Tischlein, deck dich!

Tischlein, deck dich!

#71 Fremde Gebiete

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Diese Folge ist speziell. Die Entscheidung, sie zu veröffentlichen ist ein Akt des Wahnsinns, der mir jetzt schon im Magen rumort, bevor ich ihn vollbracht habe und während ich spüre dass ich mich trotz aller Bedenken nicht dagegen wehren kann, diesen Schritt zu tun. Zu berührend sind meine freien Assoziationen, die sich vor und nach der Lektüre des heutigen Textes entfalten. Dieser Text selbst ist es aber, der problematisch ist.

Als Arbeitstitel wählte ich wie erwähnt "Rio", da es um eine Südamerikareise gehen soll, die in Rio de Janeiro kulminiert, ihren Gipfel- und Auflösungspunkt findet. Dort nämlich soll eine sozialistische Kommune entstehen, auf der fortgeschrittensten kommunistischen Ideologie basierend und dem freien Austausch und Verkehr zwischen den Individuen verpflichtet, die in der Arbeit für das höhere Konstrukt ihres kleinen sozialen Staates eine sinngebende Aufgabe und Beschäftigung finden.

Das Vorspiel zu dieser revolutionären Vereinigung findet sich im heutigen Textfragment beschrieben: die rastlose Lia durchquert den Kontinent und verstrickt sich in ihre revolutionären Theorien und in ihren Hass auf das ferne Europa und seine Probleme, Gepflogenheiten, Werte und Sicherheiten. Dieses Europa, das Lia einfach nur mit Pech und Schwefel übergießen würde, wenn sie könnte, muss dennoch auf andere Weise als auf ökonomischem Gebiet bloßgestellt und attackiert werden.

An diese Einsicht knüpft der Sexkommunismus an, den Lia unter dem blitzartigen Eindruck von Waldemar, dem Klimaaktivisten entwickelt. Unter höchstem Druck und mit dem Rücken zur Wand findet sie keinen anderen Ausweg aus ihrer schwärmerischen Verliebtheit und erotischen Sehnsucht als diese Theorie der Teilung der erotischen Werte und Reichtümer mit allen sozialen und sexuellen Wesen zu erfinden und in die Welt zu bringen.

Somit zeigt sich hierin einmal mehr, dass nur gewaltige und schier aussichtslose Probleme uns dahin bringen können, uns so sehr unter Druck und hilflos den Weltenläuften ausgeliefert zu fühlen, dass wir eine Lösung finden und unseren Geist frei und kreativ schweifen lassen müssen, damit er uns durch seine Zauberkraft einen Weg weise, diese unhaltbare Situation der Entwürdigung aufzulösen und zu transzendieren. Das ist die Kraft des reinen Denkens, die nur in einem weiblichen Gehirn voll zur Entfaltung kommen kann, da wir Männer durch niedere Instinkte und unseren kindischen Spieltrieb die meiste Zeit gebunden sind und unsere intellektuelle Kapazität nicht auszuschöpfen vermögen.

Daher also war es alternativlos, die Hauptfigur feminin zu gestalten, auch wenn es mir sicherlich an der ein oder anderen Stelle schwer fällt, sie realistisch zu zeichnen und auszuschmücken mit meiner extrem begrenzten, simplizistischen männlichen Auffassung vom Leben.

Zum Abschluss bleibt mir kaum mehr zu sagen als dass ich euch wünsche, eure erogenen Zonen mögen immer ausreichend, zufriedenstellend und fruchtbar bewirtschaftet und gepflegt werden.

Bis dahin verbleibe ich euer schamloser Podcaster-Simon.

Hier mein literarisches Romanfragment:

Es war halb neun, da schlug in mich der Blitz des Gedankens ein. Waldemar, der Klimaaktivist legte gerade im Aufwachenpodcast dar, warum es auch schon eine ernstzunehmende Handlung gegen die Klimakrise sei, nur mal mit Freunden und Familie darüber zu sprechen. Einfach mal darüber sprechen -- ja wie großartig war dieses Wort von Waldemar in meinen Ohren. Leichtfertig könnte man den Aktivisten hier vorwerfen, ihre eigene Bedeutung maßlos zu überschätzen, indem sie meinten, ihr bloßes Hinweisen und Thematisieren der Klimakrise sei schon ein relevanter Beitrag zur Problemlösung. Aber genau das ist ihr Aktivismus natürlich! Wie wir an FFF sehen brauchte es erst aufgeweckte, aufmüpfige Jugendliche, um die Gesellschaft und Politik an ihre Versprechen und vorgeblichen klimapolitischen Ziele zu erinnern.

Ja, Waldemer hatte recht. Geschockt von so viel Genialität brauchte ich erst mal eine Pause vom Podcast. Ich ging nervös in meinem Zimmer auf und ab. Wenn es stimmte, was er sagte, dann hatte ich mein Leben bis hierhin verplempert. Denn auch ich hätte ja einfach mal losreden können und über die Unbilden der Welt lästern, aufklären oder sie einfach beklagen. Meine tatsächliche Strategie hatte bis zu meinem vierundzwanzigsten Lebensjahr allerdings darin bestanden, alles in mich hinein zu fressen. Aber das war jetzt vorbei. Schnell entwarf ich einen Plan, wie ich selbst meine kommunistische Theorie in die Welt hinaus posaunen könnte; im Handumdrehen wäre ich ein Podcaststar und gefeierter Gast im Aufwachenpodcast… Sehnsüchtig erlaubte ich mir einen letzten versonnen Gedanken an Waldemars sanfte und doch bestimmte Art zu reden, seine weiche Stimme, die wie Öl in meine Ohren lief und tief in mich eindrang, mich transformierte und verrückt machte. Wie gern würde ich ihm eine Hand auf den Arm legen und ihm ein paar tröstende Worte zum Klimawandel zuflüstern: "Wenigstens habt ihr von FFF versucht, was dagegen zu machen, die Leute wach zu rütteln… Das ist mehr als wir anderen so geleistet haben." Der Klimawandel war mir scheißegal, von mir aus konnte die Welt morgen untergehen und wenn mich etwas in Sorge versetzte, dann weniger die Scharen an Klimawandelleugnern, die es scheinbar immer noch gibt, sondern vielmehr die Tatsache, dass die Klimawandelleugner recht haben könnten und es doch nicht so schlimm werden würde. Aus meiner Sicht brauchte es aber unbedingt die große Katastrophe, die allein eine kathartische Reinigung des menschlichen Gewissens einleiten konnte. Diese Thesen musste ich freilich für mich behalten, wollte ich von Waldi ernstgenommen werden.

Einige Tage verbrachte ich tief in Trübsinn versunken und in dunklen, depressiven Zuständen. Nachdem ich an einem Tag bereits dreimal mit Gedanken an Waldi masturbiert hatte, entschloss ich mich, dass es Zeit sei zu handeln. Ich würde meinen eigenen Podcast starten, so viel war klar. Ob er mich ernst nehmen würde, stand in den Sternen, aber um mich selbst ernst zu nehmen brauche ich dieses Fanal meiner Einsamkeit und der tiefen Sehnsucht nach Liebe.

Gern machte ich mich zur Närrin und denke dabei an Pascals Bemerkung, wer versuche, in dieser chaotischen Weltlage kein Narr zu sein, der wäre wohl der größte Narr von allen. Die Liebe zu Waldi schien mir ein geeigneter Ausgangspunkt. Natürlich -- meine weltabgewandte Stellung und seine lebensbejahende Mühe für einen Politikwechsel passten zusammen wie einander angegeossen -- aber dasselbe würde wohl jede Verliebte sagen. Allerdings geht meine theoretische Begründung noch viel weiter, warum ich einen Klimaaktivisten lieben muss. Wenn es einen Grund geben soll, zu sprechen und einen eigenen Podcast aufzubauen, dann kann dieser Grund nur sein, dass es etwas gibt, was die Mühe lohnt, dass es auf dieser Welt noch etwas gibt, wofür es sich zu leben lohnt. Und dieses Etwas kann für mich nur die Liebe sein. Denn mit Blick auf Nietzsche denke ich, ein Mensch kann nur verkümmern, wenn seine Triebe nicht bewirtschaftet werden und dieser Trieb lag bei mir schon einige Zeit brach… genau genommen hatte es nur eine sexuelle Erfahrung gegeben in meinem bisherigen Leben; danach hatte ich Abstand von der Praxis genommen und mich wieder verstärkrt in die Theorie der Liebe versenkt. Diese intensive Arbeit leitete mich zu der Grundannahme, dass die Liebe ein generelles Problem, gar eine Unmöglichkeit für unsere Generation darstellt. Daher spürte ich keine Bedenken und Scham bei der Ausarbeitung meines Plans, meine Liebe zu Waldi so öffentlich auszuleben und mich quasi in hellstem Tageslicht für alle Dorfbewohner sichtbar zu verlieben… Damit könnte ich anderen helfen, die ebenso introvertiert sind wie ich und sich schon zu fragen beginnnen, ob es nicht besser sei, ganz auf ihre Sexualität zu verzichten, um bloß keine intimen, unpassenden Anbahnungen, Geständnisse, Versuche machen zu müssen.

Oft hatte ich bei mir ebendiese Tendenz zur Unterdrückung, Ablehnung und Verzicht auf Sexuelles bemerkt, wovon mich nur die Lektüre von Nietzsche heilen konnte. Aber damit war genug, es kam nciht mehr darauf an, Nietzsche zu begreifen, sondern ihn umzusetzen. Den Beischlaf, die fleischliche Lust zu ächten und zu verteufeln, dies ist die Ursünde aller Philosophie.

Und ich würde durch mein Podcastwerk als sprechende Philosophin diese Sünde tilgen und durch mein Bekenntnis zur Liebe als transformativer, unbegrenzter Kraft ein Vorbild abgeben, wie man richtig zu lieben hat.

Beschwingt von derart größenwahnsinnigen Anmaßungen machte ich mich ans Werk und orderte ein Rode Podcastmikrofon bei amazon.

  1. Podcast als Liebespraxis; Weg zur richtigen Liebe. Eingeständnis des eigenen Elends (plus materielle Anstrengungen zu seiner "politischen" Überwindung) bedeutet schon Erleuchtung
  2. Podcast als Spiegel der eigenen intellektuellen Größe… wie dem Narzissmus ausweichen, ohne sich falsch und bescheiden zu geben?
  3. Das Chaos bricht in den Podcast ein- Lias Wirkungen auf die Welt sind nicht mehr steuerbar (Gründung einer Partei, Flucht Waldis)
  4. Akzeptieren der Rolle als Aufrührerin für die Klimabewegung.

Lia reist durch Südamerika. Nirgends bleibt sie länger als ein oder zwei Monate. Sie ist getrieben und tigert durch den Kontinent als wäre sie von einer inneren Aufziehschnur dazu gezwungen. Sie hört Waldi im Podcast. Nach und nach hört sie weitere Auftritte von ihm. Der erste Auftritt, den er je in einem Podcast hatte, war zugleich der emotionalste und Lia ist tief davon gefesselt auch wenn sie ihre Ablehnung dieser Dringlichkeit des Klimathemas erst überwinden muss. Nach 6 Monaten hat Waldi 5 weitere Auftritte gehabt. Zeit genug, für Lia, sich vorzubereiten. Sie hat begonnen, zu podcasten und dabei das seltene Glück erfahren, das einem Menschen zuteil wird, der zu seiner Bestimmung findet, die er bisher nur als dunkel-mystische Substanz in sich ahnte. Lias Bestimmung ist es, zu sprechen. Alles fällt von ihr ab, wenn sie ihre worte in das magische Mikrofon gibt. Alle Wut, akke Verzweiflung ber die politischen Zustände, die kulturelle Hegemonie der politischen Korrektheit, die Unmöglichkeit, die Revolution zu Ende zu denken…

So weit Band 1 von "Fremde Gebiete". Band 2 setzt unmittelbar beim Nullpunkt von Lias "Folge 14" ein- sie wird sich anders weil sie zum ersten Mal in dieser Breite über Waldemar spricht und ihn mit ihren philosophischen Argumenten unterstützt. Aber darauf kommen wir später zurück, der Plot für Band eins genügt vollauf, um die Fantasie anzuregen.

Einige Tage verwarf ich die Idee mit dem Podcast immer wieder, nur um sie dann von neuem aufzugreifen. Wie ich es auch drehte und wendete, mir schien die Welt der Medien, auch der Podcasts, eine einzige Müllhalde, ein Abhub des unreflektierten, herrschaftstreuen Denken, auf ökonomische Zwecke hin gerichtet und keinem anderen Ziel als dem der Profiterwirtschaftung dienend.

Daher konnte es gar keine Verschlechterung sein, wenn ich auch noch meinen Senf dazu gab. Im Gegenteil, überlegte ich, wie oft hatte ich mich schon über No Agenda oder den Aufwachenpodcast geärgert, die Speichellecker und Hundesöhne… Wenn ich meinen eigenen Podcast hätte, dann müsste ich ja auch keine anderen Podcasts mehr hören -- vorausgesetzt mein eigenes Werk hätte eine gewisse Höhe, Tiefe oder wie man die Qualität sonst ermessen wollte, denn dann könnte ich mir ja nur noch meine eigenen Episoden zu Gemüte führen und im Übrigen an das denken was NNT über Informationen und Nachrichten sagt: knowledge is acquired by removing junk from peoples heads, not by filling in more garbage information. Mein Ziel war es, Künstlerin zu werden und mich endlich durch zu ringen, etwas zu produzieren und nicht mehr so träge zu glauben, mein Schicksal sei besiegelt und ich müsse auf ewig mein Dasein als Lohn-Codeschreiberin fristen. Daher wäre es nur förderlich, auf zu viel Input zu verzichten, was juckten mich andere Podcasts und die Neuigkeiten vom Reich, daheim in Deutschland? Es blieb dabei, keine Ausrede konnte hier mehr ziehen, ich hatte fürs erste meine Kunstform gefunden, zu podcasten wäre der erste Schritt hin zu meiner schöpferischen Verwirklichung. In Wahrheit wusste ich, dass ich einfach etwas brauchte, um mich beschäftigt zu halten, dass ich anders nicht durchhalten würde und diese Reise so niemals vollenden könnte. Es gibt eine gewisse dunkle Energie in mir, das weiß ich nun, die zieht mich immer weiter hinab und ich möchte dieser Abwärtsbewegung eigentlich gar nichts entgegensetzen sondern höchsten ein oder zwei symbolische Grenzmarkierungen abstecke, an denen sich meine Zugehörigkeit zur Gesellschaft ablesen lassen wird, denn ich brauche die Wärme der Herde, selbst wenn ich nicht weiß welcher Herde, ist es selbst hier auf Reisen immer noch die deutsche Volksgemeinschaft der ich mich zugehörig fühlen darf und soll oder… gar die Weltgemeinschaft wenn man No Agenda glauben darf?

Jedenfalls brauche ich Wärme. Zu lange sehne ich mich schon nach einem warmen Körper an meiner Seite. Natürlich wäre es nicht schwer gewesen, im Studium jemanden abzuschleppen, abzubekommen, aber die oben erwähnte dunkle Energie hielt mich zurück. es gibt einen gewissen Widerwillen in mir, diesen höchsten Genuss, den die Zweierbeziehung darstellen soll, tatsächlich zu verwirklichen, das ist ungeheuer, das kann eigentlich nicht mit rechten Dingen zugehen, wo doch im Kapitalismus alles seinen Preis hat und erwirtschaftet werden muss, nur die Liebe soll umsonst und frei zugänglich sein? Das kann ich nicht ganz glauben. Erst jetzt in Südamerika sehe ich meine biografischen Lücken -- die sexuelle Erfahrungsbreite ist da ja nur ein Beispiel meiner Mangelhaftigkeit -- als positive Merkmale, die auch ihre Funktion haben könnten. Denn immerhin hat mich diese sexuelle Frustration hierher geführt, so viel über die Liebe nachzudenken, so viel zu leiden, zu begehren, sich die Traumerfüllung zu verweigern, so viel zu fantasieren, die Sehnsucht und Illusion von der Güte des geliebten Objekts zu kultivieren. Und dadurch bin ich vielleicht erst bereit für die Liebe oder auch nur bereit dazum mich von allzu großen Hoffnungen zu befreien und sie shclicht als mögliches Produkt der Entwicklung einer harmonischen Zweierbeziehung zu sehen, deren primäre Ziele die überhaupt nicht unromantische Befriedigung der körperlichen Bedürfnisse nach Nähe, Wärme, Anerkennung, Zärtlichkeit und sexueller Lust sind.

Die Sonne versank und ich beendete meinen Spaziergang über die Geröllwüste. Es war ein angenehmer Tag gewesen, doch nun kühlte die Luft rasch ab. Die Strahlen der Sonne bildeten konzentrische hellrote Kreise, es schien ein Flimmern von Erwartung und Beflügelung in der herben Luft zu liegen. Schnellen Schritts bewegte ich mich auf die Lichter zu, die schon vor mir lagen. Die Sorge von Leandro war völlig unbegründet, hier verlief man sich nicht so schnell. Die Berge im Osten begrenzten das Territiorium und lieferten eine gute Orientierung. Wie wäre es mit meinem Podcast, würde der auch Angst hervorrufen, mich zu weit weg von der Gemeinschaft der vernünftigen Leute zu bewegen? Meine politischen Ideen bewegten sich am Rande des Legalen, an der Grenze des Sittlichen, ja gar am Abgrund des Denkbaren. Doch es waren meine Ideen, ich spürte in mir den Ethos, sie zu verteidigen, zu ehren und hochzuhalten, mochten sie auch noch so aussichtslos sein. Aber dieses Gefühl des Ausgestoßenseins durfte ich mir nicht versagen; möglicherweise war ich nur deshalb Kommunistin geworden, um so weit außerhalb der Herde zu stehen und so abseitig zu sein, in der Hoffnugn, möglichst viel Ekel hervorzurufen (da mir die Verhältnisse unter denen wir leben ja ebenso ekelhaft erscheinen).

Was ist schon der Tod? Leandro mochte berechtigte Sorge haben um meine Rückkehr, dort draußen in der weiten Ödnis mochte es Wölfe, Hyänen oder Pumas geben, man konnte sich den Fuß verdrehen in einer Felsspalte, es gab genügend Mgölichkeiten, hier erschlagen zu werden von Felsklötzen. Aber trotzdem kommt es mir ungut vor, so großen Wert auf die Beherrschung des Todes zu legen. Ja, hier könnte der physische Tod lauern wern ich ohne Kompass unterwegs wäre und in der Podcastwelt lauerte der soziale Tod, dessen war ich mir gewiss.

"Hola" begrüßte mich Leandro, "hast du noch rechtzeitig den Weg zurück gefunden… es wird schon dunkel, du Abenteurerin" "Bueno, soy asi, yo busco los animales salvajes y siempre espero que un dia me aceptaran como una de ellos." "Ein bisschen Suppe gefällig?" "Ja gern" Ich setzte mich und schenkte mir ein Glas Wasser ein, kostbares Wasser in diesen dürren Gebieten. "Ist für morgen irgendwas geplant?" fragte ich. "Nein, nur Ausruhen, Marco und ich wollen in die Stadt fahren und ein paar Besorgungen machen. Du kannst mit kommen aber der Platz wird vielleicht knapp werden mit dem ganzen Zement, den wir einladen." "Ach ja für die Hütte, die ihr bauen wollt." "Nein, keine Hütte, eine Mauer!" Nachden er mir erklärt hgatte, wozu sie die Mauer brauchten, verabschiedete ich mich und ging in mein Zimmer. Morgen würde ich frei haben, die Aussichten waren bestens um den ersten Podcast aufzunehmen.

"Ich begrüße euch ganz herzlich zu Fremde Gebiete, Ausgabe Nummer eins! Ja, ich freue mich unglaublich dass es jetzt losgeht und bin ganz aufgeregt, mich hier zu beweisen. Ja, denn es ist natürlich eine Art Prüfung, hier vor dem Mikropfon zu stehen und mich endlich selbst auszuprobieren. Der Maßstab, an dem ich mich messen muss, ist natürlich der Aufwachenpodcast, der mich die ganzen letzten Jahre begleitet hat und mein treuer Gefährte im Studium war. Jetzt habe ich die Studiererei vorerst abgeschlossen und bin auf Reise in Südamerika. Das soll aber kein Reisepodcast werden, sondern so wie mein Vorbild, der Aufwachenpodcast, möchte ich mich der Politik verschreiben. Aber bevor wir in diese niederen, schmutzigen Gefilde kommen, müssen wir einen langen Umweg über die Kunst und Literatur nehmen. Wie lange dieser Weg wird, hängt ganz von euch ab, liebe Hörer*innen, also zunächst von mir, da ich selbst mir die wichtigste Hörerin bin. Das meine ich überhaupt nicht narzisstisch, nein, es ist schlicht realistisch zu unterstellen, dass sich dieser Podcast auf einer Begriffshöhe bewegen wird, an der nur die wenigsten teilhaben können. Aber das soll euch nicht abschrecken, es ist doch vielmehr ein zusätzlicher Genuss, sich anstrengen zu müssen und hier mit diesem Hörangebot etwas zu haben, was euch herausfordert und etwas abverlangt, woran ihr euch die Zähne ausbeißen müsst, wenn ihr mir folgen wollt… das ist nicht größenwahnsinnig sondern einfach eine realistische Einschätzung meines Standpunkts in der Podcastwelt. Das Sehnen nach dem Ziel ist bereits dieses Ziel sagt Blaise Pascal und in diesem Sinne dürft ihr euch einfach nur bemühen, mich zu verstehen, dann habt ihr micht schon verstanden. Oh ja, ihr hört ganz recht liebe Hörenden, es ist doch zweitrangig ob ihr heute schon alle Wörter und Zusammenhänge kennt und meinen wilden gedanklichen Sprüngen folgen könnt, wichtig ist nur, dass ihr dies wollt und bereit sein euch zu disziplinieren und also mindestens für die Zeit, in der ich hier spreche, euch mir als Sprecherin unterzuordnen. Denn ja, hier am Mikrofon genieße ich eine privilegierte Position und da hilft es auch nichts, diese Position zu reflektieren, denn materiell ist sie erst einmal in Stein gemeißelt und dieses Mikrofon wird bei mir bleiben, außer wenn ich es verliere oder in irgendeinem gammeligen Hostel am Rande der Welt vergesse. Das ist das grundlegende Machtgefälle, dem wir beide, Hörende und Sprechende uns stellen müssen. Und wie erwähnt kondensiert sich die amorphe Masse der potentiell Hörenden für mich zu einer einzigen Person, mir selbst als Lauschende, wenn ich abends einen Spaziergang mache und hier die Landschaft bewundere und vielleicht einen Joint rauche, ja dir geliebte andere Lia möchte ich hier meine Gedanken mitteilen und bin gespannt auf deine Reaktion. Du bedeutest mir alles, die Welt da draußen, die möglicherweise anderen Hörer bedeuten mir nichts. Sorry! Und ja, entschuldigung, ich habe noch gar nicht meinen Namen genannt, also natürlich heiße auch ich die Sprecher-Lia Lia, was ein einfacher und leicht einzuprägender Name ist. Ich bin Lia und grüße euch, wo immer ihr seid, auch und besonders die unter euch, die nicht mit mir identisch sind. Nun kommen wir aber mal zum Kern der Sache. Einer meiner Lieblingsschriftsteller ist Michel Houellebecq und wir müssen uns heute einem seiner Texte widmen, der mit "Ansätze für wirre Zeiten" übertitelt ist. Dieser Text ist etwa zwanzig Jahre alt, aber die Zeiten sind nach wie vor noch so wirr wie zu seinem Entstehen. Daher shceint es mir geboten, diesen Text mit aller Gründlichkeit zu behandeln. Houellebecq beginnt mit einer Meditation über die moderne Archtigktur, die durch Glasfassaden dominiert ist. Hier sehen wir bereits eine immens wichtige Metapher: die Fassaden sind deshalb gläsern, weil sie Durchlässigkeit symbolisieren. Houellebecq schreibt, in unserer Zeit dürfe nichts den freien Fluss der Informationen aufhalten. Wir als Gesellschaft brauchen stetig neue, wachsende Mengen an Informationen, um unsere Welt zu gestalten. Das moderne Individuum muss offen für Neues sein, sowohl in der Arbeitswelt als auch im privaten Bereich: selbst in der Liebe sagen wir uns heutzutage, es sollte schon klar sein, dass die Beziehung enden kann, ja vor allem und gerade in den gesundesten Beziehungen ist den Beteiligten diese Möglichkeit immer völlig präsent und sie halten nicht an einer romantischen Vorstellung von ewiger Liebe fest. Das halte ich für barbarisch, ich plädiere weiterhin für die unendliche Liebe, die auch durch den Tod nicht geschieden werden kann. Aber das nur am Rande. Der Autor schreibt, es dürfe heute also keine starren emotionalen Bindungen geben, ebensowenig feste Ansichten und Meingungen, denn wie können die so ewig fest bleiben, wenn sich doch die Lage ständig ändern kann durch eine neue, entscheidende Information? Doch greifen wir kurz im Text vor auf den Schluss. Im allerletzten Absatz kommt der Autor zu der Synthese, dass es keine Auszeit mehr von der Diktatur der Werbung gibt. Die Werbung ist also der Inhalt dieser ständigen Informationswelle, der wir uns heute ausgesetzt sehen, die wir so gläsern sind wie die Fassaden der Bürogebäude. Das Torpedieren unserer Nervenzellen mit neuen Informationsschocks ist die Funktion von social media, Nachrichten, etc. Die Werbung kann natürlich keinen besonders postivien Einfluss auf unser Gemüt haben, der Autor spricht von einem Erschlaffen des willens, der sich nun in Fragmente aufsplittet und mal dies mal das will, aber so wie die Werbeclips im Fernsehen ist sein Wollen auch immer mehr zerschnitten und partiell. Eine Fähigkeit zur Vorstellung, zur unschuldigen Illusion geht uns heute ebenso ab. Und hier können wir die Verbindung sehen zu meiner obigen Bemerkung, die heutige Liebesdoktrin gebiete es, immer in Kontrolle zu sein und sich nicht auf die hoffnungslos alberne Vorstellung eines Zusammenlebens bis zum Ende des Lebens einzulassen. Eine solche einerseits naive, andererseits extrem wichtige und lebensbejahende sinnstiftende Vision können wir heute nicht mehr aufrecht erhalten, weil wir wie die Gebäude nichts Eigenes darstellen dürfen. Die gothischen Kathedralen konnten sich Verzierungen und Götzenbilder leisten, also Abbilder von etwas Irrealem. Wir Individuen dürfen uns keinen festen Glaubenssystemen, Wertvorstellungen, Biografieentwürfen unterwerfen, denn alles muss im Fluss und noch veränderbar sein, nur dann ist es real. Das alles klingt pessimistisch, ist es aber nicht, wenn wir nur den letzten Absatz richtig begreifen. Denn da liefert Houellebecq ein Rezept, wie wir mit dieser totalitären Informationsflut zurecht kommen können. Jeder kann in sich eine kalte Revolution verursachen, indem er einfach still wird und nichts mehr tut, nichts mehr will. Die Augen schließen und einen Schritt zur Seite treten rät der Autor, und selbst dieser Schritt sei letztlich überflüssig.

Das ist nicht so eine triviale Lebensweisheit wie es auf den ersten Blick aussehen mag. Hier haben wir etwas in der Hand um uns zur Wehr zu setzen. Ich zum Beispiel bin hier gefangen, außerhalb der zivilisierten Welt auf einer Art Farm im Niemandsland, also bin ich abgeschnitten vom großen Informationsfluss der Welt, ja obwohl es hier in der Nähe eine Tankstelle mit Wlan gibt, wo ich diesen Podcast auch hochladen werde, wenn es geht. Trotzdem denke ich, dass dieser Ort eine gute Idee dessen vermitteln kann, was der Autor hier meint. Selbst der Schritt ist letztlich überflüssig. Ich muss nicht mehr zur Seite treten, denn dieser Ort hier in den Anden ist schon dieser Seitenrand der Welt. Aber auch für Großstädter reicht es ja, einfach ruhig zu werden, nicht unbedingt zu meditieren sondern einfach das Wollen einzustellen. Wer meditiert, will ja auch immer noch die Gedanken beruhigen, auf den Atem achten etc., das heißt der will auch noch etwas. Doch um der Werbung zu widerstehen -- Werbung hier im weitesten Sinne gefasst, wir müssen hier an die politische Propaganda, die Nachrichtenkanäle und Zeitungen, die Memes und Vorurteile, die kulturellen Gepflogenheiten und Gewohnheiten der Lüge, der Missachtung von elementaren Standards der Logik oder Ästhetik denken, also an all das was die Sphäre der Öffentlichkeit in unseren spätkapitalistischen Ländern ausmacht -- müssen wir ganz vom Wollen abkommen. Dieser Punkt ist etwas dunkel und unverständlich aber etwas in mir resoniert damit. Auch der Meditierende war ja vielleicht nur das Opder der Werbepropaganda für Meditationsbücher oder Kurse oder Youtubevideos. Auch das sexuelle Begehren ist nicht einfach da sondern speist sich aus den Abfällen der sexuellen Darstellungskunst, die uns das Fernsehen und Internet bieten. Aber gerade huier muss ich sehr kritisch mit Houellebecq umspringen, denn es kann nicht die Lösung sein, nun ganz aufs Begehren zu verzichten, auch nicht aufs Sexuelle. An einer Stelle in der Ausweitung der Kampfzohne schrieb er, die Vagina ist auch nur ein Loch… ach nein er schreibt das Gegenteil sehe ich hier, ja ich habe kurz gegoogelt. Er schreibt also die Vagina ist entgegen dem was ihr äußerer Anschein vermuten lässt viel mehr als ein Loch in einem Fleischblock. Das klingt zuerst mal geringschätzig wie hier über dieses wunderbare weibliche Sexualorgan geredet wird, aber ja, in der Tat könnte man vom äußeren Anschein her ja erstmal vermuten, dass es sich dabei nur um ein Loch handelt. Hier schreibt er aber im Anschluss, die Vagina diene zur Reproduktion der Spezies. Das scheint nicht besonders neu oder erhellend. Und doch wird damit offengelegt, dass die Vagina sehr wohl einen tieferen Sinn, eine höhere Determination hat, als einfach nur ein Loch zu sein, an dem sich der Mann befriedigen kann. Denn er könnte seinen Pimmel ja auch überall anders reinsteecken, warum muss es gerade hier sein? Es hat mit diesem Gedanken der Reproduktion zu tun… Hier muss ich nun zum Abschluss nur noch das Theorem erwähnen, unterhalb dessen Houllebecq in der AdK seine Überlegungen zur Vagina anführt: "Die Sexualität ist ein System sozialer Hierarchie" behauptet er da. Interessant, da sehen wir also eine Pyramide, an deren oberen Ende die Plätze immer begrenzter werden, es kann nur wenige geben, die schön, jung, geistreich oder schlicht reich sind, um hier am fröhlichen Gelage der sexuellen Freude teilzuhaben. Nach unten hin verarmen die Schichten immer mehr, bis wir zu jenen kommen, die nie oder nur ein paar wenige Male im Leben Sex haben. Diese Hierarchie, so meine These, widert einen möglicherweise derart an, dass man ganz die Schnauze voll hat vom Sex und sich darin einrichtet enthaltsam zu sein und die Enthaltsamkeit noch als sublimierte Lust zu feiern. Aber hier kommen wir zur positiven Botschaft, wir können doch mal darüber hinweg sehen, welche Postion und Stellung in der Gesellscahft, also in diesem ekelhaften Sozialbrei, wir durch unsere sexuelle Bindung einnehmen und einfach darauf schauen, wie viel Lust es schon machen kann, diese Bindung überhaupt zu suchen, sofern man noch Single ist. Sich erst mal den Wunsch nach Sex und körperlicher Liebe und Streicheleinheiten einzugestehen, das ist ja schon die vollkommene Erreichung des Ziels, behaupte ich. Denn es ist natürlich schwer, in dieser pornographisierten Welt noch eine Versöhnung mit dem eigenen Begehren zu finden. Aber es kann gelingen, wenn wir daran denken, dass Sexualität auch nur ein System ist, das biologisch zum zweck der Artenreproduktion eingerichtet wurde und wir eben wenn wir sexuell begehren zu diesem wunderbaren Ziel beitragen, die Art zu erhalten, dass wir uns hergeben für das Kollektiv. Wir als Individuen müssen von unserer individualisierten Lust weg kommen und hin zur Eingliederung in diesen großen Menschheitskontext, der Reproduktion heißt. Nichts an unseren Organen und körperlichen Funktionen sollte uns peinlich sein."

Die erste Folge von Tdd hinterließ natürlich ein Chaos der Geühle in mir. Was würde Stefan Schulz denken? Er schien über mich zu wachen, der Podfather des Aufwachenpodcasts, der mir durch seine genialen Bemerkungen erst die Lust gegeben hatte, selbst zur Podcasterin zu werden und durch seine ständigen Ermunterungen, noch mehr Podcasts zu starten auch mir den Mut verliehen hatte, zu denken, meine Gedanken könnten wert sein, der Welt mitgeteilt zu werden.

Gerade weil diese drohende Wolke der Wahrnehmung und Beurteilung durch die anderen, jene anderen am anderen Ende des atlantischen Ozeans, über mir schwebte und sich immer mehr zusammenballte, verdüsterte und drohende schwarze Gewitterfronten andeutete, musste mein Podcast geheim bleiben, zumindest fürs erste.

Chruschtschows Geheimpodcast schien mir die angemessene Form, um in den nächsten Episoden die historisch beständige Rehabilitation des Stalinismus zu vollziehen, der von Chruschtschow so arg in den Dreck gezogen wurde. Doch diese Gedanken bewegten mich höchstens am Rande, als ich wieder einmal einen Abendspaziergang in den Vorgebirgen des majestätischen Andenreichs machte. Langsam bewegte ich mich in Serpentinen den Abhang hinauf, jener Abhang, den ich letztes Mal als Grenze des Steppengebiets im Osten erkannt hatte. Ich befand mich auf argentinischer Seite, doch um meinen geografischen Standpunkt machte ich mir in diesem Moment weniger Sorgen als um meinen Stanpunkt in der Welt, was auch immer das sein mag, meine politische Überzeugung als Kommunistin, meine akademische Reife als Bachelorin, meine Arbeitskraft, die mir bald schon ein ansehnliches Jarheseinkommen verhieß, zumindest für argentinische Verhältnisse, sobald ich nach Deutschland zurückkehrte. Diese letzteren Standpunkte waren es vor allem, die mich bedrückten und mich unsicher machten, welchen Schritt ich als nächsten gehen könnte. Mir schien gleichwohl meine Trittsicherheit hier am Hang zu leiden bei diesen düsteren Erwägungen. Ja, es ließe sich am besten unter dem biografischen Prisma zusammenfassen, was ich hier an Angst, Hemmung, Ekel verspürte. Meine Biografie höätte ich besser planen können. So wie diese Reise. Aber sobald ich meinen Fuß wieder in dieses Elende Land namens Europa setzen würde, wwäre ich wieder drin im System, eingefangen, meine Biografie wachte dort über mich, jederzeit bereit, mich brutal niederzustrecken in einem Anfall der Selbsthinterfragung und Verzweiflung.

Was den Inhalt meiner Ergüsse über Houellebecqs Texte betraf, machte ich mir weniger Sorgen, das betraf mich hier in Südamerika nur am Rande, was die Europäer für Probleme haben mochten. Aber tief in mir spürte ich diese Verlassenheit, diese Gewissheit, von niemanden angemessen aufgenommen zu werden, egal, wie s ehr ich mich anstrengen würde, meine Gedanken verständlich auszubreiten. Von niemandem? Es gab immer noch Waldi… Waldi, der so entschlossen schien, die Klimakrise anzupacken. In seinem Blick, den ich auf Twitter erhascht hatte, sah ich unglaublichen M;ut, einen Mut, der eigentlich unmöglich war, schien mir. Er setzte sich über diese innere Hemmung hinweg, er traute sich , dieser Gesellschaft rundweg zu sagen, was ihm nicht passte, wie sie seine Zukunft, unsere Welt vergiftete und verfinsterte.

Er war sich seines Standpunkts sicher und das war bewundernswert. Natürlich nervte es mich latent, wie von FFF auf die heilige Wissenschaft bezug genommen wird… erst da, wo die CO2-Konzentration wirklich numerisch physikalisch beweisbar zu hohe Ausmaße annimmt, erst da kann man hassen und sich Gedanken machen, was schief läuft auf der Welt… brauchen wir nicht alle "mehrere Millionen Tote, bevor wir zu denken anfangen"? Erst muss ganz physisch drohend klar sein, welche Gefahr heraufzieht, die Gefahr der Erderwärmung um 2 oder 4 Grad, die aus uns allen Klimaflüchtlinge machen würde, erst dann lässt sich sagen, aber moment dieses Leben in der Welt der Arbeitssucht und Anpassung an bürgerlich-liberale Gesellschaft kann nicht mehr genügen, kann durchaus mal infrage gestellt werden. Immerhin dann, immerhin hatte Greta diese Idee und ist nicht einfach wie ich in den Semesterferien durch Europa vagabundiert -- laut meinen Tagebuchaufzeichnungen hatte ich am 20. August 2019, dem Tag als sie zum ersten Mal in Stockholm streikte, einen LSD-Trip an der katalanischen Küste nördlich von Barcelona genossen. Wenn man es so nennen kann, alle Trips, so wie alle meine Reisen und Unternehmungen sind nur Wege zum Scheitern, zum Scheitern, das ich bin, das mich nicht loslässt, weil es so schön dahin scheitert, ein ums andere Mal. Ich taumelte also durch die wunderschönen Hügelgegenden und hielt vor atemberaubenden Aussichten auf die schroffe Küste und das weite Mittelmeer an, auf der Suche nach Transzendenz, Erleuchtung, Gott. Diese Suche war immer schmerzvoll, aber durch Greta wird mir klar, wie richtig ich die ganze Zeit lag. Vielleicht nicht so sehr in den letzten Jahren, wo mich der Eintritt in die Erwachsenenwelt an der Uni lähmte und erschütterte, aber doch davor, als ich diesen Weg des Unverständnis eingeschlagen hatte, so wie auch Greta bockig war und sich nicht zufrieden gab mit Ausreden, warum man da bei der Klimapolitik nicht mehr machen könnte. Sie war meine Heldin, stellte ich nun fest, aber die anderen, die ihr nachfolgten, waren im Grunde nur Jünger, Nachfolgende, Schafe, die sich auf der sicheren Seite wähnen wollten, die vielleicht gar kein materielles Interesse hatte wie Greta sondern denen die Einsamkeit und Sinnlosigkeit unserer liberalen Gesellscahften zu sehr zusetzte, sodass sie für ihr eigenes Seelenheil eine höhere Aufgabe brauchen. Und dies ist zuerst mal ein sehr nobler Trieb, exakt meine Haltung zum Kommunismus, der für mich die ewigste der ewigen Ideen Platons darstellt.

Langsam erreichte ich den Bergkamm und sah, wie das Abendlicht fahler wurde. Ich nahm einen Stein und warf ihn hinüber auf die andere Seite des Kamms. Ich stellte mir vor, dass dort drüben Chile begann, es war Schwachsinn, aber doch eine shcöne Vorstellung hier an einer Art Grenze zu sein, hier wo kein. menschlicher Fußabdruck zu finden war, kein Tier und kaum Pflanzen, die aus der staubigen, hellbraunen Erde hervorragten. Der Tag vergeht und die Sehnsucht lässt sich nieder, vergräbt sich in die Erde, tief hinuntrer wo niemand mehr hinblicken kann, wo ich aber immer noch hoffen werde, dass Waldi mich wahrnimmt. Einigermaßen angefixt durch die körperliche Anstrengung beim Anstieg machte ich mich auf den Weg, dem Kamm weiter zu folgen; was für ein Gefühl, auf der Spitze, auf dem Kulminationspunkt zu gehen, dort wo der Absturz nach beiden Seiten droht. Immerhin denke ich, meine Lebenskraft hält mich immer zurück, mich in Schluchten und Abgründe zu stürzen, außer in gedankliche. Aber das ist ein kostbarer Punkt der Erkenntnis, ich muss ja nur nah genug am Abgrund vorbeigehen, dann wird shcon mein Erhaltungstrieb dafür sorgen, dass ich nicht hineinfalle und wird mich immmer weiter auf diesem dünnen Pfad hier halten. Die Abhänge rechts und links waren nichtso schwindelerregend dass man Todesfurcht hätte haben können, aber sie deuteten doch eine gewisse Unausweichlichkeit der Rollbewegung an, hätte man sich einmal auf ihre schiefe Ebene begeben.

Dieser Erhaltungstrieb ist laut Nietzsche auch nur eine Ausformung des Willens zur Macht. JA. Ich wollte mächtig sein, so mächtig zumindest, um mir frei meinen Weg durch diese staubigen Berge zu bahnen. Dann habe ich etwas unternommen, ein bisschen Sport getrieben, dann ist das Leben also begrüßenswert. Gedankenversunken starrte ich in die Ferne, an die geschwungene Linie des Horizonts, die mein Auge gerade so mit Mühe erreichte. Dem Kapitalismus kann ich nicht entkommen; besser man gesteht sich die eigene Hilflosigkeit ein. Ich werde immer ein verkorkster Millenial bleiben, auf der Suche nach Identität. Von dort aus, vom heiligen Gral der Identität soll es scheinbar losgehen das Leben; dort wo alle Stränge zusammenlaufen und das Produkt unserer Fantasie sie verklumpt, zermörsert und bequemlich macht, dort heißen wir uns ich und glauben, damit auch nur einen Schritt weiter zu sein auf dem Weg nach draußen, in dieses helle gleißende Licht, das über jenes ferne Land hinweg fließt, welches wir das Soziale nennen. Die Präsenz der Anderen, ihr Hiersein und die Möglichkeit einer Kontaktnahme, einer Verwicklung, einer gemeinsamen Unternehmung ist es, die zutiefst erschreckend und unerklärlich ist. Hier hilft nur wie Nietzsche die Tat als ursprünglich anzusetzen. Erstmal was machen, erst mal den Anderen was darstellen, was sie faszinieren oder empören kann, erst dann kann es überhaupt die Chance auf eine Identität geben.

Meine Identität kann nur jene sein, hier auf dem Kamm entlang zu wandern und mich eben nicht vor dem Absturz zu fürchten. Denn ich weiß, dass mein Wille zur Macht vorhanden ist, ich wusste es lange nciht aber mit diesem Podcast, mit Waldi, den ich hören durfte und meiner eigenen Stimme in meinem Podcast, die so entschlossen und selbstsicher klang, durch diese Medien denke ich habe ich endgültig erfahren, was der Wille zur Macht, der Wille zu Wollen bedeutet. Eine Art von Eklipse, wenn endlich das bisher gehemmte in mir nicht mehr gehemmt wurde, endlich ein Widerstand beiseite geräumt, sodass die Worte frei strömen konnten. Ja Worte waren es, die doch einigen Popanz aufführten und doch ihre simple und verführerische Botschaft nicht verbergen konnten, dass sie nämlich beanspruchten, die Wirklichkeit zu sein, nicht irgendeine Abbildung davon, sondern das Sprechen des Menschen ist erst die Grundbedingung dafür, dass ihm etwas wie die Wirklichkeit als Konzept auch begreiflich werden kann, die Wirklichkeit existiert erst nach dem Sprechen, davor ist sie nur eine Stimulanz, ein Reizregen, eine große Verführung und Aufforderung, sich der unverarbeiteten, rohen Triebmaterialien zu bedienen, die in ihr schlummern.


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Über diesen Podcast

Liebe Hörer*innen,
warum braucht es noch einen Podcast?
Vor allem wollte ich dem ersten Artikel der amerikanischen Verfassung gerecht werden, wie er von Adam Curry formuliert wurde: You shall not make bad TV.
Es sollte unser erster Anspruch sein, mal ein besseres, unterhaltsameres Medienangebot bereitzustellen, denn was sonst so in den Massenmedien stattfindet, ist für mich nicht akzeptabel und schädigt mich immer weiter, indem es meine innere revolutionäre Kraft hemmt und uns einhämmern will, es gäbe keine Alternative zum Gegebenen, Revolution sei verboten…

Friedrich Nietzsche brachte wohl das zwiespältige Gefühl, meine Gedanken mit mehr Menschen teilen zu wollen, im Nachtlied des Zarathustra am besten auf den Punkt: 
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das laut werden will. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: Ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. 
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
Wer immer austeilt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Viel Sonnen kreisen im öden Raum: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — so wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen in ihren Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkst euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Nacht ist es: ach, dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nachtigern! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen — nach Rede verlangt mich.“

Ja mein Podcast ist eine Quelle der Lebenskraft für mich selbst und vielleicht jetzt auch für euch. Aber ich möchte betonen, dass es selbstverständlich sein sollte, was ich mache und mein Trieb zum Podcasten speist sich einfach aus dem Drang, nicht der Herde zu folgen, eigene Wege zu gehen durchs eisige Gebirge des Denkens.
Das ist meine Kälte, dass die anderen Sonnen in der Medienlandschaft für mich nicht leuchten und nur schales, langweiliges Flackern von ihnen ausgeht, sodass ich selbst produktiv werden musste, allein schon um selbst auch wieder bessere Podcasts genießen zu können als das was die Podcastlandschaft sonst so bietet.

Erwartet bitte keine Wunder von meinem Podcastwerk, es ist eben keine Milch, kein Labsal, sondern wird es erst wenn ihr es in euren Ohren dazu macht. Das heißt, wenn ihr meine Podcasts zu sehr vergöttlicht, dann tut ihr ihnen unrecht und überseht meine eigentliche Botschaft, dass nämlich gerade die Dunkelheit und das Unklare erforscht werden sollten und immer wieder unsere Neugier anstacheln, nicht das bekannte, wohlige Glück.
Der gesunde Menschenverstand ist eine Geisteskrankheit; ich widme mich lieber meinen eigenen, esoterischen Verrücktheiten, als in die Jauchegrube Twitter hinabzusteigen und dort bei den "Vernünftigen" mit zu diskutieren. Dasselbe erwarte ich von euch.

Um nicht wie Nietzsche zu enden, ist es jetzt wirklich höchste Zeit, meine Mitwelt in meine Gedankenausflüge einzubeziehen, der Mensch als soziales Tier braucht immer die Bestätigung und Anerkennung von anderen. Kommentiert gern auf der Podigeeseite und seid nicht zu zimperlich bei eurer Kritik.

von und mit Simon

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