#123 Produktivkräfte
123 Wir formen unsere Opfer nach unserem imaginären Abbild von ihnen. Afg Irak waren mal viel moderner, mussten sich wieder dem Bild des Stammesfürsten und »Kameltreibers« angleichen.
Langsamer denken, nach 2. WK Produktivkräfte
Die wilden Ströme Pakistans Die lieblichen Ströme Pakistans
Produktivkräfte
Sn 124
Was mir heute besonders hängen blieb, sind die Produktivkräfte. Wir im Westen sind stark, denn bei uns sind die Produktivkräfte am weitesten entwickelt. Aber selbst in Schwellen- und Entwicklungsländern heutzutage sind sie ja schon weiter entwickelt als etwa im zaristischen Russland um 1917. Trotz der misslichen, geradewegs aussichtslosen Lage schafften es die Bolschewiki, durch komplizierte Kleinarbeit und unbändiges Vertrauen in die eigenen marxistischen Prinzipien einen neuen Vielvölkerstaat zu gründen und in ihm die Produktivkräfte auf ein erstaunliches Niveau zu hieven, mittels unsagbarer Anstrengungen und Qualen der arbeitenden und lernenden Bevölkerung, sodass selbst das hochentwickelte Deutschland, das seit Jahrhunderten gefürchtet war, besiegt werden konnte und die UdSSR zur Mitte des Jahrhunderts zu einer der zwei Weltmächte aufstieg.
An was es den unterjochten Ländern und Gebieten also vor allem mangelt heutzutage, ist Selbstbewusstsein und Überzeugungskraft. In unerbittlicher Feindschaft zum »Westen« und mittels harter Arbeit und Nutzung der eigenen Ressourcen, optimalerweise durch gegenseitige Unterstützung mit anderen antiimperialistischen Kräften, ließe sich gewiss ebenso wie damals in der Sowjetunion ein bescheidenes, doch beachtliches und autarkes Niveau an Wohlstand und produktiver Entwicklung der einzelnen Biografien der Einwohner erreichen.
Die eigentliche Produktivkraft, die hemmungslos, gnadenlos, skrupellos ausgewrungenen und kleingehaltenen Ländern wie Tadschikistan oder Argentinien fehlt, ist die Theoriekraft. Nur die Erarbeitung einer stabilen, auf die zeitgeschichtlichen Gegebenheiten angepassten revolutionären Theorie kann die Basis liefern für das später zielgerichtete Agieren in, nach und vor der Revolution.
Was einen dazu motivieren kann, den Bleistift aufzunehmen und etwa ein politisches Programm oder auch nur einen Gedanken niederzuschreiben, ist der Anblick eines verehrtn, begehrten, geliebten Mitgeschöpfs. Dieses in den sozialistischen Uniformen, in Röcken, Hosen und Hemden und Verbundsanzügen zu sehen würde den größten Elan und Eifer bei den Mitgliedern einer revolutionären Partei erwecken. So müssen wir in diesem Bereich Wert auf die Form legen und das schöne, elegante Aussehen befördern. Hier trifft das citoyen-Ideal also voll ins Schwarze, allerdings müssen wir es auf inhaltlicher Ebene zurückweisen und uns zum vulgären Burgeois bekennen, wir alle sind schmutzig, pervertiert und süchtig. Wir müssen uns der materiellen Kommunikation öffnen, die im radikalsten Sinne nach Georges Bataille der Sex ist. Um den Weg dorthin zu finden, braucht es die sozialistische Anleitung und Handreichung. Das ist genau mein eigentliches Thema des »Liebeskommunismus«, um das herum ich mich winde und schlängele, aus Verlegenheit. Ich analysiere stattdessen umfänglich den zeitgenössischen »Liebesimperialismus« und mache Einfallstore für die künftige bessere Gestaltung des Liebesregimes ausfindig. Leider bleibt die Platonlektüre eine Ausnahme für die nächsten Folgen. Sein »Gastmahl« liefert uns Anknüpfungspunkte und Hoffnung in einer chaotischen Zeit.
Penis anderen wehtun
Ich hätte ja nichts zu befürchten
Mir wird Merkel ja nichts tun. Daher bleibt »man« gefügig. Lenin richtet sich auf die ganz unten, das Industrie oder Lumpenproletariat. Merkel richtet sich auf die in der Mitte, die aspirieren, aufzusteigen. Dann ist aber mein Wohlergehen, meine Ernährung an das gekoppelt, was die andere Klasse, der "ganz unteren" weiter niederdrückt und demütigt. Ich, sofern ich Marxist bin, weiß ja eigentlich, dass damit sein Körper in ungehörige Geiselhaft genommen wird und das Genießen erschwert wird. Wie soll ich mich da noch des Lebens und meiner Fähigkeiten erfreuen, wenn ich das zwar zivilrechtlich einigermaßen sicher und in ök prosperierender Umgebung tun kann… aber andererseits in Mali oder Kolumbien ein Menschenleben weniger wert ist.
Vulgärmarxismus. So anfangen. Was ist denn vom pöbelhaften Volksbewusstsein an marxistischen Dogmen als wahr eingestanden? Ganz schön viel?
Essay Bloodlines: die Männer können nur mit Gewalt ihre Liebe zeigen? Vater prügelt Danny aus Schmerz über Verlust seiner Tochter.
Verallgemeinern: Kapitalismus… Schuldgefühle, Retrospektiven bei Megan und ihrem Bruder, der kokst. Erinnerung, wie Auto quietschend in Hof einbiegt, Tür zuschlägt, Danny wegrennt. Jedem haben sich historische Erkenntnisse über Kolonialismus usw eingebrannt. Aber man denkt: es ist das Familienerbe, das Narrativ, das wir hier zusammenhalten. Die Blutlinie bezeichnet den kapitalistischen Akkumulationseifer, der in nicht so fernen Epochen noch die Niedermetzelung und direkte Besatzung afrikanischer, südamerikanischer, asiatischer Länder bedeutete. Heute hingegen noch brutalisiert und sublimiert wurde im finanziellen Herrschaftssystem.
Köbele Referat https://dkp.de/wp-content/uploads/download/PV-Referate_fin_Druck.pdf
Marx zum Verhältnis Ökonomie/Politik:
„Sind im Laufe der Entwicklung die Klassenunterschiede verschwunden und ist alle Produktion in den Händen der assoziierten Individuen konzentriert, so verliert die öffentliche Gewalt den politischen Charakter. Die politische Gewalt im eigentlichen Sinne ist die organisierte Gewalt einer Klasse zur Unterdrückung einer andern. Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, die Klassen überhaupt, und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf. An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“
Lenin zur Weiterentwicklung der proletarischen Herrschaft hin zur Demokratie/Kommunismus:
„Erst in der kommunistischen Gesellschaft, wenn der Widerstand der Kapitalisten schon endgültig gebrochen ist, wenn die Kapitalisten verschwunden sind, wenn es keine Klassen (d.h. keinen Unterschied zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft in ihrem Verhältnis zu den gesellschaftlichen Produktionsmitteln) mehr gibt - erst dann "hört der Staat auf zu bestehen, und ES KANN VON FREIHEIT DIE REDE SEIN". Erst dann ist eine tatsächlich vollkommene Demokratie, tatsächlich ohne jede Ausnahme, möglich und wird verwirklicht werden. Und erst dann beginnt die Demokratie ABZUSTERBEN, infolge des einfachen Umstands, daß die von der kapitalistischen Sklaverei, von den ungezählten Greueln, Brutalitäten, Widersinnigkeiten und Gemeinheiten der kapitalistischen Ausbeutung befreiten Menschen sich nach und nach GEWÖHNEN WERDEN, die elementaren, von alters her bekannten und seit Jahrtausenden in allen Vorschriften gepredigten Regeln des gesellschaftlichen Zusammenlebens einzuhalten, sie ohne Gewalt, ohne Zwang, ohne Unterordnung, OHNE DEN BESONDEREN ZwangsAPPARAT, der sich Staat nennt, einzuhalten.“ „Gerechtigkeit und Gleichheit kann also die erste Phase des Kommunismus noch nicht bringen: Unterschiede im Reichtum, und zwar ungerechte Unterschiede bleiben bestehen, unmöglich aber wird die AUSBEUTUNG des Menschen durch den Menschen sein, denn es wird nicht mehr möglich sein, die PRODUKTIONSMITTEL, die Fabriken, Maschinen, den Grund und Boden usw., als Privateigentum an sich zu reißen. Marx zerschlägt die kleinbürgerliche, unklare Phrase Lassalles von "Gleichheit" und "Gerechtigkeit" SCHLECHTHIN und zeigt dabei den ENTWICKLUNGSGANG der kommunistischen Gesellschaft, die GEZWUNGEN ist, zunächst NUR die "Ungerechtigkeit" zu beseitigen, daß die Produktionsmittel von einzelnen Personen angeeignet sind, und vorerst NICHT IMSTANDE ist, mit einem Schlag auch die weitere Ungerechtigkeit zu beseitigen, die in der Verteilung der Konsumtionsmittel "nach der Arbeitsleistung" (und nicht nach den Bedürfnissen) besteht.
Somit wird in der ersten Phase der kommunistischen Gesellschaft (die gewöhnlich Sozialismus genannt wird) das "bürgerliche Recht" NICHT vollständig abgeschafft, sondern nur zum Teil, nur entsprechend der bereits erreichten ökonomischen Umwälzung, d.h. lediglich in bezug auf die Produktionsmittel. Das "bürgerliche Recht" sieht in ihnen das Privateigentum einzelner Individuen. Der Sozialismus macht sie zum GEMEINeigentum. INSOFERN - und nur insofern - fällt das "bürgerliche Recht" fort. (…) Die ökonomische Grundlage für das vollständige Absterben des Staates ist eine so hohe Entwicklung des Kommunismus, daß der Gegensatz von geistiger und körperlicher Arbeit verschwindet, folglich eine der wichtigsten Quellen der heutigen GESELLSCHAFTLICHEN Ungleichheit beseitigt wird, und zwar eine Quelle, die durch den bloßen Übergang der Produktionsmittel in Gemeineigentum, durch die bloße Expropriation der Kapitalisten keinesfalls mit einem Schlag aus der Welt geschafft werden kann. Diese Expropriation wird eine enorme Entwicklung der Produktivkräfte ERMÖGLICHEN. Und wenn wir sehen, wie schon jetzt der Kapitalismus in unglaublicher Weise diese Entwicklung AUFHÄLT, wie vieles auf Grund der heutigen, bereits erreichten Technik vorwärtsgebracht werden könnte, so sind wir berechtigt, mit voller Überzeugung zu sagen, daß die Expropriation der Kapitalisten unausbleiblich eine gewaltige Entwicklung der Produktivkräfte der menschlichen Gesellschaft zur Folge haben wird. Wie rasch aber diese Entwicklung weitergehen wird, wie schnell sie zur Aufhebung der Arbeitsteilung, zur Beseitigung des Gegensatzes von geistiger und körperlicher Arbeit, zur Verwandlung der Arbeit in "das erste Lebensbedürfnis" führen wird, das wissen wir nicht und KÖNNEN WIR NICHT wissen. Wir sind daher auch nur berechtigt, von dem unvermeidlichen Absterben des Staates zu sprechen. Dabei betonen wir, daß dieser Prozeß von langer Dauer ist und vom Entwicklungstempo der HÖHEREN PHASE des Kommunismus abhängt, wobei wir die Frage der Fristen oder der konkreten Formen des Absterbens vollkommen offenlassen, denn Unterlagen zur Entscheidung dieser Fragen GIBT ES NICHT“
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Die Pakistanerinnen sind sicherlich schön und begehrenswert in der Blüte ihrer Jugend. Ach was: du, anonyme Pakistanerin, zu dir spreche ich, du bist mein blühender Rosenstrauch, dessen Duft oder Wohlgebildetheit ich einatmen möchte. Schüchterne Vornehmheit spricht aus den feingliedrigen Gesichtszügen der Pakistanis. Die Frauen tragen Wasser auf einem Krug und zeigen ein Bild der harmonischen Balance, indem sie dieses Gewicht auf ihren Schultern halten.
Oh du, holde Paki-Frau. Was hast du von mir zu erwarten, was ich von dir? Bin ich dein, bist du mein… Verheiratet oder nicht, der Ruf der Fremde erschallt und macht auf das neugierig, was fremd und unerkannt ist. Und so erkannte ich, in einer wolkenverhangenen Nacht, die Pakifrau. Allah schaute nicht zu, denn seine Augen glänzen durch den Mond auf uns herab, der sich aber hinter der Wolkendecke versteckte, so wie ich mich und mein Sein, meine Organe, auch und vor allem meine Geschlechtsorgane, zusammen mit ihr, der Pakifrau, unter der Bettdecke zusammenführte.
Diese Kommunion erfasste mich wie eine Welle, ein Tsunami. Sie drehte mein Bild der Welt und der Fragen der Philosophie um 180 Grad. Was ist zu tun?, so hatte ich mich vor der einschneidenden Begegnung gefragt. Was ist nicht zu tun? Was sind die Formen des Lebens, wann ist das Leben zu Ende, an welcher Kante endet es? Wo ist meine Herrin und Gebieterin, die Meisterin meines Leibes und meiner Seele? So fragte ich nun, erfasst vom süßlichen Strome Pakistans.
Wie bedröhnt lag ich da, als die Morgensonne aufstieg. Sollte ich mich nun der Bettnachbarin zuwenden, mein Leben mit ihr verschmelzen und den Sinn meines Daseins in ihr finden? Oder weiterziehen, das Land weiter durchpflügen auf der Suche nach der nächsten heißen, lavaartigen Gesteinsformation, die mich auf Schritt und Tritt erbeben ließe… wobei das Gestein eine Metapher des lieblichen Wesens ist; aber was ist ein Mensch, wo fängt er an, wo hört er auf; wo das Individuum, wo die es hervorbringende und umgebende Kultur?
Die lieblichen Ströme Pakistans… wo viele Berge, da auch viel Täler. Wo die Sonne runterknallt, werden die Früchte reif. Wo sich der Gebirgsfluss entlang schlängelt, da befruchtet er Äcker und Wiesen. Das sind keine Petitessen. Groß, mächtig, drohend erheben sich die Bergspitzen vor meinen staunenden Augen.
Wer weiß schon, was zu tun ist. Ich nicht. Somit bleibt noch, schöne Äpfelchen zu pflücken. Es braucht nämlich keinen Grund, an diese heranzutreten. Rotbäckig prangen sie dort und verheißen süßes Glück. So wie die schönen pakistanischen Mädchen, die ahnungslos umherspringen, ungewahr meines ihnen aufs Engste folgenden Blickes. Und doch so geschmeidig, als würden sie für mich tanzen, denkt sich Erdogan.
Der Tourist Erdogan besieht sich die beschauliche pakistanische Landschaft. Immer weiter dringt er vor in die sanft auslaufenden Täler, die in den Indischen Ozean münden. Von der Küste, wo er mit dem Flugzeug ankam, nimmt er Anlauf. Hinaus aus den Städten, hinauf zu den Gipfeln treibt es ihn.
Und diese Gipfel erinnern ihn, ohne dass er sich mäßigen und auf seine schweifenden GEdanken Einfluss nehmen könnte, an die Mädchen, die er in allen Straßen, Gassen und Winkeln sieht. Verschleiert - doch keinesfalls ihrer Schönheit beraubt. Gar noch gesteigert scheint ihm diese. Der Schleier scheint anzudeuten, dass es hinter dem Trennvorhang noch unendlich herrlichere Früchte zu bestaunen gibt als jene, die jetzt schon sichtbar sind. Und dabei wirkt das verschleierte Gesicht, die sich andeutenden Rundungen der Brüste, Schultern und Arme, schon jetzt so elektrisierend auf Erdogan, dass er sich fast schämt und überlegt, was mit ihm los ist, ob er wohl grundsätzlich begieriger als andere Männer ist.
Aus dem Koran hat er sich nie viel gemacht, auch wenn seine Eltern ihn der Religion entsprechen erzogen haben. Sie waren Einwanderer in Deutschland; er wuchs von klein an dort auf und fühlte sich als Deutscher.
Doch das Leben dort sagte ihm nicht zu, so machte er sich auf diese Reise - er hatte gar gehofft, hier in diesem abgelegenen, rätselhaften Land zurück zu den Wurzeln seiner spirituellen Neigung zu finden. Ja, er hatte sich vorgenommen, zum Gebet in die Moschee zu gehen, mit einem Imam zu reden… vage erhoffte er sich davon eine Bekehrung zum Glauben — mit innerer Überzeugung, denn pro forma war er ja schon Muslim und würde kaum austreten, selbst wenn ihn die Religion nicht interessierte, behielt er sie seinen Eltern zuliebe bei.
Doch nun, beim Anblick dieser Mädchen, ach was, vielmehr, bei der Verkostung des edlen Duftöls, das ihren Nüstern und sonstigen Drüsen und Öffnungen zu entsrömen schien, diese Aura der in sich gekehrten, doch mit innerem Feuer lodernden Augen, bei der Wahrnehmung dieses unbeschreiblichen Stroms an wirkmächtigen Eindrücken, die seinen gesammelten Sinnen in den ersten Tagen dieser Reise bereitet wurde, da rückte der Gedanke an die engen Vorschriften und Lebensgebote des Koran wieder weit in den Hintergrund, wo er für die meiste Zeit seines Lebens gelagert hatte. Ja, Allahs dräuendes Auge mochte auch noch so drohend auf ihn herabblicken, das nahm er im Moment nicht für voll. Allah, jaja, dachte er, das wird schon seine Richtigkeit haben. Und überhaupt: wer weiß, was Allahs Wille nach wirklich sittliches Verhalten ist? Die Imame spielen sich nur auf als seine Vermittler, aber vielleicht würde Mohammed sie heute genauso aus dem Tempel werfen wie Jesus es damals in Jerusalem mit den Verkäufern tat. Vielleicht hätte Allah seine Erwartungen an die Menschen mittlerweile an die Zeit angepasst und erhoffte, dass seine menschlichen Kinder vor allem die Liebe in vollen Zügen genössen und nicht vor dem Sex zurückscheuten, möge er sogar außerhalb der Ehe stattfinden. Ja, eventuell könnte sogar gerade der außereheliche Sex von Allah so sehr gefordert und geheiligt werden, dass das Keuschheitsgebot einmal umzukehren wäre und vielmehr nur der ein treuer Ehemann und Moslem wäre, der einmal im Jahr auch seiner Nachbarin eine Freude bereitete und zu ihr ins Bett stiege. Die Gedanken von Allah waren unergründlich, wie so vieles auf der Welt. Dass er existierte, erschien Erdogan trotz allem nach wie vor nicht ausgeschlossen und bei Lichte betrachtet sogar eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich. Was hätte schließlich das Leben für eine Würze, wenn niemand zuschaute und sich daran erfreute oder erzürnte, was die Menschheit nun schon wieder anrichtete? Was wäre dann überhaupt zu tun? Ohne einen Gott können wir ja wirklich alles laufen lassen, sich die Gewalten der Gesellschaft — des Kapitalismus, wie die Marxisten sagen, oder der Marktwirtschaft, wie die liberalen »Universalisten« sagen — einfach frei entfalten lassen, so wie es schon geschieht, den Klimawandel sich vollziehen lassen und mal schauen, was passiert, die Kriege, die vor allem von den USA geführt oder angezettelt werden, einfach schwelen lassen…. und schauen, wie die Erde auf den Abgrund zurast und uns gemütlich an den letzten paar Tagen erfreuen.
Aber nein. Das war falsch, wusste er nun. Und zwar, weil er die Augen dieser Wunderschönheit hier in Karatuli gesehen hatte. Einen Moment lang blickte sie ihn an — seinem Gefühl nach einen Moment zu lange für das Maß an Demut und Untertänigkeit, das hier die meisten Frauen und Mädchen an den Tag legten.
Genug Zeit, um in Erfahrung zu bringen, dass durch ihre Augen der Wille Allahs sprach. Dass es keinen weiteren Gott brauchte als dieses göttliche Gefühl, für die Dauer der Entstehung eines Funkens, der sich zwischen ihnen wie an einem Feuerstein entzündete und aufzischte, der die Welt und die Zeit entzwei teilte in die Gebiete und Zeitläufte vor und nach dem Funken, vor und nach dem Energiestoß, bevor und nachdem das Niveau der Erde und ihrer Geschöpfe eine neue Dimension erreichte, so schien es ihm, als er wie in Trance die staubige Straße weiter hinauf torkelte. Bald besann er sich und blieb stehen, um den Kopf nach der Vorübergegangenen zu wenden. Was er statt ihr sah, nahm ihm die Luft aus der Lunge, die sich plötzlich wie leergepresst anfühlte. Unter ihm erstreckte sich das fruchtbare Akcharai Tal, das einen atemberaubenden Anblick bot mit dem winzig klein aussehenden Fluss in der Mitte, der sich durch einige grüne Wiesen und Abhänge schlängelte, nach denen weiter oben die Geröll- und Felswände anfingen. Rechts und links des Tals grüßten zwei etwa gleich hohe Kämme, die beide nur um wenige hundert Meter höher sein konnten als Erdogans jetziger Standpunkt. Von diesem aus ging es noch weiter hinauf, auf den Kurumbatschi-Pass, von dem aus man angeblich bis zum Meer hinab blicken konnte. Die Unwirklichkeit des Anblicks überwältigte ihn für einen Moment und setzte ihn wie außerhalb der Zeit. ERst langsam kam er wieder zum Bewusstsein, wo er sich gerade befand und unwillkürlich suchten seine Augen die steile Straße nach dem Mädchen ab. Dort unten, im Schatten eines knorrigen Baumes, stand an der Wegbiegung eine Person. Sie war tief in den dunklen Teil am Stamm gekauert, sodass er nicht sagen konnte, ob es die Göttliche, Übersinnliche war, die er soeben hatte vorbeigehen sehen. Moment, fragte er sich, wenn zwei Schönheitsereignisse — das Mädchen und das Tal — so dicht nacheinander folgen, muss ich dann annehmen, dass meine Wahrnehmung bereits komprommitiert war? Oder sagen wir: vorbereitet, in Erwartung des Schönen wandte ich mich um, den Kopf ganz wuschig und bedröppelt von ihrem Anblick… projizierte ich vielleicht nur die eine Schönheit auf das andere Objekt? ————————————————————————————————————
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