Materiell/Ideell
Ich hab ne Riesenchance verpasst. War unaufmerksam, hab den Anschluss verpasst. Und zwar… hätte ich doch einfach mal cool sein können. Das mit Lila besser wegstecken. Und im Herbst einfach weiter den Podcast bezwecken. Mit meinen Worten die Umwelt verdrecken. Ja, so einfach geht das: ich mach weiter, befreit von der Arbeitslast. Und warum ich das nicht tat? Nun, die Eltern… die mich quälten mit ihren blöden Vorsätzen und Vorstellungen: man müsse doch zügig eine Arbeit finden. Man solle sich doch schnell um einen neuen Vertrag bemühen. Und danach könne man ja immer noch Zeit zum Reisen nehmen. Ich brauchte die Zeit aber dann, im Herbst, einfach zum Nachdenken. Und um dieses Gut wurde ich von meinen Eltern gebracht durch ihre brutalen Psychospielchen, mit denen sie mich unter Druck setzten und de facto zwangen, mir schnell eine neue Arbeit zu suchen, statt weiter nachzudenken und Lila nachzuhängen.
Das wäre es gewesen, dazu war ich berufen.
Lila nachzurufen: ja, ich werd dich nicht vergessen. Egal was du tust… ist doch kein großes Ding, ach Lila, versuchs… zu fühlen innen drin. Da gibt es nichts Schlechtes, wenn du bei mir warst und ich bei dir, das fühlt sich nur recht an, nur unendlich richtig und voll Sinn.
Aber meine Eltern… die mir ein Bein stellten. Zusätzlich zu den bourgeoisen Unterdrückern, den Arbeitskollegen, den Chefs dort. Aber damit musste ich rechnen, das ist normal, eingepreist und verrechnet: die Kapitalisten ziehen einen über den Tisch. Aber dass auch meine Eltern nur nach Kapitalinteressen entscheiden und fühlen… das wollte ich damals noch nicht ganz wahrhaben. Und erzählte ihnen darum von meinem Fauxpas mit Lila und dem Podcast. Und dann: Oh Gott, du hast… was…
Es war einfach ein Fehler, es ihnen überhaupt zu gestehen. Ich muss erwachsen werden und für mich selbst einstehen. Doch ich war verwirrt, in Trauer, tiefem Bedauern, fühlte gruselige Schauer voll Schuld und Schamgefühlen. Und gut, warum sollte ich das nicht meinen Eltern erzählen?
Und nur um das klarzustellen, ich bin ja wie oft gesagt sehr zufrieden mit meinem neuen Job und Vertrag… nur war es der falsche Zeitpunkt, zu dem ich ihn annahm. Damals war ich noch dabei, das alles zu verarbeiten und hätte besser daran getan, mich darauf zu konzentrieren und nicht auf die Auswahl eines neuen Arbeitsplatzes. Ich glaube einfach, das hätte mir viel gebracht und mir viel erspart an unnötigen inneren Hadern. Manchmal hat man nur die Wahl, den Ärger im Äußeren auszutragen oder eben in sich selbst wüten zu lassen. Und gegenüber den Chefs und meinen Eltern konnte ich nicht im Ernst über Lila und was passiert war reden. Darum musste ich es in mich hinein fressen.
Über meine Eltern will ich nur sagen, dass Manita sie einmal als glänzendes Vorbild einer funktionierenden Beziehung und Ehe hinstellte, an der man sich orientieren könne.
Das mag sein, wenn man ökonomische und emotionale Stabilität als das Maß aller Dinge ansetzt, was aus Manitas bewegter vergangener Biografie auch sinnhaft erscheinen kann, nicht jedoch aus meiner. Ich möchte hier nur die gemeine Skizze der Liebe meiner Eltern zueinander zeichnen. An der Wurzel des Gefühls der Liebe liegt das Gefühl der Welt und die ist nun mal so, wie in meinen Texten (in der nächsten Folge wird es ein Highlight geben, einen unerwartet gut gelungenen Text) dargestellt: schlecht, voller Hass und Missgunst, Neid und Konkurrenzdruck.
Und dieses Gefühl liegt an der Wurzel aller Empfindungen und Weltanschauungen meiner Eltern (letztlich mehr auf der Seite meines Vaters, aber nach so vielen Jahren hat er seine Weltsicht qua größerer ökonomischer Macht meiner Mutter einfach aufgedrückt, sodass die beiden Welten in der Tat verschmolzen sind, nur auf eine gruselige Weise): dass man stetig zurückgeworfen, arbeitslos und arm und aller finanziellen Mittel beraubt werden könnte. Und diese Angst ist ja auch rational und nachvollziehbar, zum Einen aus der ganz realen barbarischen Gegenwart, des kapitalistischen Kampfes aller gegen aller; zum Anderen auch aus unserer Familiengeschichte, in der es tatsächlich bittere Armut gab in der Generation meiner Großeltern und Urgroßeltern.
Mein Großonkel ist dem Kessel von Stalingrad nur knapp entkommen mit seiner Panzerkolonne. Dieses historische Bruchstück fiel mir nur eben ein. Aber es ist schon interessant, wie die Geschichte so spielt. Und manchmal kann sie ja helfen, die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken. Ein Rauswurf wegen unbewiesener Vorwürfe des Stalkings ist zwar nicht das Angenehmste, was sich vorstellen lässt, sicher aber auch nicht das Schlimmste und nicht das Ende der Welt.
Und damit kann ich umgehen, aber nicht mit den Erwartungen meiner Eltern. Sie sehen mich letztlich als ein Risiko, eine potentielle finanzielle Last, jemand, für den sie aufkommen müssten, hätte ich keine Arbeit mehr. Und darum interessiert sie nur das, wie ich rasch eine neue Arbeit finde, ohne überhaupt nach meinen Gefühlen für Lila zu fragen und ob ich damit umgehen kann, es ertragen…
Und schön, dann wär das auch geklärt. Die Liebe ist für Bourgeois und Proletarier die gleiche, so hats Nabokov, der Hund, erklärt.
Und ja. Und nein. Ich sage da nur: schön, das mag sein. Mir ists gleich. Aber wenn man so auf die Welt blickt, sich fürchtet, sich dem Gedanken ans nackte Überleben ausliefert und dass man dem Bourgeois dafür alles bereit wär zu geben… dass man selbst es verdient hat, in seiner Gunst zu stehen, vom Kapitalregen was abzukriegen, während andere leiden und darben… wenn man so dahinein blickt, dann ist das einfach traurig, macht mich geknickt, dann ist auch gar nicht mehr die Frage, ob man liebt oder nicht. Dann wäre der Tod besser als dieses Leben.
Was ich mich frage, ist, ob der Stil und Tonfall des heute gelesenen Texts eine Vorlage für weitere Schreibunternehmen sein kann. Großsprecherisch verkünden, was Sache ist in dieser Marktgesellschaft, mir scheint, dass das auch die perfekte Rache ist gegen meine Eltern. Aber wie immer habe ich auch hierzu keine Pläne.
Hey, nehmts nicht so schwer, was ich über meine Eltern schreibe. Vielleicht lesen sies sogar selber, wobei wahrscheinlich nicht und bald schon ist ja sowieso Schluss und aus hier mit dem Podcast. Ich meine nur: wir alle idealisieren doch gern unsere Eltern und wollen für immer daran glauben, dass sie gute, anständige, immer richtig handelnde Personen sind. Und seinen Eltern einen Fehler nachzuweisen, ist nicht leicht, aber es fühlt sich letztlich doch gut an, weil man mit dieser Kritik ja die Wertschätzung bezeugt. Und so soll mein Schreiben einfach nur ein Aufzeigen all dessen sein, was an der bourgeoisen Weltsicht, vom vulgären toxischen Pseudo-„Materialismus“, der schlicht die pekuniäre, finanzielle Sicherheit und Ausgestattetheit als alleinigen Wert setzt, falsch ist.
Wenn Lila tat, was sie tat, wird sie dafür ihre Gründe gehabt haben und es ist ja prinzipiell richtig, sich über eine subjektiv als solche wahrgenommene und erfahrene Belästigung zu beschweren.
Nur wäre das Ziel einer solchen Beschwerde ja vernünftigerweise, dass die Vorwürfe untersucht und geklärt werden. Dafür fehlen jedoch im Kapitalismus die Strukturen, wozu sollte sich die Firma auch diesen Aufwand machen, dem nachzuforschen? Allein aus Kostengründen schien ihr eine simplere Lösung vorzuziehen.
Dass meine Eltern das einfach so als gottgegeben hinnehmen, weil es eben die Entscheidung des Kapitals, also der absoluten Macht ist, welche nicht hinterfragt werden kann, das ist es nur, was ich ihnen vorwerfe. Es wäre nämlich nicht nur für mich selbst sondern auch für alle weiteren Mitarbeiter der Firma und die Gesellschaft insgesamt ein wichtiger Kampf gewesen, hätte ich mich dazu aufgerafft, juristische Schritte gegen die Firma einzuleiten. Das wäre das einzig Richtige gewesen, einfach weil es mir wichtig hätte sein sollen, die Vorwürfe Lilas zu klären und ihnen nicht aus dem Weg zu gehen. Es ist jetzt halt bitter, dass mein Podcast nur als Mittel diente, die Bilanz der Firma zu entlasten und das Personalbudget zu reduzieren in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in denen Lilas Handlung gerade recht kam, um unter Verweis auf den im gesellschaftlichen Überbau so dominanten bürgerlichen Feminismus meine Entlassung zu begründen.
Ich glaube, dass Lila aus verschiedenen Gründen tat, was sie tat, aber einer der Hauptfaktoren, so stelle ich es mir vor, war, dass sie mich als Kommunisten treffen wollte. Und sich daher der kapitalistischen Firma anvertraute, um mir die ultimative Demütigung zu versetzen, dass sie nämlich den bourgeoisen Unterdrückern mehr vertraut als mir. Und dafür danke ich ihr, denn es geht eben in der Liebe auch um Hass und Aggression, wie der Arbeiterinnen-Text ja auf vorzügliche Weise beweist. Die Dialektik ist die Zärtlichkeit der Begriffe, die kaum dass sie auseinanderstreben, auch schon wieder zusammenfinden mögen.
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