Tischlein, deck dich!

Tischlein, deck dich!

#36 Würdest du heute mit mir ausgehen?

Audio herunterladen: MP3 | AAC | OGG | OPUS

Wo waren wir stehen geblieben? Richtig, bei Platons Gastmahl und heute lese ich die Rede des Aristophanes über die Herkunft der menschlichen Wesen.

"Ich glaub, ich mag die Art
Deswegen hab ich sie gefragt
Würdest du heute mit mir ausgehen?"

Diese Verse singt Henning May von AnnenMayKantereit heute zur Einstimmung. Sie sind eine gute Grundlage für das Spiel der Liebespraxis, in das man nur mit Überwindung und Mut eintreten kann.

Ich von meiner Seite kann aber weiterhin nur Liebestheorie liefern und so befassen wir uns mit dem platonischen Text, der folgenden interessanten Mythos enthält:
Die Menschen waren urpsrünglich kugelrund und hatten vier Arme, vier Augen etc. und kugelten sich herum wie wenn man Räder schlägt. Doch da sie Zeus zu stark erschienen, spaltete er sie entzwei, sodass sie zerschnitten waren und dadurch nicht mehr so frevelhaft. Nach einigen anatomischen Anpassungen, die Apollon, der Gott der Heilkunst, vornahm, konnten die Menschen wieder einigermaßen normal leben. Doch nun sehnten sie sich nach ihrer verlorenen Hälfte und umklammerten blind jede andere Hälfte, die sie fanden. Doch wenn sich zufällig einmal die zwei ursprünglichen Hälften trafen, konnte die ewige Liebe entstehen und sie wollten nicht mehr voneinander lassen:

"Und – wenn zu ihnen, – während sie dasselbe Lager teilten, Hephaistos mit seinen Werkzeugen hinanträte und sie fragte: »Was wollt ihr Leute denn eigentlich von einander?« und, wenn sie es ihm dann nicht zu sagen vermöchten, sie von neuem fragte: »Ist es das etwa, was ihr wünscht, möglichst an demselben Orte mit einander zu sein und euch Tag und Nacht nicht von einander zu trennen? Denn wenn es euch hiernach verlangt, so will ich euch in eins verschmelzen und zusammenschweißen, so daß ihr aus zweien einer werdet und euer ganzes Leben als wie ein Einziger gemeinsam verlebt, und, wenn ihr sterbt, auch euer Tod ein gemeinschaftlicher sei, und ihr dann wiederum auch dort im Hades einer statt zweier seid. Darum seht zu, ob dies euer Begehr ist, und ob dies euch befriedigen würde, wenn ihr es erlangtet«"
Aristophanes behauptet, dem würden alle Menschen zustimmen.

Die Kreisform ist vollkommen und das Universum muss auf Basis der Kreisform funktionieren, dachten die antiken Gelehrten. Heute wissen wir dank Kepler, dass sich die Planeten auf Ellipsen bewegen. Für das ptolemäische Weltbild mit der Erde im Mittelpunkt haben wir nur ein müdes Lächeln übrig.

Der Kreis bzw. die Kugel bildet in Platons Text eindeutig eine Metapher für die Verschmelzung der geliebten Wesen zu einem wieder zusammengefügten Ganzen, das für sich vollkommen und glücklich ist.
Könnte es sein, dass die kommenden Generationen auf unsere Zeit mit derselben Verwunderung zurückblicken werden wie wir auf die Griechen mit ihrer Astronomie, und sich wundern, wie wir Heutigen die Liebe für eine solch vollkommene, unabänderliche, harmonische Idee halten konnten?
Ich glaube ja. Die Liebe als ewige Idee ist gar nicht mal so schön, sondern schön sind die Menschen, zu denen man Liebe empfinden kann. Allerdings hat uns die Sehnsucht nach der Verschmelzung vielleicht paralysiert, sodass man nicht den kleinsten Schritt wagen kann in Richtung eines Anderen, der einem zufällig begegnen könnte, wenn man offen für die Chance der Liebe ist.
Denn Aristophanes bringt auf den Punkt, was wir Modernen fühlen: es muss die eine, singuläre Person sein, für die wir alle anderen vergessen können, weil sie die "wahre Hälfte" ist, diejenige, mit der wir ursprünglich zusammen eine Kugel bildeten.
Daher ist es Zeit, nochmals hinter Platon zurückzugehen und zu durchdenken, ob seine Lobhudeleien auf die Liebe nicht eher ironisch gemeint waren. Eventuell lässt sich die Liebe eher als eine Seuche beschreiben, eine Krankheit, ein Drang, sich zu überschreiten und in den Armen des Geliebten zu verlieren. Das Begehren ist kein Gutes, sagt Lacan, und warum sollte es das auch sein? Vielleicht gibt es darin eine negative, dunkle Lust...


Kommentare


Neuer Kommentar

Dein Name oder Pseudonym (wird öffentlich angezeigt)
Mindestens 10 Zeichen
Durch das Abschicken des Formulars stimmst du zu, dass der Wert unter "Name oder Pseudonym" gespeichert wird und öffentlich angezeigt werden kann. Wir speichern keine IP-Adressen oder andere personenbezogene Daten. Die Nutzung deines echten Namens ist freiwillig.

Über diesen Podcast

Liebe Hörer*innen,
warum braucht es noch einen Podcast?
Vor allem wollte ich dem ersten Artikel der amerikanischen Verfassung gerecht werden, wie er von Adam Curry formuliert wurde: You shall not make bad TV.
Es sollte unser erster Anspruch sein, mal ein besseres, unterhaltsameres Medienangebot bereitzustellen, denn was sonst so in den Massenmedien stattfindet, ist für mich nicht akzeptabel und schädigt mich immer weiter, indem es meine innere revolutionäre Kraft hemmt und uns einhämmern will, es gäbe keine Alternative zum Gegebenen, Revolution sei verboten…

Friedrich Nietzsche brachte wohl das zwiespältige Gefühl, meine Gedanken mit mehr Menschen teilen zu wollen, im Nachtlied des Zarathustra am besten auf den Punkt: 
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das laut werden will. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: Ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. 
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
Wer immer austeilt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Viel Sonnen kreisen im öden Raum: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — so wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen in ihren Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkst euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Nacht ist es: ach, dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nachtigern! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen — nach Rede verlangt mich.“

Ja mein Podcast ist eine Quelle der Lebenskraft für mich selbst und vielleicht jetzt auch für euch. Aber ich möchte betonen, dass es selbstverständlich sein sollte, was ich mache und mein Trieb zum Podcasten speist sich einfach aus dem Drang, nicht der Herde zu folgen, eigene Wege zu gehen durchs eisige Gebirge des Denkens.
Das ist meine Kälte, dass die anderen Sonnen in der Medienlandschaft für mich nicht leuchten und nur schales, langweiliges Flackern von ihnen ausgeht, sodass ich selbst produktiv werden musste, allein schon um selbst auch wieder bessere Podcasts genießen zu können als das was die Podcastlandschaft sonst so bietet.

Erwartet bitte keine Wunder von meinem Podcastwerk, es ist eben keine Milch, kein Labsal, sondern wird es erst wenn ihr es in euren Ohren dazu macht. Das heißt, wenn ihr meine Podcasts zu sehr vergöttlicht, dann tut ihr ihnen unrecht und überseht meine eigentliche Botschaft, dass nämlich gerade die Dunkelheit und das Unklare erforscht werden sollten und immer wieder unsere Neugier anstacheln, nicht das bekannte, wohlige Glück.
Der gesunde Menschenverstand ist eine Geisteskrankheit; ich widme mich lieber meinen eigenen, esoterischen Verrücktheiten, als in die Jauchegrube Twitter hinabzusteigen und dort bei den "Vernünftigen" mit zu diskutieren. Dasselbe erwarte ich von euch.

Um nicht wie Nietzsche zu enden, ist es jetzt wirklich höchste Zeit, meine Mitwelt in meine Gedankenausflüge einzubeziehen, der Mensch als soziales Tier braucht immer die Bestätigung und Anerkennung von anderen. Kommentiert gern auf der Podigeeseite und seid nicht zu zimperlich bei eurer Kritik.

von und mit Simon

Abonnieren

Follow us