#38 Zybele
Heute geht es schwungvoll weiter, nachdem die letzte Episode mich ganz schön erhitzt hat.
Zunächst blicke ich noch einmal auf Rimbauds Gedicht "Sonne & Fleisch" zurück.
Folgender Abschnitt daraus ist mir wichtig:
"- Und dieser FEtisch, dem du soviel Unschuld verliehen,
der unsern lehm vergöttern sollte,
die FRAU -
damit der MANN seine arme Seele belichten könnte,
um langsam steigend
in unendlicher liebe seinen
irdischen kä/fig zu verlassen &
zur Schönheit=des=Tages
vorzustoßen -"
Die Schönheit des Tages verfolgten also die Menschen der Antike, während wir uns heute nach der ewigen Schönheit der einzigartigen Subjekte, die eine Liebesbindung eingehen, sehnen.
Die Fragen, die sich die Menschheit stellt, sind heute vielleicht immer noch die gleichen wie in der Antike, auch wenn das Leben an Qualität verloren hat, was es durch die Medizin an Quantität (Lebensdauer und Bevölkerung) gewann:
"was erblickt man wenn man
endlos steigt & steigt?
führt ein hirte diese sternherde
durch die schrecken aller räume?"
Sokrates opferte sich dem Ziel einer wissenschaftlichen Erkenntnis, ohne Garantie für den Wahrheitsgehalt seines Sprechens. Er setzte auf die Macht des Diskurses und verwendete das Werkzeug der Sprache, um das Schöne vom Hässlichen, das Wahre vom Unwahren zu trennen. Einzig die diesem Diskurs innewohnende Sicherheit - die Faszinationskraft des Sprechens - dient ihm als Stütze. Der Diskurs muss sich immer wieder neu erzeugen, ohne Rücksicht auf die lebendigen Wesen, die ihn artikulieren. Das menschliche Dasein fällt dem Signifikanten zum Opfer. Das Wort, der Bedeutungsträger, verschlingt dasjenige, was der Mensch darin zu verstecken versuchte. Das natürliche Sein hat der Mensch durch den Eintritt in die Sprache für immer verspielt. Nun muss er sich selbst zum Gott aufschwingen und die Gesetze des Universums setzen. Aber ist er dazu fähig?
Oder lenkt ihn die Bannkraft des wissenschaftlichen Diskurses von der eigentlichen irdischen Macht, der Liebe, ab?
Der Mensch muss so tun, als wisse er Bescheid. Eingegliedert in das moderne Räderwerk der funktional differenzierten Gesellschaft - Recht, Schule, Wirtschaft, Politik, Kunst, etc. funktionieren je unabhängig voneinander - hat er kaum noch eine Chance, zu überleben, ohne dass ihn die Technologie und Gesellschaft nährten.
Diese Ohnmacht gegenüber dem Staat, Konzernen, Ideologien deuten wir uns schnell um und machen daraus das Zeichen größter Freiheit: von antiken Mythen befreit liefern wir uns voll dem Fahrtwind der Wissenschaft aus und glauben, heute seien wir endgültig einige Schritte weiter im Verständnis dessen, was das menschliche Leben bedeuten könnte, als zu allen anderen Zeiten.
Wie Michel Houellebecq es formulierte (vgl. #12) hat sich in unser Hirn die Idee eingebrannt, das Verständnis von "Existenz" verändere sich mit rasender Geschwindigkeit, gar minütlich im Rhytmus der Nachrichtenticker.
Dabei ist doch die Existenz immer noch die gleiche wie vor 2 Jahrtausenden. Der Mensch blüht schnell auf und verwelkt noch schneller, schreibt Rimbaud. Dazwischen macht er sich Gedanken über die Transzendenz - Gott, Moral, einen Lebenszweck - um Schutz zu suchen vor den wilden Begierden und zweideutigen Gelüsten, die ihn beim Verweilen in der materiellen Welt (Immanenz) ergreifen.
Besser, meint Rimbaud, die Liebe wäre noch immer Göttin und der Mensch jagte ihr nach statt der Vernunft:
Der mensch ist könig, der mensch ist gott!
aber die LIEBE: das große ver=sprechen!
ach! besser, der mensch zehrte
noch immer an deiner brustwarze,
königs=mutter aller götter & menschen:
ZYBELE!
besser, er hätte die unsterbliche
ASTARTE
nie verlassen, die vorzeiten
aus der
unendlichen klarheit der blauen fluten stieg
blume des fleisches
von der welle beduftet
und ihren rosen=nabel zeigte
wo der gischt=schnee fällt
und diese göttin mit den großen schwarzen
KRIEGER=augen brachte im baum
die nachtigall & in den herzen
die liebe zum singen!
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