#209 Frauenprivilegien / Mouhsine 🇲🇦
——————————————————————— 209 — Penisspitze / Frauenprivilegien / Breaking up slowly
Diese Folge nahm ich im Januar in Marokko auf. Im Februar bereitete ich sie zur Publikation vo und schrieb einen Begleittext, fühlte dann aber doch die größere Lust darin, die Publikation aufzuschieben. So baute ich am Text über die Monate hinweg noch einiges an. Heute ist die Folge endlich reif. Ihr Inhalt ist wichtig, weil es um die Frauenprivilegien geht, um den Vorzug der abwartenden, reagierenden Position, die auf Einfälle des Gegenübers angewiesen ist, damit überhaupt eine Interaktion zustande kommt.
Lana del Rey’s »Breaking Up Slowly« spielte ich bereits in Folge 25 vor drei Jahren, es war damals gerade frisch herausgekommen und ist heute noch immer so schön.
Hier könnt ihr die Folge hören: Folge 25
Nun zur Vorrede, die sich ĂĽber die Monate ansammelte.
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Die Schwierigkeit der heutigen Folge liegt darin, dass ich den Frauen darin etwas zum Vorwurf mache, was ihnen vernünftigerweise eigentlich gar nicht vorzuwerfen ist. Nämlich, dass sie sich konform und gemäß den Bestimmungen und den impliziten dieser bürgerlichenGesellschaft verhalten, und sich also auf den Wegen zu Frauen bilden, wie es ihnen nahegelegt wird durch die Erziehung und Herausbildung eines persönlichen Charakters innerhalb dieser Gesellschaftsformation. Und da ist es natürlich so, dass Frauen als das sekundäre Geschlecht gesehen werden, dass der hegemoniale Blick auf sie der männliche Blick ist, der begierlich auf sie ausgeht und sie zum Objekt macht. Daher nehmen die Frauen das als naturgegeben hin: ja, ich bin Frau, ich bin schwach, ich bin klein, mache mich klein und muss einfach nur abwarten, warten auf die Aktion des großen starken Mannes. Aber die Frage ist, wie sollen wir den Frauen helfen, aus dieser Situation herauszugelangen, wenn nicht, indem wir sie aufrütteln und auffordern, anders zu werden und aufzubegehren gegen die toxischen Normalitäten in dieser Gesellschaft.
Das geht nicht anders, als dadurch, auch Vorwürfe zu machen und etwa zu sagen: ihr Frauen, ihr könntest es ja auch tun, ihr könntet es euch herausnehmen. Ihr seid in dem Sinne formal frei, so wie es eure Großmütter und Urgroßmütter noch nicht waren, und es läge jetzt an euch, diese Freiheiten auch wahrzunehmen. Und damit will ich gar nicht herunterspielen, wie unglaublich schwer es ist, gegen die in eine Gesellschaft eincodierten Normalitäten anzugehen und aufzubegehren. Es ist sehr schwer und auch ich schaffe es nicht oder jedenfalls nicht oft genug, nicht so oft, dass ich mit mir zufrieden sein könnte. Aber dies ist kein persönlicher Kampf nur für mich, zurechtzukommen in dieser Gesellschaft, sondern ich will auch anderen aufzeigen, was ich mir wünschen und erwarten würde und dass dieser Kampf um die Emanzipation und Befreiung des Subjekts aus den Klauen der bürgerlichen Ausbeuter, die uns hier im Kapitalismus klein halten, gefügig, als Sklaven halten, dass diese Befreiung schon losgehen kann und muss, auch wenn wir leider nicht da Grundgerüst eineer sozialistischen Gesellschaft um uns herum zur Verfügung haben, die einen wie in der DDR anleiten kann, zu wirklichen Subjekten und Persönlichkeiten zu werden, an der wir uns empor hangeln können, uns festkrallen können und einfach eine Vorgabe, einen klaren Maßstab dessen haben, was von uns erwartet wird. Aber die Maßstäbe in der bürgerlichen Gesellschaft sind implizit.
Anlässlich eines 2014 in Britannien erlassenen Verbots für die pornografische Darstellung gewisser sexueller Praktiken, die eher ein Nischenpublikum ansprechen, wie unter anderem Fesselung, Urophilie, weibliche Ejakulation, Demütigung, bemerkt die Feministin Amia Srinivasan in ihrem Buch »Das Recht auf Sex«, jene absurde britische Liste der verbotenen Sexvariationen ergebe erst dann Sinn, wenn man beachtet, was sie nicht nennt, nämlich:
»die gute alte 'Ausziehen-Blasen-Ficken-Abspritzen'-Hetero-Pornografie. Die Sorte, […] in der heiße Blondinen Schwänze lutschen, ordentlich durchgefickt werden, sich erzählen lassen, wie sehr ihnen etwas gefalle, und zum Abschluss Sperma im Gesicht haben.« (Das Recht auf Sex, Amia Srinivasan, Clett-Kotta, Stuttgart 2021, S. 101)
In diesen hegemonialen Pornos zeigt sich also die Unterdrückung weiblicher Lust schon allein darin, dass selbst das weibliche Empfinden von männlicher Seite artikuliert wird und die Frau nicht selbst zu Wort kommt, sondern sich vom Mann sagen lassen muss, etwas gefalle ihr. Diese feine Beobachtung der herrschenden Assymmetrie und Disbalance in den Geschlechterbeziehungen, die uns Srinivasan hier liefert, ist für mich Anlass, auf ein politisches und ethisches Programm zu drängen, welches diesen Spieß umdrehen könnte.
Denn die Erzeugung und Verwendung von Lust ist keine so simple Sache, als dass sie ein Individuum qua Willensbeschluss einfach so durchsetzen und nach eigenen Kriterien gestalten könnte. Lust ist erlernt und erlernbar, wird aber in der herrschenden reaktionären Gesellschaft auf denkbar unpassende Weise vermittelt. Es reicht also nicht, es im Privaten besser machen zu wollen als andere, man muss Sex auch zum Politikum und Thema für die Öffentlichkeit machen, auch wenn das zunächst schwer scheint. Aus meiner Sicht sollten wir Männer den Frauen sagen und aufzeigen, ihr müsst es selbst machen, ihr müsst es selbst artikulieren und vor allem auf uns Männer zugehen, uns ansprechen, uns verführen, uns ganz klar signalisieren, dass ihr scharf auf uns seid, dass ihr uns zum Objekt machen wollt, uns erobern wollt, dass ihr nicht nachlassen werdet und eurem Begehren treu bleiben werdet, so wie es Lacan empfiehlt als Moral. Dass ihr also eurem weiblichen Begehren treu folgen werdet und dabei die Meinung dieser hegemonialen toxischen Gesellschaft um uns herum keinen Pfifferling wert ist.
Man kann nicht einfach autonom bestimmen, wovon man erregt wird und wovon nicht. Erst einmal ist man mit dem konfrontiert, was vor einem liegt als angespültes gesellschaftliches Material. In der bürgerlichen Gesellschaft ist dieses Material zutiefst sexistisch, antifeministisch und emanzipationsfeindlich, anders als in früheren sozialistischen Staaten, in denen Wert gelegt wurde auf die vollständige und kompromisslose Einbindung der Frauen in die Welt der Arbeiter, sie sollten zu Arbeiterinnen werden wie alle anderen. Wohingegen hier im freien Westen kein solcher Anspruch existiert und keine Anleitung und Hilfestellung für die Frauen, in neue gesellschaftliche Rollen hineinzuwachsen, sondern sie werden allein gelassen und dann dafür verachtet und für selbst schuldig befunden, es nicht weiter gebracht und nicht längst zu den Männern und ihren Machtpositionen aufgeschlossen zu haben, obwohl doch theoretisch qua formaler Freiheit und Gleichheit alles möglich wäre.
Und so existiert das patriarchalische,hegemoniale Bild der Rollenverteilung weiter fort, in dem stets ein latentar Machismus liegt, eine Erhöhung des Mannes und Glorifizierung seiner angeblichen Stärke und Macht und eine entsprechende Erniedrigung der Frau.
Wenn in bürgerlichen Gesellschaften auf die Belange von Frauen eingegangen wird, geschieht das in einem larmoyanten Ton der Anklage und Entrüstung (gegen Männer allgemein oder eine nicht weiter benannte und klassifizierte Gesellschaftsstruktur). Was oberflächlich betrachtet rebellisch und systemkritisch aussieht, ist aber wesentlich den Interessen weiblicher Emanzipation entgegengesetzt: denn so bekommen Frauen vermittelt, es käme darauf an, sich mit der existierenden Schlechterstellung anzufreunden, sie als die eigene Identität anzunehmen, um lautstark dagegen protestieren und so vielleicht einige persönliche Vorteile in der beruflichen Arbeitswelt einzuheimsen. Wie man es auch dreht und wendet, allein durch die ständige Wiederholung der verschiedenartigen Privilegien von Männern wird dieses Machtgefälle gestärkt und zementiert.
Es entsteht so eine toxische Spaltung zwischen einerseits der politischen, öffentlichen Welt, in der man sich echauffieren soll und einer privaten, erotischen Welt, in der aber weiterhin genau das als lustvoll erfahren wird, was den antiquierten, längst zur Überwindung reifen geschlechtlichen Rollenkonzepten entspricht.
Die Lösung liegt selbstverständlich nicht innerhalb dieses Systems des Kapitalismus, sondern in der zukünftigen sozialistsichen Gesellschaft. Hier werden nämlich Konsequenzen gezogen werden aus der allgegenwärtigen Ausbeutung der Arbeiter und der Überausbeutung der Frauen, die ein Teilaspekt davon ist und sich ganz »natürlich« aus den Gesetzen des Profits und Mehrwerts ergibt: Frauen bringen dem Kapitalisten einfach nicht so viel ein, zumindest kann er nie ganz sicher mit ihnen kalkulieren, weil sie ja schwanger werden könnten. In diesem banalen Sinne sind Männer eben leichter auszubeuten und daher das Normalmaß der Arbeitskraft.
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Liebe Hörenden!
Entschuldigt meine musikalisch ungenügende Gesangseinlage zu Beginn, aber der Song bot sich mir an für die heutige Thematik, ich hatte ihn ja schon in der letzten Folge teilweise — und deutlich besser als dieses Mal — gesungen.
Die heutige Thematik besteht darin, dass wir den Frauen das unberechtigte Privileg des Abwartens wegnehmen müssen aus feministischer Sicht, da es zwar einerseits seine Trägerinnen in eine angenehme Position versetzt, aus der man den Mann herankommen und ihm Zugeständnisse konzedieren kann, beispielsweise auf Einladungen und Vorschläge zur Tagesgestaltung. Andererseits aber bedeutet dieses Privileg — an dem jeder zumal schüchterne Mensch erstmal intuitiv festhielte, weil man es für naturgegeben hält — auch eine Schwächung und Lethargisierung der Frauen.
Auch ich bin ja gern zurückhaltend und schüchtern, eben daher, aus der Antipolarität heraus, bewundere ich solche expressiven Menschen wie etwa meinen neuen Chef, der durch seine joviale Art die Kunden zufriedenstellt und für ein angenehmes Arbeitsklima sorgt. Es ist immer leicht, anderen die Initiative zu überlassen, aber langfristig nicht der beste Weg, weil damit auch Deutungshohet und Rahmensetzungsmacht einhergeht.
Die negative Seite dieser Trägheit, zu nichts auffordern, nichts wagen zu müssen im romantischen Spiel, das ja eine immense Gestaltungsmacht für die jugendliche Seele hat, kommt dann zum Tragen, wenn es an die Feststellung von statistischen Differenzen geht, etwa in der Charakterbildung und der Frage, zu was man sich traut und wie unnachgiebig, ausdauernd und verwegen man sich betätigt im Leben. Die augenfällige Unterjochung und Inferiorisierung der Frauen ist nicht durch biologische Tatsachen bedingt wie das Fettgewebe, den Stoffwechsel oder Knochenbau, sondern zum allergrößten Teil sozial.
Sie kann durch kulturelle Veränderungen überwunden werden, diese Änderungen brauchen jedoch aus meiner Sicht als Kommunist natürlich erst die sozialistische Gesellschaft und damit die revolutionäre Überwindung der bestehenden bürgerlichen.
Die Änderung der Geschlechterverhältnisse braucht auch eine Umwälzung und Neuorganisation der wirtschaftlichen Basis.
Denn die Arbeit ist die Grundlage des Lebens und bedeutet die Konstituierung der Menschheit, wie Marlon Grohn in Bezugnahme auf Friedrich Engels schreibt. Ohne Arbeit gibt es keinen Menschen; erst in der täglichen Praxis des Umgestaltens und Umarbeitens seiner Umwelt erfährt der Mensch sich als Mensch und kommt zu sich als soziales Wesen.
So fühle auch ich, jetzt wo ich nach einer etwas ausgedehnten Pause zurückkehrte ins Leben als Lohnarbeiter. Es ist ein gemischtes Gefühl, einerseits Teil der räuberischen und mörderischen kapitalistischen Profitsicherungsindustrie zu sein, andererseits aber auch enorme Befriedigung und Selbstverwirklichung zu erfahren durch das Arbeiten, vor allem durch die Strukturierung des Alltags und die soziale Anerkennung, die einerseits das Geld, der Lohn einbringt, andererseits aber vor allem die launige Geselligkeit mit Kollegen oder das schlichte Genießen der Anwesenheit der anderen.
Dabei überwiegen bei weitem die positiven Anteile und diesen Sachverhalt sollten wir Kommunisten nicht ignorieren, sondern nutzen, um die gängie Unterjochung und Versklavung auf anderen Gebieten anzuprangern, die außerhalb der reinen Lohnarbeit liegen sowie aufzeigen, um wie viel lustvoller diese elemantare Sache für den Erhalt der Individuen wie der ganzen Gesellschaft sein könnte und durch sozialistische Maßnahmen und Arbeitsregularien gemacht werden könnte, vorausgesetzt die bürgerliche Herrschaft, die Diktatur der Bourgeoisie via parlamentarischer Demokratie, könnte durch eine kommunistische Diktatur des Proleatariats überwunden werden.
Bei dieser Agitationsarbeit könnten wir sogar erfolgreich sein bei einigen Menschen aus dem klein-bourgeoisen Milieu, die etwa eine kleine bis mittelständische Firma oder ein Einzelhandelsgeschäft besitzen. Hier gibt es sehr verständige Leute und ich glaube, durch meine vierjährige Berufserfahrung war ich jetzt auf dem Arbeitsmarkt wie eine warme Semmel, die von verschiedensten Unternehmen begehrt und begierig beglubscht wurde, nicht wenige hatten Lust, sich meine Arbeitskraft einzuverleiben, da voraussichtlich relativ wenig Einarbeitung nötig wäre wegen meiner vorhandenen Kenntnisse und Fertigkeiten. Wem ich schließlich mein Jawort gegeben habe, das halte ich hier natürlich streng geheim. Denn es ist doch eine besondere Sache, sich als Arbeiter hinzugeben für einen Betrieb, eine Erklärung zu unterschreiben, man werde seine Zeit und Arbeitskraft dem Unternehmen zu Diensten stellen und nach bestem Wissen und Gewissen die aufgetragenen Aufgaben erledigen. Einen relativ verantwortungsbewussten und selbstkritischen Menschen bringt das natürlich in die Bredouille in dieser kapitalistischen Umwelt, wo es oft zu Terminstress und unproduktiven Reibungen kommt, die in der Natur der Tauschwirtschaft begründet liegen.
Und manche Unternehmen sind es einfach nicht wert, dort kann ein Arbeiter nicht »in Ruhe seine Arbeit machen«, wie ein Kollege zu Beginn meiner Dienstzeit formulierte: dies sei sein Ziel und nicht »gegängelt werden wie in einer großen Firma«. Die Firma, in der ich war, war zwar klein, gängelte ihre Mitarbeiter aber auch gewaltig. Und hier sagt mein selbstkritischer Blick klar, dass ich mehr gegen diese unlauteren und teils sogar ungesetzlichen Praktiken hätte ankämpfen müssen. Aber so geht es nun mal vielen von uns, wir sind zu verschüchtert und glauben, uns als Arbeiter gar nicht wehren zu dürfen gegen die Anmaßungen der Chefs. Doch das müssen wir, vor allem in einer gutgehenden Branche wie meiner, der Softwarebranche, wo die Arbeiter durch die Knappheit der Arbeitskräfte im Verhältnis zur Fülle der Nachfrage einige Macht haben, anders als leider auf so vielen anderen Feldern wie etwa in der Gesundheitsversorgung, wo günstige Arbeiter einfach importiert werden und Menschen aus imperialistisch unterworfenen Ländern dazu gezwungen werden, die Arbeit zu tun, weil es für sie ökonomisch unumgänglich ist, in Deutschland statt daheim zu arbeiten.
In meiner letzten Arbeitsstelle habe ich also nicht alles richtig gemacht, leider stand ich allein ohne Unterstützung in meinem Kampf wie so viele andere Kollegen, die während meiner Zeit dort verschlissen wurden.
Letztlich konnte ich mich nicht wehren, als es darauf ankam, aber nun gut. Für meinen neuen Betrieb möchte ich nun alles geben und fühle ein wenig Bedauern, zurzeit noch ein wenig gehemmt zu sein und im Inneren eine beißende Bitterkeit zu fühlen über die Art und Weise, wie mit mir umgegangen wurde.
Wie dem auch sei, das waren eben private Probleme, die von meinen Chefs auf schamlose Weise missbraucht wurden, um mich einzuschüchtern, zu demütigen und letztlich loszuwerden. Ich hätte mir danach direkt juristische Hilfe nehmen sollen und kann das ja immer noch tun. Aber letztlich, wozu? Gegen die Verwalter der Kapitalreproduktion dort vorgehen, diejenigen Führungskräfte, die den Besitz des Eigentümers rentabel verwalten, die Firma mit all ihren Arbeitsgeräten, von denen die Arbeiter die wichtigsten sind; was sollte das groß nützen, gegen diese Sklaventreiber und Kapitaldiktatoren zu kämpfen? Eine Geldsumme xy oder ein Richterspruch könnten nie diese Leere in mir füllen, die Enttäuschung darüber, dass es vorbei ist und das beschämende Gefühl, dass ich eigentlich trotz allem gern wieder dort arbeiten würde, trotz der Güte, Umgänglichkeit und Kompetenz meiner neuen Vorgesetzten und trotz der unschönen Arbeitsmethoden und Kommunikationsgepflogenheiten an meiner alten Arbeitsstätte. Ich verstehe dieses Gefühl auch nicht, aber es geht dabei vor allem um die alten Kollegen, die mir fehlen, obwohl ich mit keinem davon wirklich nähergehend befreundet war. Aber allein sie um sich zu haben und sich ab und zu über Wochenendaktivitäten zu unterhalten, gab mir schon jedes mal ein befreiendes Gefühl, das auch das gesamte restliche Arbeiten am fachlichen Stoff veredelte und erst erträglich und angenehm macht.
Die WillkĂĽr der Vorgesetzten mal dahingestellt, frage ich mich, ob diese Bitterkeit nicht auch eher damit zu tun hat, dass sich keiner der frĂĽheren Kollegen bei mir gemeldet hat. Das alles hat sich im Sand verlaufen, auch mit der wichtigsten Bekanntschaft dort, der etwa gleichaltrigen deutschen Mitarbeiterin, die taggleich mit mir vor etwa vier Jahren dort anfing. Weder mit ihr, noch mit anderen ehemaligen Kollegen hatte ich in der letzten Zeit Kontakt.
Aber genug davon, ich möchte mich jetzt vor allem auf die Arbeit konzentrieren. In meinem neuen Job habe ich das Gefühl, mittelfristig voll erblühen, viele Methoden lernen und meine Passion für die Softwareentwicklung auszuleben. Ich plane, noch etwa 5 Jahre in diesem Feld tätig zu sein, bevor ich mich der Schriftstellerei oder auch der politischen Kaderarbeit widme, so die kommunistische Bewegung erstarkt und neue Aufgaben rufen, was ja zu hoffen wäre, sich heute aber nicht am Horizont abzeichnet.
Gerade weil wir Softwarearbeiter so privilegiert sind und in einem ökonomisch einträglichen Feld arbeiten, sollten wir den Horizont weiten und die Kämpfe anderer Gesellschaftsschichten auch zu unseren machen. Denkbar wäre hierzu eine Gewerkschaft der Softwarearbeiter, die sich mit streikenden Arbeitern anderer Branchen wie der Gesundheit oder des Verkehrs solidarisieren und ihre Streiks synchronisieren, sodass durch einen Ausfall von IT-System weiterer Druck auf die Verhandlungspartner der Ausbeuter- und Kapitalseite gemacht werden könnte, um in Tarifverhandlungen Lohnerhöhungen und andere Forderungen durchzusetzen. Doch das sind nur Gedankenspiele, im Moment will ich mich auf die Einarbeitung konzentrieren und fühle, dass ich mit den anderen Mitarbeitern an einem gemeinsamen Projekt arbeite. Auch wenn die Chefs formal gesehen Ausbeuter und Arbeiteraristokraten oder eben Kleinbürger sind. Jedoch global betrachtet gehöre ja auch ich zu den »top 1 percent«, wie Stefan jüngst im Aufwachenpodcast sagte, somit ist die Differenz selbst zu den Chefs auf dieser Skala minimal.
Ich bin noch nicht ĂĽber das Drama am Ende meiner vergangenen Dienstzeit hinweg gekommen. Aber vielleicht will ich das ja auch gar nicht, denn ich bin eine KĂĽnstlernatur und liebe das Drama, somit bin ich dankbar fĂĽr das Empfangene, kann aber nicht umhin, eine deftige Portion Trauer zu verspĂĽren, nicht ĂĽber den Verlust einzelner Kollegen, sondern den Abgang von der Firma als ganzer, als Organismus, der Abschied aus dem Korpus ihrer Mitarbeiter.
Diese Bitterkeit und auch Wut spüre ich täglich und werde dessen schon überdrüssig und frage mich, inwieweit meine Emotionen gekünstelt sind. Dennoch glaube ich, in dieser Trauer über eine vergangene Arbeitsbeziehung liegt etwas sehr Tiefgreifendes, dessen Auswirkungen mit jenen der Liebe verglichen werden könnten.
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- Teil
Natürlich könnte ich jetzt zufrieden sein, eine gute Firma gefunden zu haben und hier mein sicheres Einkommen und eine relativ abwechslungsreichen, erfüllende Arbeit zu haben. Aber all dies ist eben nie sicher und garantiert innerhalb des Imperialismus. Denn ständig droht ja die nächste Wirtschaftskrise, die uns Arbeiter wieder "aufs Pflaster werfen" (Engels) könnte, also arbeitslos machen. Die Konjunkturzyklen sind zwar noch relativ stabil, zumindest hier in dem kleinen Weltausschnitt, der für uns gilt, in Deutschland und eine wirklich tiefgreifende Krise wie etwa sie Argentinien seit Jahrzehnten erfährt, bahnt sich noch nicht an.
Aber irgendwann wird die Große oder Allgemeine Krise, von der schon der kommunistische ungarische Wissenschaftler Eugen Varga sprach, ja doch kommen. Und nur arbeitslos zu werden, wäre dann noch das geringste der möglichen Übel. Denn gut bekannt ist ja auch die Verquickung und Verbandelung zwischen Imperialismus und Krieg. Der Imperialismus braucht den Krieg wie die Luft zum Atmen. Immer dort, wo er mit friedlichen Mitteln nicht weiterkommt in der Verfolgung seiner auf Profitmaximierung und Sicherung von Märkten und Einflusszonen ausgerichteten Politik, greift er eben zu den Waffen, wendet Gewalt an oder lässt sie anwenden von politischen Unterhändlern, Vasallenstaaten oder Milizen. Somit droht uns Arbeitern auch das, was die ukrainischen und russischen Arbeiter schon heute erfahren, das sinnlose Sterben im Kampf für ein wertloses Vaterland. Denn das Vaterland, das die Ukrainer verteidigen, gehört ihnen ja nicht einmal, so wie große Teile des ukrainischen Bodens ausländischen Konzernen wie Blackrock gehören, gehört auch der Staat als ganzer der kleinen, aber mächtigen Klasse der Bourgeoisie. Die ukrainische Kompradorenbourgeoisie wiederum ist natürlich gekauft und hängt am Tropf der westeuropäisch-nordamerikanischen Bourgeoisie. Daher sind auch nur diese ausbeuterischen Länder mit einer starken, weltbeherrschenden Bourgeoisie als "imperialistisch" zu bezeichnen, während die abhängigen, gekauften Länder wie die Ukraine und Russland zwar auch Teil des weltumspannenden imperialistischen Systems sind, sich aber in der untergeordneten Rolle der Lakaien und Wasserträger wiederfinden, die von den größeren Mächten nach Belieben geopfert und in jahrelange Gemetzel verwickelt werden können durch kluge geopolitische Intrigen und Verschwörungen. Das ist keine Verschwörungstheorie, sondern ein Verschwörungsfakt. Wer das nicht glaubt, der soll doch was anderes einschalten, lasst meinen Podcast einfach Podcast sein und zieht Leine, lasst mich in Frieden, wenn ihr am Propagandatropf der Nato hängt.
Es sind die peripheren Länder, die unter Kriegen und Wirtschaftskrisen, die ähnlich verheerend sein können wie Kriege, leiden sowie unter der Weigerung der Arbeiter der imperialistischen Länder, Revolution zu machen und dieses Unrechtsregime der BRD, das mittels diplomatischer Einmischung, ökonomischem Druck und militärischen Drohungen seine Fangnetze über die ganze Erde und insbesondere die schwachen, aber aus ökonomischen oder geopolitischen Gründen »attraktiven« Länder legt, endlich zu beseitigen.
Genau solche Publizisten wie Tilo und Stefan aus dem Aufwachenpodcast sind es, die ich mit dieser Kritik treffen möchte. Denn trotz vieler guter Ansätze ist ihr Podcast im Großen und Ganzen, betrachtet man ihn von seiner Gesamtaussage und ideologischen Hauptrichtung her, ein Produkt ängstlicher Bescheidenheit und kleinbürgerlicher Selbstzensur beim sprechenden Denken. Sicherlich könnten die beiden viel weiter denken und Erhellendes formulieren, wenn es dazu nur eine Anleitung und Richtschnur gäbe. Doch in der derzeitigen Diskurslandschaft ist klar, wohin es geht, nämlich gegen Russland. Wir müssen nun als ein Volk zusammenstehen, so schwört Kriegsminister Pistorius die Massen ein; von Führer Scholz wünscht man sich, dass er endlich eine klarere Linie vorgibt und schwerere Waffen an die Ostfront schickt. An diese ideologische, objektiv halbfaschistische Situation passen sich Tilo und Stefan eben an und dann kommt so ein Quark heraus wie etwa ihre staatstragende Haltung in der Frage der Waffenlieferungen, die sie unterstützen.
Beziehungsweise wäre ich ja froh, Tilo würde überhaupt mal Flagge bekennen, was und wen er unterstützt, aber bei ihm hat man immer noch das Gefühl, er ist in der typischen Lala-Welt des liberalen Journalismus gefangen, wo man das grausame Weltgeschehen bestürzt betrachtet, sich an den Seitenrand stellt und so tut, als sei eine ganz andere Welt, eine ganz andere Politik möglich und herbeizuführen allein durch Aufklärung und Verstärkung der richtigen Medienbeschallung, die den imperialistischen Ideologieproduktionsapparaten Paroli bieten soll. Diese quatschige, kindische Haltung verbirt natürlich eigentlich ein tiefes Ressentiment gegen die Rezipienten seines Journalismus. "Ihr seid schuld, ich habe für meinen Teil alles gemacht und berichte ja", das ist die Geste, mittels derer er sich seiner Mitverantwortung als politisches Subjekt und Bürger der liberalen Demokratie entledigen möchte.
Nicht ganz so leicht zu decodieren ist Stefans politische Haltungslosigkeit. Aber auch er ist genau betrachtet nur ein Windfähnchen oder ein Stückchen Treibholz, das vom ideologischen Strom der Hauptstadtpresse nach Belieben umhergeworfen wird. Er war es, der in einer der letzten Aufwachen-Ausgaben exolizit weitere Waffenlieferungen für die Ukraine erhoffte (was ja die deutsche Mainstream-Poisition ist, aber von ihm hätte ich mir eben Klügeres erhofft). Und dafür danke ich ihm, dass er nämlich wenigstens die Positionen benennt, die er vertritt und sie nicht unter dem Schleier einer Pseudoobjektivität und eines ehrlich gemeinten, aber begriffs- und wirkungslosen Pazifismus versteckt wie Tilo.
Um es etwas konkreter zu machen, greife ich die letzte veröffentlichte Folge 459 auf, die in vielerlei Hinsicht herausragend war und mich wieder an die alten Zeiten erinnerte, in denen der Aufwachenpodcast für mich definitiv der beste Podcast der Welt war. Aber in der Folge ging es um das Urteil des Gerichtshofs in Den Haag bezüglich des Krieges in Gaza. Tilo argumentierte, gerade als Unterstützer Israels müsse man hoffen, dass das Gericht feststelle, Israels Krieg sei wenigstens kein Völkermord. Denn Völkermord wäre irgendwie eine "Red Flag" - allein dieser Begriff der Flagge und Tilos merkwürdig lapidarer Tonfall ließen mich an einen Fan denken, der mit seinem Fußballteam mitfiebert: ja, Israel vor, noch ein Tor, aber wenns geht ohne Völkermord.
Natürlich ist das unfair von meiner Seite, Tilo berichtet ja auch über das Leid der Palästinenser und ist keinesfalls zu einseitig proisraelisch. Aber diese Sache, dass man so teif drinsteckt im Newsbusiness, dass man gar nicht mehr merkt, wie zynisch und albern das eigentlich ist, was man sich da erhofft oder als große politische Bedeutung ausgibt, das lässt sich an ihm ersehen.
Denn ob irgendein Gericht der Welt offiziell feststellt, es habe sich um dieses oder jenes Kriegsverbrechen gehandelt, wird erstmal an der materiellen Realität, am Tod von Zehntausenden Menschen, nichts ändern. Und so wichtig nachträgliche Aufklärung sein mag, wie in Deutschland etwa die Aufklärung der Naziverbrechen in den Nürnberger Prozessen, so ist der Fokus auf reine Begrifflichkeiten zumindest so lange abstrus und wenig hilfreich, solange der Krieg noch läuft und das Töten unvermindert weitergeht.
Natürlich ist es schön und richtig, dass Israel existiert und gerade wir Deutschen sollten uns gegen solche Tendenzen innerhalb der Linken richten, die Israel als Feindbild auserkoren haben, weil es so schön einfach verständlich ist und der dortige Imperialismus und Kolonialismus gegenüber den Palästinensern viel plastischer, bildlicher ist als der hierzulande wie selbstverständlich obwaltende und viel mächtigere deutsche Imperialismus. Als Kommunisten sollten wir zudem für den Erhalt Israels streiten - dessen größte Bedrohung von innen, von seinen eigenen kurzsichtigen Politikern vom Schlage Netanjahus ausgeht - weil es eine historische Parallele gibt zwischen der Situation der Juden und Kommunisten. Unbenommen ist die Shoah oder der Holocaust ein in seiner Dimension und Tragweite einmaliges Verbrechen. Aber auch wir Kommunisten wurden im letzten Jahrhundert ja nicht selten verfolgt, verurteil, ermordet, verächtlich gemacht und stigmatisiert. Das alles ist natürlich noch kein Äquivalent zur jahrhundertelangen Geschichte des Antisemitismus. Dennoch kristallisiert sich durch diese dunklen Erfahrungen eben langsam die Einsicht heraus, dass wir nicht innerhalb eines der bestehenden bürgerlichen Staaten existieren können, sondern unseren eigenen brauchen, ebenso wie die Juden ihren Staat Israel haben.
Habt doch keine Angst vor der Revolution, so möchte ich Stefan und Tilo zurufen. Macht es wie eure Eltern und seid staatskritisch statt staatstragend. Denn in der DDR war es gang und gäbe, gegen die eigene Regierung zu stänkern und zu mosern und das gesamte System infrage zu stellen. Freilich nur hinter vorgehaltener Hand im Privaten, nicht öffentlich. Aber weil die menschliche Natur nun mal so beschaffen ist, dass sie zuweilen geanu das begehrt, wessen sie nicht habhaft wird und es genau aus dem Grund begehrt, einfach weil es das Andere ist, das Verbotene, deshalb ging die DDR zugrunde an den in ihren Staatsmedien vertretenen übermäßig optimistischen Jubelmeldungen. Hierzulande in der liberalen BRD hingegen darf öffentlich so viel gestänkert und gegen die Regierung gehetzt werden, wie nur geht - aber genau darum sind die Leute dann in ihrer privaten, eigentlichen Meinung so zahm und zufrieden mit dem bestehenden System, wollen, dass sich bloß kein Jota daran ändere, besonders nicht an den Besitz- und Produktionsverhältnissen.
Die BRD hat das schlauere und effektivere System gefunden, die ihr unterworfenen Bürger zu manipulieren, bis sie von selbst zufrieden sind mit dem, was ihnen vorgesetzt wird. Aber selbst wenn die Leute noch ihre eigene Unterjochung anbeten, müssen wir Kommunisten sie doch aufrütteln, aufwecken, damit sie ihre wahren Klasseninteressen erkennen und revolutionär werden.
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