife ich ganz klar Partei für das Profane und Vulgäre, wohingegen das edel Daherkommende uns nur die Sinne vernebelt und betäubt mit allerlei jenseitigen Versprechungen. Diesen Punkt werden wir in der folgenden Dekade mit Marx erötern: wer ist der wahre Mensch, der Bourgeois, der emsig nach seinen Geschäften schaut und einfach ein Wesen aus Fleisch und Blut ist, das täglich seine neu aufkommenden Bedürfnisse und Notdurften verrichten will, oder der citoyen, der in den Himmel gehobene abstrakte Staatsbürger, dem seine bürgerlichen Freiheitsrechte auf ein faires Verfahren usw., „Menschenrechte“ zustehen? Ganz klar ersterer, wer an letztere hohle Versprechen des Liberalismus ernsthaft glaubt wie die beiden spinnerten Produzenten des „Neue Zwanziger Podcasts“ (der sehr schön Aufschluss gibt über die Frage, wie die alten Zwanziger passieren konnten, weil nämlich die meisten Menschen damals wie heute ein ebenso knechtisches Mindset hatten und jede Lüge der Mächtigen schluckten wie heute Stefan und Wolfgang), dem ist auch nicht mehr zu helfen und ihm sollte auch nicht geholfen werden, denn diese Art Menschenrechte sind ein neokoloniales weißes Herrschaftsinstrument, das die Untertanen in den jetzt „nur“ noch ökonomisch, nicht mehr militärisch unterworfenen Gebieten einschüchtern soll.

Wir alle leben so dahin, bis wir tot umfallen. Das Recht auf Leben ist das elementare, das von den scheinbar rechtschaffenen Natostaaten ein ums andere Mal verweigert wird. Dieser Mensch ist also der vulgäre Bourgeoismensch, der einfach nach sich und seinem Haus, seiner Familie schaut. Er ist kein irreales Phantasma und Selbstbetrug wie der „citoyen“, der innerhalb der bürgerlichen Ordnung immer nur wohlfeile Vorstellung im „blauen Himmel“ (Marx) bleiben wird, da die elementare Erkenntnis der sozialen Verbandelung von uns allen, der Verschwisterung zwischen den Seelen und Arbeitskräften, in diesem bürgerlichen Staat nicht realisiert werden kann. Denn hier sind wir liberal, schauen nach unserer Freiheit, die wir gegen die der anderen ausspielen. Jeder gegen jeden, aber die Richter sollen aufpassen und übermäßig vulgäre (physische, nicht-ökonomische) Gewalt ahnden, damit keine Anarchie ausbricht. Dieses beklemmend fantasielose, von erschütternder Empathielosigkeit zeugende Gesellschaftsbild ist also das, was die westlichen Staaten Tag für Tag leben und ihren Bürgern aufbürdern, die in der Mehrzahl ja auch darunter leiden, wenn auch nicht so frappierend wie etwa Afghanen und Iraker, die von systemimmanenten Kriegen des Imperiums wahllos niedergemetzelt werden. Warum der Rest der Welt davon nicht so begeistert ist, wundert man sich nun im Westen. Die Konfusion ist einfach zu erklären.

Tatsächlich kommen ja viele Migranten hierher und wir bleiben Sehnsuchtsland, im Gegensatz zu Russland oder Venezuela. Aber die politischen Führer der unterjochten Staaten sehen, dass zwischen Politik und Biografie ein himmelweiter Unterschied ist. Der einzelne Migrant tut nichts Falsches, indem er sich dem Westen zuwendet, der Staatschef, der dies nach den offen vor uns liegenden historischen Erfahrungen der letzten 80 Jahre tut, begeht ein immenses Verbrechen gegen die Interessen seines Volkes, da er wissen sollte, dass der Westen es ausbluten, ausbeuten oder abschlachten möchte, wie er das immer wieder tut. Daher wenden sich die politischen Akteure des Globalen Südens und Ostens vom Westen ab.

Ein richtiges Zusammenleben, den menschlichen Bedürfnissen entsprechend, die gegen die dumpfen liberalen Parolen der persönlichen Wahlfreiheit erst freizulegen und zu emanzipieren sind, kann nur in einem sozialistischen Staat organisiert werden, der die Grundidee der Brüderlichkeit anerkennt und ein großes Konstrukt darstellt, an dem sich der kleine Mensch selbst bilden und erkennen kann. Da steht er dann, nackt und ohne Mystifikationen, alles wurde uns von der Moderne vom Leib gerissen, wie Marx schreibt, aber dieser Prozess ist doch etwas wunderschönes, wenn man sich nur traut, ihn zu Ende zu gehen und nicht aus purer Einfallslosigkeit stur konservativ an liberalen Paradigmen festhält.

Ja, auch ich bin ja nichts weiter als ein kleiner Arbeiter. Freilich, als Künstler bin ich doch noch mal besonders und habe auch Anspruch auf höhere Bezahlung meiner Werke (Hacks Ausführungen in "Schöne Wirtschaft" folgend). Aber letztlich bin auch ich nur, was ich produzieren kann. Doch zu viele Menschen werden heute außen vorgelassen von der Produktionswelt, zu viele Talente und wertvolle Eigenschaften verkümmern, weil sich kein sozialistisches Gefüge ihrer Heranreifung und Eingliederung ins Gesellschaftsganze annimmt.

Letztlich liefert uns Marx’ Lehre genau den Schlüssel, die Aporien des elenden Liberalismus zu überwinden. Denn entgegen der Vorstellung von persönlicher Einzigartigkeit, Liebenswürdigkeit und Subjektivität betont er die materielle Grundlage des Lebens und tritt für die Gleichbehandlung der Individuen ein, abzüglich gewisser klassenkämpferischer Ungleichbehandlung der vormaligen Unterdrücker und der in der Frühphase des Sozialismus nötigen leistungsbasierten Bezahlung der Arbeiter, die aber trotzdem etwas ganz anderes ist als die heutige marktwirtschaftliche Entlohnung.

Viel mehr kann ich auch nicht sagen, da es wichtigere Themen gibt, denen ich mich jetzt zuwenden muss. Ein Mensch kann nicht ewig schreiben, er muss auch wieder schlafen, lieben oder erneut podcasten. Somit entlasse ich euch für heute, gemahne aber an die Erkenntnis aus #105, dass Liebe und Hass Hand in Hand gehen und sich gegenseitig aufschaukeln können. So müssen wir auch diese grundsätzlich hassenswerte kapitalistische Gesellschaft angehen, der wir ja durch unsere Änderungsabsicht doch ein liebevolles Geschenk zukommen lassen.


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Über diesen Podcast

Liebe Hörer*innen,
warum braucht es noch einen Podcast?
Vor allem wollte ich dem ersten Artikel der amerikanischen Verfassung gerecht werden, wie er von Adam Curry formuliert wurde: You shall not make bad TV.
Es sollte unser erster Anspruch sein, mal ein besseres, unterhaltsameres Medienangebot bereitzustellen, denn was sonst so in den Massenmedien stattfindet, ist für mich nicht akzeptabel und schädigt mich immer weiter, indem es meine innere revolutionäre Kraft hemmt und uns einhämmern will, es gäbe keine Alternative zum Gegebenen, Revolution sei verboten…

Friedrich Nietzsche brachte wohl das zwiespältige Gefühl, meine Gedanken mit mehr Menschen teilen zu wollen, im Nachtlied des Zarathustra am besten auf den Punkt: 
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das laut werden will. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: Ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. 
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
Wer immer austeilt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Viel Sonnen kreisen im öden Raum: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — so wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen in ihren Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkst euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Nacht ist es: ach, dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nachtigern! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen — nach Rede verlangt mich.“

Ja mein Podcast ist eine Quelle der Lebenskraft für mich selbst und vielleicht jetzt auch für euch. Aber ich möchte betonen, dass es selbstverständlich sein sollte, was ich mache und mein Trieb zum Podcasten speist sich einfach aus dem Drang, nicht der Herde zu folgen, eigene Wege zu gehen durchs eisige Gebirge des Denkens.
Das ist meine Kälte, dass die anderen Sonnen in der Medienlandschaft für mich nicht leuchten und nur schales, langweiliges Flackern von ihnen ausgeht, sodass ich selbst produktiv werden musste, allein schon um selbst auch wieder bessere Podcasts genießen zu können als das was die Podcastlandschaft sonst so bietet.

Erwartet bitte keine Wunder von meinem Podcastwerk, es ist eben keine Milch, kein Labsal, sondern wird es erst wenn ihr es in euren Ohren dazu macht. Das heißt, wenn ihr meine Podcasts zu sehr vergöttlicht, dann tut ihr ihnen unrecht und überseht meine eigentliche Botschaft, dass nämlich gerade die Dunkelheit und das Unklare erforscht werden sollten und immer wieder unsere Neugier anstacheln, nicht das bekannte, wohlige Glück.
Der gesunde Menschenverstand ist eine Geisteskrankheit; ich widme mich lieber meinen eigenen, esoterischen Verrücktheiten, als in die Jauchegrube Twitter hinabzusteigen und dort bei den "Vernünftigen" mit zu diskutieren. Dasselbe erwarte ich von euch.

Um nicht wie Nietzsche zu enden, ist es jetzt wirklich höchste Zeit, meine Mitwelt in meine Gedankenausflüge einzubeziehen, der Mensch als soziales Tier braucht immer die Bestätigung und Anerkennung von anderen. Kommentiert gern auf der Podigeeseite und seid nicht zu zimperlich bei eurer Kritik.

von und mit Simon

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