#136 Konsum und Schmerz
Liebes reaktionäres Volk, lieber Pöbel,
das hier ist mein Revier, mein Podcast, mein Duktus, meine Grenzen, meine Ideen. Wenn ihr damit ein Problem habt, dann weise ich euch gern die Tür. Aber hier drin, innerhalb der Grenzen meines ureigenen Diskursrahmens, herrsche ich. Ich definiere die Begriffe, die Kämpfe, die Gesellschaften. Über das, was heutzutage als wichtig, verhandelns- und bedenkenswert angesehen wird, lache ich nur.
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Vielleicht verschiebe ich damit Grenzen und bewirke etwas Positives. Doch selbst wenn man diese Episode als reine Spinnerei hört, in der ich meine literarischen Ergüsse vorlese und vorzeige, was ich mir zusammengereimt habe, dann ist diese Spinnerei immer noch um Welten gesünder, normaler, menschlicher als das, was wir tagtäglich als uns umgebende Realität zu akzeptieren gewohnt sind. Wir zucken nicht mehr, wir haben die Gewissheiten der bürgerlichen Herrschaft verinnerlicht; die Schmerzen, die diese verursacht, kommen uns als naturgegebene Beigaben des Lebens vor; ebenso die Grenzen, die wir selbst uns täglich stecken, die uns abhalten, unser wahres schöpferisches Potential zu realisieren, unsere Biografie eigenständig zu planen und Entwicklungsziele zu verfolgen.
Das bürgerliche System erzeugt Charaktere, die genauso idiotisch, unbeherrscht und selbstzerstörerisch sind wie es selbst, das ist kein Wunder. Nur warum lassen sich die Leute diese Gewaltherrschaft gefallen? Warum gehen sie nicht wie in China friedlich protestieren, wo in den mit äußerster Vosicht und unter Einhaltung der geistigen Quarantäne zu konsumierenden westlichen Medien von Anti-Covidregime-Protesten berichtet wurde?
Was man nicht als Problem erkennt, dagegen kann man auch nicht rebellieren. Dies möchte ich den Klimaaktivisten und von der biologischen Erdrettung Überzeugten aus meiner Generation sehr deutlich ins Ohr sagen: der Großteil dessen, was die Unterdrückung, Zerquetschung, Dehumanisierung im heutigen System ausmacht, wird von euch gar nicht wahrgenommen und eure zahme Kritik am bürgerlichen Staat, euer Pochen auf der Einhaltung von bereits beschlossenen Zielen und Grenzwerten ist genauso Teil des Problems wie das Agieren der Politiker und Medienschaffenden. Denn damit bescheinigt ihr dieser Republik, nichts Schlimmes im Schilde zu führen, alles läuft glatt im liberalen Lande AUßER eben das mit dem Klima. Das sei das Einzige und Größte, weswegen Rebellion und leichte Gesetzesübertretungen angebracht seien.
Das wirkliche Problem der BRD und vergleichbarer imperialer Staaten ist aber die tradierte Bräsigkeit, die stumpfe Akzeptanz der historisch gewachsenen Gesellschaftsverhältnisse. Unsere Grundgewissheiten, unser Blick auf die Geschichte, unsere Institutionen sowie die Ziele, welche diese zu exekutieren gezwungen sind, all das ist Teil einer Problem-Gemengelage, aus der nur der revolutionäre Auf- und Umbruch den Weg weisen kann, kein Rumdoktorn und braves Appellieren innerhalb der Grenzen des »polizeilich Erlaubten« (Marx).
Will man sich davon befreien und dem Mief der BRD-Öffentlichkeit entrinnen, muss man sich abseits stellen, vielleicht gar in die Wüste gehen. Anfeindungen und Beleidigungen dürfen einem nichts ausmachen, auch selbst muss man ordentlich austeilen, um die nötige Härte des Klassenkampfs bereits heute während der Phase der theoretischen Vorbereitung vorwegzunehmen und auf sie einzustimmen.
Man muss versuchen, nicht mehr Teil dieser Welt zu sein, auch wenn man ja doch täglich darauf angewiesen ist, mit ihr zu interagieren, sei es aus ökonomischen, sozialen, gewohnheitsmäßigen Gründen. Man sollte die eigenen Einfälle konsequent verfolgen, zu Ende denken und aufzeichnen. Mögen sie auch noch so weit hergeholt und nicht verständlich für die heutige Mitwelt erscheinen.
Und so ist die heutige Folge zu verstehen, dieser erneute Schub von fragmentarischen Vorarbeiten an einem schemenhaft sich abzeichnenden Werk der Zukunft, dessen Arbeitstitel »Konsum und Liebe« lautet.
Besonders die Frage »Wofür wird man geliebt?« spielt heute eine Rolle.
Der letztens erwähnte Vers »She loves me for what I bring her to the table« bringt aus meiner Sicht die beiden grundmaterialistischen Strebungen des Menschen auf den Punkt. Einerseits nach Liebe, andererseits nach Arbeit und vor allem Arbeit, die honoriert wird, etwa durch den dankbaren Blick der Geliebten, die einen daheim erwartet. Diese Problematik, warum man so sehr geliebt werden will und was es dabei für Komplikationen gibt, ist eine unerschöpfliche, überhaupt nicht gelöste. Aber man darf sich schon vorstellen, dass es hier etwas zu lösen, zu entdecken gibt. Die immergleichen Pfade seit den Tagen von Don Quijote weiter auszutreten, lohnt nicht die Mühe. Nur wenige Menschen werden heute überhaupt bereit sein, sich unter der Liebe etwas anderes vorzustellen, als was die Prägung durch das Christentum uns mitgab, die Unantastbarkeit der monogamen Bindung und weitere Gewissheiten über Liebe, Treue, Geschlechter.
Aber die wenigen sind die, für die es sich lohnt, denn sie werfen schon heute den Schatten ihrer Fantasie voraus in die Zukunft. Sex ist etwas zutiefst Persönliches, Intimes, Identitätsstiftendes so die heutige Vorstellung, daher ist man auch unglaublich verletzt, entdeckt man einen »Treuebruch«, bei dem der Liebespartner das kostbare Gut Sex mit einem Dritten teilte und so die heilige Zweisamkeit vermeintlich verunreinigte. In meinem Werk möchte ich Sex und Geschlechtliches als etwas Gesellschaftliches offenbaren. Wie dem auch sei, damit überlasse ich es euch, meine prosaischen Versuche zu begutachten. Haut rein.
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HISTORISCHE TAFEL:
2023: Zeta-Variante, volle Willkürherrschaft
2034: Revolution, Einführung der Klimadiktatur
2039: Umkippen in die Konsumdiktatur
2054: Beginn der Liebesdiktatur
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Wir müssen nun die Sphäre der Produktion einbauen.
Erster Charakterentwurf: Benjamin Feldwebel ist ein Nervenbündel.
Grober Überblick: Die Handlung spielt in der ausgehenden Konsumdiktatur. Die Klimadiktatur ist lange Geschichte. Nun das Problem: die Leute konsumieren zwar jetzt wieder und befolgen die staatliche Pflicht.
Nur lieben wollen sie nicht mehr. Das ist ambivalent, da weiß man ja nicht, mit was man es zu tun hat. Einem Menschen? Nun, aber der Mensch, sagen die Philosophen, ist Individuum. Also: ist dieser andere da besser oder schlechter als ich, wie ist mein Rang; gefährdet der Andere mich, läuft mir denselben noch ab?
Da tritt eine verzwickte bürokratische Ordnung in Kraft, ein Geflecht an Regeln, die erlauben, statt zu konsumieren, in der ein oder anderen Form zu lieben und dadurch der Konsumpflicht zu entgehen.
Man muss nachweisen, Liebesbriefe, Gedichte und Widmungen zu schreiben oder tonlich aufzunehmen – seien sie auch noch so kitschig, aber sie müssen monatlich abgeliefert werden und von der anderen Person beglaubigt sein. Schein-Paare zum Zwecke des Betrugs, die sich nur ihre gegenseitigen Liebesbemühungen attestieren, um der staatlichen Pflicht zu entgehen, werden rigoros verfolgt und bei mehrmaligem Vergehen sogar ins Gefängnis gesteckt.
Das ist die galante Seite. Amouröse Dinner sind kostenfrei für „echte“ Liebespaare, solche, die es ernst meinen und ihre Liebe staatlich registrieren lassen; andere gibt es kaum noch aufgrund des genannten Ekels vor dem Anderen.
Kondome, Verhütungsmittel, Tampons, alles was nur im Entferntesten mit Sex zu tun hat, wird vom Staat kostenlos zur Verfügung gestellt. Er will, dass die Leute sich näher kommen. Ob sie dann wirklich ein Kind zeugen oder es beim „sicheren“ Sex bleibt, ist ihm erstmal egal. (Eventuelle Verschärfungen später bei kolossal niedriger Geburtenrate)
Hierin, in dieser Gesellschaft im Umbruch, situiert sich der Protagonis Patrick.
Weitere Personen: -die Polizistin -Kollegin Amanda
- Benjamin Feldwebel/Konstabler, den er im Urlaub trifft und der ihm eine neue Stelle bei einer Softwaredienstleistungsfirma verschafft. -Klimaaktivisten -Später Konsumaktivisten, die für die Beibehaltung des Äquivalentes Konsum-Liebe eintreten -Anti-Liebesaktivisten, die eine Fronde bilden und einfach wieder ein anderes System restaurieren möchten -Drogenstaat als Synthese: Erst bildet sich eine Segregation heraus, diejenigen, die Drogen nehmen wollen, bekommen diese vom Staat regelmäßig ausgeliefert unter der Bedingung, dass sie außerhalb der Gesellschaft leben und schön auf ihren an den Autobahnbrücken eingerichteten Plätzen bleiben -Dann aber drängen mehr und mehr Verhaltensauffällige nach dem dunklen Laster: es bildet sich ein Schwarzmarkt im legalen Gesellschaftsbereich, die Randzonen verschwimmen, neue Korridore zwischen Pennern und Gesellschaft entstehen. -Schließlich resigniert der Staat und verordnet jedem Bürger die egalitäre Drogendosis: montags Kokain, dienstags Cannabis. Somit sind alle unzufrieden. Ende.
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B’s Nervosität, seine Hemdärmel, sein Schwitzen, sein zerfurchtes Gesicht, so als stehe er unter inhumanem Stress etwa als Bewacher eines Arbeitslagers, als Soldat in unmenschlichen Kämpfen, Politiker…
Aber hier liegt das Entscheidende: die Arbeit als Lösung, ihre Verherrlichung und Aufhebung ihrer Pervertierung unter kap Verhältnissen.
B und Patrick basteln zusammen an einem Projekt. Wenn daraus doch nur eine Firma würde, sodass sie selbständig werden könnten, dann wären sie frei…
Aber nichts ist frei. Man glaubt sich selbst nicht. Ist dieser Körper noch meiner? Vermittelt der Penis wirklich Macht? Das kann eigentlich nicht sein, alles muss ganz anders sein, alles muss eigentlich im Hintergrund angepasst sein für diese glatten Oberflächen, die Hochhausfassaden der piekfeinen Innenstädte, wo die Finanzdienstleister ihren Sitz und ihre Brutstätte haben.
Ja, hier muss es ein verdecktes Gesetz geben, eher glauben wir noch daran als an die blanke Wahrnehmung und Empfindung unserer Sinne, die uns einen triebbelasteten, willkürlich trägen, faulen, sich nicht im Griff habenden Körper vorgaukeln.
(Der Körper als Sklaveninstrument, er funktioniert nur während der Arbeit richtig, hier weiß er, welche Knöpfchen zu drücken sind, um dies und das zu bedienen und sich am Ende des Arbeitstages wertvoll und ermüdet von ehrlicher Anstrengung zu fühlen. Aber das ist nur die Kehrseite der Verzweiflung, die der Proletarier zuweilen am Wochenende spürt. Auch hier: Dialektik. Genießen des Einen ist genauso Genießen des Verzichts auf das Eine, des Machtgefühls, ohne es zu sein. In der Lohnarbeit hat er die Macht über sich, in der Freizeit nicht, da wird er apathisch. Außer es geht um ein potentielles Startup-Projekt)
Am Ende wird die voll ausgebaute Liebesdiktatur stehen, in der keiner mehr darauf verzichten darf, zumindest einmal alle 3 Monate ein dreißigminütiges Gespräch mit einer potentiell attraktiven Person zu führen. Diese Regel gilt für alle unter 45.
B und Patrick betrachten die politischen Veränderungen sorgenvoll. Patrick ist ganz zufrieden, nur die ferne (Ex-)Kollegin zu lieben, die ihm nicht zu nahe kommt. Aber die Polizistin lässt ihm keine Ruhe, sie war so eine perfekte Regelhüterin, schien ihm zu helfen, zu leben und die notwendigen Verrichtungen des Lebens in Angriff zu nehmen, als sie ihn auf den halbgerauchten Joint hinwies.
B liebt gar nicht mehr; lange hatte er eine Freundin. Aber dann kam die Epiphanie im Urlaub, er kriegte genug von seinem angepassten, kriecherischen Leben und schwor sich, baldmöglichst zu fliehen auf eine südliche Insel, einen abgeschotteten Ort, wo man billig und ohne die Termine und Hektik des Angestelltenlebens alt werden kann. So hatte er das Gefühl, sein Leben ändern zu müssen. Das einzig Greifbare schien ihm aber, seine Freundin rauszuwerfen. Sie war nicht mehr ichkonform.
Idee: Neues Produkt, das Liebesannäherung erleichtern soll – oder auch erschweren, denn das schwer Zugängliche ist begehrenswert. Männergruppen, Sport, Events nur geschlechtsspezifisch (vgl Illouz England 19. Jahrhundert), sodass sich wieder gelassenere Umgangsformen herausbilden, niemand ist unter Druck, hier jetzt jemanden kennenlernen zu müssen oder können.
- SZENE CANNABIS
Gleichzeitg spielt hier die politische Situation im Lande hinein: plötzlich zieht die Konsumdiktatur herauf (Metaphern stellen bezug zu Klima her: »Heraufziehen« etc. der drei verschiedenen Gesellschaftsparadigmen und all ihrer Übergangs- und Widerspruchzustände). Also ist es nicht mehr rebellisch, zu kiffen.
Erster Schritt der alten Klimaregierung: alle Drogen entkriminalisieren, nur bei härteren Apothekenpflicht und sorgsame Betreuung, Überwachung der Konsumenten, damit Notsituationen erkannt werden und sie bei Bedarf in Gewahrsam genommen werden können. Aber Gras und niederschwellige psychedelische Drogen, Pilze, Psylocybin und andere werden zu komplett normalen Konsumgütern, die sich im Supermarkt erwerben lassen.
So erhofft man sich, die Leute wieder verstärkt zum Konsumieren zu bewegen. Natürlich macht Drogenkonsum keinen so signifikanten Teil der Volkswirtschaft aus, dass er diese in einer schweren Stagnation wiederbeleben könnte. Aber die Legalisierung setzt ein Symbol: schaut her, es ist erlaubt und gut, zu kiffen, selbst der Premierminister tut es in der Öffentlichkeit, um Abbitte zu leisten für die vergangenen Jahrhunderte der Stigmatisierung, Kriminalisierung, Verächtlichmachung der Konsumenten von andersartigen, zweifelhaften Substanzen.
So also vergeht mir die Lust. Weil es offiziell abgesegnet ist, fühle ich mich in die Lage versetzt, plötzlich doch rational abzuwägen, an welchem Tag ich wirklich die Lust danach verspüre und an welchem anderen ich es nur aus Langeweile, geistiger Stagnation und Eintönigkeit getan hätte, um mein Motto „täglich rauchen“ zu befolgen. Und so lasse ich es nach und nach an immer mehr Tagen aus, dieses kleine süßliche Laster.
SZENE: Ich sitze vor dem Fernseher, in der Hand einen brennenden Joint. Da wird auf Kanal 5 der Premier gezeigt, wie er in Hemd und Kordhose auf einer Bühne sitzt und gerade wild gestikuliert, in der einen Hand einen Joint, in der anderen ein Feuerzeug. Er beschwört die historische Einzigartigkeit der Situation. Er ruft das Volk auf, maßvoll zu genießen. Nicht von einem Extrem ins andere… Da vergeht mir die Lust, und in dem Moment, als er sich ein wenig beruhigt hat und mit hochrotem Kopf zum Anzünden seines beachtlichen Joints schreitet, drücke ich meinen aus.
Bis ich mir die Frage stelle, warum das menschliche Begehren so ein dunkler Wald ist und man immer nur das angrapschen und besitzen will, was fern und verboten ist.
Das darf ja wohl nicht sein, denke ich, und baue mal wieder einen Joint. → POLIZISTINNEN-SZENE
- SZENE POLIZISTIN
„Wie heißt du übrigens?“ fragte ich die Frau, die sich nun an meiner Seite niedergesetzt hatte, unaufdringlich. „Katrina“ (K steht für den Widerstreit von Kapitalism und Kommunism) „Oh, ein schöner Name, wie der Hurrican damals in den USA“ „Ja, stimmt, aber ich bin nicht so wild und wirble meistens nichts durcheinander. Du siehst, als Polizistin habe ich den richtigen Beruf, der zu meinem friedlichen Gemüt passt.“ „Ja, ein wunderbarer Beruf, wenn er von so wundersamen Menschen ausgeübt wird. Ich heiße übrigens Patrick“
„Auch schön“, sagte sie unbestimmt. Die Landschaft lag nun im goldenroten letzten Sonnenlicht da und schien gleichsam hervorzuspringen, um noch einmal die Appetitlichkeit der grünen Wiesen und Hügel hervorzustellen.
Nun setzte ich an, ein wenig inkommodiert durch das stockende Gespräch und meinte, dieser einzigartigen Frau, die mich so beflügelte, meine politischen Ansichten mitteilen zu müssen, da sie mir stets leicht von der Lippe gehen, leichter als Erzählungen über mein Leben, meine Pläne…
„Ja, eigentlich ist die Polizei auch nötig und so… aber weißt du, ich bin Kommunist. Und digentlich hatte ich mir damals von der Klimarevolution erhofft, sie würde in der Wirtschaft zum Sozialismus führen, damit wir alle ruhiger und weniger konkurrenzgetrieben arbeiten können, während gleichzeitig Rücksicht aufs Klima genommen wird. Aber es wurde sich nur ums Klima gesorgt, das hat mich nur noch radikaler werden lassen und ich habe viel über Stalin gelsen und mich zum Stalinisten gewandelt.“
„Stalinist? Ist das nicht ziemlich dogmatisch? Der ist doch schon hundert Jahre tot, was soll uns seine Politik schon noch sagen?“ (wir schrieben das Jahr 2054) „Sehr viel, er war es, der die Neue Ökonomische Politik von Lenin aufgab und stattdessen eine linkere Wirtschaftspolitik der Kollektivierung und Industrialisierung in Gang setzte, das war eine wichtige Errungenschaft damals. Aber wichtiger ist noch Stalins Härte, ja, auch gegen seine Gegner, das ist nicht immer schön gewesen, aber vor allem die Strenge gegen sich selbst, die er ausstrahlte und vermittelte. Man muss sich beherrschen, zu seinen Meinungen stehen, sie verteidigen und notfalls auch im Untergrund wie die Bolschewiki damals die Arbeiterpartei aufbauen und in der Illegalität die nötige Abhärtung zu gewinnen, die einen später die Revolution überstehen lässt und befähigt, einen ganzen Staat aus dem Schlamassel der Verarmung und Rückständigkeit zu befreien. Stalin war einfach konsequent und hat sein Leben diesem Kampf verschrieben, der damals um 1900 noch aussichtslos schien, als er seine Aktivitäten in der Partei und im Umkreis von Lenin begann. Aber ich will dich ja nicht langweilen…“ „Oh, nein, nein, Patrick, ich höre dir sehr gerne zu. Für Politik habe ich mich nie wirklich interessiert. Aber es gibt einem zu denken, sich vorzustellen, dass die Russen damals ganz andere Probleme hatten, die haben noch mit Mangel und Unterernährung gekämpft, denke ich mir. Und wir heute mussten die Konsumdiktatur einführen…“ Ich lachte und meinte „Nana, Frau Staatsrepresäntantin, das darf aber nicht Diktatur heißen!“ „Ich weiß, ich weiß, sagte sie verschmitzt, „es muss Konsum-Sozialismus heißen. Aber hier kommt meine Frage: was hat das heutige System mit dem Sozialismus zu tun, den die Russen damals aufbauten?“
„Ja, das ist nämlich genau auch mein Ärger! Diese hundselende Regierung, die sich nach der Klimadiktatur an die Macht geputscht hat, die hat sich einfach das Label Sozialismus gegeben, ohne dass ihre Ideologie irgendwas damit zu tun hätte! Das hat mich also noch wütender und verbissener gemacht gegen diesen Staat als die Fehler der Klimaherrschaft, die einfach ein grün angemalter Klimakapitalismus war, wo die Reichen sich ein CO2-neutrales Gewissen kaufen konnten.“ „Und du sagst jetzt also, das was danach kam, die Konsumherrschaft, die jetzt noch gilt, hat daran auch nichts geändert und dem Ganzen nur den Namen Sozialismus verpasst?“ „Im Grunde ja, aber es ist komplizierter. Denn dadurch, dass man etwas benennt, schafft man ja schon eine Realität. Also hat sich die Realität doch wieder ein wenig zumindest in Richtung von Marx Ideen bequemt. Es kann keinen Sozialismus ohne Marx geben, wer seine Einsichten nicht zur Kenntnis nimmt, der wird dafür Lehrgeld bezahlen müssen, wahrscheinlich aus dem Amt gefegt werden und sich wünschen, doch mal früher die MEW eingehend studiert zu haben.“ „Aber Marx… das sind ja so dicke Bücher. Verzeih, aber ich lese lieber Novellen und kleinere Sachen.“
„Ach ja? Aber du scheinst sehr gebildet. Es ist ein unglaubliches Vergnügen, mit dir zu plaudern.“ „Danke, ebenso. Nun, du siehst wohl, dass auch die Weltliteratur von Kurzgeschichten und Novellen in ihrer Gesamtheit eine beträchtliche Größe hat.“ „Du liest also nur sehr kurze Schriften, davon aber eine ganze Menge? Ein sehr dialektisches Konzept, das gefällt mir…“ „Naja, ob es viel ist, ich weiß nicht, viel in Bezug zu dem, was es insgesamt gibt, sicher nicht.“ „Das meiste ist immer Schund, das ist ein Grundgesetz der Literaturgeschichte, musst du bedenken.“ „Ja, und in Relation zu meinen Mitmenschen lese ich viel. Niemand will ja mehr lesen.“ „Hmm, ja, es stimmt, keiner mag mehr konsumieren. Aber ob der Konsum von Büchern zurückgegangen ist, ich weiß es nichtmal, der war schon seit einem Jahrhundert sehr niedrig. Wenn man Konsum als Lesen versteht.“ „Genau! Aber das ist der Punkt, damit bin ich nicht einverstanden. Konsum ist doch auch schon, wenn ich mir das Buch nur kaufe und ins Regal stelle… Das löst ja auch eine unheimliche Freude in mir aus und macht einen ganz ausgelassen und beschwingt, wenn man das Paket vom Amazonboten entgegen nimmt oder den Stapel von der Buchhandlung heim schleppt.“
Mit dieser Aussage brachte mich die schöne Katrina ins Schleudern. In ihr steckte was, sie war ganz schön gewitzt. So hatte ich noch nie drüber nachgedacht, Konsum war ja früher, in meiner Jugend, nur verdammt worden, da er die Umwelt verschmutze. Aber unzweifelhaft hat es ja was eigentümlich Schönes, so ein Produkt entgegenzunehmen, ein Etwas, das einem was wert ist, nach dem es einen gelüstet, für das man hart arbeiten und Entbehrungen in Kauf nehmen würde.
Das Gespräch zog sich noch eine Weile hin, aber Katrinas Bemerkung über das Konsumieren ließ mich nicht los, selbst dann noch nicht, als die Dunkelheit sich langsam über uns senkte und der Himmel ein letztes graublaues Leuchten von sich gab, die sommerliche Frische reflektierend, die uns dieser Tag gespendet hatte. Freundlich lächelte sie mir zu und streckte sich mir entgegen für eine Umarmung. Überrascht wie ich war, begann mein Herz zu klopfen und wonnevoll genoss ich die Sekunden, die ich ihren schlanken Leib gegen meinen gepresst fühlte. Eindrücklihc fühlte ich die Linien ihrer Schultern, Arme und ihres Rückens und Brustkorbs und verging fast vor glühender Erregung inmitten diesem Strom an widerspenstigen, sich ineinander verlierenden und übereinander hinausgehenden Linien und Muskeln, Sehnen und Beugern, Vektoren der ungehemmten Kraft, die Katrina besaß.
Sie lächelte, als sie ihr Polizei-Fahrrad (Autos waren seit der Klimaperiode nur noch in Ausnahmesituationen gestattet bei der polizeilichen Arbeit) losband von einem Laternenmast und mir ein letztes Mal zuwinkte. Dann entfernte sie sich, über ihr prangten bereits Sterne mit einer Leuchtkraft, so durchdringend und erhellend, dass man schon an ein übersinnliches Ereignis glauben mochte; der Sommer der Überfülle und Wolllust hatte gerade erst begonnen.
„Hey, warte!“ schrie ich da, als sie schon um die Ecke zu biegen im Begriff war. „Was ist, willst du noch eine Gesetzesverletzung melden?“ unkte sie. „Nein. Oder ja. Also ich wollte nur nach deiner Nummer fragen. Der Abend war so schön und ich hab die Unterhaltung mit dir genossen, da würde ich dich gern bald mal wiedersehen.“ „Natürlich“, lächelte sie charmant. „Mach dir keine Sorgen. Ich werde nächste Woche am selben Tag wieder hier sein und kontrollieren. Du bringst am Besten deine Liebesgedichte und Joints mit, sonst muss ich dich wegen Unterkonsumierens verhaften.“ „Alles klar. Sicher, sicher. Mit dem Gedanken an dich werde ich sicher keinen Produktionsmangel an Liebesgedichten haben. Lieblich strahlt so honigrot ihre Wange, da fühlte ich die große Not, mir wurde schon fast bange -“ Sie lachte und rief, „Spar dir das für nächstens. Bis dann“, und bog mit diesen Worten um die Ecke. Ob sie noch im Dienst war, fragte ich mich.
- SZENE: KLIMAAKTIVISTIN.
Die Aktivistis sind nun selbstverständlich aufgebracht und echauffieren sich, dass der Staat nach ein paar Jahren schon das Ziel der Klimasparsamkeit aufgibt und doch wieder zum hemmungslosen, zumindest aber umfangreichen Konsum aufrufen muss. Sie bilden eine Widerstandsfront. Uneinigkeit herrscht anhand der Frage, ob man einfach zurückwill zur alten Klimadiktatur oder etwas neues. Die alte war ja schon ganz in Ordnung. Leider wurde die wirtschaftliche Grundlage der Gesellschaft nicht wirklich angetastet und man produzierte weiter auf bekannte kapitalistische Weise. Aber das störte die Mehrheit nicht, da sie genug Einkommen hatten, sich „freizukaufen“ und das schlechte Klimagewissen abzulegen.
Lisa: Es geht jetzt einfach um die Restauration des alten Systems. Wir waren schon auf dem richtigen Weg. Wenn wir doch nur die Leute besser mitgenommen hätten… Lina: Auf dem richtigen Weg? Also Lisa, ich muss deine heile Welt da ein bisschen stören. Wir waren nicht auf dem richtigen Weg, noch nicht mal wir hier in Deutschland. Für die globale Klimawende fehlte weiterhin jedes Konzept. Es war ein nationaler Alleingang, der zudem nichts an der Art, zu wirtschaften veränderte. Und daran sind auch Parteien wie die Grünen schuld, die sich uneingeschränkt zur Marktwirtschaft bekennen. Lisa: Also jetzt willst du mir die Schuld zuschustern, ja, nur weil ich in die Politik gegangen bin und wenigstens versucht habe… Lina: In die Politik zu gehen muss nicht heißen sich der nächstbesten machtgeilen Partei anzubiedern. Lisa: Oh, du dumme Zicke, du hattest einfach nicht die Eier, dich ins Rampenlicht zu stellen - Lina: Du wolltest nur im Rampenlicht sein, du hast wahrscheinlich gar keine anderen Ziele in der Bewegung. Lisa: Was erlaubst du dir? Ich kämpfe für das Klima!
Bei diesen Worten lief Lisa hochrot an und schlug mit der Faust auf den Tisch. Sie machte sogar Anstalten, aufzustehen und schien Lina am Liebsten verprügeln zu wollen. Ihre Tischnachbarin legte ihr besänftigend die Hand auf Lisas angespannten Arm, der sich an der Stuhllehne festklammerte und sich in ihre Haltung fügte, die diejenige einer Raubkatze war, die ihre Beute ausgemacht, fixiert hat und sich auf den großen Sprung vorbereitet.
Lina: Es tut mir Leid Lisa, ich war vielleicht unfair. Wir sind alle einfach mega enttäuscht. Wir hätten es kommen sehen müssen. Den Leuten ist einfach die Lust am Konsumieren vergangen und das wirkt sich irgendwann negativ aus. Vielen ist wohl ganz die Lust am Leben vergangen. Diese letzten Jahre, also ich selbst will nicht klagen, aber für Leute in meinem Bekanntenkreis war es eine sehr bedrückende Zeit, viele sagten mir, es sei deprimierender und einschnürender gewesen als die große Coronadiktatur anno 2023, nicht die läppischen ersten Lockdowns also, sondern die volle Despotie, als die Zeta-Variante damals auftauchte. Janosch: Also Lina, jetzt vergleichst du Äpfel mit Birnen. Corona war damals ein ganz anderes Thema, das war ein Regierungsversagen, die Leute wurden verunsichert durch die unklare medizinische Faktenlage, die Regierung hat Nebelkerzen gezündet, um von der eigenen Planlosigkeit abzulenken… Lina: Merkst du was? Genau das ist doch die letzten fünf Jahre auch passiert! Leute, wir müssen aufwachen! Nur weil sich das System schön verkleidet und sich „Klimatokratie“ oder Klimaharmonie oder was für ein Bullshit sonst nennt – das ist doch trotzdem dasselbe in Grün, dasselbe System, das wir vor dem sogenannten Revolutionsjahr 2034 noch so unerbittlich bekämpft, bestreikt, sabotiert haben! Was ist mit euch los? Merkt ihr gar nichts von eurer Umwelt, von den Mitmenschen, euch muss doch aufgefallen sein, dass die Konsumunlust ein ernstes Problem ist, nicht nur für die Wirtschaft sondern in erster Linie für die Menschen. Ja, ich habe es erst auch so gesehen: ist doch super, wenn die Verkaufszahlen der meisten Konsumgüter runtergehen, dann wird weniger produziert und es fallen weniger Klimagase an. Aber die Leute haben das aus purem Schuldgefühl getan. Sie haben eigentlich nur eine Weise des Konsumierens gegen die andere eingetauscht: jetzt konsumierten wir eben das Maßhalten, den asketischen Verzicht und die Disziplin. Aber das geht so nicht ewig. Lisa: Ja, ja. Es ist was Wahres dran, Lina, keiner widerspricht dir. Aber: es gab doch auch positive Seiten. Viele Leute haben angefangen zu meditieren, spazieren zu gehen. Lina: Sie haben sich so nur ein reines Gewissen beschafft, ein kurzes Glücksgefühl, so wie früher nach dem Einkauf im Konsumtempel. Lisa: Aber wenn du spazieren gehst im Wald und die frische Luft atmest, gehts dir doch wirklich besser, als wenn du im Kaufhaus von einer Boutique zur nächsten torkelst, um die innere Leere im Kapitalismus mit neuen Kleidern und Schuhen zu füllen… Lina: Ja, stimmt schon. Trotzdem ging alles viel zu schnell. Die Ideologie… dieses Klima-Paradigma ist zu schnell eingeschlagen und hat die ganze Gesellschaft transformiert.
Faisan: Wir sollten jetzt zu einer Lösung kommen, Leute. Ja, wir haben Fehler gemacht, waren zu zahm und haben der Regierung vertraut, die einfach wieder mal versagt hat, so wie bei allen anderen Sachthemen der letzten Jahrzehnte auch. Aber was ist mit dem, was jetzt kommt? Das „Konsumregime“ soll in den nächsten Wochen schon beschlossen werden. Wie stellen wir uns dazu? Organisieren wir Streiks, fordern wir das Festhalten am alten System? Lina: Auf keinen Fall. Wir müssen uns jetzt zuerst Sorgen um die Menschen machen, nicht ums Klima. Lisa: Ach ja, aber wie soll es ihnen denn besser gehen, wenn sie jetzt sogar gezwungen werden, zu konsumieren? Lina: Es ist zu ihrem Besten… wir alle trauen uns doch nicht mehr, sich was Schönes zu kaufen, eine Handtasche aus was auch immer für edlem Material – natürlich kein Tierleder – , oder mal feiern gehen und die Sau rauslassen, lange Reisen machen – alles muss klimaneutral sein. Und das war ja erstmal eine gute Idee damals als wir anfingen. Aber heute müssen wir sehen, wie uns diese Idee angefangen hat, zu beherrschen und uns noch das Leben vergällt. Die Geister, die ich rief… Lisa: Also ich fühl mich weiterhin ganz gut und lebe gerne in diesem Land… Lina: Du bist Bundestagsabgeordnete, das zählt nicht. Lisa: Ach ja, hältst du mich für abgekoppelt vom volk, du Populistin? Janosch: Kein Grund für Beleidigungen… Lina: Das ist keine Beleidigung. Wir müssen auf das Volk hören. Ich nehme zumindest diese gewisse Stimmung wahr, dass die meisten ganz zufrieden wären mit dem neuen System, was da kommen soll und froh, einfach wegzukommen von dieser Klima-Melange, das war so unausgegoren und naja, Populist sein ist in der Lage angemessen denke ich. Segeln wir auf der Welle der Masse.
Konsum:
Äquivalent Drogen Liebe
- Benjamin will es den Massen schwer machen, zum Liebesgipfel aufzusteigen. So wie der Kleinbürger in der Anstrengung um einen ertragreichen Arbeitsplatz die nötige Reinigung und Läuterung des trägen menschlichen Subjekts erblickt.
She loves me for what I bring to the table Meine Arbeit wird belohnt und darum bin wiederum ich dankbar. Das ist pure Dialektik des Subjekts- das Subjekt ist nicht einer sondern aller, jeder könnte es sein, jeder ist es. Da draußen laufen jede Menge Masken herum, von denen hjede genauso wahr ist wie ich. Was gibt es da zu zweifeln? Ich lebe nicht in meiner esoterisch-solipsistischen Blase – ich bin alle, wie jeder, ein in die Welt gesetzter Punkt- und um uns alle weiter zu entwickeln, msus ich mich bilden, auf die revolutionäre Umarbeitung im Politischen hinwirken.
Ja, es ist auch eine Erleichterung, zu sehen, man wird geliebt, für das, was man materiell aufzufahren imstande ist.
Was KONSUM vermittelt: die Stimmung des Deformiertseins von den äußeren Zwängen.
Ich bin nicht das Besondere, wertvolle Ich, das mir zu sein der Liberalismus nahelegt. Ich bin ein Produktivkraftschöpfer, jeden Morgen schöpfe ich aus der Kraft meines Armes die Arbeitsbefähigung, die mir meinen Lohn im System einbringt. Und vielleicht nicht nur wegen diesem Lohn, den ich heimbringe, werde ich geehrt und geliebt; aber auch, und das ist unglaublich befreiend. Nun weiß ich, wo ich stehe.
Klar könnte ich in Zukunft auch abstürzen, krank werden, arbeitsunfähig. Aber immerhin habe ich der Geliebten mein Arbeitsvermögen gezeigt und ihr bekundet, dass sie mir wert ist, alles von meinem Potential in sie zu investieren und es ihr heimzubringen. Und somit wird sie gleichsam meine Sozialversicherung, die mich in Sicherheit wiegt ob der dräuenden Zukunft. Sie wird sich um mich kümmern, so wie reziprok ich es tat und immer gern tun werde.
Diskusion „Geben Sie die Mittel frei“ in schwarzem Notizbuch beachten/transkribieren
– Hombre, ich sags Ihnen noch ein letztes Mal. Das Volk dürstet nach der uranischen Liebe. Jene edle, unübertroffene Liebe, die Platon im Gastmahl von Pausanias beschreiben lässt. Nun, wie auch immer sie beschaffen sei, das juckt mich überhaupt nicht. Mein Job ist es nur, dem Volk, den proletarischen Massen also, den Zugang zu dieser erhabenen Wohltat der uranischen Liebe zu bahnen. Sie aber, mein lieber Herr Konstabler, Sie scheinen wie fixiert und verbissen darauf zu sein, das Volk in den niederen Sümpfen der neptunischen Liebe gefangen zu halten. Nichts anderes ist Ihr Betragen! Sie sagen: sei‘s drum, dem Volk soll‘s nicht besser gehen als mir, wenn ich schon scheitere, dann bitte alle. Erzählen Sie mir ruhig von Ihren privaten Liebesleiden. Ja doch, ich ermuntere Sie geradezu. Das kann nur eine klärende, erfrischende Wirkung haben. Denn dann werden Sie hoffentlich erkennen, oder ich könnte Ihnen dann aufzeigen, dass ihre privaten Verstrickungen und Sehnsüchte auch nur der Spiegel der Träume des Volkes sind. Wir alle sind verstrickt und gefangen in den widersprüchlichen Illusionen, die uns die Dichter verkaufen.
– Ja, Sie sagen es. Ich will Ihnen gern erzählen. Aber zuerst will ich meine allgemeine Theorie der Liebe darlegen. Nun, die Liebe sollte nur dem zuteilwerden, der sich ihrer würdig erweist, der nachweisen kann ,ein besserer Mensch geworden zu sein. Und ich konnte dies immer nachweisen! Aber meine Nebenbuhler stachen mich aus, so bei der schönen Patricia, bei Malaia und wie sie alle hießen. All diese Weibsbilder bevorzugten dann doch einen Mann, der nur schöne Worte zu machen wusste, sich aber nicht wirklich weiter bildete im Schweiß der Liebe. Und so ist aus mir ein fähiger Softwareentwickler geworden, eben weil ich so viel leiden und meine Erwartungen ein ums andere Mal wieder einpacken musste! Und das also will ich, diese Erfahrung möchte ich für jedermann zugänglich machen. Die Liebe darf nichts Einfaches sein, was uns zufliegt! – Ah, jetzt sehe ich woher der Wind weht. Sie fürchten, durch ihre ausgeklügelten Programme der Liebesfindung könnte es dem niederen Volk zu einfach gemacht werden. Sie meinen es letztlich nur gut mit ihm, indem sie ihm den Zugang zur zu einfachen Lust vorenthalten möchten. Ja, da ist was Wahres dran, denke ich. – So, jetzt werden Sie vernünftig. Und all diese Jahre habe ich gewartet, habe ich Enttäuschung auf Enttäuschung getürmt, seit meinem 16. Lebensjahr, als ich diese feuerheiße Klassenkameradin anschmachtete, Marta, nunja, sie war definitiv über meinem Niveau, später kam ich zu bitteren Einschätzungen betreffs meines wirklichen körperlichen Marktwerts, aber auch dann ließ ich nicht locker, suchte mir andere Ziele, bis etwa vor vier Jahren, als mich die Einfallslosigkeit und Wüstheit eines weiblichen Geschöpfs derart verletzte, dass ich keine weitere Minute mit der Suche nach Liebe verschwenden wollte. Seitdem arbeite ich an meinen Programmen und bin jeden freien Tag damit beschäftigt, sie besser zu machen. Jetzt kommen Sie von der Behörde der sogenannten „Liebesrevolution“ und wollen, dass ich sie freigebe und zum gemeinhin verbreiteten Kulturschatz mache? Nein, das geht nicht. Diese Programme sind mein eigenstes, mein inneres Substrat, mein Ersatz für die nicht erfolgten sexuellen Annäherungen und Streicheleinheiten.
– Aber mein lieber Herr Konstabler, wir werden schon eine Lösung finden. Ich sehe, dass bei Ihnen eher das Zuckerbrot als die Peitsche angebracht ist. So werde ich also nächstes Mal wiederkehren, um sie endgültig zu überzeugen, die Mittel der Lust des Volkes freizugeben. Und somit alle glücklich zu machen. Zuerst aber müssen wir, wie ich sehe, Sie selbst glücklich machen.
– Kommen Sie mir nicht mit Prostituierten!
– Oh, nein, wie können Sie daran denken? Ich werde mit einer erlesenen Frau wiederkehren, die all ihre intimen Feinheiten des Geistes und Gelüste des Intellekts aufspürt und sie an jeder Stelle des Körpers und Geistes glücklich machen und vor Wonne winseln oder wie ein Baby weinen lassen wird. Bis dahin.
Und damit nahm der Mann im Anzug seinen Hut und entbot einen letzten Handgruß, bevor er aus Benjamins spartanischem Büro entschwand.
– Sagen Sie mal, bringen Sie es eigentlich noch fertig, sich im Spiegel anzuschauen? – Warum? – Nur so. Ich hatte da meine Zweifel. – Also… ich muss schon bitten. – Was? Um was bitten Sie, Mann. Seien Sie aufrichtig, stehen Sie Ihren Mann, aber jammern Sie mich bitte nicht voll, ich hab Besseres zu tun. – Um nichts. Oder doch. Um eim bisschen Anstand. Ich kenne Sie nicht, Sie kommen hier herein und stellen Ansprüche, beleidigen mich… – Na und? So läufts nun mal. Wer hat, dem wird gegeben. Wer die Eier hat, blöde Sprüche auszuteilen, dem wird alles zu Füßen liegen. – Soso. Das ist keine Philosophie für mich. – Natürlich nicht. Sie haben ja keine Eier, wie ich sehe.
Er deutete an Benjamins Körper herab, der, wie er entsetzt feststellte, splitternackt war.
Erregt wachte er auf. Nur ein Traum. Nun gut.
Er stürzte ins Badezimmer und schaute sein Gesicht an. Dasselbe alte Gesicht mit dem mürrischen Ausdruck, der einfach nicht wegging. Schon im Studium hatte er seine Physiognomie wegen dieser Eigenschaft verflucht.
Er wischte sich mit einem Waschlappen über Gesicht, Hals und Brust. Was war das für ein Alptraum gewesen? Langsam entglitten die Konturen der demütigenden Traumszene seinem Bewusstsein. Er dachte an den Vortag und das im Büro Vorgefallene. Seine Miene verfinsterte sich. Nein, das konnte er sich nicht gefallen lassen. Dieser eingebildete Mann vom Ministerium oder „Departement Revolutionseifer“, wie er selbst gesagt hatte, wollte ihm seine Programme stehlen, seine mühvoll erarbeitete Software, das Produkt von Jahren unnachgiebiger Arbeit, entbehrungsreicher Tage und Nächte, vernachlässigter Freundschaften, von den Liebschaften ganz zu schweigen…
Nein, auf keinen Fall würde er es so verramschen lassen. Das Volk dürste nach der wahren, der analytischen Liebe. Sie bräuchten Selbstvergewisserung, oder nein, der Mann vom Ministerium hatte gesagt: „Sie brauchen die Versicherung, mit der Wahl Ihres Liebhabers richtig zu liegen. Das soll ihr Programm leisten und so alle Menschen glücklich und neidlos auf das Liebesglück ihrer Nachbarn zu machen.“
In der Tat wusste Benjamin, dass seine Software diesen Anspruch erfüllen konnte, sie war variabel einsetzbar und schien geeignet, Sachverhalte zu beleuchten, die bislang noch nicht mal als beleuchtungswürdig eingestuft worden waren.
Ja, gewisse Konvergenzen und Kongruenzen konnten durch sie bewiesen werden – und diese Termini auf die Liebespaarungen und das Sexualverhalten des Menschen anzuwenden, war nur noch ein kleiner Kniff, keine langwierige Weiterentwicklung. Er stellte sich vor, wie er im Ministerium beglückwünscht würde zu seiner Arbeit, wie er vielleicht noch monatelang dort an Verbesserungen feilen und seinen eigenen Mitarbeiterstab aus hochmotivierten Uniabsolventen zugeteilt bekäme oder wie ihm verführerische Sekretärinnen das Leben erleichterten, indem sie ständig Kaffee und Gebäck brächten und falls man so weit zu gehen bereit war – aber das war er nicht, so wahr ihm Gott helfe – auch seine Sexualität während oder nach der Arbeitszeit gut auslasten könnten, ihm etwa Blowjobs zuteil werden ließe unter dem Schreibtisch, während er so tat, als sei er in Berechnungen vertieft – er würde sich einen extra dafür geeigneten Schreibtisch anfertigen lassen, der im besten Gedenken an Bill Clintons größte Schmutztaten, es einer „Flötenspielerin“ unter dem Tisch erlauben würde, unbemerkt von Dritten, die etwa das Büro beträten, ihr Werk zu verrichten und langsam, aber sicher, seinen Penis aus der engen Hülle der Unterhose befreiend, ihn zärtlich mit den Fingern umspielend und die Beschaffenheit der Haut mit ersten Küssen und Zungenschlägen erprobend –
Aber halt!
So schrie Benjamin laut auf und erschrak angesichts des verzerrten Gesichtsausdrucks, den er im Spiegel wahrnahm.
Was dachte er da? Nein, er wollte sich den Fängen dieser „Gesellschaft“ nicht ausliefern, und jetzt erst recht nicht, wo sie ihn derart zu umgarnen versuchte, weil sie etwas gern hätte, was er geschaffen hatte und nun sein rechtmäßiges Eigen nannte. Er würde fliehen, beschloss er mit einem Ruck. Jawohl, das war die beste Entscheidung. Heroisch, abenteuerlich, verwegen, so wie er immer hatte sein wollen, ohne dass sich die Gelegenheit geboten hatte.
Sein Wissen durfte um keinen Preis der Welt in die frevelhaften Hände der Volksmassen fallen. Was er mithilfe seiner Simulationen errechnet hatte, war mehr, als ein Einzelner verstehen und vertragen konnte, doch er musste es für sich behalten, und selbst wenn ihn das Gewicht dieser Einsichten erdrücken sollte.
Wenigstens dieses eine Mal hatte er eine Entscheidung getroffen, die er einhalten würde. Schnell packte er einen rudimentären Reisekoffer, sammelte seine Unterlagen und Laptops ein, überlegte, ob es nötig wäre, all seine restlichen Festplatten und Speichersticks zu zerstören, dachte dann aber, dass die eingerichtete Verschlüsselung stets den neuesten Standards entsprach und er daher recht beruhigt die Speichermedien zurücklassen könne, da es nicht möglich wäre, selbst für den best ausgerüstetsten Geheimdienst nicht, etwas aus ihnen herauszuholen.
(aus „Menschliche Natur in den Schmutz ziehen“)
Benjamin Konstabler am Apparat?
Ja, Herr Konstabler, wir wollen die App noch heute Abend. Das Parteikommittee ist ganz versessen drauf, anchdem ich ihnedn von den Möglichkeiten erzählte…
Nun, da kann ich ihnen nicht weiterhelfen. Die Codes sind im Büro und da werde ich jetzt sicher nicht allein wegen Ihnen hinfahren
Rückblenden, wie Konstabler von seinem schöngeistigen Freund Martin angefacht wird, sich mit Platons Gastmahl auseinanderzusetzen, im Speziellen mit Pausanias und Eryximachos Reden, aus denen sich die perfekte Moral für den zeitgenössischen teilnehmer am Markt- und Gesundheitsleben ableiten lässt.
Sie müssen es machen, Mann. Alle zöhlen auf Sie. Die Leute sind angeschlagen, aber diese Nachricht könnte sie moralisch aufrichten. Wir können uins selbst und dann die Volksmassen aufrichten. Die Politbüro Mitglieder träumen schon, wie man die entfremdeten Ehepaare wieder zusammenführen, den suchenden Singles wieder Mut machen kann…
Ja, aber das wird einiges an Zeit kosten. Ich schlage vor, ich rufe Sie in einer Stunde nochmal an, dann sehe ich, wie weit ich bin. Ins Büro ist es ein langer Weg, und dann muss ich die App erst aufsetzen, in betrieb nehmen, usw., es könnte eine lange Nacht werden. Aber wenn Sie sagen, es muss sein, dann mache ich es.
Na also, Konstabler, Sie nehmen ja langsam Vernunft an. Machen Sie Ihre Arbeit, ich melde mich wieder. Bis dann.
Konstabler legte auf und schnaufte erleichtert. Er hatte Aufschub gewonnen, aber war wild entshclossen, noch in derselben Nacht zu fliehen. Sein ganzes Arbeitsleben rann an ihm vorbei. Die Anfänge, sein missmutiger erster Chef, der sich bald daraufhin umgebracht hatte, seine imaginäre Liebe für Carina, die Kollegin, die ihn im zweiten Jahr in ein neues Projekt und in die Liebe einarbeitete, ihn dann aber bald fallen ließ… Alles vorbei, alles, was er gelernt und versucht hatte, musste er nun mitnehmen und aufbrechen.
Die sozialistische Überlegenheit der Form erklären. Das Zusammengehörigkeitsgefühl… der Mensch, der von solchen formalen Erziehungsmethoden und Gruppensituative geprägt ist, kann der stolze sozialistische Mensch sein, der erst einmal sein Leben in die Hand zu nehmen vermag im Gegensatz zum Westmenschen. Hier in der Gruppe ist jeder Teil, jedem wird ein Teil der Anerkennung zugesprochen und zwar gerade weil man die weißen Schulhemden teilt und sich nicht durch solche äußeren Erkennungsmerkmale abhebt.
„Nein!“, schrie Konstabler auf, als er im Auto saß. Jetzt hatte er vergessen, seine Tagebücher zu zerstören. Die lagen dort oben in der Wohnung ungesichert, da handschriftlich verfasst, worauf er als lohnmäßiger Maschinenarbeiter viel Wert legte. Diese Schweine werden sicher alles aus mir raus analysieren, meine unglücklichen Liebesversuche psychologisch deuten und breit auswälzen, dachte er. Aber egal, er musste jetzt sofort fortkommen. Er ließ den Motor an und steuerte seinen Wagen durch die nächtlichen Straßen. Wohin? Das wusste er nicht, nur raus aus diesem Land, am besten auch runter von diesem Kontinent. Mittlerweile, überlegte er, ging es gar nicht mehr darum, die uranische Liebe für sich allein zu haben, um sie zu genießen oder auf sich und sein Leben anzuwenden, sondern sie durfte einfach nicht in falsche Hände fallen: erwar überzeugt, dass die Katastrophe drohe, wenn das Volk in seinem gegenwärtigen degenerierten Zustand diese höchste Ausformugn der Liebestollheit zugemessen bekam.
Konstabler raste auf der leeren Straße Richtung Boitzenburg. Er konnte nicht mehr denken. Einfach nein, einfach… das kann nicht sein, dachte er mehrmals und ließ den Kopf sinken, bevor er ihn wieder auf die Fahrbahn lenken musste.
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