#188 Faustschlag
00:32:20 English: »Philosophy in the Bedroom«
01:05:37 Liebe Deutschen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner sein wollt!
to lavish — jemanden mit etwas überschütten
https://www.sas.upenn.edu/~cavitch/pdf-library/Sade_Philosophy.pdf
Marquis de Sade, »Philosophy in the Bedroom«, Third Dialogue, p. 196 in this edition
Nelly Furtado, Timbaland, »Promiscuous« https://www.youtube.com/watch?v=0J3vgcE5i2o
Faustschlag gegen die Hörer
Ja, ich möchte euch wehtun, ihr dummen Hörer, denn auch ihr tut mir ja Gewalt an durch eure Missinterpretationen. Ich nehme genau wahr, wie ihr meine Worte versteht und dass ihr glaubt, es läge ein Widerspruch in dem »I can’t find a peruvian girl like this in the whole world« und dem Schwärmen für meine ukrainische Kollegin. Ihr wollt mir vormachen, ich handelte rücksichtslos, demütigend oder egoistisch. Daher möchte ich gern ausholen zum Faustschlag gegen eure strunzdumme Rezeption meiner liebevoll geschaffenen Werke. Euer Verständnis der Liebe ist vollkommen falsch; ihr schließt euch ein in der Monoamorie und wollt eure heile Welt in der sexuell exklusiven Beziehung bewahren. Nun gut, wie es einem beliebt, könnte man sagen, soll doch jede machen, wie sie will. Aber das ist liberal und damit grundfalsch. Diese Freiheit führt zur vollkommenen Willenslähmung, zur Unfähigkeit, überhaupt noch etwas eigenes, von den reaktionären Gesellschaftskonstrukten Unterschiedenes zu wollen. Also ergibt man sich dem jahrtausendelang eingeübten Betrug, der Monogamie heißt.
Es ist ein Betrug an der Spezies, an der Ethik, an dem, was gutes Leben sein könnte und ihr alle, die ihr die Monoamorie lebt oder nur passiv akzeptiert, seid in meinen Augen verachtenswerte Schweine, die mit ihrem eigenen körperlichen Schmutz nicht zurechtkommen und daher die ganze Menschheit zu sich hinab in den Dreck und das Elend der vorgegaukelten psychischen Ausschließlichkeit der Liebesgefühle ziehen wollt. Ihr seid wirklich der dümmste denkbare Abschaum, die kloakenhafte Zusammenballung des Ungeists und Ressentiments gegen das ganze, von allen Seiten betrachtete, erkannte und wertgeschätzte Leben. Ihr seid im Grunde Lebens-Feinde, Asketiker, Nihilisten. Ich verlange nicht mehr und nicht weniger von euch, als dass ihr eure dreckigen Wichsgriffel von meinem Arm loslasst und mich ziehen lasst, damit ich unbelastet von euren schwitzigen Ausdünstungen der Lüge und der bewussten Versagung der eigenen Lustmöglichkeiten bleibe, aber das ist wohl zu viel verlangt, ihr seid wie Kletten oder Blutegel, die sich von meiner Substanz nähren wollen; und gut, ich habe viel zu geben, nehmt ruhig, was ihr verdauen könnt, aber lasst mich in Ruhe — Das wirklich Schandhafte an eurem kurzsichtigen Festhalten an der christlichen Tradition der Einen Liebe, des Einen Gottes, ist, dass diese Abkapselung in der heilen Zweierbeziehung heutzutage das wirkmächtigste Beharrungselement für den Kapitalismus darstellt, ein ungemein träges ideologisches Momentum für den Erhalt der alten, umsturzreifen Gesellschaft (wie in #92 dargelegt).
Ihr seid also schuldig; jedesmal, wenn ihr auf diese Weise Sex habt oder euch auch nur küsst, begeht ihr in meinen Augen eine Sünde vor der Menschheit und ihrem universellen Gewissen. Ihr könnt gern weitermachen, ich warne euch nur, dass euch das auf lange Sicht nicht gut bekommen wird, aber natürlich hat jeder das Recht, sich nach eigenem Gutdünken zu ruinieren.
Der Weltgeist blickt auf euch und wendet sich wohl mit Schaudern und Ekel ab.
Ihr hättet alle Möglichkeiten, ein reiferes, besseres Leben zu führen und doch wählt ihr das Verharren im Schlamm und steckt den Kopf in den Sand, um bloß nichts von der überbordenden Schönheit der Welt sehen zu müssen.
Vorige Generationen waren verständlicherweise aufgrund der langsamen gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse noch der Monoamorie ausgeliefert, die als alternativloser Normalzustand erschien; aber heute noch daran festzuhalten, ist definitiv ein Akt der Bosheit, Infamie und zeugt von einer befleckten, dunkel eingefärbten Seele, von Niedertracht und schändlicher Unfähigkeit oder Unwilligkeit, den eigenen Verstand zu gebrauchen.
Und ja, ich führe nur einen theoretischen Beweis; der Vollzug der Liebe ist mir gar nicht so wichtig, ich wollte nur beweisen, dass es prinzipiell möglich ist, wollte euch damit bloßstellen und hoffentlich beschämen über eure eigene Feigheit, die euch hindert, so weit zu gehen, auch nur die geistige Liebe zu einer Person außerhalb der Zweierbeziehung als gerechtfertigt und wünschenswert zu denken.
Ich bin durch und durch Theoretiker. Natürlich strebe auch ich nach der perfekten, alles auflösenden, jegliche Schranken transzendierenden Liebe. Aber was wäre deren hinreichende Bedingung? Ganz klar, es kann nur so sein: das sowieso Unverkennbare eingestehen, das Notwendige akzeptieren und sogar freudig bejahen, nämlich, dass man selbst und der eigene Liebespartner immer wieder Emotionen verschiedenster Art und in zweideutigen Ausprägungen gegenüber fremden Menschen, die außerhalb dieser Beziehung stehen, empfinden wird. Was dann mit diesen Gefühlen wird, ist eine andere Frage, ob man ihnen nachgehen sollte usw. Aber dass sie da sind, dass das der unleugbare Fakt jeder Liebesbeziehung und der grundlegende Stolperstein ist, ist erstmal klar.
Und selbstverständlich wäre es mir am Liebsten, einfach der einzige Mann weltweit mit einem Pimmel zu sein, der Einzige, der eine Frau befriedigen kann; ja, ich hätte gern dieses Monopol, nicht, um über die anderen Männer zu triumphieren, sondern einfach, um für mich selbst sicher zu sein, genug zu bekommen.
Aber wenn man diese Empfindung realisiert und nur eine Sekunde darüber reflektiert, wird ja klar, wie widersinnig das ist. Vor allem braucht ein einzelner Mensch ja nie so viel Sex und würde schnell auch wieder genug bekommen.
Und so ist es also auch mit der Treue und dem Ehebruch, dem Ausbruch aus der Monogamie. Eine andere Person entzündet uns; was da tun?
Die Eifersucht ist nur eine Einbildung; natürlich sollte man mit solchen diffizilen Situationen behutsam umgehen und versuchen, eine Konstellation zu finden, die der eigene Partner vertragen kann, was die Option miteinschließt, ihm überhaupt nichts von der Affäre zu erzählen, was ein Akt des Schutzes und der Fürsorge für diesen Partner sein kann, wie Robert Pfaller klug herausarbeitet.
Aber es bleibt dabei, die Eifersucht ist genauso eine Einbildung wie mein Verlangen, das Monopol auf alle Frauen haben zu müssen oder wie die Erfahrung, dass es auch schmerzhaft ist, sich am Beginn einer Beziehung zu überlegen, mit wem der Partner in seinem Leben schon alles Sex hatte und was er für diese Sexual- und Liebespartner alles für tiefe Gefühle empfunden haben muss. Auch hier kann man eifersüchtig werden auf diese früheren Gespiel*innen des neuen Partners. Aber in dieser Situation wird viel eher klar, wie dumm und kontraproduktiv die Eifersucht ist: mein Partner ist ja gerade im Begriff, sich mir zu schenken und mir damit zu signalisieren, dass ich ihm mehr bedeute als all diese vergangenen Liebeserfahrungen.
Jedenfalls ist für mich klar: ohne es sich vorzustellen und einmal zu Ende zu denken, ohne dieses Kreuz auf sich zu nehmen und sich selbst damit symbolisch ans Kreuz nageln zu lassen, indem man die Möglichkeit anderer gleichzeitig stattfindender Liebeserfahrungen des eigenen Beziehungspartners einräumt und durch dekliniert, kann es keine wahre Liebe geben. Das heißt keineswegs, dass man immer zu jeder Zeit polyamorös oder gar polygam leben müsse, aber das grundlegende Koordinatensystem sollte etabliert sein, dieses System, das besagt, dass es keine wirkliche Differenz zwischen Liebe und Polyamorie gibt, dass die Liebe zur einen Person schon die Liebe zu anderen möglichen ebenso besonderen und liebesbedürftigen sowie liebenswerten Geschöpfen mit einbegreift und nicht gedacht werden kann ohne sie; dass sich die Liebe erst vervollkommnet und abschließt in dieser letzten, scheinbar selbstzerstörerischen Bewegung.
Was ich ausdrücken möchte, hat mit der Hegel’schen Philosophie zu tun, die ich leider auch noch nicht ganz verstehe, aber exakt das will ich eigentlich auch ausdrücken: ein Ding muss nicht perfekt sein oder perfekt begriffen werden, aber es kann trotzdem, gleichzeitig oder gerade in dieser Verfehlung der Perfektion exakt dieses großartige, lebendige, unverbesserliche Ding sein, das in all seiner Brillanz das Leben erst rechtfertigt und uns ermuntert, es in Angriff zu nehmen.
Der Trieb, dieses nieaufhörende Wahrnehmen und Suchen der Schönheit, ist ein solches Ding. Es ist durchlöchert, scheinbar mit Wunden, Kratzern und Unvollkommenheiten besprenkelt, aber in Wahrheit sind diese Hindernisse auf dem Weg zur Vollkommenheit die wahre Vollkommenheit; es gibt gar kein anderes mögliches idealisiertes Ding, keinen Zustand, den man sich in der ersten Phase der Verliebtheit oft herbeiwünscht, in dem man mit der Einen Person so abgeschieden und abgetrennt von der Restwelt leben und sich für immer ausschließlich begehren könnte. Aber dieses Begehren dieser zweiten idealisierten Welt, in der die niederen Gesetze der alltäglichen Verstrickungen und Trägheiten, der Untreue gegenüber unseren Wahrheitsprozessen, allediese menschlichen Mäkel nicht mehr gelten und keine Macht mehr über uns haben, diese Sehnsucht nach dieser unmöglichen Welt ist bereits die Vervollkommnung des Triebes, die Veredelung der Liebe, der Beweis, dass es wahre Liebe gibt und dass sie verdammt noch mal nicht diesen unsinnigen Beweis der Ausschließlichkeit, der Exklusivität des Geschlechtsverkehrs und aller sonstigen Liebesgesten braucht.
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