#165 Das bourgeoise Spektrum der Lüste und Genüsse
Dear Winter,
In this and the next two episodes I was getting a little off track from my real objective, which ought to be to deliver to you the most outstanding imaginative podcasts, love podcasts and as a surrogate, these love letters in the show notes. Although in the next episodes I read out some of Robert Musils prose which also touches the field of love and some of my own poetry work, it somehow feels like these episodes are not up to the standard I have in mind for you.
Also because of smoking, my performance and eloquency dropped. But the main factor probably was this feeling at the beginning of the week that now the obscure »realization« and »practice« part of the love process has to begin, somehow it seemed unevitable.
After all, your internship ends soon and I fear to lose you… But then, in our office I overheard a conversation of you and our boss where he invited you to stay at the firm and you said you didn’t want to go back to work in Ukraine and preferred staying here. This is great and made me cheer inside, Ukraine isn’t the best country to be right now and I only hope you can lead me there in the future and show me the beautiful land you grew on, my charming wild flower.
But for now, it feels amazing that you might stay here for a longer period and therefore also I wrote in the last love letter that now I feel we can go on with this game of no words and looks for half a year more.
Because earlier there seemed to be a certain pressure upon us, that we needed to solve this right away, but now we have all the time of the world, which is a German saying, it might not even exist in English: »Alle Zeit der Welt haben«
Karl Marx — Zur Judenfrage LINK:
http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_347.htm
bis hierhin vorgelesen:
»Dem deutschen Juden namentlich stellt sich der Mangel der politischen Emanzipation überhaupt und die prononcierte Christlichkeit des Staats gegenüber«
In Folge meiner Präferenz für die Liebe, die in jeder Hinsicht vorzüglich ist, wird die heute eingeleitete Wende ins Politische wohl keinen mittelfristigen Bestand haben und leider wird auch der Marx-Text zumindest in den nächsten vier bis heute aufgenommenen Folgen keine Rolle mehr spielen. Ob ich diesen enorm erleuchtenden Text des genialen atheistischen Juden und Kommunisten Karl Marx mit der heutigen Vorlesung »verhunzt« habe, wie ich in einer späteren Folge behaupten werde in selbstkritischer Rückschau, mag mal dahingestellt bleiben. Fakt ist, die Frage von Citoyen und Bourgeois, die in dieser Schrift »Zur Judenfrage« aufgeworfen wird, ist eine bedeutende und für mich noch überhaupt nicht theoretisch durchdrungene. Dabei liegen hier die Schätze begraben, wo es um den Spalt zwischen fleischlichem und ideellem Sein geht, zwischen vulgärer Substanz und edler Subjektivität.
Hier kopiere ich euch nochmals den Beginn der Shownotes von Folge 133, deren allererste Absätze ich diesmal vorlas. Den weiter unten in #133 stehenden Teil ab »Die Meisterdenker Fukuyama und Zizek…« habe ich dann in #146 vorgelesen. Den weiteren Teil ab der Stelle, an der ich heute aufhörte, zu lesen, sollte ich vielleicht nochmals in Zukunft lesen, um euch, liebe Hörer, auf die billigen Plätze zu verweisen, wie es am Ende heißt:
Blüte der Weiblichkeit
Komm raus aus deinem Kasachstan?
Vor gar nicht mal so langer Zeit existierte hierzulande eine Zivilisation, die weit fortgeschritten war. Die sozialistische DDR hatte noch nicht alle, aber schon einige Iterationsstufen der menschlichen Fortentwicklung durchlaufen, jener Zyklen mit dem Ziel der sozialen Zivilisierung des rohen barbarischen Fleischesmenschen, der einen Überschuss erzeugen muss, um sich zu erhalten, der Bourgeois, zu dem wir alle gleichsam abgestempelt werden qua Teilnahme am Staatsgeschehen der BRD als Bürger. Auf die DDR konnte man stolz sein, sie war erhaltenswert, auch wenn der Pöbel diese sozialistische Errungenschaft in Form der mächtigsten Institution, eines Staates, nicht zu würdigen oder zu erkennen vermochte und die Konterrevolution von 89 unterstützte, aus Dummheit, Pöbelhaftikgeit und selbstverschuldeter Unmündigkeit, wie es nur natürlich und wesenhaft beim Pöbel (auch: Proletariat) ist und ihm daher nicht weiter vorzuwerfen oder anzulasten. Der führungslose Pöbel, der ohne einen Lenin, ohne bolschewistische Partei und Massenagitation einfach nur dem reaktionären BRD-Regime und seinen stupiden Handlangern ausgeliefert bleibt, ist in Wahrheit natürlich grundliebenswert. Nur noch nicht jetzt und heute. Wir müssen den Menschen zivilisieren. Erst dann können wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüber treten, uns frei in die Augen schauen und ohne Scham die nutz- und sinnlose Entfaltung des sozialen Spiels und Hin- und Hers der Worte genießen. Erst dann, wenn wir vom öknomischen Joch des Kapitaldiktats über unsere Personen befreit sind, atmen wir neu auf und wandeln uns erstmals zu Menschen.
Mit der DDR hatte man etwas Handfestes, woran man sich entlang hangeln konnte. Ein Konstrukt, das schonmal einen Schritt darstellte auf dem Weg zu diesem unglaublich schönen aber auch komplizierten Ziel des Kommunismus. Und mir wird bei dieser Vorstellung einfach ganz warm ums Herz. Wie dem auch sei, heute sind wir zurückgeworfen auf die Situation der Bolschewiki vor dem erfolgreichen Putsch gegens Zarenregime und das neue demokratisch-bürgerliche System. Wir müssen also auch wieder so brutal und rücksichtslos zu Werke gehen wie die Bolschewiki, die damals auch zunehmend im Untergrund agierten. Stalin organisierte hier Überfälle, um die Parteikassen zu füllen, Streiks, um die Macht der Arbeiter gegen die Fabrikbesitzer aufzubieten und Sabotage- oder Terrorakte. Der richtige Terror ist derjenige, der uns an die Macht bringt, das ist eine sozialistische Selbstverständlichkeit und hat nichts mit der Person Stalins zu tun, sondern galt auch schon vor dessen Geburt. So schreibt etwa Marx:
http://www.mlwerke.de/me/me06/me06_503.htm
»Wozu also eure heuchlerischen, nach einem unmöglichen Vorwand haschenden Phrasen? Wir sind rücksichtslos, wir verlangen keine Rücksicht von euch. Wenn die Reihe an uns kömmt, wir werden den Terrorismus nicht beschönigen. Aber die royalistischen Terroristen, die Terroristen von Gottes- und Rechts-Gnaden, in der Praxis sind sie brutal, verächtlich, gemein, in der Theorie feig, versteckt, doppelzüngig, in beiden Beziehungen ehrlos.«
Und weiter:
»In Paris wird der vernichtende Gegenschlag der Junirevolution geschlagen werden. Mit dem Siege der 'roten' Republik zu Paris werden die Armeen aus dem Innern der Länder an und über die Grenzen ausgespien werden, und die wirkliche Macht der ringenden Parteien wird sich rein herausstellen. Dann werden wir uns erinnern an den Juni, an den Oktober, und auch wir werden rufen: Vae Victis! [Wehe den Besiegten]
Die resultatlosen Metzeleien seit den Juni- und Oktobertagen, das langweilige Opferfest seit Februar und März, der Kannibalismus der Kontrerevolution selbst wird die Völker überzeugen, daß es nur ein Mittel gibt, die mörderischen Todeswehn der alten Gesellschaft, die blutigen Geburtswehn der neuen Gesellschaft abzukürzen, zu vereinfachen, zu konzentrieren, nur ein Mittel - den revolutionären Terrorismus.«
Oder noch ein anderes Zitat von Marx aus der »Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie«:
(http://www.mlwerke.de/me/me01/me01_378.htm)
»Die Waffe der Kritik kann allerdings die Kritik der Waffen nicht ersetzen, die materielle Gewalt muß gestürzt werden durch materielle Gewalt, allein auch die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift. Die Theorie ist fähig, die Massen zu ergreifen, sobald sie ad hominem [am Menschen] demonstriert, und sie demonstriert ad hominem, sobald sie radikal wird. Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen. Die Wurzel für den Menschen ist aber der Mensch selbst. Der evidente Beweis für den Radikalismus der deutschen Theorie, also für ihre praktische Energie, ist ihr Ausgang von der entschiedenen positiven Aufhebung der Religion. Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. Verhältnisse, die man nicht besser schildern kann als durch den Ausruf eines Franzosen bei einer projektierten Hundesteuer: Arme Hunde! Man will euch wie Menschen behandeln! Selbst historisch hat die theoretische Emanzipation eine spezifisch praktische Bedeutung für Deutschland. Deutschlands revolutionäre Vergangenheit ist nämlich theoretisch, es ist die Reformation. Wie damals der Mönch, so ist es jetzt der Philosoph, in dessen Hirn die Revolution beginnt. |386|Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat. Er hat den Glauben an die Autorität gebrochen, weil er die Autorität des Glaubens restauriert hat. Er hat die Pfaffen in Laien verwandelt, weil er die Laien in Pfaffen verwandelt hat. Er hat den Menschen von der äußeren Religiosität befreit, weil er die Religiosität zum inneren Menschen gemacht hat. Er hat den Leib von der Kette emanzipiert, weil er das Herz an die Kette gelegt. […] Wie die Philosophie im Proletariat ihre materiellen, so findet das Proletariat in der Philosophie seine geistigen Waffen, und sobald der Blitz des Gedankens gründlich in diesen naiven Volksboden eingeschlagen ist, wird sich die Emanzipation der Deutschen zu Menschen vollziehn.«
———————————————bis hierher gelesen————————————————
Marx stellt hier also richtig fest, dass die Deutschen heutzutage noch nicht mal so weit sind, Menschen zu sein, aber dies ein gutes Ziel wäre, auf das man sich zubewegen sollte.
Nur durch die Russische Revolution bekamen wir hierzulande überhaupt erstmal die Wohltaten des zivilisierenden Sozialismus zu spüren, wenn auch nur regional begrenzt und nur 40 Jahre. Daher müssen wir uns auf die bolschewistische Machtübernahme und Etablierung einer wirkungsvollen progressiven Regierung konzentrieren, die historischen Vorläufer studieren, um für die heutigen Klassenkämpfe theoretisch gewappnet zu sein.
Aber wir dürfen nicht hier stehen bleiben. Das Feld der Revolution ist sehr viel weiter, die ganze Welt ächzt unterm Imperialismus, der Willkürherrschaft der liberalen Märkte, viele Weltgebiete könnten mit dem heroischen Feuer des Umsturzes beglückt werden, viele Äcker besät mit der Leidenschaft für den Kampf ums Ganze, um historischen Fortschritt, soziale Emanzipation durch Verstaatlichung von Großbetrieben, Stärkung von Arbeiterrechten, bolschewistischen 5-Jahresplänen, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu treffen, usw. Wir kritisieren nicht das heutige liberale, »urwüchsige« System sondern verschreiben eine teils auch herbe Medizin für diese Krankheit des menschlichen Bewusstseins. Materielle Revolution, Umwälzung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse, Kollektivierung von Boden, Industrien, Medienunternehmen.
Ja, hier in Deutschland ist's am nötigsten mit dem Umsturz, keine Frage, aber wir Deutschen sind dazu wohl zu blöde und bedröppelt. Schauen wir in mutige, aufstrebende Länder, z.B. in die Ukraine! Ja, dort sind die Menschen eventuell noch etwas unbeschadeter vom neoliberalen Zeitgift und können in diesen schwierigen Zeiten die politische Krise ihres Landes nutzen für den so nötigen Umsturz und die Etablierung bolschewistischer Herrschaft, die nicht mehr über die bisher hochgelobten demokratischen Wahlen legitimiert ist sondern durch Bezugnahme auf Marx und aktive Weiterentwicklung seiner theoretischen Vorzeichnungen im regierenden Handeln und strukturellen Organisieren. Also liebe Ukrainer, liebe Armenier und Aserbaidschaner, Kirgisen, Kasachen und Philippinos, Sudanesen und Uruguayer, ihr alle seid nicht teil des harten Kern-Imperialismus, des post- und präfaschistischen Weißen Westens und dessen diktatorischer Geistesherrschaft in den Köpfen der ihm ergebenen Bewohner dieser »westlichen« Gebiete.
Ihr habt noch die Chance, bei euch ist nicht alle Hoffnung umsonst. Befreit euch vom Joch des Weisen Denkens, der Philosophierens über Menschenrechte und Demokratie. Was ihr braucht, ist materielle Entwicklung. Und die gibt es nur in Feindschaft zum Westen, der jeglichen aufsteigenden Konkurrenten aus dem Weg räumen möchte. Der Westen ist grundböse und degeneriert und jene, die ihm ausgeliefert sind und psychologisch täglich unter seiner Gewaltherrschaft leiden und sie sogar aktiv weiter fordern und propagieren aus Angst vor den Konsequenzen des Widersprechens gegen die mächtigen Begriffe und Framings, jene armen kleinbürgerlichen Schweine sind bemitleidenswerte Deppen, die eben von der durchaus pöbelhaften Natur der gemeinen Volksmassen sind, die ich schon weiter oben beschrieb. Diesen Volksmassen sollte man so wenig wie möglich und nicht zu viel auf einmal anvertrauen. Hier aber muss ich euch alles anvertrauen, was sich wieder in mir für den gloriosen Akt der Publikation angestaut hat. Ich bin souverän, gleite dahin in die weiten Steppen der Podcastlandschaft. Von Angesicht zu Angesicht würde ich mich nicht trauen, viele hier gesagte Dinge zu wiederholen, doch eben darum muss ich sie hier aussprechen.
Hier also kann ich euch offenherzig und unverfroren in die Ohren sagen, was ihr, liebe anonyme Volksmasse, in meinen Augen darstellt. Einen eklig-klebrigen Brei der liebgewonnenen Harmlosigkeit, Obrigkeitstreue und eines seligen Grundvertrauens in die uns beherrschenden Institutionen und Marktgesetze. Ihr seid so runtergekommen, dass sich die Frage stellt, wie weit es von hier aus, unserem heutigen massenhaften Volksniveau, eigentlich noch weiter hinunter gehen kann. Der geistige Abstieg ist fast komplettiert. Daher müsst ihr, liebe blökenden, grasenden, euch zusammendrängenden Schäfchen, jetzt auch keine Angst mehr haben. Schlimmer kann es eh kaum noch werden. So hündisch oder schafsköpfisch ergeben wie ihr heute lebt, seid ihr wirklich schon die allerunterste Ausdrucksform des menschlichen Lebens und der schaffenden Kultur. Egal was passiert, die Dinge können im Grunde nur besser werden. Gesteht euch dies ein und begreift, dass es nichts hinüberzuretten gibt von der alten grundfalschen Gesellschaft in die neue revolutionäre Situation. Alles muss über Bord geworfen, jede psychologische Knechtschaft abgestreift werden. Wenn ihr in eurer heutigen schweinischen Verfasstheit, beim Suhlen im selbstproduzierten Schmutz und im Stall bei den euch vorgesetzten Fabrikwaren ein so wohliges, wärmendes Gefühl empfindet, dann seid ihr der lebendige Beweis, warum unsere menschliche Gattung so verdorben, nichtsnützig und zerstörerisch ist, im Gegensatz etwa zu den edlen Schweinen, zu denen ich auch viel lieber sprechen würde, könnten sie mich verstehen. Es hilft aber nichts, ihr, geschätztes hörendes und verstehendes, da sprachkundiges Volk, seid meine anonyme Publikumsmasse, die ich bespiele oder auch mal bespeie, je nach Laune und Gusto. Also, liebe Spielkameraden, ich weiß, bei euch ist nichts mehr zu holen an Hirnsubstanz im hohlen Köpfchen, ihr stellt euch beim Denken ständig selbst ein Bein, wollt gar nicht auf geradem Weg fortschreiten so wie der entschlossene Philosoph, sondern ihr wollt auf dem Weg des Gedankens immer wieder niedersinken in den Schlamm und Morast, ihr dösigen Armleuchter, ihr besonders schwach glimmenden Lichtlein.
Wenn also ihr, liebe Volksmassen, auch gründlich verblödet seid, so werdet ihr ja wohl wenigstens noch einen guten Podcast zu erkennen vermögen und also dieses Werk still anhören, auf den billigen Plätzen, auf die ich euch erzieherisch verweise.
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