Tischlein, deck dich!

Tischlein, deck dich!

#50 Ethik

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Gaby Weber zu den Verbrechen von Mercedes-Benz beim Verstecken von Nazikapital vor dem Zugriff der Alliierten

Gaby Weber im Alternativlos-Podcast

Tischlein, deck dich! Folge 14

Alain Badiou: Ethik

"Dass es 'so weitergeht', ist die Katastrophe" ist ein Zitat von Walter Benjamin, nicht von Simone Weil, wie ich vermutete.

Dante Alighieri: La vita nuova - Das neue Leben. Dieses Werk kenne ich nicht vollständig und würde es auch nicht unbedingt empfehlen. Bezüglich der Geschichte unserer Liebesgefühle sind wir alle empfänglich für retrospektive Umdeutungen und Glorifizierungen, hier muss man also misstrauisch sein und überlegen, ob Dante mit diesem Loblied nicht eine schmerzhafte dunkle Leidenschaft verdrängen wollte, der man in der Liebe erliegen kann

Als Vorbereitung für die nächste Folge, in der es wieder mehr um die konkrete pandemische Lage im Lande geht, auf welche wir die Überlegungen zur Ethik anwenden müssten, habe ich hier noch ein paar Überlegungen zu Sahra Wagenknechts Videos angestellt (verlinkt unter der letzten Folge 49):

Eine Pandemie wäre eigentlich das ideale Ereignis für eine linke Kraft, sofern sie existierte, um die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern in die politische Diskussion zu tragen und durch massiven Druck - auch durch Demos auf der Straße - für eine schnelle Verbesserung der Situation für Ärzte, Pfleger und Patienten zu sorgen. Das Bewusstsein für die Leiden des Krankenhauspersonals ist eigentlich gegeben in der Bevölkerung, weil das Thema in den letzten Jahren durchaus auch in den Massenmedien aufgearbeitet wurde. Der unmenschliche Stress für die Pfleger, zu viele Patienten, um die sie sich kümmern müssen und eine widersinnige Bürokratisierung, die den Ärzten unverständliche Prozeduren zur Abrechnung von am Patienten erbrachten Leistungen aufbürdet (und durch Jens Spahns gesetzliche Neuerungen mitten in der Pandemie nochmals verschärft wurde) sind alles keine neuen Probleme sondern Dinge, über die eigentlich schon ein gefestigtes Bewusstsein herrscht, welches nur von einer politischen Kraft ausgeschlachtet werden müsste, um es in gesetzliche Verbesserungen umzuwandeln.

Da diese linke Kraft aber fehlt und sich die Linkspartei abgesehen von Wagenknecht in die selbstgewählte Bedeutungslosigkeit verabschiedet hat, geschieht das Unvermeidliche: die Politik wurstelt sich durch mit einem moralischen Diskurs, der dem Individuum die Last aufhalst, durch vernünftiges Verhalten im Alltag die Pandemie zu besiegen, während es auf der politischen Ebene scheinbar nichts mehr zu regeln gibt. So haben wir heute also ca. 20% weniger Intensivbetten in den Krankenhäusern als Anfang 2020, weil die Pfleger aus dem Beruf, der durch Corona nochmal anstrengender geworden ist, flüchten (und durch die soeben beschlossene Impfpflicht für Pflegepersonal wird sich diese Flucht sicher nochmals verstärken). Dass dieser Zustand einfach hingenommen wird und noch keine Rücktritte von den verantwortlichen Politikern zur Folge hatte, ist erstaunlich.

Doch die Liste des Versagens ist lang: warum sorgt der Staat nicht durch die Gründung oder Akquisition von Maskenfabriken dafür, dass jedem Bürger jederzeit kostenlose FFP2-Masken zur Verfügung stehen, durch die sich im Bestfall dank deutscher Ingenieurskunst auch deutlich freier atmen ließe als mit herkömmlichen Modellen? Warum werden Selbsttests nicht kostenlos zur Verfügung gestellt, damit jeder, der sich freiwillig testen und damit einen Beitrag leisten möchte zur Erkennung von Ausbrüchen, dafür nicht auch noch zur Kasse gebeten wird? Warum wurde eine Testpflicht für Pflegepersonal erst vor Kurzem eingeführt statt schon letztes Jahr? Die Bewohner der Pflegeheime sind wie seit Langem bekannt die Altersgruppe, die am meisten vom Virus bedroht ist. Hier sollte man also Testen und alle Ressourcen zum Schutz der besonders bedrohten Menschenleben aufbieten, um etwa täglich PCR-Tests zu machen, die trotz einiger Mängel deutlich besser sind als Schnelltests. Diese logistisch schwierige Maßnahme der PCR-Tests für Pflegepersonal wird aufgeschoben, nicht etwa weil es zu teuer wäre, was es sicherlich auch wäre, aber immer noch sehr günstig im Vergleich zu den Billioneneinbußen in der Wirtschaft, die durch Lockdowns (Schließung von Geschäften, Fabriken, Schulen, Unis usw.) entstehen. Nein, der Grund hierfür liegt darin, dass es für die Politiker zu anstrengend wäre, hier wirklich mal was auf die Beine stellen und organisieren zu müssen. Viel einfacher ist es, große gesamtgesellschaftliche Einschränkungen zu verkünden mit moralischem Impetus, der das Leid der Corona-Betroffenen schamlos ausbeutet und damit massive Eingriffe in das Alltagsleben der gesamten Bevölkerung begründet.

Statt also Tests dort zur Verfügung zu stellen, wo sie wirklich nötig sind, wird mit 3G seit Sommer bereits für einen Restaurantbesuch eines gesunden, freien Menschen schon ein Test verlangt, was wohl kaum der Pandemie-Eindämmung dient, sondern der bewussten Schikanierung einer Personengruppe, die von der herrschenden Meinung als Untermenschen betrachtet wird; Ungeimpfte sind in der Vorstellungswelt einer breiten Masse offenbar so etwas wie eine wildgewordene Horde an bösen Terroristen, die mutwillig das Virus überall heraus schleudern.

Für die Politiker ist es deutlich einfacher, Lockdowns auszurufen und Schikanen für Ungeimpfte durchzusetzen (2G, kostenpflichtige Tests), statt für die Verbesserungen in der Behandlung der Kranken zu sorgen, die Wagenknecht fordert. Was ich an der gegenwärtigen Debatte nicht verstehe, ist das Ziel, das die Strategie unserer und vieler anderer Regierungen weltweit verfolgt. Geht es um eine komplette Ausrottung des Virus? Dann müssen wir auf einen besseren Impfstoff warten, der die Übertragung komplett verhindert. Geht es um eine möglichst langsame Durchseuchung der Population? Dann hätte ich gerne Begründungen, warum eine ungebremste Ausbreitung unzumutbar sein sollte. Wo genau wäre die Grenze des exponentiellen Wachstums zu erwarten; trotz der exponentiell ansteigenden Fälle flachen die Fallzahlen ja irgendwann immer wieder ab. Gibt es irgendwelche Beweise oder Indizien dafür, dass Lockdowns statistisch signifikant zur Eindämmung der Pandemie beitragen? Oder stützen wir uns hier auf Halbwissen und Pi-mal-Daumen-Rechnungen des "gesunden Menschenverstandes"?

Denn ganz klar ist für mich: die Prioriät muss es sein, die Krankenhäuser nicht zu überlasten. Jeder Kranke muss Zugang zur bestmöglichen Behandlung bekommen. Dafür sollte die von Sahra angesprochene Reaktivierungsprämie von 20.000€ für Krankenpfleger, die ihren Beruf verlassen haben, in den Blick genommen werden. Eine höhere Zahl an Pflegern, die sich vor Ort um Kranke kümmern, hilft sicher mehr gegen die Pandemie als individuelle Maßnahmen und Vermeidung von Kontakten. Warum sollte man in einer Situation wie im Sommer, wo die Pandemie unter Kontrolle und die Krankenhäuser nicht überlastet sind wie jetzt in der Winter-Welle teilweise, überhaupt vermeiden, sich zu infizieren? Sofern es ein Krankenhaussystem gibt, das jederzeit die Herausforderung einer Pandemie stemmen kann (was hierzulande im Gegensatz zu vielen anderen Ländern sicher der Fall ist trotz der Faulheit der Politiker, ihren Job zu machen und es für eine Pandemie schnellstmöglich anzupassen und zu verbessern), sehe ich nicht ein, wozu man ein Virus vermeiden sollte, das ganz natürlich zum Leben dazugehört und sich jetzt weiter ausbreitet und dabei einige vor allem ältere Menschen tragischerweise tötet. Doch das Virus tut das ja nicht aus Bosheit. Es ist weder gut noch böse.

Der Kampf gegen das Virus ist ein einfältiger Kampf gegen das vermeintlich Böse, der wohl nur deshalb so unerbittlich geführt wird, weil diese Gesellschaft von ihrem Gewissen gequält wird und längst ahnt, dass unsere angeblich vorbildhaften demokratischen Staaten in Europa die eigentliche Quelle des Bösen auf der Welt sind, dass wir im Wohlstand wie die Made im Speck sitzen und es uns egal ist, wenn 30 Mio Menschen jährlich verhungern oder Hunderttausende an Infektionskrankheiten oder sonstigen kleineren Beschwerden sterben, gegen die es längst Impfungen und Medikamente gäbe, welche wir diesen Menschen aus dem globalen Süden aber nicht zur Verfügung stellen, weil das die Profite unserer Konzerne (siehe Biontech) gefährden würde.

Was gegenwärtig geschieht, dient weder dem Schutz von Menschenleben, noch der Erhaltung der Qualität, die diese Leben eigentlich haben könnten, wenn wir uns wieder in Bars, Clubs, Bahnhöfen, am Arbeitsplatz als soziale Tiere frei treffen und leben könnten. Vielmehr hat es mit einem religiösen Bedürfnis zu tun: die Gesundheit hat den verwaisten Platz des monotheistischen Gottes eingenommen. Wenn wir an nichts mehr glauben, dann doch wohl immerhin noch an das Überleben unseres biologischen Körpers. Vor allem die Altersgruppe der 50 bis Mitte 60-Jährigen ist aus meiner Sicht extrem unfähig, die Grundgegebenheiten des Lebens zu akzeptieren und möchte an den Tod lieber nicht denken. Verständlich, steht er doch bei Ihnen in nicht mehr so ferner Zukunft vor der Tür, was jedem Menschen erstmal Angst macht. Aber auf Basis dieses Unsicherheitsgefühls ein Regime des Gesundheits-Totalitarismus zu installieren, zeigt, was die Mehrheit der Bevölkerung für eine Auffassung von der Demokratie hat: ist ja auch ganz ok in ruhigen Zeiten, aber in Krisen können wir uns diese Werte und Prinzipien einer offenen Gesellschaft ohne Misstrauen und Ressentiments im öffentlichen Leben nicht mehr leisten.

Dagegen stehe ich mit meiner jugendlich-optimistischen Überzeugung, den Kommunismus aufzubauen und anstelle der heute rein prozeduralen Demokratie zu setzen, die uns als Wahlvieh gebraucht, für die wir aber ansonsten als politische Lebewesen keine weitere Bedeutung haben (nur noch als biologische Wesen und potentielle Virusüberträger). Die wahre Demokratie, in der Bedürnisse, Entfaltung und Schutz der Menschen im Vordergrund der politischen Erwägungen stehen und keine Kapital-Interessen, kann nur der absolutistische Sozialismus sein. Diese Idee des gerechten Zusammenlebens mit gemeinschaftlicher Teilung unserer Talente, Reichtümer und Ideen ist es wert, so verabsolutiert zu werden, nicht aber die reine Gesundheit und das nackte Überleben.


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Über diesen Podcast

Liebe Hörer*innen,
warum braucht es noch einen Podcast?
Vor allem wollte ich dem ersten Artikel der amerikanischen Verfassung gerecht werden, wie er von Adam Curry formuliert wurde: You shall not make bad TV.
Es sollte unser erster Anspruch sein, mal ein besseres, unterhaltsameres Medienangebot bereitzustellen, denn was sonst so in den Massenmedien stattfindet, ist für mich nicht akzeptabel und schädigt mich immer weiter, indem es meine innere revolutionäre Kraft hemmt und uns einhämmern will, es gäbe keine Alternative zum Gegebenen, Revolution sei verboten…

Friedrich Nietzsche brachte wohl das zwiespältige Gefühl, meine Gedanken mit mehr Menschen teilen zu wollen, im Nachtlied des Zarathustra am besten auf den Punkt: 
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das laut werden will. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: Ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. 
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
Wer immer austeilt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Viel Sonnen kreisen im öden Raum: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — so wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen in ihren Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkst euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Nacht ist es: ach, dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nachtigern! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen — nach Rede verlangt mich.“

Ja mein Podcast ist eine Quelle der Lebenskraft für mich selbst und vielleicht jetzt auch für euch. Aber ich möchte betonen, dass es selbstverständlich sein sollte, was ich mache und mein Trieb zum Podcasten speist sich einfach aus dem Drang, nicht der Herde zu folgen, eigene Wege zu gehen durchs eisige Gebirge des Denkens.
Das ist meine Kälte, dass die anderen Sonnen in der Medienlandschaft für mich nicht leuchten und nur schales, langweiliges Flackern von ihnen ausgeht, sodass ich selbst produktiv werden musste, allein schon um selbst auch wieder bessere Podcasts genießen zu können als das was die Podcastlandschaft sonst so bietet.

Erwartet bitte keine Wunder von meinem Podcastwerk, es ist eben keine Milch, kein Labsal, sondern wird es erst wenn ihr es in euren Ohren dazu macht. Das heißt, wenn ihr meine Podcasts zu sehr vergöttlicht, dann tut ihr ihnen unrecht und überseht meine eigentliche Botschaft, dass nämlich gerade die Dunkelheit und das Unklare erforscht werden sollten und immer wieder unsere Neugier anstacheln, nicht das bekannte, wohlige Glück.
Der gesunde Menschenverstand ist eine Geisteskrankheit; ich widme mich lieber meinen eigenen, esoterischen Verrücktheiten, als in die Jauchegrube Twitter hinabzusteigen und dort bei den "Vernünftigen" mit zu diskutieren. Dasselbe erwarte ich von euch.

Um nicht wie Nietzsche zu enden, ist es jetzt wirklich höchste Zeit, meine Mitwelt in meine Gedankenausflüge einzubeziehen, der Mensch als soziales Tier braucht immer die Bestätigung und Anerkennung von anderen. Kommentiert gern auf der Podigeeseite und seid nicht zu zimperlich bei eurer Kritik.

von und mit Simon

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