#146 Wir Bourgeoisiekinder 🇦🇷 🇦🇷 🇦🇷
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Diese Folge widme ich meinem Mitbewohner aus dem Senegal, der vor Kurzem eingelocht wurde wegen angeblicher Drogendelikte. Jede Arbeit ist wichtig, auch jene, die an den Rändern und Schattenseiten der Gesellschaft stattfinden.
Die bürgerliche Welt bildet uns, legt die Grenzen und Pfade unserer Träume und Begierlichkeiten fest. Sie ist widersprüchlich, verschwendet auch ihre Ressourcen; man weiß nciht, warum sich Überbauphänomene manchmal so selbstständig machen wie die Drogenverfolgung, obwohl sie nicht mit den Erfordernissen der Basis erklärt werden können. Man weiß auch nicht, warum der Kapitalismus nicht Afrika entwickelt und auf unseren Stand der Produktivkräfte bringt, einfach um dort wiederum größere Absatzmärkte zu haben und weiterzuwachsen. (Höchstens mit dem typisch kapitalistischen Verfolgungswahn und Gefühl der Bedrängung, Unsicherheit ist das zu erklären, dass es einen stetigen Wettkampf der Nationen geben muss, worin die meisten zurückbleiben und niedergewirtschaftet werden, um die Sieger zufriedenzustellen) Es gibt viele Widersprüche und Ungereimtheiten. Aber wir alle sind nur so hier und der eine versucht so, der andere anders seine Schädigungen und Deformierungen durch das System zu überwinden und eine gewisse Rebellion auszudrücken. Der Kapitalismus ist immer noch besser als Anarchie und Gesetzlosigkeit. Aber sollte sich die Möglichkeit ergeben, ihn zu entthronen, werde ich nicht zögern, das Schwert zu ergreifen, im klaren Bewusstsein, dass auch er nicht gezögert hätte, mich einzukerkern oder schlicht zu erschießen in den gegebenen Umständen oder wäre ich auf einem anderen Weltteil geboren, wo dem Staat nicht so viel an juristischer Genauigkeit gegen seine Bürger liegt und man auf einfache Weise jemanden loswerden kann. Vor allem diese Frage: wofür das alles? Mag sein, dass es Gefängnisse braucht, auch im Sozialismus noch, wenngleich die Menschen dort weniger Neigungen haben werden, ihre Mitmenschen zu schädigen, da sie ja in besseren Umständen produzieren und sich verwirklichen können. Aber was ist mit uns, die wir noch außerhalb der Gefängnisse sind; was ist das für ein Leben, das wir leben hier und heute? Soll man wirklich sagen: das bin ich und im großen Ganzen bin ich zufrieden, zolle dem gerade geltenden Gott und Kaiser meinen Respekt und lebe in den Rastern, die vorgesehen und um meiner Befriedigung willen errichtet wurden?
Weiter unten findet sich mein heute vorgelesener Text, sowie zum Schluss ein unsignierter Liebesbrief; zunächst aber weihe ich euch ein in einige Überlegungen von Karl Marx. Diese Zitate gab es schon als Shownotes unter Folge 133, an dieser Stelle noch einmal. In der heutigen Folge las ich den von meiner Wenigkeit verfassten Abschnitt ab »Weitere, weitschweifige Anmerkungen« vor.
Karl Marx http://www.mlwerke.de/me/me06/me06_503.htm
»Wozu also eure heuchlerischen, nach einem unmöglichen Vorwand haschenden Phrasen? Wir sind rücksichtslos, wir verlangen keine Rücksicht von euch. Wenn die Reihe an uns kömmt, wir werden den Terrorismus nicht beschönigen. Aber die royalistischen Terroristen, die Terroristen von Gottes- und Rechts-Gnaden, in der Praxis sind sie brutal, verächtlich, gemein, in der Theorie feig, versteckt, doppelzüngig, in beiden Beziehungen ehrlos. (…) In Paris wird der vernichtende Gegenschlag der Junirevolution geschlagen werden. Mit dem Siege der 'roten' Republik zu Paris werden die Armeen aus dem Innern der Länder an und über die Grenzen ausgespien werden, und die wirkliche Macht der ringenden Parteien wird sich rein herausstellen. Dann werden wir uns erinnern an den Juni, an den Oktober, und auch wir werden rufen: Vae Victis! [Wehe den Besiegten]
Die resultatlosen Metzeleien seit den Juni- und Oktobertagen, das langweilige Opferfest seit Februar und März, der Kannibalismus der Kontrerevolution selbst wird die Völker überzeugen, daß es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehn der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehn der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel - den revolutionären Terrorismus.«
Oder noch ein anderes Zitat von Marx aus der »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie«:
(http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm )
»Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem [am Menschen] demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln! Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezifisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt. Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt. […] Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.«
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Hier nun mein heute vorgelesener Text, erstveröffentlicht als Teil einer längeren Textkomposition in den Shownotes unter Folge 133:
Wir Bourgeoisiekinder
Weitere, weitschweifige Anmerkungen, Ergänzungen: Nach der Publikation merkte ich, dass ich mich in dem untenstehenden Text nur auf Francis Fukuyama statt auf Slavoj Zizek bezog, über den die beiden Sprecher im Neue-Zwanziger-Podcast auch geredet hatten und dessen Thesen ich aufgreife und an manchen Stellen fälschlich Fukuyama attribuiere, was aber nicht weiter schlimm ist, die beiden verkünden das liberale Credo, den melodischen Singsang der Menschenrechte und freiheitlichen Ideale. Hier ist die NZP-Folge:
https://neuezwanziger.de/2022/06/2038/
Die Essays der beiden Meisterdenker Fukuyama und Zizek findet ihr dort verlinkt. Meine Kritik bezieht sich auf beide gleichermaßen, sowie auf Wolfgangs affirmierende Wiedergabe ihrer Texte, die ich noch nicht kenne, was ich eventuell nachholen werde, sobald mir meine geistige Verfasstheit gestattet, in die dermaßen miefige düstere Dunkelkammer und Werkstätte der liberalen Ideale hinabzusteigen. Bei diesen Worten denke ich auch an Nietzsche und an Folge 13 von Tischlein, deck dich! Nietzsche ist sicher ein wertvoller, wichtiger Philosoph trotz seiner antikommunistischen Haltungen. Zizek hingegen, in begrifflichem Delirium, bezeichnet sich meines Wissens weiterhin als Kommunist. Nun ja, wie gesagt, zunächst nach der materiellen Basis des eigenen individuellen Lebens zu schauen ist nur grundmenschlich und ich bin aufgrund meiner Biografie in keiner Position, hier jemand anderen zu kritisieren. Nur muss man dann, wenn man das dreckige Westgeld annimmt und sich im Gegenzug zur Hure der liberalen Gewissenspredigung und dreisten Imperialismusaffirmation erniedrigt, so ehrlich sein, sich auch nicht mehr als Kommunist zu bezeichnen. Dann ist man einfach ein sozialchauvinistisches, reaktionäres Schwein, ein U-Boot der Bourgeoisie in den unüberschaubaren Verästelungen der Arbeiterbewegungen und linken Strömungen. Fukuyama ist in dieser Hinsicht keinerlei Vorwurf zu machen. Er ist Liberaler durch und durch. Wenn auch einfältig, so ist seine Philosophie dennoch auf der begrifflichen Ebene ehrlicher und weniger hinterlistig.
Zudem bezieht sich mein Frontalangriff natürlich, wie könnte es anders sein, vor allem auf (meinen geistigen Podcastvater) Stefan und seinen Blick auf seine eigene Biografie sowie die zahlreichen Biografien, die durch den Fall der Mauer und die "Wende" sowie ihre Pendants in den anderen vormals sozialistischen Ländern gebrochen oder beflügelt wurden. Was denken Wolfgang und Stefan eigentlich über die Russische Revolution von 1917 und über den letzten Akt ihrer lang vorbereiteten Zerschlagung von 1991? Das ist einfach meine Frage; was Putin oder die russischen Kommunisten denken mögen ist sicher auch interessant, aber schon allein aus sprachlichen Gründen sollten wir uns hier auf den nationalen Rahmen beschränken und überlegen, wie eigentlich wir Deutschen auf diese zwei Schlüsselereignisse des letzten Jahrhunderts blicken. Meine Befürchtung ist eben, diese beiden unterscheiden sich in ihrer Geschichtsauffassung und historischen Durchdringung kaum von der Mehrheitsmeinung hierzulande und die heißt nunmal: die UdSSR war eine Diktatur (also fast so oder schlimmer als die Hitler-Diktatur) und 89 bedeutete Freiheit und die Rückkehr der grundlegenden liberalen Rechte zur freien Entfaltung des eigenen Lebens, der eigenen Talente und Sehnsüchte, so wie sie jedem Menschen von Geburt an zustehen und nur von den böswilligen Betonköpfen im Kreml den eigenen Bürgern vorenthalten wurden. Dies ist leider ganz falsch, so falsch, dass ich im Moment noch nicht mal die ganze Tiefe der Falschheit dieser deutschen Selbstgewissheiten ausmessen kann und dieser historische Kurs, auf den ich den schwerfälligen Podcasttanker Tdd im Verlauf der 110er-Folgen einschiffte (basierend auf der Bewunderung für die Essayistik von Peter Hacks, dessen Glanzstück "500 Jahre Imperialismus" in #106 drankam), daher also noch eine Weile lang weiterverfolgt werden wird, um diese deutschen Irrtümer, die der "Wiedervereinigung" zugrunde liegen, voll zu vermessen und zu kartografieren.
Ich mache keine Kompromisse. Ich weiß noch, als wäre es gestern gewesen (sorry für den schmalzigen Ton, die Historie und die Erinnerung ist ein schwieriges, aufwühlendes Gebiet), wie ich etwa 2011 in Buenos Aires in der Goethe-Schule saß und unser Deutschlehrer, der aus dem Ruhrgebiet stammte, sich wand und um Worte rang, um das rege Interesse der argentinischen Schüler für das historische Dagewesensein des Sozialismus in der DDR zu befriedigen. Diese jungen Argentinier waren neugierig, wollten wissen, wie es gehen kann, einen Staat mit einer völlig anderen Regierungsform, Verfassung und anderen Grundsätzen zu betreiben als das, was sie von Südamerika kannten, eben auch die liberale Demokratie, den westlichen Exportschlager schlechthin. Könnte am Sozialismus nicht doch was Gutes gewesen sein? Man könnte ja vielleicht auch nochmal ganz anders auf die Historie blicken? Im letzten Jahrhundert sind so grausame, aber auch so viele und unübersichtliche, miteinander verflochtene Dinge passiert, und irgendeinen Grund werden die Sowjets und Ostdeutschen ja wohl gehabt haben, sich so in Abgrenzung zum Westen zu begeben… Dies war die neugierige Herangehensweise, die ich bei meinen Klassenkameraden spürte. Unser Deutschlehrer, den ich ansonsten sehr schätzte, bügelte dieses Interesse einfach ab: er zitierte einen abfälligen Spruch irgendeines Intellektuellen, wonach wohl nie wieder ein Land den Sozialismus ausprobieren würde, nachdem dieser Begriff durch die reale Herrschaft in der DDR derart in den Dreck gezogen, gar pervertiert worden sei. Das war die Haltung dieses Deutschlehrers. Er wusste einfach auch nicht weiter. Ja, mag schon sein dass Lenin für die Gerechtigkeit eintrat und so, aber so wie es real dann aussah von 1949-1989 darf der Sozialismus anscheinend nicht aussehen, das ist klar, und jetzt gibt’s leider keine Alternative mehr zum real existierenden Imperialismus. So das Urteil über die Weltgeschichte, das dieser Lehrer mit einem Schulterzucken gedankenlos fällte. Und so wird leider das Schicksal von Argentinien und so vielen Ländern besiegelt, die in der nach 45 von den USA geschaffenen westlichen Weltordnung keinen Platz haben und auf die unteren Ränge verwiesen sind, von wo sie aufgrund der Währungs- und Finanzmacht der reichen Staaten niemals mehr emporsteigen sollen. Ihr Schicksal ist besiegelt mit dieser neuen amerikanischen Weltordnung - für immer (wie es bei Flassbeck so schön hieß). So belehren wir Deutschen also heute den Rest der Welt darüber, was politisch machbar oder erstrebenswert ist und was nicht. Ich will nur betonen, dass ich auf anderen Gebieten viel von exakt jenem Lehrer lernte, etwa bezüglich Effi Briest und literarischer Interpretationen. Er verkörperte damit nur die strunzdumme Haltung des gesamten deutschen Lehrkörpers, in dem es auch einige Deutsche aus dem früheren DDR-Gebiet gab. Die waren teilweise noch zynischer in ihrer Geschichtsbetrachtung, aber damit sind sie eben Ausdruck der Gesellschaft, in der sie leben und die sie formt.
Für mich ist aber klar, wer so auf die deutsche Geschichte blickt, ist ein Schwein und vertritt nicht nur eine falsche Analyse der Vergangenheit, sondern vor allem der Gegenwart und der zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten. Was er den Argentiniern sagte, war ja: macht das nicht mit dem Sozialismus, wir haben in der Geschichte allerlei ausprobiert und sind wirklich nur heilfroh, jetzt bei diesem liberalen System gelandet zu sein. Dies zeigt einmal mehr, wie solche Entwicklungs- und Schwellenländer nicht nur materiell sondern vor allem auch geistig weiterhin unter der Knute der imperialen Länder stehen, ihre Begriffsherrschaft ohne zu Zucken akzeptieren und in den vorgegebenen Bahnen des angeblich Vernünftigen bleiben. So lässt sich sagen, das System der Goetheschulen ist heute ein koloniales Projekt, das darauf zielt, die unterjochten Völker der Erde weiter in Knechtschaft zu halten und ihnen zu verbieten, außerhalb des von uns, den weisen Nordmenschen, gesteckten Kreises der Ideen zu denken. Man muss es so sagen. Diese Mitschüler waren ja auch keinesfalls durchschnittliche Argentinier, sondern allein aufgrund des horrenden Schulgeldes mussten ihre Eltern Mitglieder der Oberschicht oder Bourgeoisie sein oder zumindest einer kleinbürgerlichen Zwischenklasse der Manager, Advokaten und sonstigen Lakaien der kapitalistischen Ökonomie angehören. Deren Kinder profitieren recht gut vom Imperialismus, kennen den Luxus, Reisen, finanzielle Sorglosigkeit, haben aber doch genügend Empathie, um zu sehen, dass die sozialen Realitäten ihres Landes an vielen Stellen erschreckend und erniedrigend sind, eigentlich nicht zumutbar für eine humanistische Vorstellung vom Menschen. So kommen sie also dazu, sich Gedanken über die DDR zu machen. Diese abzubügeln ist offizielle Aufgabe der Goethe-Schulen-Lehrer, für die der deutsche Staat daher ja ein stattliches Budget in zahlreichen Ländern der Erde zur Verfügung stellt. Denn es ist ja geschickt, in diesen beherrschten, von den machtpolitischen Ränkespielen der Nachkriegszeit übergangenen, zurückgelassenen oder zurückgestoßenen Gebieten auch noch eine herrschende Klasse zu haben. Denn so können wir dieser kleinen Klasse unsere Porsches und Audis verkaufen - wäre ja schade, könnten wir die nicht um die ganze Welt schicken und uns jeglichen Absatzmarkt erschließen. Aber zu uns aufholen dürfen sie natürlich nicht, und dazu trug die westliche Politik gegenüber Perón in den 50ern oder Videla in den 70ern direkt und gezielt bei. Die herrschende Klasse dort unten hat also zu garantieren, dass die Volksmassen sich nicht erheben und die Füße still halten. Die sollen nicht aufmucken, wo kommen wir da noch hin? Und so ist die Situation Argentiniens insbesondere in den letzten 20 Jahren also nochmals hoffnungsloser und düsterer geworden.
Mich erinnert das ganze nur ein bisschen an den Versailler Vertrag und die 20er Jahre des Vorjahrhunderts in Deutschland. Auch damals sollte Deutschland durch die Kriegsgewinner explizit gedemütigt und mit unerfüllbaren Reparationsforderungen überhäuft werden, so wie heute die Argentinier mit den IWF-Forderungen nach Kreditrückzahlung. Aber keine Sorge: die Argentinier sind zahm, die sind nicht aus demselben Holz wie wir Deutschen - dafür haben wir im Verbund mit den USA gesorgt. Wir haben sie uns so geschnitzt, wie wir sie brauchen, damit sie ihre Rolle am unteren Ende der globalen Markt-Nahrungskette erfüllen.
Ich möchte einfach nie so werden wie dieser Deutschlehrer, im Sinne von, derart politisch-geistig degenerieren, dass man als stolzer Vertreter des BRD-Staates in der Welt geschichtsklitternde Gruselgeschichten über die DDR verbreitet. So lässt sich dann irgendwann gar nichts mehr verstehen über die Geschichte, sondern nur noch ein dumpfes Geraune der Herrschaftskritik hervorbringen: früher war’s schlimmer wegen autokratischen Herrschern, jetzt ist jede Macht beschränkt und demokratisch abgesichert, jetzt sind wir endlich frei und bleiben wir für immer in diesem liberalen Endzustand. Dann kann man es eigentlich auch gleich lassen mit dem Reden, dann sind wir wirklich nur noch brave Tiere, die täglich ihre paar nötigen Verrichtungen, Notdürfte, Bedürfnisse befriedigen dürfen und ansonsten nicht weiter nachfragen, wer der gute Hirte oder Bauer ist, der einem da täglich frisches Futter bringt und was dessen Pläne und Zwecke sind.
Um darüber hinaus zu denken und gegen diese Position der Abhängigkeit und Fremdbestimmung anzugehen, muss man sich begrifflich bilden und über verschiedene historische Kämpfe, sowohl praktischer als auch theoretischer Natur, nachsinnen und versuchen, unter den heutigen Bedingungen eine Haltung zu einem Begriff wie Marxismus oder Kommunismus einzunehmen. Mein Deutschlehrer machte mir durch seine Darlegung, er sei Humanist, auch klar, dass die Bezugnahme auf das Menschliche, die Achtung vor menschlichem Leben, die Menschenwürde usw. zwar schöne und hehre Begriffe sind, die aber vollkommen hohl und unwirksam bleiben, wenn nicht eine weltliche Macht wie die Bolschewiki basierend auf dem wissenschaftlichen System von Marx die Achtung vor dem Leben durchsetzt, zumindest soweit es in der Macht der jeweiligen revolutionären Partei steht in ihren historischen, ökonomischen und militärischen Kämpfen.
So erweist sich der Humanist als unreflektierter Handlanger des Welt-Imperialismus, indem er den Menschen zum schon heute fertigen, perfekten, grundgütigen Wesen erklärt, das nur ja keine überzogene Gewalt und Autorität vom bösen Staat aufgedrückt bekommen darf. Diese Art Freiheit ist eine Ruine, ein Phantom und Hirngespinst, da niemand von uns so frei sein kann, sein Leben ganz autonom in die Hand zu nehmen sondern wir alle angewiesen sind auf Eltern, Lehrer, Institutionen, gesellschaftliche Abläufe, Regelungen, Prozedere, Produktivkräfte geistiger und materieller Art, auf den seit Jahrtausenden akkumulierten Menschheitsschatz der Philosophie, Kultur, Kunst sowie des Staatswesens und sonstiger Umwelteinrichtungen, die uns heute schon als gott- oder naturgegeben erscheinen. Nicht nur sind wir auf all das angewiesen sondern wir brauchen vor allem die autoritären Aufforderungen und Zwänge, die uns etwa zum Lernen in der Schule verdonnern, wohin man freiwillig eher nicht gehen würde, obschon einem dann vielleicht im Erwachsenenalter klar wird, was für eine befreite, reichhaltige und angenehme Zeit die Schulzeit war. Der Sozialismus zwingt also die russischen Bauern zur Fabrikarbeit, was für viele eine große Umgewöhnung ist, er zwingt die Völker Kasachstans und Armeniens unters Dach der großen brüderlichen UdSSR, wo alle Nationen stolz auf sich sein dürfen, aber mit den anderen Hand in Hand arbeiten müssen, er zwingt den unfertigen, flegelhaften, rohen Menschen auf die Bahn der Zivilisierung und Sublimierung seiner hölzernen, schläfrigen, dumpfen Natur. Und nur so kann es gehen. Der Liberalismus kann dies nicht leisten und in der Tat sind die Zwecke, die er sich gesetzt hat, ja auch andere. Er geht von einem freien, allmächtigen, entscheidungsstarken Individuum aus, das es zwar so in der Realität nicht gibt, was aber eine willkommene Schmeichelei und Illusion für uns alle ist. Wir alle gefallen uns in dieser Ansicht und lassen uns von der bürgerlichen Moral einreden, dieses einzigartige Subjekt sei unser wahres Selbst.
Wenn wir also die heutige Machtausübung oder Herrschaft des imperialen Westens gegenüber kleineren, ohnmächtigen Ländern in den Peripheriezonen, die aufgrund verschiedenster historischer Entwicklungen sowie geostrategischer Erwägungen an der kurzen Leine der durch kapitalistische Sozialbeziehungen, offene Märkte, Freihandel hervorgerufenen Abhängigkeit gehalten werden, analysieren, dann sollte klar werden, inwieweit die Eingliederung kleinerer Staaten in die Sowjetunion und die Etablierung kommunistischer Regierungen in Osteuropa nach dem 2. Weltkrieg eine kluge und logische Entscheidung war.
Die Bolschewiki hatten Recht mit ihrer Nationalitäten- und Minderheitenpolitik. Kleinere Völker und Länder im Zwischengebiet zwischen Russland und den westeuropäischen Mächten haben überhaupt keine Chance auf Freiheit, Souveränität und Eigenständigkeit. Sie können sich nur entscheiden, sich dem einen oder dem anderen Lager anzuschließen. Geht man nicht mit den Sowjets und ordnet sich der Moskauer Zentralregierung unter, dann ist man Spielball des Imperialismus, der diese Gebiete nur aufreißen will, um aus ihnen unter egal wie vielen menschlichen und sonstigen Opfern die nötigen Rohstoffe zu extrahieren, um die Nachschublinien für die heimischen Großindustrien der imperialistischen Länder zu bedienen. Ein Entwicklungskonzept für solche Staaten hat der Westen nicht, anders als die Sowjets, die auch in Kasachstan und anderen Ländern Industrie ansiedelten und auf eine gleichberechtigte Eingliederung aller Nationen achteten unter den immens schwierigen weltpolitischen Rahmenbedingungen damals. Insofern ist es schon zum Staunen, wenn heute Länder wie Georgien und die Ukraine immer noch auf Knien darum betteln, in die NATO aufgenommen zu werden und sich selbst nicht zu schade sind, noch jahrelange Kriege gegen das eigene Volk wie im Donbass zu führen, wenn sie dies nur dem Westen näher bringt und man aufgrund dieser »Leistung« dann vermeintlich endlich vom Westen als Partner auf Augenhöhe anerkennt wird.
Die Präsidentschaften von Poroschenko und Selenski in der Ukraine haben gezeigt, dass man in weiten Teilen der Ukraine konform ging mit der Weiterführung und Eskalation des Krieges (»deliberative Demokratie«), auch wenn beide Kandidaten im Wahlkampf einen Friedensschluss versprachen. Die Hauptschuld liegt nicht bei jenen nationalistischen, chauvinistischen Ukrainern, die die Gebiete der Volksrepubliken Donezk und Luhansk um jeden Preis wieder zurückzuerobern entschlossen waren und sind, sondern bei uns hier im Westen, die wir mittels unserer Politiker und Institutionen (soweit diese überhaupt was mitzureden haben und nicht eher Amerikaner und Briten unter sich den Kurs von NATO und G7 bestimmen) den ukrainischen Amtsträgern und der einfachen Bevölkerung signalisierten, dass wir ihnen Aufbauprogramme bis hin zur EU-Mitgliedschaft ermöglichen werden, wenn sie nur diesen Krieg richtig, also in unserem Sinne zu Ende führen. Dieses Ende durfte aber nicht so aussehen wie im Minsk 2-Waffenstillstandsvertrag festgelegt, der immerhin unter Angela Merkels Mitwirkung ausverhandelt wurde, einer der wenigen Lichtblicke ihrer Amtszeit. Warum er dann nicht eingehalten wurde hat sicherlich nicht nur mit den Russen und den Politikern der Volksrepubliken zu tun, sondern vor allem mit der Art und Weise, wie »wir« dorthin blicken in den Osten: wir erwarten, dass ihr weiterkämpft, wir wollen sehen, wie zäh ihr Ukrainer seid und wenn ihr diesen Test besteht nehmen wir euch auch zu uns auf. Natürlich machen die Ukrainer da mit, vor allem wenn sie den stattfindenden Krieg nicht vor ihrer eigenen Haustüre mitbekommen, wie das für die meisten von 2014 bis vor Kurzem der Fall war.
Psychoanalytisch würde ich die deutsche Kriegsunterstützung für die Ukraine so deuten, dass man immer noch tief gekränkt ist über die Niederlage gegen Russland, insbesondere die »Schmach« von Stalingrad, wo unsere deutschen Nazitruppen von der Roten Armee heroisch zurückgedrängt wurden. Daher also wollen wir jetzt den militärischen Sieg über Russland um jeden Preis. Und die Ukrainer sind schon wieder unsere Verbündeten, wie damals, und schwören uns, dass sie bis zum letzten Mann kämpfen, dass sie selbst noch durch den Winter, selbst ohne Strom und Heizung noch weitermachen werden. Dieser Schwur ist nur aus der Dialektik zu verstehen zwischen dem, der ihn leistet und dem, der ihn empfängt, so wie auch jeder Krieg nur aus der Gegenüberstellung der feindlichen Interessen und Lager zu begreifen ist. Wir sind in diesem Moment Teil des Kriegs und ein großer Teil des Grundes, warum Leute an der Front sterben. Aber das ist bei Weitem nicht das schlimmste Verbrechen der BRD, denn ihre schiere Existenz als Satellitenstaat Washingtons und Führungsmacht der EU ist die grundlegende Widerwärtigkeit, die Beleidigung und Beschmutzung der menschlichen Gattung. Das Leid, das durch den imperialistischen Staats- und Wirtschaftszusammenhang verursacht wird, ist unermesslich. Halten wir uns nicht damit auf, es zu kritisieren, denn damit verstärken und affirmieren wir nur noch unsere Ohnmacht. Stattdessen werden wir Bolschewisten wiederum die Macht aus den Händen der Imperialisten übernehmen oder auch entreißen und aufbauend auf den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts das Zivilisationsprojekt Sozialismus fortschreiben.
Die Ideologieapparate des Westens sind stark, das kann man wohl sagen und sie sind heute stärker denn je trotz oder auch wegen der Umwälzungen im produzierenden Wort- und Textgewerbe. Aber das werden sie nicht für immer sein; in China und auf vielen Erdteilen werden sich junge, mutige, selbstdenkende Menschen klarwerden über die Infamie der heute bestehenden westlichen Herrschaft über die materielle Welt und über die Köpfe ihrer Bewohner. Der Weg zur Freiheit von kapitalistischen Zumutungen und zur endgültigen Überwindung der menschlichen Trennung, Entfremdung, Ausbeutung im Kommunismus ist beschwerlich und lang, aber er wird definitiv gegangen werden. Jede und jeder ist herzlich eingeladen, sich historisch, philosophisch, begrifflich weiterzubilden und teilzuhaben an dieser weltumspannenden, epochemachenden Bewegung des revolutionären Marxismus, der die Welt einmal durchrütteln und schütteln will und das mit gemischten, doch überwiegend positiven Resultaten auch schon getan hat.
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146 Liebhaberinnen #######±±++±±¿’˙˙˚¯¯˙·
An dieser Stelle platziere ich noch eine kleine Botschaft für alle meine (potentiellen) Liebhaberinnen, zu denen mir andere Kommunikationswege verwehrt sind aus verschiedensten Gründen — zudem finde ich hat es auch etwas Spezielles, Romantisches, sich über den Podcastfeed eine Liebesbeziehung erkämpfen zu wollen, eine Duftmarke zu hinterlassen.
Ich erinnere mich noch, wie Stefan vor langen Jahren einmal im (mittlerweile wiederauferstandenen) Aufwachenpodcast auf die wohl teils ironische Frage Tilos, ob er sich damals am Beginn der Beziehung auch galant gegeben und keine Mühe gescheut habe, um seine Frau zu erobern, antwortete, »Ja sicher, gekämpft hab ich, wie ein Löwe«. Eine leichte Ungenauigkeit liegt sicher über dieser Erinnerung, vor allem betreffs Tilos Frage, dennoch meine ich mich firm an diesen Satz Stefans zu erinnern und er beschäftigte mich im Nachgang noch eine Weile. Mir schien die Entschlossenheit in Stefans Stimme bemerkenswert, gleichwohl sich ein Anflug von Ironie über seine Worte zu legen schien, aber das ist eben nie ganz abzuwehren in diesen diffizilen Gefilden der Liebe. Jedenfalls finde ich es eine wunderschöne Vorstellung, wie ein Löwe zu kämpfen für seine Liebe, allerdings sollten dies selbstverständlich auch und verstärkt Frauen tun, die dafür kämpfen, einen Mann zu erobern. Das ist aus feministischer Sicht unumgänglich. Trotzdem kann man dies ja auch als Mann tun und muss es vielleicht sogar aufgrund der alttradierten Rollenverteilung in der reaktionären BRD-Gesellschaft, die hier, auf diesem eigentlich wichtigsten Feld der Politik, in der Liebe, meilenweit hinter der »unsterblichen« DDR wie André Müller sie nannte, zurückbleibt. Die DDR ist ein Leuchtturm der Historie, der allein durch seine Strahlkraft, die sich in meinen historischen Erwägungen und Betrachtungen reflektiert, den modrigen Bau der BRD zum Einsturz bringen könnte, wenn man die Massenagitation nur strategisch richtig anpackt als Kommunistische Partei. Jedoch ist das eigene Liebesleben einem ja irgendwie doch noch mal näher als selbst das Schicksal des gesamten Volkes oder der Menschheit. Daher hat das also Priorität, oder zumindest für gewisse Phasen sollte man sich schon mal erlauben, sich in den Liebeswahn hineinzusteigern, in die Trance, die alles andere klein und unerheblich aussehen lässt. Wenn ich hier und an anderen Stellen von der Liebe allgemein spreche, bezieht dies selbstverständlich auch homosexuelle und andere Liebesformen ein. Dennoch betrachte ich die Dinge aus der mir nun mal eigenen persönlichen heterosexuellen Perspektive. Zudem würde ich selbst als Homosexueller noch Slavoj Zizeks in #28 wiedergegbene theoretische Einordnung aus seinem Buch »Exzess der Leere« bejahen, dass nämlich die Geschlechter Mann und Frau auf einer eigenen kategorialen Ebene stehen, gesondert von den weiteren sexuellen Identitäten (aber nicht höher oder besser), was sich aus der überwältigenden Tatsache ergibt, dass sich die große Mehrheit der Weltbevölkerung weiterhin mit einer der beiden Kategorien Frau oder Mann bezeichnen wird. Auch Homosexuelle können sich ja in dieser Benennung wiederfinden, aber die theoretischen Gründe veranlassen mich, der verschiedengeschlechtlichen Beziehung zwischen diesen beiden Geschlechterkategorien eine vorrangige Bedeutung im diskursiven Rahmen der Erforschung der Liebe einzuräumen. Denn diese Beziehung, die für so viele Menschen existentiell ist, beeinflusst und deformiert auch all die restlichen zwischenmenschlichen Liebesbeziehungen anderer Geschlechter oder anderer Liebeskategorien wie Polyamorie, Kindergemeinschaft etc. Diese Fokussierung auf das Heterosexuelle — gemäß dem Bevölkerungsanteil, sicher müssen auch homosexuelle und queere Positionen in den Diskurs einbezogen werden — bedeutet aber keine Herabwürdigung, sondern eine Veredelung der Homosexualität. Denn insofern Sexualität irgendwie mit Reproduktion zu tun hat, führt Zizek aus, ist Heterosexualität in diesem präzisen Sinne »natürlicher« als Homosexualität, als dass daraus auf biologischem Wege Kinder hervorgehen können. Im Umkehrschluss ist die Homosexualität künstlicher, was dem generellen menschlichen Sexualverhalten entspricht: aus einer rein funktionalen Sache machen die Menschen ein Element der Verspieltheit, etwas Artifizielles. Darin zeigt sich die Homosexualität also als Vollendung des grundlegenden historischen menschlichen Sexstrebens. Die Verspieltheit, die reine Lust, nicht gesellschaftliche Traditionen werden zum Inhalt und Ziel der homosexuellen Liebe. Ob sich in Zukunft mehr Menschen auf diese Weise lieben, mag dahingestellt bleiben*, für heute meine ich nur ist es an der Zeit, die Theorie der beiden Geschlechter Frau und Mann und ihres dialektischen Verhältnisses weiter auszuarbeiten.
Liebe (potentiellen) Liebhaberinnen, Ich wende mich auf diesem Wege an euch, weil es auch ganz gut tut, den Schmerz zu spüren. Er ist integraler Bestandteil des Lebens und in diesem Moment fühlt es sich sicher schmerzhaft an, von euch getrennt zu sein und nicht zu wissen, ob sich irgendwann wieder fügt, was aus meiner Sicht zusammenpasst. Aber für mich passt eben in der Liebe nur diese eine Form, die Polyamorie, zumindest jetzt, in der gegenwärtigen Situation meiner Biografie. Wer das nicht akzeptieren kann oder wenigstens einen Schritt auf mich zu machen kann und versuchen, mich zu verstehen, der ist bei mir falsch. Die Liebe ist für uns alle ein heikles Thema, auch bedingt durch die unglücklichen reaktionären Zeiten, in denen wir leben. Ich erkläre nur, wenn man einmal liebt und sich so verzweifelt fühlt, dass man annehmen könnte, etwas in einem würde zerbrechen, dann determiniert einen diese Liebe vielleicht für das ganze Leben. Und so führte bei mir eine (unrealisierte, virtuelle) Liebeserfahrung in der Jugend dazu, dass ich nun fühle, nur noch durch die Polyamorie leben und lieben zu können. Aber im Grunde ist auch das nur eine fiktionalisierte Erzählung, in Wirklichkeit gibt es diese eine Liebesgeschichte nicht, sondern es gibt nur ein Konglomerat, in dem sich alle angehäuften Erfahrungen, Eindrücke, Wahrnehmungen, Gefühle kondensieren. Diese subjektive Mischung ergibt die ganz eigene Sicht auf die Liebe, die ein Mensch sich angewöhnt durch die Zeit. Dieser Mischmasch an verwirrenden und widersprüchlichen Empfindungen ergibt eine Ausgangslage, die unter gewissen Bedingungen dazu führen kann, die gesamte Liebessehnsucht auf eine einzige Person zu projizieren. Und das ist auch wunderschön und ein paradoxes Element des Menschseins, das uns an ganz grundsätzliche Fragen rühren lässt. Diese eine Liebe ist die ganz besondere, die mich aus mir herausreißt und mich infrage stellt. Aber daneben gibt es ja auch noch andere interessante Menschen; soll jetzt alles, was ich für sie empfinden könnte keine Liebe mehr sein dürfen? Dieser Fehlschluss hieße, aus übermäßiger Sehnsucht nach Liebe die Liebe zu töten und sie sich für alle anderen Situationen außer der einen, der Paarbeziehung, die für würdig befunden wurde, zu verbieten.
Die Monoamorie wäre eine Lüge und bringt die ganzen Probleme erst hervor;ich möchte nicht so gegen meine Überzeugungen lieben. Selbst wenn es sich verlockend anfühlt und man in der Liebe immer einfach nur schwach sein und sich vom anderen bezaubert fühlen und in dessen Arme sinken möchte. Sich zu sagen, diese Person ist die eine, sie wird mich komplett machen und danach, nach unserer alles entscheidenden Begegnung, kann es keinen Zweifel mehr geben, dass wir bis ans Lebensende zusammen sind. Das ist eine gute Vorstellung und auch ich strebe es in gewisser Weise an. Nur ist diese extrem romantische Sicht auf die Liebe und vor allem auch die Verquickung der Frage der Treue zur Liebe mit dem vulgären Geschlechtsakt, wie dies in der Monogamie geschieht, dafür verantwortlich, dass mir dieser gesamte Komplex der Liebe zu bedeutungsschwanger und wichtig vorkommt, als dass ich mich an ihn heranwagen könnte. Die Überhöhung der romantischen monogamen Liebe, die Geringschätzung von Flirts und Affären, Zufallsbekanntschaften, die wohin auch immer führen (warum sollte ein intensives Gespräch nicht etwas genauso Intimes sein wie Sex; und wenn es so ist, warum zur Hölle sollte man dann freizügig Gespräche mit aller Welt führen, ohne dass sich dies wie ein »Seitensprung« anfühlte, aber nicht ebenso freizügig mit anderen ins Bett gehen?) im Zusammenspiel mit den sexualisierten Diskursen der Medien, Filme und Bücher, führt dazu, dass man ganz erstarrt und nicht mehr zu denken wagt, man könnte tatsächlich aktiv werden und nach einem Partner oder einer Affäre Ausschau halten. Insbesondere für Männer ist das umso problematischer und schmerzhafter, als auf uns immer noch die Bürde lastet, den ersten Schritt zu tun und eine Konversation im Alltag in Gang zu bringen, während die Frauen sich in ihre reagierende Rolle zurückziehen und trotz des angeblich herrschenden Feminismus keine weibliche Stärke und Tatkraft zeigen, was schon ein Fingerzeig und Gradmesser für die Frage ist, wie reaktionär die heutige Zeit ist. Dass diese gesellschaftlichen Strukturen so sind, ist ja nicht die Schuld der Frauen, aber solange sie sich auf diese traditionelle Rolle des Abwartens zurückziehen, wird sich keine Änderung der Strukturen ergeben und vor allem sollte man dann auch nicht von toxischer Männlichkeit etc. reden, die ja ein reales Phänomen sein mag, jedoch nur das Spiegelbild auf männlicher Seite des Festhaltens an reaktionären Geschlechterbildern darstellt, wofür man die Männer nicht mehr kritisieren kann als man auf der anderen Seite die Frauen für ihr Festhalten an der toxischen Weiblichkeit kritisiert. Für eher schüchterne Personen wie mich fühlt sich diese toxische Weiblichkeit nämlich in der Tat recht bedrückend und unfair an. Natürlich könnte man sich sagen, nun akzeptiere eben deine Rolle und die ist nunmal scheinbar diejenige der Aktivität, es ist also für einen Mann geboten, auf die Frauen zuzugehen und erstmal etwas darzustellen, worauf die Frau reagieren kann. Aber wenn wir den feministischen Kampf ernst nehmen und gesellschaftliche Muster über den Haufen werfen wollen, dann verbietet es sich, diese scheinbare Selbstverständlichkeit einfach zu akzeptieren und so zu tun, als sei diese Normalität einfach hinzunehmen und bis in alle Ewigkeit zu reproduzieren. Vor allem ist es ein entscheidendes Momentum des Lebens, sich mit den Ängsten und Unsicherheiten konfrontiert zu sehen, die den aktiven Part einer beginnenden Beziehung überkommen können, wenn er sich fragt, wie die Sache nun genau einzuleiten sei und ob man das überhaupt dürfe usw. Hier wird es die ein oder andere bittere Erfahrung geben, und sei es nur wie in meinem Fall, dass man sich einfach gar nie traut, irgendetwas zu sagen oder irgendetwas in Gang zu bringen. Aber bittere Erlebnisse gehören zum Leben wie der Regen zum Klima; dies den Frauen wegzunehmen bedeutet eine Beschneidung ihrer Entwicklungsmöglichkeiten. Um zur vollendeten Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau vorzudringen, braucht es also die weibliche Aktivität, braucht es die Normalisierung weiblicher Promiskuität und des Prahlens mit Eroberungen, wie es für Männer gang und gäbe ist. Die Frauen müssen zwingend viel häufiger diese ersten Schritte unternehmen, weil wir sonst nicht aus dem reaktionären Mief der alten Gesellschaftsstrukturen rauskommen. Mit dem Begriff der toxischen Weiblichkeit möchte ich nun ja nicht die Frauen vor den Kopf stoßen und ihnen den Schwarzen Peter zuschieben. Das Grundproblem liegt in der Ökonomie, wo auch heute noch die Männer besser gestellt und die Frauen vielfach in Abhängigkeit von ihren Lebenspartnern gefangen sind, wodurch sich viele der folgenden Probleme in der Liebe ergeben. Es ist also nicht hinzunehmen, wenn ein Mann seine Frau so herablassend behandelt und durchblicken lässt, mehr für die Beziehung zu leisten, da er ja die Brötchen nach Hause bringe, das ist ein klassischer Fall von verachtenswerter toxischer Männlichkeit. Aber dass die Männer einfach gern an ihren (scheinbaren)** Privilegien festhalten, sollte ihnen nicht mehr zur Last gelegt werden als den Frauen ihr Festhalten an der weiblichen Passivität nicht nur in der Beziehungssuche sondern auch in vielen alltäglichen Situationen (überhaupt: was ist eine Situation? Jede Situation könnte zu einem Flirt und einer Liebesbeziehung führen, also sind sie im Grunde alle gleich relevant).
Auch den Frauen mag dies wie ein Privileg erscheinen, doch wir müssen sie daran erinnern, dass dies erstens nicht so ist, da Schmerz und schwierige Herausforderungen, die man nicht gern auf sich nimmt, einen unverzichtbaren Teil des Lebens darstellen, an dem man wachsen kann und sollte, und zweitens, selbst wenn dieses Abwarten ein echtes Privileg wäre, sollte es also im Sinne der Gleichberechtigung abgeschafft werden; vielmehr ist es ja aber leider so, dass es sich bei der weiblichen Passivität um ein männliches Privileg handelt, der Mann kann diesen Augenblick als Zeichen seiner Stärke und Souveränität genießen, als Bestätigung, so autonom zu sein und souverän auszuwählen, wen er ansprechen möchte. Den Männern, die wie ich dies lange Zeit tat, ohne Beziehung leben, weil sie sich nicht trauen, diese Souveränität zu verkörpern und sich vorzuwagen, aufs Spiel zu setzen, mag diese Bemerkung wie blanker Hohn vorkommen. Natürlich ist es ein Privileg der Frauen, sich bedeckt zu halten und nur »Zeichen« zu geben, die der Mann interpretieren und in Taten überführen soll, könnte man aus dieser unglücklichen männlichen Perspektive urteilen. Denn so setzt man sich ja nicht der Gefahr der Zurückweisung aus, die »Zeichen« falsch gedeutet zu haben, zu plump oder ungeschickt vorgegangen zu sein beim Annäherungsversuch und kann einfach abwarten, dass sich der andere schon annähern wird. Aber das ist falsch, denn die Liebe ist nicht darauf angewiesen, dass sie realisiert wird. Zunächst noch zur weiblichen Promiskuität. Es steht für mich außer Zweifel, dass die Frauen diesen schmerzhaften Schritt machen müssen, sich viel offener zu ihrer Lust und Weitschweifigkeit im Begehren der verschiedenen männlichen Körper zu bekennen. Denn natürlich wird das unter den gegebenen reaktionären Bedingunen zu Kommentaren führen, diese Frau sei zu promiskuitiv, oder zu einfach, ein »easy girl«. Aber solche Kommentare offenbaren eben, dass die sie äußernden Personen strunzdumme sexistische Arschlöcher sind und verdienen daher keine weitere Beachtung. Natürlich ist das leichter gesagt, als getan, solche Bemerkungen oder auch nur die uns allen geläufigen Rollenbilder aus Funk und Fernsehen, die diese toxischen Bemerkungen transportieren, auszublenden und einfach sein eigenes (weibliches) Begehren zu verfolgen. Aber dies ist eben die Aufgabe, vor welche die Frauen in der heutigen Zeit gestellt sind und indem ich ihnen zutraue, sie trotz offensichtlicher Schwierigkeiten zu lösen, bekräftige ich, für wie stark, souverän und durchsetzungsfähig ich die Frauen im Allgemeinen halte.
Diese Überlegungen können auch ein anderes Licht auf die unglücklichen Männer werfen, die vielleicht wie ich lange Zeit die aktuelle Rollenverteilung verdammen. Denn der heutige Zustand ist ja nicht für alle Zeiten zementiert, man darf auf Veränderungen in der Zukunft hoffen. Und die Liebe ist auch schon dieses Gefühl der Verzweiflung, wenn man einfach die ganze Welt verwünschen will, weil sich die Herzensangelegenheiten einfach nicht so fügen wie erhofft. Das meine ich damit, dass die Liebe nicht auf ihre Realisierung angewiesen ist. Dieses Gefühl, getrennt und nutzlos zu sein, ist auch schon Ausdruck der Liebe. Nur kann man vielleicht nicht die letzten Konsequenzen ziehen, ohne der Liebe auch ins Auge zu blicken, sie also zu realisieren. Denn ich zumindest fühle eine tiefe Scham darüber, nicht in der Lage zu sein, meine Produktivkräfte besser zu entwickeln, die Dinge im Leben anzupacken, die einem wichtig sind und das einzige, was mich motivieren könnte, etwas anzustreben, etwas Beeindruckendes hervorzubringen, ist, dass eine geliebte Person dies wahrnehmen und mich dafür zurücklieben könnte. Hierzu braucht es die Realisierung der Liebe, denn sonst wird sich dieser Komplex immer falsch anfühlen und es wird gar nicht dazu kommen, dieses Beeindruckende zu schaffen. Natürlich sind dies schwer verständliche Überlegungen. Sie stehen in Zusammenhang mit Robert Pfallers Theorie der Gabe, des Schenkens und der Idee, dass Künstler ihr Werk immer verschenken müssen, weil sie spüren, dass es nicht wirklich ihres ist und sie es jemandem geben müssen, der sie dafür bewundern und lieben könnte.
Zusammengefasst empfehle ich also zu lieben, auch wirklich zu lieben, also eine Person aus Fleisch und Blut, die auch von dieser Liebe erfährt, aber man sollte sich auch nicht durch den Druck der gesellschaftlichen Normative dahin zerren lassen, diese Verwirklichung als die einzig gültige Form der Liebe anzusehen und beispielsweise das unglückliche Verliebtsein, das Zurückgewiesenwerden oder heimliche platonische Anschmachten ganz verschmähen und als unreine Liebesformen abstempeln. Jeder Mensch ist einzigartig und so ist auch die Liebe, die dieser Mensch empfinden kann, singulär und wird auch in jeder Ausprägung und Beziehung zu anderen wiederum eine Nuance verschieden sein. Es ist nichts falsch daran, sich jahrelang auf eine Person zu fixieren, ebenso wenig, mehrfach wechselnde Liebespartner zu haben; man kann überhaupt keine generalisierenden Aussagen machen, was hier das richtige ist und ich berichte nur von meinen Erfahrungen, denen diese unglaublich bedrückende Empfindung der gesellschaftlichen Gewalt zugrunde liegt, der völligen Determinierung meines Lebens- und Liebesweges durch die Gesellschaft, die hier heute eben die toxische bürgerliche Gesellschaft ist.
Wir sehnen uns eben deshalb nach einer ganz unbeschmutzten, reinen, erfüllenden Liebe, weil die heutige Welt-Gesellschaft so grausam ist und wir dies alle wissen, dass man wirklich auf sich allein gestellt, ist, einem keiner helfen wird in der Not und man für Staat und Arbeitgeber nur eine menschliche Ressource der Wertgenerierung ist, die sich einfügen und brav am Weltenbau mitwerkeln, der aber nur den Kapitalisten zugute kommte. In diesem Sinne schrieb Peter Hacks, es sei das grundlegenste Menschenrecht, gern zu arbeiten, welches in der DDR erfüllt wurde, denn dort arbeitete man für sein Land, seinen Betrieb, von dem man durch sozialistische Formen und Rituale ein wichtiger wertgeschätzter Teil war. Im hiesigen Imperialismus aber arbeitet man für den Kapitalisten, man weiß, die Kollegen sind auch nur einzelne Schneeflöckchen, die vorbeiwehen, doch eigentlich nichts mit einem selbst gemein haben sondern ihren eigenen Weg suchen, mal für diesen, mal für jenen Konzern arbeitend und sich durchsetzend, empor boxend, dorthin, wo vielleicht doch ein Quäntchen Sicherheit fürs eigene Leben und Seelenruhe zu erringen ist. Also die Grausamkeit des Kapitalismus ist sein Wesensmerkmal, wir müssen uns auch nicht mehr über sie beschweren, da wir so ja nur das Leid in unserer Seele reproduzieren, wie Marlon Grohn weise schreibt. Die ganze Zeit daran zu denken, wie beherrscht und arm dran man ist, wird sicher nicht dazu führen, einen Plan zu entwickeln, wie man dieser unrechtmäßigen Unterdrückung entrinnen kann. —
Diese gegenwärtige gesellschaftliche Situation der Liebesverhältnisse und produktiven Möglichkeiten zur Anbandelung ist also ganz widerwärtig, ganz abzulehnen und schnellstens zu überwinden. Eine monogame Beziehung einzugehen bedeutet, die Augen vor dem ozeanischen Elend der Vereinsamung und Abgeschiedenheit zu verschließen und fest daran zu glauben, sich das ganz private Glück in der abgezäunten Kammer der Zweierbeziehung sichern zu können. Das ist für mich einfach ganz ausgeschlossen, ganz verwerflich und nihilistisch, dekadent.
Und ja, es ist dieses Grundproblem, das einen bedrückt, wieso so viele Menschen ansprechend und erregend für einen sind, wie kann man da überhaupt auswählen, wie dieser einen Person den Wert zuweisen? Aber diese Erregung ist ja eigentlich etwas Schönes und fühlt sich nur so ambivalent an unter den heutigen Verhältnissen. Meine Hypothese ist, dass die übermäßige Erregbarkeit, die ungute Kombination aus übermäßiger Sexualisierung durch die Medien und ausbleibender Sexualerfahrungen unter Jugendlichen (»oversexed and underfucked«) dazu führt, die Situation des Single-Seins als etwas ganz Unangenehmes, möglichst schnell und für immer zu Überwindendes zu empfinden, dass man dann mit dem nächsten Partner einfach nur sicher sein möchte und sich die Monogamie in die Hand verspricht. Aber das ist voluntaristisch, das ist ein zu vulgäres Versprechen. In Anlehnung an Grohn könnte man hier formulieren: der voluntaristische Versuch einer Dispensierung von »unreinen« Sex-Erlebnissen, die außerhalb einer festgelegten Paarbeziehung stattfinden, entledigt einen noch nicht vom Sex-Zusammenhang, der ja ein gesellschaftlicher ist. Das ist meine These: in allen zwischenmenschlichen Interaktionen, auch zwischen Menschen, die sich aus welchen Gründen auch immer nicht begehren, ist die Ebene des Sexuellen präsent, sie durchzieht unsere Realität auf sehr basaler Ebene, was sich etwa darin spiegelt, dass man oft als eine der ersten Unterscheidungen an einer fremden Person deren Geschlecht wahrnimmt. Nur ist diese Ebene verdeckt und wir sind vom Zugang zur Wahrheit des sozialistischen Verbundes und der tatkräftigen Verbindung abgetrennt und entfremdet. Dass der Sozialismus die Wahrheit und das erstrebenswerte Schicksal der Menschheit ist, lässt sich hier, im erotischen Begehren, am besten ablesen. Alles, was sich lohnt und der Mühe wert ist, gehabt zu werden, bekommen wir von anderen Menschen, als Einzelner ist man nichts. Wenn heute der ökonomische Sozialismus abgeschafft ist, hat das auch Auswirkungen auf diese »sexkommunistische« Ebene, wie ich sie taufen möchte, und wir sind zurückgeworfen in den Markt der Individuation, der zwar nicht den menschlichen, aber den bourgeoisen Erfordernissen entspricht. Und ja, man ist da als Single auf den Markt geworfen, fühlt sich so verloren wie der Arbeiter wenn er arbeitslos ist, ohne Beschäftigung, Kollegen und Auskommen. Die Monogamie ist aus meiner Sicht ein zum Scheitern verurteilter Versuch, das grundlegend sozialistische Moment im sexuellen Begehren zu negieren und unter den brutalisierten gesellschaftlichen Bedingungen heutzutage verstärkt sich die Tendenz zur Monogamie, weil darin gleichzeitig ein Ausweg gegen die erniedrigende Vermarktung der eigenen Person, die uns die bürgerliche Welt aufzwingt, gesucht wird. Der Kurzschluss der monogamen Moral beruht in der Annahme, man könne von der gesellschaftlich produzierten Lust (wir nehmen schöne Menschen da draußen wahr) wieder zurückzukehren und alle Lust in die eine spezielle, auserkornene Person verlagern. Es ist der letztlich mit dem Christentum tief verwobene kulturelle Drang, sich in die Metaphysik und Unkenntlichkeit zu versenken. Denn dieser andere, der so exklusiv geliebt werden soll, lässt sich dann gar nicht mehr vom eigenen Selbst unterscheiden, er ist Erfüllungsgehilfe der eigenen Erlösung, der vorgestellten Rückkehr zur Harmonie und Abgeschlossenheit im Mutterbauch. Dahin, ins ganz Irrationale, geht auch das Begehren des Christentums, das ein metaphysisches Gut anstrebt, jenseits dessen es nichts mehr geben kann und alle unsere irdischen Sorgen als unbedeutend erscheinen. Dieses Gut der göttlichen Vereinigung wurde in der modernen Liebe in die romantische Vereinigung der Liebhaber transsubstantiiert, es handelt sich jedoch immer noch um das altbackene, grundsätzlich abzulehnende christliche Verlangen.
Dieses Verlangen ist letztlich eine überbordende Wollust, die Unfähigkeit, sich zu zügeln. Denn was der Christ genießt, ist ja, ein viel höheres Gut zu besitzen als jede weltliche Anstrengung ihm verleihen könnte. So auch die monogamen Liebhaber, für die der Schwur der Exklusivität nur die materielle Bedingung darstellt, die Versicherung auf ihre vorgestellten geistigen Besitztümer, die eben in der romantischen Verbundenheit bestehen. Vielleicht lässt sich das Christentum am besten aus dieser oben beschriebenen Scham erklären, nur ein einfacher Mensch zu sein mit schmutzigen Eigenschaften und ohne grundsätzliche Tatkraft, mehr aus sich zu machen als das Fähnchen im Wind der Zeit und Gesellschaft zu sein, die einen umgibt. Diese glühende Scham oder Schuld, die man hier empfinden mag, lässt den Blick begierlich ausschweifen nach noch größeren Werten als die einfachen, allzu »biologischen« Genüsse. Und so erklärt sich auch der durchschlagende Erfolg der Monogamie. Statt die grundlegende Faktizität der Wollust anzuerkennen, die einen auf unvorhersehbaren Wegen immer wieder anderen Menschen annähern wird°, soll die Negierung der sozialistischen Vielfalt zum größeren Glück der »Treue«, die meist wohl nur Feigheit ist, empor führen. Diese über Jahrtausende eingespielten kulturellen Gepflogenheiten wurzeln so tief in uns allen, dass natürlich auch ich, der ich im Grunde zumindest abschnittsweise tagelang über diesen Fragen der Erotik brüte, so tief durchdringen, dass es fast unmöglich und aussichtslos erscheint, sich dagegen zu wehren. Da ist es nur verständlich, dass die meisten Leute heute so festgelegt auf die Monogamie sind und mit Scheuklappen jegliche weitergehende Option abblocken aus ihrem reinen geistigen Horizont, in dem die Liebe das ganz Vollkommene, was einen restlos ausfüllt, sein soll. Aber dieses Verständnis ist keine Rechtfertigung; ansonsten könnten wir Kommunisten ja auch sagen, es ist verständlich, dass die meisten Arbeiter am Kapitalismus festhalten und wir dürften daher keine Revolution machen und können unsere Theorien und Parteien eigentlich über den Haufen werfen. Aber nein. Die Revolution muss gemacht werden trotz der Blödheit der Leute, die auch ohne ihr Glück einzusehen objektiv von ihr profitieren werden, ebenso wie die Liebe gelebt werden muss trotz der Beschädigungen und Verzerrungen unseres Begehrens, die uns die uns erziehende bürgerliche Welt aufzwingt.
Nur wenn ihr das nicht verstehen könnt, dann könnt ihr mich eben nicht lieben. Ob ich einen Kompromiss schließen und doch eine monogame Beziehung akzeptieren könnte, steht auf einem anderen Blatt, ich hätte nur gern das Gefühl, dass jemand mich verstehen will und nicht blind an ihren bisherigen Gewissheiten festhält.
Der Grund, warum ich den Sexkommunismus brauche, ist, dass ich nicht alle meine Liebhaberinnen befriedigen kann. Weder sexuell noch sozial. Immer werde ich Auszeiten und Pausen brauchen, in denen ich nur fĂĽr mich sein will.
Einerseits ist die Wollust weitschweifig und heftet sich an viele verschiedene Objekte. Dann aber wird es immer wieder auch Phasen der völligen Entsagung geben, die man als notwendig spürt. Dieser Zyklizität des menschlichen Verlangens trägt der Sexkommunismus Rechnung. In ihm wird es Schulungen, Kennenlern-Veranstaltungen und erotisierende Massenevents geben. Auf theoretischer und praktischer Ebene wird dort der Marxismus (historischer Materialismus) und der erotische Materialismus gelehrt.
Dorthin könnte sich dann also ein Partner aus einer Liebesbeziehung wenden, wenn der andere gerade eher eine Phase der Enthaltsamkeit und Einsamkeit leben möchte.
Doch wie sollte hier und heute unter den gegebenen reaktionären Umständen die Liebe gelebt werden? Ich beginne zu denken, dass man wohl am besten ganz auf sie verzichtet. Denn ich möchte nicht das Regime der exklusiven, vollkommenen Liebe für eine gewisse Zeit leben, bevor sie dann zu Bruch geht und man sich nur fragen kann… Ich kann einfach nicht dieser Mensch sein, weil ich es für einen Fehler, für eine Entsprechung reaktionärer Konstrukte halte und nicht ein Glück leben möchte, welches das ganze uns umgebende Elend erst hervorbringt und zeugt.
-- Die vollkommene Liebe heißt für mich eine Frau so sehr zu lieben, dass ich selbst die Vorstellung zulassen kann, sie könnte auch Liebe für einen anderen Mann empfinden. Warum sollte mich das ängstigen, warum nicht freuen, dass ich dann vielleicht etwas mehr Zeit allein habe und sie neue Dinge lernen kann in einer möglichen Affäre mit ihm? Denn ich liebe sie ja so sehr, dass es mir sicher scheint, ich könnte sie immer wieder neu für mich erobern und entflammen, sollte es nötig sein. Ich glaube einfach nicht, dass dieses große Gefühl, das ich empfinde, von so etwas Trivialem gestoppt werden kann wie alltägliche Reibungen und Versuchungen, etwas außerhalb der Beziehung auszuprobieren. Warum sollte ich so ängstlich und unsicher sein? Wenn die Liebe wirklich derart am seidenen Faden hängt, sollte man sie vielleicht gleich abreißen; will man wirklich das ganze Leben in dieser Bedrückung leben, das Damoklesschwert, das Ende der Liebe könne auf einen herabsausen?
FuĂźnoten
*Ich für meinen Teil würde das auch nicht unbedingt als Ziel definieren, weil ich ganz zufrieden bin mit meiner grundlegenden Position, könnte sie nur um die reaktionären gesellschaftlichen Rahmenbedingungen bereinigt werden, und würde diese Liebesform auch zukünftigen Generationen anempfehlen, zumindest, es einmal zu probieren — natürlich sollten Menschen, die homosexuelle oder nichtbinäre Neigungen empfinden, auch dazu ermuntert werden, diese zu äußern, was in der heutigen Gesellschaft sicher noch nottut; aber nur weil es noch viele reaktionäre Arschlöcher gibt, die die heterosexuelle Liebe als die einzig gültige und wahre proklamieren, kann man trotzdem die heterosexuelle Liebe feiern und sagen ja, es ist etwas sehr Schönes, heterosexuell zu sein, Sexualität generell ist wohl für die meisten Menschen wohl etwas unterschwellig angenehmes, wenn man nur die ganzen gesellschaftlichen Kategorien loswerden könnte…
** Die ökonomische Überlegenheit ist nur ein scheinbares männliches Privileg in dem präzisen Sinne, dass die Liebe ja eigentlich auf die Gleichheit zielt und die Männer sich so also durch Festhalten an ihrer der ökonomischen Bestimmer-Position auch der vollendeten Liebe berauben. Den ersten Schritt tun zu müssen ist hingegen ein reales Privileg. Das mag eine eigenwillige Einordnung sein, aber ich gebe mich gern exzentrisch und lasse mir da nicht hineinreden, da ich zumindest hier auf dem Papier »die Hosen anhabe«
° Es gibt so viele Situationen, etwa am Bahnhof, wenn man eine andere Person sieht, die einem attraktiv erscheint und dieses unwiderstehlich angenehme Gefühl entsteht, hier sein zu wollen an diesem Ort, wo auch sie ist und der durch sie verschönert, mit Liebe geflutet wird — so viele Eindrücke dieser anderen individuellen Punkte begegnen einem durchschnittlichen modernen Menschen schon täglich, da wird man immer nur eine ganz kleine Teilmenge der eigentlich als lustvoll möglich vorgestellten Beziehungen realisieren können. Ob man dann nur eine realisiert oder zwei oder fünf, macht eigentlich keinen großen Unterschied, außer dass es wahrer ist und dass es auch die Tausenden anderer Begegnungen aufwertet, aus denen nichts wurde.
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