#144 Rohe Triebe wurden sublimiert
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Arbeit macht unfrei - aber das ist etwas Gutes.
Arbeit Tdd Gescihte: erst in Arbeitswelt fühlte ich mich integriert, bereit zum Senden, ausdrucksstark, mutig
Hacks Industrie Konsum Zitat S. 457 von »Marxistische Hinsichten«, Eulenspiegel Verlag:
»Ziel des Kommunismus ist, dass die Population ihre wirklichen Bedürfnisse in vernünftigem Umfang ohne Gegengabe von Geld befriedigt. Wer die Spezies je verstanden hat, weiß, wie die Reaktion auf Überfluss aussieht: Auf Zeiträume der Konsumverachtung und Minimalverbrauchs folgen Zeiträume des Luxus und der Verschwendung. Der Mensch artikuliert sich einmal im Wechsel der Moden. Der Kommunismus bedarf also einer Industrie, die zehn Jahre lang so viel wie möglich herstellt, und zehn Jahre lang so gut wie gar nichts, und das bis in alle Ewigkeit. Man sage mir, wie das ohne einen Tyrannen durchführen.«
Liebe Freunde!
Ja, heute spreche ich euch intim an, als meine treuen Begleiter, auf die ich baue und denen ich meine schwersten Gedanken anvertraue. Denn ich baue auf euch, dass ihr mit mir die nächsten Folgen durchstehen wollt, komme da, was wolle.
»There’s no I in friends«, hieß es in dem letztmalig verlinkten Lied von Luke Mitrani. Und so hoffe ich, ihr wollt unsere Freundschaft zwischen Hörer*innen und Sprecher ehren und über die ein oder andere Ungereimtheit, Vulgarität oder Flegelhaftigkeit in meinem Podcastprodukt hinwegsehen. Denn zur Höflichkeit gehört vor allem auch das Darüberhinwegsehen, -hören oder -riechen über manch unpässliches Erzeugnis, das einem anderen entfahren ist, wie Robert Pfaller in seinem neuesten Werk lehrt.
Mein geliebtes Publikum also, meine einzig würdigen Rezipienten:
Für die Verzögerung der Publikation dieser Folge muss ich als Entschuldigung den Zweifel anführen, wie das in ihr inhaltlich zum Ausdruck gebrachte Lebensmotto oder Weisheitsrätsel aus einer Fußnote (Nr. 67, siehe unten) von Marlon Grohns Werk »Kommunismus für Erwachsene«, dass Arbeit selbst im Kapitalismus ein Fortschritt- und Befreiungselement ist, durch meine eigenen Worte euch noch begreiflicher zu machen sei. In untenstehenden Textfragmenten habe ich versucht, dieser Frage nachzuspüren, warum die Arbeit einen solchen bedrückenden aber auch befreienden Doppelcharakter hat. Die Sache ist freilich noch nicht ganz rund geworden und zu Ende elaboriert, aber das ist ja die Krux mit der Arbeit. Zuvor biete ich euren aufmerksamen Augen aber noch die wörtlichen Zitate des Autors dar.
Marlon Grohn: „Kommunismus für Erwachsene“
Im Podcast gelesen ab S. 118ff: Luhmann — Macht — Guillotine und Standgericht zu neuen Ehren verhelfen
Hier in den Shownotes ab S. 115:
Herrschaftskritik und das Elend des Emanzipatorischen
Das große linke Ignoranzprogramm gegen Begriff und Geschichte von Herrschaft
»Die Behauptung, der Mensch könne bestimmte Dinge können, bevor die nötigen Voraussetzungen geschaffen sind oder die, er solle Dinge immerhin in Angriff nehmen, bevor er sie können kann, geht gewöhnlich nach hinten los und blinder Eifer schadet nur. Es seien derartige Behauptungen, schlagen die Blochianer vor, als trotzige Entwürfe zu ehren. Aber Trotz, das ist für Kinder. Ein Kind durchläuft seine Trotzphase doch nicht mit vier Jahren, damit wir ganze Literaturen im Trotzalter wiederfinden.« (Peter Hacks: Die Schwärze der Welt am Eingang des Tunnels, S. 450f.)
(Weiter von Grohn)
»Grundlegender Irrtum emanzipatorischer Herrschaftskritik ist es, Herrschaft als abstraktes Problem zu fassen, also das rein Formale bereits zum Inhalt zu nehmen, der zu bekämpfensei. Sie kritisieren nicht etwa die Art der Herrschaft (z.B. bürgerliche) oder ihren Zweck, sondern lehnen Herrschaft prinzipiell ab, was allein schon davon zeugt, dass die herrschaftskritische Ideologie sich nicht bemüßigt fühlt, zu einem wirklichen Begriff von Herrschaft zu gelangen, sondern ihr diese nur als Popanz dient, dem sie alles subsumiert, was ihr irgendwie gerade nicht passt oder wie Zwang und Unterdrückung anmutet. Diese Begriffslosigkeit ist immerhin konsequent, denn in der Tat bedeutet der Begriff ja immer: Macht, Gewalt, die von ihm ausgeht; weswegen die Komplettenthirnung der Massen als legitimes und logisches Ziel der Herrschaftskritik schon mal festgehalten werden kann. Man darf also als Kommunist, als ein Mensch, dem an der Herrschaft des Proletariats gelegen ist, die Commünisten durchaus als Gegner betrachten, schließlich wird man von ihnen auch als Gegner angesehen.
Weil bei Marx die Rede davon ist, man solle die herrschende Klasse stürzen, sind sie der irrigen Annahme, man müsse immer jede herrschende Klasse beseitigen - also auch im Sozialismus, was dem vollendeten Irrsinn gleichkommt: Bei Marx und selbstredend, was die Commünisten schonmal gar nicht interessiert, auch bei Lenin galt der Sturz der herrschenden Klasse noch als ein Instrument, mit dem die Herrschft (»Diktatur«) der gebrauchswarenproduzierenden und lohnabhängigen Klasse (»Proletariat«) zu ermöglichen ist. Den Herrschaftskritikern ist dieses Instrument nur noch verallgemeinerter Selbst- und Endzweck allen Treibens. Wenn Marx dazu drängt, sich gegen die herrschende Form der Arbeit (Lohnarbeit) zu stellen, dann verstehen die Herrschaftskritischen davon nur die Hälfte und stellen sich gegen jede Arbeit (die im Sozialismus einbegriffen), während Marx davon spricht, der Sozialismus werde den Bedürfnissen UND Fähigkeiten der Menschen gerecht, lassen sie wieder die eine Hälfte weg , weil Fähigkeiten auf Autorität beruhen und sie Autoritäten nur als Herrschaft auffassen können. Es wird schnell ersichtlich, dass man es hier nicht mit redlichen Kommunisten zu tun hat, sondern einmal mehr mit dem Ressentiment gegens Wirken als solches, gegens Große, gegen die revolutionäre Tat. Alles Maßgebliche erscheint ihnen als Produkt von Herrschaft, Geordnetes als bloßer Zwang. Sie besitzen kein Maß, das über die verallgemeinerte Negation von Autoritäten hinausgeht.
Selbstverständlich ist, wer in der bürgerlichen Gesellschaft von »Zwang« redet, dem er wiederum die »Freiheit« entgegensetzt, noch Idealist: Zwang und Freiheit sind in dieser Gesellschaft längst eins. Die Freiheit erlangt man hier erst, indem man sich den gesellschaftlichen Zwängen unterwirft, und diese Zwänge erhalten ihre Legitimation, weil sie mit dem Drang zur individuellen Freiheit kalkulieren, ja diese erst ermöglichen. Wo aber Regeln von Nöten sind, und das ist überall der Fall, wo mehrere Menschen in Beziehung zueinander leben, muss individuelle Freiheit logischerweise beschränkt sein. Diese Beschränkung von Freiheit aber kommt den Herrschaftskritikern wie unnötiger Zwang vor, der sofort abgeworfen werden müsse und könne. So wird Herrschaftskritik umgehend zur Zivilisationsfeindschaft.
(…)
Der Herrschaftskritiker will es seinem fragmentierten Bewusstsein gemäß, also möglichst simpel, das heißt: unrealistisch. Der Materialist hingegen weiß, dass es heutzutage nur die reaktionäre Konfusion stützt, wenn von Herrschaft Einzelner über Einzelne die Rede ist, wo es in Wahrheit um das weltumspannende Riesengefüge namens Klassenherrschaft geht. Die Klassenherrschaft (des Adels, der Bourgeoisie, des Proletariats etc.) ermöglicht ein spezifisches politisches Betriebssystem (Monarchie, parlamentarische Demokratie, Arbeiterräterepublik usw.), dieses erzeugt die jeweilige Gesellschaftsform (Lehnswesen, Kapitalismus, Planwirtschaft etc.). Macht innerhalb dieses Systems ist abhängig von den beiden letzteren Instanzen, die ihre Grundlage bilden. Macht kann erst ausgeübt werden, wenn die bestimmten System- und Herrschaftsvoraussetzungen erfüllt sind. Eine bürgerliche Klassenherrschaft ermöglicht beispielsweise keine Staatsmacht, die sozialistische Politik betreibt, umgekehrt duldet eine Herrschaft der proletarischen Klasse keinen Kapitalisten an der Macht (was, einmal kapiert, en passant die Illusion vom »Dritten Weg« irgendwo zwischen Kapitalismus und Sozialismus als gänzlich hinfällig erweist).
Mit der Macht verhält es sich also nicht so einfach, wie es die Herrschaftskritischen gerne sähen; genausowenig wie diese Opfer von Anarcho-Ideologie erkennen, dass Macht nicht einfach tun kann, was sie will, sondern Erfüllungsgehilfe der jeweiligen Systemerfordernisse ist, ihnen also das Verhältnis von Macht und Herrschaft unbegriffen bleibt. Selbst ein systemtheoretischer bürgerlicher Soziologie wie Niklas Luhman erreicht eine der Sache angemessene Begriffshöhe, wenn er davon spricht, dass »in einem ganz allgemeinen Sinne (…) Macht davon abhängig ist, dass das verlangte Handeln möglich ist. Unmögliches kann nicht befohlen werden.« (Niklas Luhmann, Macht im System, S. 46)
Die Macht ist gar nicht so mächtig, sie ist nicht einfach die durchregierende Herrschaft, sie bleibt in all ihren Entscheidungen an die jeweiligen Zwecke des Herrschaftssystems, also ans grundlegende Gesetzeswerk des entsprechenden Staates gebunden. Wer anderes als das darin Festgelegte beabsichtigt, ist ganz schnell wieder weg von der Macht, sollte er sie überhaupt je erlangen. Die Herrschaft selbst wiederum ist als solche nun leider gar nicht konkret am Kragen zu packen: sie existiert nur im Gesetzbuch, welchem Staat und Macht unterworfen sind, sie ist eine so abstrakte Größe, die letztlich allen möglich nicht einfach mal so abzuschaffenden Einzelzügen der Gesellschaft und der psychischen Struktur ihrer Gesellschaftsglieder selbst innewohnt, also keine real greifbare Instanz darstellt, gegen die man sich konkret physisch wenden könnte, wenn man zur revolutionären Tat schreiten will. Der Revolutionär hat sich also zunächst einmal umzuschauen, wo die Heben außerhalb der anonymen Verwaltung zu finden sind, durch die sich Herrschaft heute durchsetzt.
Die Hampelmannhaftigkeit der Mächtigen ließe sich ausnutzen. Aber der Herrschaftskritiker kritisiert lieber weiter das schlechte Wetter (»Soziale Kälte«, »Betriebsklima«, »Kaltland« etc.) wo man doch als Marxist sowohl die altbewährte Feindschaft zur Tauschwertproduktion propagieren als auch gut erprobten Mitteln wie der Guillotine und dem Standgericht wieder zu neuen Ehren verhelfen könnte. (Fußnote 66) Stattdessen wird die gesamte Herrschaft und deren Geschichte rundheraus abgelehnt. Begründet wird das mit den Grausamkeiten der Herrschaftsgeschichte. Man betrachtet jedwede Form von Herrschaft zu allen Zeiten als ein abzustellendes Übel, ohne die durch sie erlangten Errungenschaften zu würdigen; Dinge wie Entwicklung und also Limitierung durch Notwendigkeiten von Entwicklungsprozessen existieren für den Herrschaftskritiker nicht; dem Kapitalismus wird die Unterdrückung angekreidet wie dem Feudalstaat das Lehnswesen und überhaupt dem gesamten Mittleralter seine Mittelalterlichkeit.
Aber wenn man sich das mit den Grausamkeiten (Fußnote 67) und deren angeblich alleiniger Verursachung durch Herrschaft einmal genauer anschaut, zeigt sich, dass die Behauptung, aller Unbill der Welt liege in der “Herrschaftsförmigkeit“ von Gesellschaft begründet, unhaltbar ist: Da wäre schon mal die Herrschaft des zivilisierten Menschen über die Natur (und nicht nur die äußere, auch seine innere: rohe Triebe wurden sublimiert): die allmähliche Beherrschung der Natur gestattete den Menschen, die Entledigung von einem Großteil ihrer Zwänge zu bewerkstelligen. Die gesamte Kultur der Menschheit basiert darauf, den unmittelbaren tierischen Drang in sich zu verzögern und zu beherrschen, eben: zu sublimieren, zu verfeinern, auf eine höhere Stufe von Daseinsform zu heben. So kam die Zivilisation auf. Kultur beruht also grundlegend erst einmal auf Naturbeherrschung — einer Form von Herrschaft, die man als vernünftiger Mensch nur befürworten kann. Wer diese Art der Herrschaft — über Naturzufälligkeiten und Wildheit — zurückschrauben möchte, will die Barbarei, darüber ist man sich in der gesitteten Welt einig.
Die nähere Betrachtung der Menschheitsentwicklung als ganzer legt nahe, dass auch die Unterordnung von Individuen unter größere Zwecke notwendig für den gesellschaftlichen Fortschritt war, welcher wiederum auch den einzelnen Untergeordneten zugute kam. Aber was nicht nur Hegel und Marx, sondern sogar der bürgerlichen Politik Selbstverständlichkeit ist, gilt der Herrschaftskritik immer noch als Legitimierung von unmenschlicher Herrschaft.
In Anbetracht der Gegenwart gesellschaftlicher Herrschaft müsste sich ja zumindest bei Linken allmählich einmal die Einsicht durchsetzen, dass es im Interesse einer sozialistischen Umwälzung nicht um eine Ablehnung von einfacher, unbestimmter Form von Herrschaft gehen kann: also etwa zeitlich beschränkter Hierarchien oder lokaler Autorität, die qua Kompetenz anderen überlegen und deshalb logischerweise auch mit mehr Macht ausgestattet ist, was natürlich letzten Endes immer zu Abhängigkeitsverhältnissen führt, die der Herrschaftskritiker wiederum schon als kritikwürdige Herrschaft umzudeuten sich nicht entblödet. Im Krankenhaus beispielsweise ist es der Herzchirurg, der den Patienten operiert, es ist nicht die Putzhilfe; — wenn das Herrschaft ist, nehme ich diese gerne hin. Wer da ein Problem sieht, dem ist nicht mehr zu helfen. Er repräsentiert nur das völlige Gegenteil der generellen Herrschaftsbefürworter, ist Teil einer Kritikströmung, die vor allem den bourgeoisen Verteidigern von Herrschaft nichts Vernünftiges entgegenzusetzen hat; es bleibt bei der Totalablehnung von Herrschaft, die dann in der Konsequenz ja auch das eigene, angeblich revolutionäre Projekt undurchführbar macht.
Denn diese Sorte von Herrschaftskritik ist natürlich zugleich eine Gewaltkritik, womit jede Möglichkeit für Kommunisten genommen ist, ihre angestrebte Gesellschaftsform in die Realität umzusetzen — etwa qua revolutionärem Bürgerkrieg, Standgerichten oder allgemeiner fröhlicher proletarischer Laternenbehängung. Es zeigt sich, dass die Herrschaftskritik notwendig auf Antikommunismus und Konservierung der bestehenden Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse hinausläuft. Wer Autorität prinzipiell nicht anerkennen will und zusätzlich auch noch Gewalt ablehnt, macht seine Ohnmacht perfekt und verhindert überhaupt die Bildung einer kommunistischen Handlungsgrundlage.«
Fußnote 66 von „Kommunismus für Erwachsene“ auf S. 260:
„Die Ziel- und Planlosigkeit der Anarchoiden ist die konsequente Erfüllung bürgerlicher Systemerfordernisse. Wo die Gegner des Systems planlos sind, kann das System weiter obsiegen. Die Produkte einer chaotischen Erziehung der planlosen bürgerlichen Vorstellungswelt lügen sich dann im Verlaufe ihrer Pubertät dieses Chaos als selbstbestimmte, autonome Widerständigkeit zurecht. Die bürgerliche Anarchie der Warenproduktion bringt Arbeitsmarktwaren hervor, die anarchisch sind; soweit ist das kein Wunder. Aber dass diese Art von Konformismus immer noch als Nonkonformismus durchgeht, bezeugt ja doch die Begriffslosigkeit der Szene.“
Fußnote 67: »Der Arbeiter muss im Kapitalismus nicht erst durch einen 8-Stunden-Tag »geschädigt« werden, wie marxologische Lohnarbeitskritiker behaupten; geschädigt ist er auch so schon, dazu reicht die Freizeit. Ob er nun vor dem Fernseher vergammelt oder im Alltag der Warenproduktion in seiner Idiotie versumpft — es muss schon eine prinzipielle Arbeits-, d.h.: Betätigungs-, also auch Veränderungs- und Zivilisationsfeindschaft vorliegen, um von allen Beschädigungen ausgerechnet die Arbeit, die ja überhaupt erstmal die Konstituierung der Menschheit bedeutet (vgl. Friedrich Engels: Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Dialektik der Natur, Marx Engels Werke Band 20, S 444-455), und sei es in Form der Lohnarbeit, als das größte Übel auszumachen. Die Nazis meinten, dass Arbeit frei mache, die Linksradikalen beklagen das genaue Gegenteil, sie mache unfrei — was, wie der Bolschewist wiederum ergänzt, ja sogar stimmt, aber eben nichts schlechtes ist.«
— Grußworte 144
Was uns Marlon Grohn in dem heute behandelten Text lehrt, ist schwer zu verdauen. Ja, der Kapitalismus ist ein ganz übles, ganz unrechtmäßiges System, das, wenn man eine Moral aufstellen wollte, möglichst schnell gestürzt und durch etwas Besseres überwunden werden muss. Aber trotzdem sollten wir nicht blind alle Bestandteile der kapitalistischen Welt ablehnen. Insbesondere die Arbeit ist doch für die gegängelten Proletarier ein Kraftquell und Glücksmoment. Jene Proletarier, die qua ideologischer Staatsmacht im liberalen Lande aufgerufen sind, sich auch als »Bürger« zu fühlen, ganz so, als hätten sie die Produktionsmittel und die aus ihnen erwachsende Soueränität, frei über ihr Leben zu gebieten und sicher durch jegliche Krisen und Herausforderungen zu steuern, wie es eben nur ganz wenige, die Angehörigen der sogenannten Bourgeoisie haben. Bourgeoisie und Proletariat, diese beiden Klassen sind also die Grundbausteine der marxistischen Weltanschauung und dass sich vielleicht nich alle Phänomene der Realität in dieses dialektische Schema pressen lassen, soll uns nciht hindern, es zu nutzen, da man mit diesen Begriffen schon mal deutlich mehr sieht und begreift als ohne sie.
Ein heiliger Hass auf alles, was bourgeois ist, kann uns unterjochte Proletarier antreiben und Mut machen, damit wir irgendwann die revolutionäre Situation herbeiführen, in der wir die politische Macht im Staate übernehmen können.
Doch der Hass ist ohnehin der Grundbaustein der bürgerlichen Welt. Der Bourgeois hasst seine Kokurrenten, die er vom Markt fegen will, hasst die Arbeiter, die ihm nicht schnell und billig genug produzieren, hasst die Aussicht, nächstes Jahr weniger auf dem Konto zu haben als dieses oder dass seine Kontosummen langsamer anwachsen möchten als die des Nachbarn. Und so werden wir ideologisch als BRD-Kapitalbürger im Windschatten dieses Bourgeois dazu erzogen, uns abgrundtief zu fürchten und zu gruseln vor der Vorstellung, uns könnte es auch so dreckig gehen, an den Kragen gehen, wie es vielen Menschen weltweit, etwa in Kenia geht, wo die Kinder nicht mal eine rudimentäre Ausbildung erhalten oder wenn sie zur Schule gehen, ihnen die nötigsten Materialien wie Stifte, Schuhe usw. fehlen. Das ist diese grundliebenswerte Liberale Welt, von der Wolfgang M. Schmitt so schwärmt und die zu erhalten er sich geschworen hat, im heiligen Kampf gegen die Überzeugungen seines angeblichen Theorievaters Marx.
Jedenfalls stehts hier in Deutschland nicht gar so schlimm, das wissen wir ja alle, nicht wahr? Und aus dieser Angst also, abzustürzen, an den Rand der Gesellschaft, der sehr groß ist, wenn man die ganze Welt zur Gesellschaft rechnet, verkümmern die so beherrschten und nach den Vorstellungen des Kapitals zurecht geschnitzten Menschen etwa in Westeuropa und trauen sich nicht mehr, die politischen Herrschaftsgebilde infrage zu stellen sondern begnügen sich mit albernen social media Memes, durch welche sie ihre ironische Distanz zur herrschenden Politikerklasse auszudrücken meinen.
Diese Ironie überdeckt nur notdürftig die unendliche Verzweiflung, die einen überkommen kann in dieser kalten bürgerlichen Welt, in der man ein austauschbares Rädchen im Getriebe der Produktion ist, nichts verbindet einen mit den Mitmenschen, jeder kümmert sich um sich selbst und verhandelt sein eigenes Gehalt, seinen Wert nach Gutdünken und ist überzeugt, dies sei der beste Zustand, den man als Menschheit jemals erreicht hat und alle vorhergegangen Zeitalter würden nur neidisch auf unsere heutige Zeit blicken können, wenn sie sie sehen könnten. Oder zumindest muss man diese Überzeugung ja spielen, um den anderen zu vermitteln, man sei ein normaler Mensch, nicht krank oder gebrochen oder kaputt gemacht vom entfremdenden System der Lohnarbeit, dem der Hass innewohnt wie der Wolke der Regen.
Man will ja zum Beispiel noch jemanden finden, der einen liebhat und daher muss man eben diese bürgerliche Person darstellen, die mit alledem noch zurande kommt, auch wenn man definitiv das Gefühl hat, dies nicht zu tun.
HASS
D.H. Lawrence — Lady Chatterley, Rowohlt Verlag 1960, S. 58:
ZITAT
»Aber was haltet ihr vom Bolschewismus?« warf der braune Berry dazwischen, als hätte die ganze Unterhaltung auf diese Frage hingesteuert. »Bravo« brüllte Charlie »was haltet ihr vom Bolschewismus?«
»Los, lasst uns den Bolschewismus zerfetzen!« rief Dukes.
»Ich fürchte, der Bolschewismus ist ein weites Feld« meinte Hammond und schüttelte ernst den Kopf.
»Mir scheint, dass der Bolschewismus ein äußerster Hass auf alles ist, was bourgeois heißt« sagte Charlie »und was das ist, bourgeois, das steht nicht ganz fest. Unter anderem bedeutet es Kapitalismus. Gefühle und Empfindungen sind auch so dezidiert bourgeois, dass der Mensch erst gefunden werden müsste, der sie nicht hat.
Außerdem ist das Individuum, besonders die Persönlichkeit bourgeois; folglich muss sie unterdrückt werden.
Man muss völlig eingehen in die große Sache, die sowjetsoziale Sache. Sogar ein Organismus ist bourgeois: folglich muss das Ideal im Mechanischen liegen. Das einzig nichtorganische, aus vielen verschiedenen, gleich wichtigen Teilen zusammengesetzte Ganze ist die Maschine. Jeder Mensch ist ein Maschinenteilchen und die treibende Kraft der Maschine Hass… Hass auf den Bourgeois. Das ist Bolschewismus in meinen Augen.«
»Genau!« sagte Tommy »und gleichzeitig scheint mir das eine perfekte Beschreibung für das Industrialisierungsideal schlechthin zu sein. Das Fabrikbesitzer-Ideal in einer Nussschale — nur dass der Fabrikbesitzer abstreiten würde, die treibende Kraft sei Hass. Aber trotzdem ist es der Hass: der Lebenshass selbst. Seht euch nur diese Midlands an, ob er ihnen nicht aufgeprägt ist… Aber es ist alles Teil des geistigen Lebens, es ist eine logische Entwicklung.«
»Ich bestreite, dass der Bolschewismus logisch ist, er stößt die meisten Prämissen über den Haufen« warf Hammond ein.
»Mein Lieber, er gestattet sich die Prämisse der Materie; das tut auch der reine Geist, indem er sie ausschließt.«
»Jedenfalls ist der Bolschewismus bis auf den Grund der Dinge vorgedrungen« sagte Charlie.
»Auf den Grund! Den Grund, der keinen Boden hat! Die Bolschewisten werden in ganz kurzer Zeit die beste Armee in der Welt haben, mit der besten technischen Ausrüstung!«
»Aber das kann doch nicht so weitergehen — dieser Hass. Das muss doch eine Reaktion geben…« sagte Hammond.
»Ach, wir haben schon seit Jahren gewartet, wir werden noch länger warten müssen. Hass ist etwas Wachsendes — wie alles andere auch. Er ist die unausbleibliche Folge, wenn man das Leben in Ideen zwängt, wenn man den innersten Instinkten Zwang auferlegt. Unsere tiefsten Gefühle zwängen wir in bestimmte Ideen. Wir treiben uns mit einer Formel an, wie eine Maschine. Der logische Geist gibt vor, das Gefüge zu beherrschen, und das Gefüge verwandelt sich in schieren Hass. Wir sind alle Bolschewisten — nur, dass wir Heuchler sind. Die Russen sind Bolschewisten ohne Heuchelei.«
»Aber es gibt viele andere Möglichkeiten« sagte Hammon »nicht nur die sowjetisch. Die Bolschewisten sind im Grunde nicht klug.«
»Natürlich nicht. Aber manchmal ist es klug, beschränkt zu sein — wenn man an sein Ziel kommen will. Ich persönlich halte den Bolschewismus für beschränkt; aber für genauso beschränkt halte ich unser soziales Leben im Westen. Und für genauso beschränkt halt ich unser vielzitiertes geistiges Leben. Wir sind alle so kalt wie Kretins, wir sind alle so leidenschaftslos wie Idioten. Wir sind alle Bolschewisten, nur geben wir dem Kind einen anderen Namen. Wir halten uns für Götter… für gottgleiche Menschen! Es ist genau dasselbe wie Bolschewismus. Man muss menschlich sein und ein Herz und einen Penis haben, wenn man der Alternative entgehen will, entweder Gott oder Bolschewist zu sein. Das ist nämlich gleich: beide sind zu gut, um wahr zu sein.«
ZITAT ENDE
Dieser wunderschöne Abschnitt aus Lawrence’ Roman gibt das Gespräch mehrerer englischer Adeliger in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg um 1920 wieder, als die Sowjetunion gerade gegründet wurde, was 1922 geschah. Die Zusammenkunft der befreundeten Blaublüter findet auf einem Gut in den Midlands statt, die von Nebel und Bergwerken beherrscht sind, in denen die ausgezehrten Proletarier täglich 12, 14 oder mehr Stunden schuften. Die Profiteure dieser Klassenherrschaft hegen dennoch gewisses Verständnis oder sogar Sympathien mit der bolschewistischen Ideologie, die vom großen Zusammenhang aller menschlichen Maschinenteile ausgeht, wie dieser Abschnitt des Romans aufzeigt. Wir alle sind Punkte und einzelne Steinchen, ohne die Gesamtheit der Steine oder Punkte sind wir nichts. Und da wir heutzutage noch bourgeoise politische und wirtschaftliche Verhältnisse haben, die unser aller Lebensäußerungen und Sinnenkraft unterdrücken und zugrunde richten, muss mit einem harten Kampf gerechnet werden, um die bourgeoise Produktionsweise der Gesellschaft endgültig umzuwälzen, zu überwinden und die ersten Schritte in Richtung eines kommunistischen Gemeinwesens zu gehen, in welchem die »Punkthaftigkeit« aller menschlichen Individuen in der Staatsform adäquat gespiegelt und aufgehoben ist. Diese erste Etappe wird Sozialismus heißen, doch wir dürfen nicht glauben, ihn ohne Hass erringen zu können. Dafür sind die ideologischen, militärischen und sonsitgen bourgeoisen Apparate der Kontrerevolution weltweit viel zu stark. Wir müssen uns als Kommunist*innen, die es ernst meinen, also in den gewalttätigen Kampf gegen die Bourgeoisie stellen oder uns geistig auf dieses Szenario vorbereiten.
——
Der Hass wohnt dieser Welt bereits inne und man kann nicht voluntaristisch sich seiner entledigen und meinen, wir könnten soziale Verbesserungen erreichen, indem wir auf Kuschel- und Schmusekurs zu den Mächtigen der BRD, vor allem zu ihren mächtigen Ideologiegebilden gehen.
An der Stelle möchte ich noch eine persönliche Erfahrung einbringen. Mir war dieser Hass auch schon länger bewusst, sagen wir, er wohnte in mir, ohne dass ich ihn produktiv verarbeiten und nach Außen wenden konnte. Ohnehin ist das ja der Trick des bürgerlichen Systems, die Individuen zu solch schwachen, angeekelten, untätigen Luschen zu erziehen, dass sie definitiv keine revolutionäre Aktion gegen das bürgerliche System zustande bringen und dieses also weiter obwalten kann, Generation um Generation, Kritikerschule um Kritikerschule überdauernd. Hass an sich ist also nichts Schlechtes (und hat ja auch viel oder alles mit der Liebe zu tun, höre hierzu Folge 105), aber wenn er dazu führt, dass man gar nichts mehr machen und anpacken möchte, weil man denkt, es könne ohnehin nicht so gut werden, wie es müsste und man habe sowieso keine Chance, gegen diese grundhassenswerte verdorbene Welt anzugehen, dann handelt es sich um schlechten Hass. Die Güte des Hasses können wir also daran festmachen, inwiefern er uns produktiv oder unproduktiv macht. »Die einzige Form zu kämpfen, ist, zu produzieren«, sagt der brasilianische Filmressigeur Glauber Rocha. Was mir also seit 2020, als auch der Tdd-Podcast erstmals wirklich an Fahrt aufnahm, half, den Hass in Produktivität zu verwandeln, waren zum Einen natürlich philosophische Texte von Slavoj Zizek, Robert Pfaller, Marlon Grohn und weiteren, doch zum Anderen eben auch die Tatsache, dass ich damals meinen ersten unbefristeten Arbeitsvertrag unterschrieb und in die Welt der Lohnarbeit als vollwertiger Arbeiter eintrat. Dieser Status, einfacher Arbeiter zu sein, reduziert auf meine Arbeitskraft und das, was ich täglich mit meinen Fingern erzeugen kann, scheint zunächst frustrierend und einengend, verleiht aber auch einen ganz eigenen Stolz, den proletarischen Stolz des werktätigen, fleißigen Schufters. Dieses Schuften in den Fabrikhallen oder Büroräumen setzt einen manchmal ganz schön unter Druck, aber man kann sich doch sagen, dass es alles nicht seine Richtigkeit hat, man auch nicht versteht, von welchen Mächten man da beherrscht wird, nach welchen Gesetzen die Oberen in den Chefetagen entscheiden… aber trotz alledem Stress und der Frustration über unverschämte Kunden oder unfähige Vorgesetzte kommt doch immer wieder auch dieses Gefühl des Stolzes hervor, der Stolz, dass die Firma nicht auf einen verzichten könnte, dass man einen wichtigen Teil der Arbeit erfüllt und dass ohnen einen auch der Arbeitsablauf und die Produktion ins Stocken geraten würden. Diese Position also gab mir die Kraft, zum Mikrofon zu greifen, meinen Podcast und meine Texte endlich so ernst zu nehmen, als seien sie schon heute meine professionelle Arbeit. Das ist ein sehr schwieriger Schritt, weil man ja daran glauben muss, dass die eigenen unfertigen Gedanken wirklich wert sind, weiter bearbeitet zu werden, auch wenn noch nicht klar ersichtlich ist, was später mal aus ihnen herausgearbeitet werden wird, so wie der Steinhauer die Skulptur aus dem Stein schlägt. Die Sicherheit, eine normale Lohnarbeitsstelle als Software-Entwickler innezuhaben, gab mir den nötigen Schwung für meine künstlerische Podcastarbeit. Man braucht eben etwas Äußeres, Autoritäres, was einem einen Platz und eine Aufgabe zuweist, zu der man jeden Tag zurückkehren kann. Allein könnte man nämlich sein Leben gar nicht in die Hand nehmen, das ist in der modernen Welt anhand der Arbeitsteilung eigentlich offenkundig, trotzdem beruht der Liberalismus auf der Behauptung des Gegenteils, jener Liberalismus, der derart verschimmelt und verrottet ist, dass wohl selbst seine Befürworter sich nicht mehr die Mühe machen, seine Thesen ernst zu nehmen sondern sie als notwendige Medizin oder auch den edlen Wein akzeptieren, den es zu schlucken gilt, um die horrende Unverständlichkeit und Unappetitlichkeit der bestehenden Weltordnung ertragen zu können.
Also das wollte ich nur ausdrücken, weil es in Bezug zu den vorgelesenen Textfragmenten aus »Kommunismus für Erwachsene« steht. Wir sollten die Arbeitswelt nicht grundsätzlich verdammen, auch wenn sie heute leider eingebettet ist ins entwürdigende System des Kapitalismus. Aber trotzdem kann nur aus der proletarischen Klasse der Funke der Hoffnung hervorgehen, der zur Umwälzung der Lebens- und Produktionsverhältnisse führt und gerade darum gilt es, zur Proletarierin oder zum Proletarier zu werden um in diesem entscheidenden Kampf an einer sinnvollen Stelle zu stehen. So waren meine gesamten antikapitalistischen Podcasts nur möglich, weil mir der Kapitalismus immerhin diese Entfaltungsmöglichkeit im Beruf einräumte und mir dieses Grundgerüst und Selbstvertrauen gab. Weil mich die Arbeit unfrei macht, kann ich diese dialektischen Fragen der Überwindung von entwürdigenden Zuständen durch den Kommunismus überhaupt in Angriff nehmen.
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—-zensur — überflüssig durch obiges —- These: Das Wohcenende ist für die Proletarier weit demütigender als der Arbeitsalltag unter der Woche, wo einem die Produktivkräfte aus freien, unerschöpflichen Quellen des genossenschaftlichen Reichtums, der beim gemeinschaftlichen Produzieren in der Werkhalle oder im Büro, entsteht, zufließen. Worunter wir Proletarier leiden, ist also das System der Lohnarbeit, auch als System der Dehumanisierung zu bezeichnen. Es ist nicht die Lohnarbeit selbst, da diese ja immerhin noch einige Arbeitselemente enthält, die wenn sie auch unter den erdrückenden kapitalistischen Bürokratie- und Profitmaßgaben stehen, das eigentliche menschliche Zusichselbstkommen begründen. Da nur wer mit den eigenen Händen etwas aus der Umwelt und der feindlichen Natur erschafft, sich als Schöpfer und Transformierer fühlt, welches Gefühl eben den Menschen auszeichnet. Des Weiteren lässt sich sagen, dass der ganze Bereich der Liebe weit schlimmer und furchterregender für die Proletarier ist als die Arbeit. in der Arbeit schafft man es ja doch, auch wenn man davor vielleicht Angst hatte, aber am Ende können es doch alle irgendwie fertigbringen, sich einzubringen und mitzumachen. Aber in der Liebe? Da scheint es, muss man auf alles gefeit und mit allen Wassern gewaschen sein. Die Liebe ist das Schlimmste, was einem unter den Bedingungen der gegenwärtigen Entfremdung und Dehumanisierung widerfahren kann. Trotzdem sollte man mutig auf sie zugehen, um schon mal zu üben für die zukünftigen Liebesformen nach der Revolution, nachdem oder während dessen alle menschlichen Verhältnisse revolutioniert, auf den Kopf gestellt und über den Haufen geworfen werden.
———————zensur ende————————-
Bolschewistische Arbeitsstrukturen einrichten! Das könnte unserem Leben einen annähernd vergleichbaren Sinn geben, wie es die Urmenschen in der Urzeit empfanden, wenn sie gemeinsam auf Jagd oder zum Beeren- und Pilzesammeln loszogen. Da wusste jeder, es kommt auf meinen Beitrag an, ich will nicht zurückstehen sondern meinen Teil für die Gruppe leisten udn beitragen. Heute hingegen arbeitet jeder für sich und verhandelt seinen eigenen Arbeitsvertrag aus, versucht, die Kollegen auszustechen und über ihnen zu stehen. Dass diese Welt der freien Konkurrenz, wie sie von den marxistischen Klassikern bezeichnet wird, keine lebenswerte und menschengerechte mehr ist sondern vielmehr einzig und allein monopolistisch auf die Bedürfnisse des Kapitals zugeschnitten, sollte jedem klar wahrnehmenden Denker oder jeder Denkerin offekundig sein. Und wahrscheinlich wird das Leben innerhalb dieser bolschewistischen Arbeitsstrukturen noch nicht mal annähernd so angepasst unserer Natur und unseren Bedürfnissen sein, so un-entfremdet wie das Leben der Jäger und Sammler. Sondern dieser Sozialismus ist erst mal nur ein Glas Wasser, das einem gereicht wird, während man als Arbeiter*in im Begriff ist, in der kapitalistischen Wüste zu verdursten. Er ist nichts Besonderes, nichts Abschließendes, das den Weg für alle Zeiten aus der menschlichen Misere hinaus weisen könnte. Erst über schwere Kämpfe der Klassen über Jahrhunderte hinweg können wir dahin vordringen und der Kommunismus, die ideale Gesellschaftsform, wird sich dann langsam am Horizont abzuzeichnen beginnen.
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Am Ende bleibt mir nur ein letzter Versuch, meine Gedanken zum Thema Herrschaft, Zwang und Arbeit nochmals kondensiert zusammenzubündeln: Der »interne Controller« ist eine Wortschöpfung, die ich vor einigen Jahren an einem trüben grauen Tag in der Universitätsbibliothek zu Tübingen fasste, als ich noch dort studierte. Jetzt erinnerte ich mich wieder an sie. »Mein interner Controller sagt mir X«, so in etwa hieß es im ersten Abschnitt damaligen Text. Was ich darunter verstehe, ist eine Art Bewusstseinszentrale, in der alle Fäden zusammenlaufen, wo Entscheidungen getroffen werden. Eigentlich eine schöne Sache, denkt man sich. So sieht die Freiheit aus. Jetzt muss ich sie mir ja nur noch herausnehmen und genießen. Aber der Wille, der laut Hegel nichts anderes als die Freiheit ist, geht manchmal verschlungene Wege. Manchmal kommts mir so vor, er wolle sich so schmutzig und niedrig fühlen, nur um die übrige Welt zu genießen, also die Unfreiheit. Wie dem auch sei, jedenfalls kommt man mit dem internen Controller nicht viel weiter. Der Begriff erinnert mich auch an Sigmund Freuds Begriff des Unbewussten, jener psychischen Instanz, die Teil unseres geistigen Lebens ist, aber unter der Bewusstseinsoberfläche verborgen ihr Geheimleben führt und Einwirkungen auf das Ich zeitigt. Dieser Hinweis kann weiterhelfen. Denn was ich an der Problematik des internen Controllers so faszinierend finde, ist die Tastsache, dass es mir so vorkommt, wie wenn es nur ein einziges Feld gibt, die Liebe, in welchem der interne Controller wirklich aufbegehrt und sich zu kraftmeiernden Ansprüchen aufschwingt. Und mit Liebe meine ich hier natürlich Sexualität. Diese Situation, in der man ein potentiell begehrenswertes Wesen da draußen sieht und sich vorstellt, wie angenehm es wäre, etwas mehr Zeit mit diesem Wesen zu verbringen, das ist die einzige Situation, in der man die Stärke und Unerbittlichkeit des internen Controllers voll zu spüren bekommt. Für den Rest des Lebens reicht sein Aktionsradius allerdings nicht aus; um das eigene Leben zu ordnen, in ruhige, mäßige, gesunde Bahnen zu lenken sowie Fähigkeiten zu entwickeln und Bedürfnissen nachzukommen, kann man nicht auf diesen sogenannten Controller bauen. Da braucht es also wohl oder übel »externe Controller«. Und ein solcher Kontroll- und Zwangsmechanismus von Außen kann die Arbeit sein. Diese Arbeit, die wenn auch unter kapitalistichen Vorzeichen zu etwas Ambivalentem, Marktförmigen degradiert, ist doch der einzige Hoffnungsschimmer der Menschheit und kann selbst im Kapitalismus zu positiven Resultaten an menschlicher Bildung und geistigem Genuss führen. Ohne diesen Zwang geht’s nicht. Und das ist das Grundparadox des heutigen individualistischen Liberalismus. Man soll ja autark sein, ganz nach eigenem Gutdünken das Leben gestalten, aber von vornherein die vorgegebenen Rahmenbedingungen des Kapitalismus akzeptieren und auf dem Markt eine Arbeit suchen, die einen ausgezehrt und abgespannt zurücklässt und gerade mal reicht, die nötigsten Kosten für das eigene Leben zu decken. Man kann dagegen aufbegehren, so wie ich die nun 144 Folgen von Tischlein, deck dich als Waffe ansammelte und mich schärfte, um dieses System effektiv bekämpfen und stürzen zu können. Aber das erfordert auch Arbeit, die mal mehr, mal weniger schwer ist. Aber woher kommt der Antrieb zu dieser Arbeit? Wenn ich oben von Sexualität schrieb, dann meine ich damit zum Großteil unerfüllte, sehnsüchtig wartende Sexualität, da ich nie einen Hehl daraus machte, auf diesem Gebiet relativ wenige Erfahrungen aufzuweisen zu haben. Selbst dieses unerfüllte Anschmachten und die Akzeptanz des fast aufdringlich angenehmen Empfindens der Sexuallust und erotischen Spannung kann schon Antrieb genug sein - vielleicht, unter den richtigen Bedingungen, die dann gegeben sind, wenn man sich der Öffnung der Welt, der »Lichtung« im Heidegger’schen Sinne in Form einer realen Situation, Beziehung, Person, was auch immer, jedenfalls etwas Realem oder der Möglichkeit dazu aussetzt und empfänglich dafür ist. Aber auch und vor allem nach dem Eintreten des Liebesereignissen und des Eingehens eines romantischen Zweierbundes der Liebe in einer festen Beziehung lässt sich übermäßig viel Antrieb finden zum Produktivsein, Schreiben, Podcasten, Arbeiten. Dies habe ich ja dank meiner Ex-Freundin erfahren, die ich immer noch liebe, wenn auch auf polyamoröse Weise. Doch dieses »wenn auch« fasst auch schon die ganze Problematik der hier lauernden Seelenabgründe zusammen: so als ob die polyamoröse Liebe nicht die einzig wahre, vernünftige wäre. Dies sind die Kämpfe, die ich innerlich ausfechte, aber das führt weg vom eigentlichen Thema der Behrrschung. Es braucht den »Externen Controller«, sei es in der Liebe diese bestimmte oder unbestimmte andere Person, die uns in Aufregung und Aufwallung versetzt, oder in der Arbeit die äußere Struktur des Tätigseinmüssens und des Eingebettetseins ins soziale Netz der Produktion neben den Kolleg*innen, als Teil der Proletariermasse.
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Zu guter letzt offenbare ich euch noch meinen Text von damals, etwa 2017, den ich wie ich mich zu entsinnen meine in der Bibliothek an der Wilhelmstraße aufschrieb, bei den Geisteswissenschaftlern unten im Tal, wo ich mich immer wohler fühlte als auf dem Berg in den allzu männerlastigen Naturwissenschaftsfakultäten:
Mein interner Controller sagt mir: was ich brauche ist X. Dies ist unumstößlich wahr. Die Prämissenn dieser Konklusion hängen von nichts mehr ab, stehen für sich im luftleeren Raum. X ist ein Anspruch, ein Zeitfenster, in dem geschehen darf, was nicht gedacht werden kann, was jenseits der Formen liegt. Der Zweifel jedoch fragt, was wenn in dieser Situation der Festlegung auf X, im Moment des Bekenntnis ein Fehler auftrat? Wenn also, da dieser Moment sicherlich außerhalb X lag, er nicht mit jenem jenseitigem Odem erfüllt war, der allen wahren Entscheidungen zugrunde liegt. Na gut, dann fiel die Entscheidung eben wie ein Baum, der gefällt wird. Das Ziel ist trotzdem klar uund das Ziel ist definiert als ein Zustand, in welchem das Unabänderliche der äußeren Realität freudig begrüßt werden kann. Ein Zustand also, in dem nicht mehr Zweifel und Diskussionsbedarf herrscht anhand von glasklaren Erscheinungen wie etwa Sonnenstrahlen und Schattenlinien, herbstliche Strßenzüge einer einzigen beständigen Örtlichkeit und vielem mehr. Ein Zustand also, in dem all das verschwimmt. Denn wie kann ich noch Schatten wahrnehmen, wenn der Schatten von vorneherein bedingungslos zu akzeptieren ist? Es geht nicht, ich werde kein Objekt mehr wahrnehmen. Denn die Wahrnehmung eines Eis oder einer Frucht beruht doch auf dem Erfahrungsschatz, der mir sagt, wie lecker und söttigend das Objekt ist. Dass es eben nicht ein Objekt der sexuellen Begierde, der Langeweile und Ermattung, der Intellektualität, sondern eines der Nahrung ist und nur in dieser Hinsicht für mich bedeutend sein kann. Die Erfahrung ist aber falsch. Denn wie könnte das Ei nur zum Essen da sein? Erstens ist es durchaus vorstellbar, dass ein unbekanntes Objekt y nur zum Essen zu brauchen ist. Dies ist eine gültige Proposition. Doch wenn die Festlegung auf ein Ei bereits getroffen ist, dann kann es nichts anderes mehr geben als dies Ei. Alles andere, alle hineingedachte Differenz zwischen Ei und Umwelt ist hiermit verloren. Das Ei ist die Seinsform des Universums und somit ist schon egal, ob es Ei, Frau oder Laterne ist. Es ist das eine, was im Blick der Wahrnehmung steht.
Nun, nach einigen intensiven Schritten durch Tübingen schließe ich die Anstrengungen für heute ab durch diese Notizen. Sie sind kein Erkenntnisstenograf, sondern Symbol des beschaulichen Endes des heutigen Kampfes.
Was kann man schon tun mit den Abendstunden? Leere, Stillstand, Hoffnungslosigkeit. Außer man verfolgt einen Weg. Man lebt die Erleuchtung. Gut, dann denkt man und denkt weiter, aber irgendwann kommt der Punkt zu fragen, über was eigentlich. Darauf gibt es keine Antwort. Postel meint, wichtig sei nicht das Erlebte, sondern Erzählte. Dieser Schule zufolge muss ich mir stets klar werden, was ich da mache. Jederzeit steht die Perspektive auf das tatsächliche Leben im Vordergrund, die Frage, welches Narrativ, welchen Sinn man den Ereignissen verleiht. Das ist mir zu aufwändig. Entscheidend ist vielmehr das Erlebte, also etwa eine Entscheidung. Die Erklärungen, Gründe, Einordnungen für sie haben alle ihre Berechtigung und ihre Sphäre. Aber das ist nicht das wichtige. Die Entscheidung ist getroffen und hat Auswirkungen. Jetzt muss ich sehen, wie ich damit zu Rande komme. (…)
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