#140 Versauberung der Welt
Júlio Cortázar - Rayuela, Kapitel 93
Roberto Bolaño - Die wilden Detektive, Fischer Taschenbuch Verlag 2018, Kapitel 21, S. 511:
Amadeu Salvatierra, Calle República de Venezuela, Nähe Inquisitionspalast, México DF, Januar 1976
CHINA COVID
Mein Blick auf covid ändert sich. Wie immer ist es richtig, Marlon Grohn folgend alles aufs Gesellschaftliche runterzubrechen. Keiner hat die Wahl, sich so oder so vor einem unbekannten Virus zu fürchten. Die Gesellschaft sagt, wie es richtig geht. Sie ruft uns Einzelne auf, aus eigener, innerer Tugend und Überzeugung weise zu sein und vorsichtig mit der neuen Viruslage umzugehen, andere und sich selbst schützend, auf Lebenserhaltung und Vermeidung von Leid bedacht, ganz buddhistisch anmutend. Aber eben nicht dem wirkmächtigen Gebahren des Staates gehorchen, sondern dies aus innerem Antrieb , aus vernünftiger Einsicht ins Notwendige und Gute. Und hier eben der Fehler der Linken, sich den bourgeoisen Staat als ihren persönlichen Helden zu imaginieren, der sie schützt und gegen die rauer werdende Welt ihre Rechte verteidigt. Den sozialistischen Staat ok, dem gegenüber soll man ruhig und großzügig gehorsam sein. Aber nur, weil der bürgerliche Staat so tut, als würde er Leben schützen, während er wirklich biontech die Taschen voll macht, evtl. auf kosten zahlreicher Impfgeschädigter und Todesfälle, folgen die Linken ihm und wähnen sich bereits im Sozialismus, wo der Mensch und sein Leben erstes Abwägungsgut ist, anders als bei unserem wohlbekannten bürgerlichen Staat.
Ja, letztlich mag die Covidpandemie auch was Gutes haben, vor allem für China. Für uns hier hieße "gut" aber, auf die Revolution zuzusteuern und solche Leute, die wie Stefan und Wolfgang das framing akzeptierten, wegen offener Fußballstadien stürben am anderen Ende der Kausalkette Leute in den Intensivstationen, die offenbarten hier ihr tiefes Verkrochensein in den Hintern der bourgeoisen Selbstauffassungen.
Sie haben jegliche Glaubwürdigkeit als Mitglieder einer revolutionären Bewegung verwirkt. Wer den Unmut der Volksmassen delegitimiert und noch ausbremsen will, statt den richtigen Frust zu erkennen und durch weitere Agitationsarbeit in marxistische Bahnen zu lenken, der ist ein Handlanger des bestehenden Systems und möchte die Revolution nur insofern sie niemandem wehtut, kein Härchen gekrümmt wird, also gar nicht. So ist die Pandemie die Wasserscheide des revolutionären Ernstes. Die allermeisten Linken und Kommunisten verkriechen sich unter das warme Gefieder des Staats, sobald dieser nur mit obskuren Todesziffern und kindermädchenhaften Warnungen vor Gevatter Tod winkt. Diese Leute sind hassenswert, der Abschaum der Gesellschaft. Mit ihnen darf es keine Versöhnung geben, nur weitere Verhöhnung.
Xi hingegen verdient vollendeten Respekt. Er hat es geschafft, uns allen wieder die Wahrheit zugänglich zu machen, dass wir materielle Wesen sind und in unserem täglichen Funktionieren auf andere Menschen strikt angewiesen sind, so bei der Arbeitsteilung, im Gesundheitssystem und in der Virusübertragung. Ja, es ist ein negativer Weg der Erkenntnis: vom anderen könnte das "gefährliche" Virus auf mich übergehen und daher erkenne ich wieder, wie mein Leben mit dem aller anderen verflochten und verbandelt ist.
Dieser schlichte Sachverhalt war zumindest mir in den letzten Jahren der extremer werdenden systemimmanenten Entfremdung, Entmächtigung, Frustrierung, Ängstlichkeit und des Selbstekels etwas unzugänglich geworden. Wie oft dachte ich: Moment mal, ja, theoretisch wissen wir alle, wie vulgär und schmutzig die Basis unserer Leben ist, man verrichtet die Notdurft usw… aber kann das wirklich sein? Bin ich nicht eigentlich der saubere Citoyen, der seinen Beitrag zur Versauberung der Welt leistet? Ich mache doch einfach nur, was der Staat, die Gesellschaft, meine Eltern und Freunde von mir verlangen oder erwarten. Aber dem westlichen Bürger bleibt dann nicht mehr lange verborgen, dass dieser Beitrag eigentlich in einer "Versauung" und Vermüllung der Welt besteht (dies herausgehoben zu haben ist vor allem das Verdienst von Fridays For Future, und daran ändert nichts, dass ich deren Prämisse zurückweise, die Verantwortung gegenüber der Gesundheit des Planeten sei unsere höchste moralische Richtschnur, wohingegen ich das Verhältnis von Mensch zu Mensch als primordial setzen würde, wir müssen uns zunächst um die Beendigung der menschlichen Ausbeutung kümmern und alle Verhältnisse beseitigen und transformieren, »in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist« - Marx, MEW 1: 385 ).
Es herrscht also eine ungeheure Dissonanz zwischen Selbstanspruch unserer Gesellschaft und wirklich erlebbarer Praxis, der wir uns alle täglich unterwerfen. Diese Disharmonie analysiere ich als Produkt der Unsicherheit, wie nun das Verhältnis von sauberem Citoyen und dreckigem Bourgeois genau zu bestimmen ist. Wir alle werden vom bourgeoisen Staat, welcher der Staat der Multimillionäre und Aktienmehrheitler ist, aufgerufen, einfach unser egoistisches Eigeninteresse zu verfolgen und dafür alle aus dem Weg zu boxen, die uns in die Quere kommen, alle Konkurrenten auszustechen und Konkurrenzprodukte aus dem Markt zu werfen mittels brachialer Übermannung und rücksichtslosem Einsetzen der Marktmacht. So sollen wir also kämpfen und immer wieder aufstehen, auch wenn man sich eine blutige Nase holt. Dieser Kampf alle gegen alle ist dann aber doch nicht satisfaktionsfähig auf ideeller Ebene, wo man auch noch was geboten bekommen möchte als verwöhnter, dekadenter Westbürger. Daher geht man zum Diskurs des braven, empathischen, sozialen Citoyen über, der eine willkommene Fiktion für den blauen Himmel der gesellschaftlichen Selbsterzählung ist.
Durch die konsequente, gnadenlose Covidstrategie Chinas wurde nicht nur den Chinesen sondern glücklicherweise uns allen wieder bewusst, was es mit der materiellen Basis des Lebens und dem darin eingelagerten "Schmutz" auf sich hat. Manche sterben an verschiedensten Ursachen und Krankheiten, sehr wenige unter diesen sterben auch an Covid. Aber wer stirbt früher, wer später? Natürlich kann sich immer retten, wer Kapital hat oder zumindest in einem "kapitalgedeckten" Land wie der BRD lebt. Daher gehen wohl auch längst nicht alle migrantischen Arbeiter wieder zurück in die Heimat in ihrer Rente, wie es in dem Houellebecq-Text in #121 hieß. Denn dort wird ja keine vergleichbare medizinische Versorgung geboten und die Leute fallen einfach tot um, siechen dahin oder sterben elendig wegen Krankheiten, die hierzulande längst beherrschbar sind oder aufgrund mangelhafter oder inexistenter medizinischer Versorgung.
Dies ist Teil der grundlegenden Gewalt, die Tag für Tag vom Regime der totalitären, jeden Gedanken durchdringenden Kapitalherrschaft angetan wird. Dieses Regime ist das reine Abstraktum, das Signum des Dollars oder Euros, das sich in unseren Neocortex oder in die hintersten Hirnwindungen eingebrannt hat und uns sagt: du musst gehorsam sein, ohne Kapital stehst du vor dem Abgrund, also tue das Einzige, was dir bleibt und werde zur Ware Arbeitskraft, die überleben darf, insofern sie dem Bourgeois bei der Mehrwerterzielung hilfreich ist. Es ist also kein Einzelner schuld (ähnlich wie im Nationalsozialismus, dessen Homologie zum Profitzwang im Imperialismus Stefan sehr gut erkannt in #119), aber am Ende ist die Wirkung die gleiche, wie wenn ein faschistischer Diktator seine Divisionen losgeschickt hätte, um die Nachbarvölker abzumetzeln.
Daher muss von Kommunisten die Problemlage angepackt werden, dass wir so entfremdet von der materiellen Basis sind und uns nicht mehr trauen, an die schmutzigen, vulgären oder potentiell tödlichen Seiten unseres Lebens zu denken. Dies könnte Xi's Hintergedanke gewesen sein bei der Erarbeitung der chinesischen Covidpolitik.
Damit hätte er den Gedanken des Sozialismus gestärkt und für uns im Westen erstmals wieder denkbar gemacht. Es ist ja nicht zu leugnen, wir alle sind potentielle Virenträger und können uns nicht davor drücken, einzugestehen, dass unsere Handlungen schwerwiegende, potentiell gar letale Konsequenzen für die Menschen haben, denen wir täglich begegnen. Dieser richtige Grundgedanke - auch wenn er zu engstirnig auf die Pandemie angewendet in die paranoische Vermeidungssucht führt und Covid ja keine so schlimme Krankheit ist, dass jeder sich davor hätte schützen müssen, auch 2020 nicht - führt auf direktem Weg zur Erkenntnis der brutalen Empathielosigkeit und strukturellen Gewalt, die ins kapitalistische Wirtschaftssystem eingebaut ist und hoffentlich zur revolutionären Erarbeitung der Alternativen.
Es ist also so, als ob die reichen Länder mit einem langen Balken auf den Schultern herumlaufen und ständig links und rechts grüßen in der Annahme, so Freundlichkeiten und netten Austausch zu generieren, während man nicht wahrnimmt, wie hinter einem reihenweise die Leute niedergesteckt werden von dem schweren Balken. Die kleineren, verächtlich, ohnmächtig und traurig gemachten Länder, die die Schuld bei sich und in ihrem "Untermenschentum" suchen, wollen dann von imperialistischen Kraftmeiern wie Deutschland Tipps, wie man auch so kraftstrotzend und souverän werden könne. Das ist natürlich keine Lösung, denn das System ist das Problem. Es ist kein guter Zustand, wenn man mit den normalen Transaktionen, Motiven und Handlungen immer die anderen niederstreckt und aus dem Spiel nimmt. Hier können nie alle gewinnnen, sondern immer nur einige auf Kosten der anderen. Ein Weltsystem der händereichenden Zusammenarbeit wäre möglich, der Impuls dazu muss aus einem Land wie China kommen, wohin wir Europäer nur demütig und schamvoll blicken können. Der chinesische Panda ist der strahlende Hoffnugnsstern der Menschheit im 21. Jahrhundert.
(Im Übrigen muss ich die deutschen Vertreter der Coronafront auch deshalb so hart angehen, weil sie sich meiner Beobachtung zufolge immanent auf Chinas Vorgehen stützen und darin die Richtigkeit der Null-Toleranz gegen das Virus ableiten. Das geht mir gegen den Strich: man ignoriert oder verteufelt Chinas politische Konzepte und innovative Regierungsformen, doch glaubt bei der einen Sache, auf China blicken zu müssen, um wenigstens noch einen Rest Sinn in der zigfach unausgegoreneren deutschen Covidstrategie zu finden. Dann jubelt man darüber, wie hierzulande doch noch die liberalen Citoyenrechte gälten und in China die volle Willkür herrsche. Das Gegenteil ist richtig, hier herrscht der disperse Meinungsbrei, der Chaos und Verwirrung in den politischen Entscheidungsgremien erzeugt, in China kann noch solide regiert werden. Wir sollten aufhören, uns den hiesigen Status Quo schönzureden mit Blick auf alternative Modelle, die angeblich schlimmer und autoritärer wären. Es gibt gar keine Rechtfertigung mehr, auch nur einen weiteren Tag den Imperialismus am Leben zu lassen. Er muss beseitigt werden. Jeder, der mit Schrecken nach China blickt, macht sich schuldig, die deutsche Gewaltherrschaft inhärent zu legitimieren und ihr Fortbestehen gutzuheißen.)
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