#142 Nicht reinkommen?
Liebes hörendes Volk.
Nichts bringt meine Gemütsverfassung beim Podcasten so gut auf den Punkt wie Eminems in #49 gespieltes Werk »Till I Collapse«. Ich werde auch immer weiter machen, bis mich der Verfaschungsschutz oder sonstige unangenehme Zeitenläufte stoppen. Doch es gibt auch andere gute Rapper. Dieses Lied hier fand ich irgendwie ganz emblematisch oder programmatisch für das Gefühl, das mich auch beim Podcasten, beim »Spitten«, wie die Rapper sagen, überkommt: »Been on« von G Eazy: https://www.youtube.com/watch?v=MOjDp1Q1aqw
Man hat das Gefühl, alles loslassen zu können und sich ganz der Melodie und dem Rhythmus hingeben zu müssen. Die Sorgen der Vegangenheit sind passé. Das ist eben der Shit, auf dem man war, der einen runterzog. G Eazy’s Texte mögen etwas befremdlich wirken; woher kommt dieser Drang, schlimme Worte zu benutzen und Gewaltbereitschaft zu signalisieren? Manche werden sagen, das ist eben gang und gebe in der Rapkultur. Aber was ist dann der Grund dafür, dass die Rapper dieses Gefühl bekommen, so aggressiv zu sein? Für mich ist die Aggression ganz eng mit der Liebe verbunden. Nur wen man liebt, dem kann man auch wehtun. Auf zärtliche, mitfühlende Weise, aber eben doch wehtun. Welcher andere wäre überhaupt würdig meines Frustes? Bei den restlichen Mitmenschen geleitet einen die normale Trägheit doch dahin, gleichgültig über sie zu sein, was ja gut ist, was ein Fortschritt wäre gegenüber der christlichen Moral der Anteilnahme. Nun, Liebe, Aggression und wildes, ungezügeltes Sprechen oder Rappen stehen in einem engen Zusammenhang. Das Erleichternde am Rap, so hörte ich in dem interessanten (prorussischen, russlandpatriotischen) Podcast »Russians with Attitude« (https://podtail.com/podcast/russians-with-attitude/rwa-13-serbian-surfer-boy-schmittianism/ ), ist, dass es endlich mal nicht um Liebe geht wie in 50% der sonstigen Lieder, sondern um »Bitches and Hoes«, wie sich der serbische Gast in Episode 13 dieses wunderbaren Podcasts ausdrückte. Darin liegt in der Tat etwas Richtiges. Beachtet auch, dass G Eazy ja schon durch seinen Künstlernamen signalisiert, er drifte gern ins Kitschige (cheasy) ab. Also ist das alles auch als bewusste Übertreibung zu verstehen. Und damit ist G Eazy genial. Er lebt die Stereotype und kitschigen Annahmen der heutigen Zeit über das Leben und die Liebe voll aus. Seine Vorfahren wanderten übrigens aus der Ukraine in die USA ein, so gibt wikipedia Auskunft.
Auch »These things happen« ist ein schönes Werk von ihm, aber am besten gefällt mir »Been On«. So fühle ich mich. Im Moment surfe ich auf der Welle der Polyamorie und fühle mich beflügelt und berauscht. Ich weiß nicht ob es richtig ist. Vielleicht hat ja doch die gesunde Moral recht, die sagt, es gehe nun mal nicht, sich ganz über die geistig-sozialen Beschränkungen einer Zeit, die fester denn je an die exklusive Monoliebe glaubt, hinwegzusetzen. Aber ich fühle mich wohl und will im Moment gar nicht weitergehen auf diesem Weg, sondern auf die feminine Initiative warten. Wer sich angesprochen fühlt, soll mich doch bitte ansprechen. Ich bin ein Geschenk, das ausgepackt werden will, aber sehr langsam, da es sich um fragiles Glas handelt. Gern möchte ich mich öffnen, viel preisgeben, es müsste nur jemand richtig nachfragen. Z.B. über meinen Podcast, mein wertvollstes Stück. Doch hier trifft wohl das zu, was Nietzsche schrieb: »Worin sich die Edelsten verrechnen. – Man gibt jemandem endlich sein Bestes, sein Kleinod – nun hat die Liebe nichts mehr zu geben: aber der, welcher es annimmt, hat daran gewiß nicht sein Bestes, und folglich fehlt ihm jene volle und letzte Erkenntlichkeit, auf welche der Gebende rechnet.« (Morgenröte, Kap. 445) Die Welt, die ich mit meinen Episoden beschenke, wird wohl nie wertschätzen können, was ich ihr da anvertraue.
Zumindest kann es wohl niemand ganz und gar erfassen, was der Podcast für mich bedeutet, welche Kraft ich für ihn aufwende und welche Energie mir aber auch wieder zufließt durch das befreiende Gefühl, eine brettstarke Episode im Kasten zu haben.
Wohin wird sich mein Podcast entwickeln? Man weiß es nicht, man kann nur spekulieren. Einen Autor möchte ich aber besonders herausheben, das ist Marlon Grohn. Seine Texte verdienen mehr als alle anderen die Behandlung in Tischlein, deck dich. Denn sie machten mir einst Angst und ließen mich zittern, erbeben und fürchten, ich möchte dem hohen materialistischen Ideal, das sie verkörpern, in meiner täglichen Praxis als sich heranbildender Kommunist nicht gerecht werden. Und so ist es ja immer noch, zu selten komme ich dazu, Lenin zu studieren. Das Wichtige zu verstehen ist aber, dass die Angst und Einschüchterung auch etwas Gutes sind. Und dass gerade das, was einem an der Arbeitswelt oder Bildung zunächst gegen den Strich geht und sich unangenehm anfühlt, die strikten Zwänge, Aufforderungen und Maßregeln, in Wirklichkeit der einzige Weg sind, das träge Tier Mensch zu zivilisieren und seine ungeordneten Kräfte in produktive, schöpferische, tätige Bahnen zu lenken. Hier kann man auch an das Training im Sport denken. So ist es also auch mit dem Kommunismus. Manche Weltbüger, auch jene aus den Ländern der ehemaligen UdSSR, rümpfen die Nase und stempeln einen als abgespaceten Träumer ab, wenn man erwähnt, dass man Kommunist ist. Sie beharren auf den autoritären Zwängen, die das System Kommunismus ihren Eltern und Großeltern aufzwang. Doch diese Zwänge der sogenannten realen Welt, mit denen oder gegen die wir alle irgendwie operieren müssen, waren keineswegs eine Erfindung der Bolschewiki sondern sind eine Naturkonstante, die sich durch die gesamte Geschichte zieht.
So konnten die Bolschewiki 1917 nicht wissen, dass sie den Sozialismus in nur einem Land aufzubauen hätten und erstmal Industrien und Modernisierungen aller Arbeitsmethoden im ganzen Land auf den Weg bringen müssten, was ihnen trotzdem phänomenal gut gelang. Den Leuten in der UdSSR ging es dadurch definitiv besser als unter einer potentiellen Fortführung der Zarenherrschaft. Trotzdem war man noch nicht beim vollständigen Kommunismus angekommen sondern in einer sehr frühen Phase, die die Grundlage für spätere Weiterentwicklungen legen sollte. Einige demagogische, geschichtsblinde Kapitalknechte jaulen dann aber auf und bemerken, den Leuten sei "die Freiheit" weggenommen worden. Dazu von mir nur der Hinweis, dass in jedem Land der Welt, z.B. Brasilien, die autoritäre Gesellschaft den Individuen Grenzen ihrer Entwicklungsmöglichkeiten setzt. In Brasilien haben Millionen nicht mal genug zu essen, aber selbst die, denen es besser geht, haben dort sehr eingeschränkte Entwicklungschancen, weil der Kapitalismus nun mal so ist, dass er Myriaden an Verlierern produziert im Ausgleich für die paar freien Gewinner. Er garantiert seinen Bürgern kein Recht auf Arbeit wie die sozialistischen Staaten es taten. Menschen sind für den Kapitalismus nur Rohmaterial, nützlich in der Erzeugung und der Vertilgung von Waren. Um diesen Kreislauf dreht sich sein ganzes System. Produzieren, vernichten, Profite einfahren. Es ist ein Kampf aller gegen alle, eine entfesselte Urwaldbestialität. Jeglicher übergeordnete Gesichtspunkt fehlt im liberalen Weltbild, ein Plan fürs Ganze kann hierin nicht aufgestellt werden.
Ich erwähne Brasilien, weil ich mal da lebte und es mir einfach wichtig ist, zu betonen, die Einwohner dieses Landes sind genauso wichtig wie EU-Bürger oder Bürger der ehemals sozialistischen Staaten. Vielleicht fällt es mir leichter, diese recht einfache Aussage zu treffen, weil ich mehrere Jahre im entfernten Ausland lebte und irgendwie gibt einem so eine Erfahrung doch einen ganz anderen Blick auf die Welt und ein Gefühl für die Gesamtheit und das Gesamtgefüge, das sie umfasst oder darstellt. Es ist doch ziemlich langweilig, aufzuzählen, was alles falsch läuft mit dem Kapitalismus, es ist sehr leicht erkennbar und man kann auch nur hier in den deutschen Grenzen schon genügend finden, etwa die Dehumanisierung der Arbeiter im System der Lohnarbeit, das eine geistige und körperliche Sklaverei ist, das den Schluss erzwänge, die sozialistische Revolution sei trotz aller Unklarheiten und Ungewissheiten doch vorzuziehen und möglichst rasch in Gang zu setzen. Trotzdem könnte es erhellend sein, auch den Blick nach Brasilien zu wenden und sich fragen, wie der Kapitalismus ein Land, ein Volk so zugrunde richten, knechten, demütigen kann, ohne dass jemand einschreitet. Um einen Begriff der gesamten Welt zu gewinnen, müsste man diese strukturelle Gewalt gegen Kinder etwa, die auf der Straße aufwachsen müssen und so weniger Entwicklungsmögliochkeiten haben allein aufgrund materieller Beschränkungen und Verweigerungen, mit der Gewalt vergleichen, welche die erfolgreichen sozialistischen Staaten des 20. Jahrhunderts mit sicher nicht nur erfreulichen Auswirkung zur Stabilisierung der Herrschaft der marxistischen Wissenschaft und der Arbeiterklasse aufwendeten. Denn ein hochwirksamer ideologischer Mechanismus zur Verhinderung neuer sozialistischer Staaten ist der Verweis auf "Stalins Terror" oder die in manchen Bereichen trostlose Situation der Spätzeit in der Sowjetunion. "Da hättest du ja wohl auch nicht leben wollen, also ist ganz klar, der Sozialismus darf nicht widerkehren". So lautet das Ressentiment, das die wirkmächtigen Kapitaldiktatoren (die keine wirklichen Personen sind sondern anonyme Gesellschaftsstrukturen) uns einpflanzen. Ja, sicher gab es in der Sowjetunion auch falsches. Niemand, zumindest kein gefestigter Kommunist, der die Phase der Revolutionsromantik überwunden hat, würde behaupten, das Leben werde gleich nach der Revolution einem Schlaraffenland ähneln. Die Grundrichtung der bolschewistischen Politik stimmte aber. Ich führe es auf die extrem angespannte Weltsituation der 30er und 40er Jahre zurück, dass man das ab etwa den 50ern nicht mehr wirklich so sehen konnte und den Glauben an sich und das kommunistische Projekt langsam verlor. Zudem kam ich im Verlaufe der 140er-Folgen zu dem Schluss, dass es ein Fehler Stalins war, sich aus dem Iran zurückzuziehen nach dem Ende des 2. Weltkrieges und sich auf Osteuropa zu konzentrieren. Es tut mir so leid, euch Deutschen, Rumänen und sonstigen Europäern das ins Gesicht zu sagen, aber: ihr habt den Sozialismus nicht verdient, das hat der Verlauf der Geschichte gezeigt, ihr seid dumme, begierlich nach Westen blickende, bemitleidenswerte Kreaturen. Aber so ist letztlich ja die ganze Welt; es liegt nicht an den Individuen sondern hat vielleicht auch mit Geografie, Kultur, dem Verlauf der Geschichte in den Vorjahrhunderten und anderen Faktoren zu tun, dass man im Rückblick sagen kann, es war ein Fehler, Osteuropa eine so große Bedeutung beizumessen und man hätte von Russland aus besser den Blick nach Süden und Osten gewendet. Der Iran hätte es verdient gehabt oder es wäre eventuell eine bessere geopolitische Strategie gewesen, sich auf ihn zu fokussieren und ihn mitzuschleppen und zu zwingen auf den beschwerlichen Weg hin zum Sozialismus, dem gemeinschaftlichen Wirtschaften. Denn die Rote Armee stand damals am Kriegsende schon in Persien, um die Neutralität des Landes sicherzustellen. In Teheran fand ja auch das erste Zusammentreffen der drei Staaschefs Churchill, Roosevelt und Stalin statt. Hier wurden strategische Eckpunkte diskutiert für den Sieg über Hitler, später folgte die bekanntere Konferenz von Jalta auf der Krim. Nach der Kapitulation Deutschlands lockten die Briten und Amerikaner Stalin wieder heraus und schufen durch diesen Trick die Grundlage dafür, selbst das Land okkupierten, um ein Marionettenregime zu installieren.
Aber ich schweife ab. Auch wenn Grohns Schriften in den nächsten Episoden immer noch nicht erschöpfend behandelt werden, ist doch dieser eine Punkt enorm wichtig, dass Autoritarismus etwas Gutes ist, das uns helfen kann, unser Leben auf die Reihe zu bekommen. Freilich kommt es darauf an, welche Autorität, ob die eines revolutionären Staates oder die brachiale Kapitalmacht, die ein zigfach autoritäreres Regime ist als das, was die Aliyevs und sonstigen Herrscher kleiner, kapitalschwacher Länder wie Azerbaijan betreiben. Aber selbst innerhalb des Kapitalismus kann uns die Arbeit, wenn auch in ihrer pervertierten Lohnform, Kraft und Selbstbewusstsein geben. Daher sollte man als Kommunist auch darauf bedacht sein, an etwas Wirklichem, Handfestem zu arbeiten, statt sich in die Zitadellen der Medien oder Unis zu flüchten, wo man meint, ein lauschiges Plätzchen vor der gewalttätigen Welt zu finden. Der Podcast ist meine Zitadelle aber er ist nicht das wahre Leben. Ich möchte nur festhalten, dass man das Ressentiment gegen die Arbeit ablegen sollte. Auch und gerade als Künstler kann einem eine andere, bürgerliche Arbeit neben dem Kunstmachen viel bringen. Der Austausch mit Kollegen, das Wahrnehmen der anderen Personen und Gesichter, der Probleme, Sorgen und Merkwürdigkeiten an diesen anderen, das ist die wahre Würze des Lebens und da man schlecht nichts tun kann, bietet es sich ja an, zu arbeiten. Die Arbeit ist schon mal ein Vorgeschmack auf den Sozialismus und wir dürfen sie auch heute schon genießen und wertschätzen, trotz all der unangenehmen Nebeneffekte, die sie im Kapitalismus begleiten.
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Roberto Bolaño: Los detectives salvajes (Die wilden Detektive)
Fischer Taschenbuch, 2018
S.45: »Ich habe María Font angerufen. Ich habe gesagt, ich wolle sie treffen. Ich habe sie angefleht…« — Besuch im Nuttenviertel
S. 69: » Ich erforschte mit angehaltenem Atem Marías nackten Körper, Marías glorreichen nackten Körper, obwohl ich am liebsten geschrien und jeden Winkel, jeden samtweichen, endlosen Teil dieses Körpers einzeln bejubelt hätte. María hingegen war weniger zurückhalten und fing schon nach kurzer Zeit an zu stöhnen, und ihre zunächst vorsichtigen, abwartenden Gesten wurden allmählich offenherziger (mir fällt einfach kein anderes Wort ein), während sie meine Hand an Stellen führte, die diese selbst, sorglos und unbekümmert, wie sie war, bisher noch nicht aufgesucht hatte. Auf diese Weise erfuhr ich in weniger als zehn Minuten, wo sich die Klitoris einer Frau befindet und wie man sie massiert oder streichelt oder drückt, stets natürlich innerhalb der Grenzen der Sanftheit, Grenzen, die María selbst ständig überschritt, denn mein Penis, der während des Vorspiels noch freundlich behandelt worden war, verwandelte sich unter ihren Händen schon bald in einen Märtyrer; das waren Hände, die mir in der Dunkelheit und inmitten der verknäuelten Bettlaken mal vorkamen wie die Krallen eines Falken oder einer Fälkin, mit denen sie ihn, wie ich schon befürchtete, aus seiner Verankerung reißen wollte, mal wie chinesische Zwerge (mit den Fingern als chinesischen Wanzen), die die Räume und unterirdischen Röhrensysteme zwischen meinen Hoden und dem Penis vermessen wollten. Dann (aber nicht ohne vorher meine Hosen bis auf die Knie herunterzulassen) beugte ich mich über sie und schob ihn hinein. …«
Link zu Hobby-Historiker: Antwort von Negron Luis auf die Frage, ob Deutschland den 2. Weltkrieg hätte gewinnen können. https://qr.ae/pryUeR
https://www.youtube.com/watch?v=sbim2kGwhpc
Andere Antworten: https://www.quora.com/Could-Germany-have-won-World-War-II-if-they-had-not-attacked-the-Soviet-Union
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