Tischlein, deck dich!

Tischlein, deck dich!

#63 Lendentuch

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Liebes Podcastvolk, ich bin wieder angekommen daheim in Deutschland, sende euch aber hier die letzte Folge, die ich vor meinem Aufbruch in den andinen Nordwesten aufnahm, was die letzte Reiseetappe war. Die Stimmung hier scheint gedrückt, aber ich bin guter Dinge, irgendwann diese Ländereien Europas hinter mir zu lassen, denn hier ist Hopfen und Malz verloren. Stattdessen kann ein besonnener Mensch nur darauf hoffen, in Ländern auf Verbesserungen hinzuarbeiten, wo eine erfolgreiche Revolution noch fortgeführt wird wie in China oder Kuba oder in Zukunft stattfinden könnte, hier ist Reformismus angebracht, wenn einmal der revolutionäre Weg beschritten wurde, bei uns hingegen verschlimmert er das Elend leider nur noch.

Nun stelle ich hier den Rest des Textes zur Verfügung, den ich teilweise in der Folge vorlas. Mit der Zeit kam noch mehr dazu und ich verteilte ihn auf die vorige Episode 62 und diese. Die Themen im Anschluss an Trump (den ich leider zu schnell abhandelte: ich übersprang beim Lesen den Teil, wo ich ausführe, inwiefern er allein durch seine TV-Auftritte als Präsident das Leben seiner Wähler verbessert) findet ihr unter der vorigen Folge 62. Zum Schluss kommen noch meine Beobachtungen zur Lage in Argentinien und globalpolitische Verstrickungen. In den nächsten Folgen wird es dann wieder mehr ums Klima gehen, aber ich denke, dazu muss ich mich besser vorbereiten, da ich bei aller berechtigen Kritik an der Klimabewegung auch niemanden abschrecken möchte -bzw. zumindest nicht die glaubwürdigen Teile der Bewegung - und immerhin muss anerkannt werden, dass es die einzige politische Bewegung war, die die Menschen in Massen motivierte, auf die Straße zu gehen. Ich muss am Klimakommunismus weiterarbeiten, der versuchten Fusion der klimaradikalen Überzeugungen, deren großes agitatorisches Potential sich gerade schon wieder anhand der Autobahnblockierer in Deutschland zeigt und der soliden strategischen Ausrichtung und Fundierung des kommunistischen Klassenkampfs. Dieses Projekt steht nun für die nächsten Episoden im Podcast an, allerdings muss ich mir davor eine kleine Pause nehmen und mich auf meinen spanischen Podcast konzentrieren (mesita-cubrite.podigee.io ), wo ich oft noch deutlich freier und revolutionärer reden kann als im allzu miefigen, verdrucksten deutschen Duktus. Den Teil, den ich als zu intim bezeichnete, werde ich auch zensieren, er ist zu delikat, um auf Deutsch behandelt zu werden. Zum Outro empfehle ich euch Sarah Lesch’s Testament, ich finde die Stelle schön wo es heißt „Und alle finden’s scheiße, aber alle machen sie mit“ https://www.youtube.com/watch?v=pBLJNe8hsKE

Hier geht es los mit dem eigentlichen Text: Was habe ich mich amüsiert über meinen Satz aus Folge 60, der sinngemäß ausdrückte: „Trump ist der legitime Verkünder der Fakehaftigkeit weiter Teile der Medien-Öffentlichkeit.“ Trotz aller charakterlichen Mängel und Fehler ist er doch ein glaubhafter Verkünder dieser Botschaft, dass die herkömmlichen Medienkanäle eine reine Propagandamaschinerie sind, die gut geölt ist durch die Schmier- und Werbegelder der Pharmaindustrie und sonstiger großer Konzerne sowie Hand in Hand arbeitet mit Regierungsinteressen und unter einer Decke mit dem politischen Establishment steckt. Dies zeigt sich in Deutschland besonders krass, wo die meisten großen Medienhäuser Merkel am liebsten zur Heiligen erklärt hätten und auf jedes noch so sparsame Wort von ihr sehnsüchtigst warteten. Sie verhielten sich ihr gegenüber äußerst servil und lakaienhaft. Zudem wurde sie noch als die letzte Verteidigerin von Vernunft und Maß gehuldigt, während sie es doch erwiesenermaßen war, die erst die Neofaschisten der AfD hervorbrachte durch ihr Geschwurbel von der „Alternativlosigkeit“ der Euro-Rettung. Auch die Konflikte militärischer Art mit Russland oder Wirtschaftskriege gegen die südlichen EU-Mitgliedsländer wurden unter ihrer Ägide begonnen und von ihr bewusst am Köcheln gehalten. Denn sie sah sehr klug, dass es ihr zugutekommt, die Welt in Chaos und Miseren versinken zu lassen. Je größer das Feuer des Weltbrandes sich ausnimmt, desto unerschütterlicher glänzt sie (zumindest in Deutschland) als einzig stabile Konstante im Zentrum dieses Sturms, als deren (Mit-) Verursacherin sie nicht erkannt wird aufgrund der Dümmlichkeit solcher regierungsergebenen und staatstragenden Journalisten wie etwa Hans Jessen.

Zwar halte ich Trump nicht für den Erlöser, aber er verkündet diese Botschaft schlicht und schnörkellos. Leider hat er auf der politischen Ebene wenig zum Besseren gewendet und erwartbarerweise eine Wirtschaftspolitik betrieben, die vor allem seinen Milliardärskollegen zugute kam. Die Lage der Afroamerikaner, die durch das Wirtschafts- und Justizsystem diskriminiert und weitgehend von der Teilhabe am weißen Reichtum abgehalten werden, konnte er auch nicht verbessern, trotzdem war sein an sie gerichteter Satz aus dem Wahlkampf („What the hell do you have got to lose?“) richtig und zeigte, dass Trump zumindest glaubhafter um ihre Unterstützung bitten konnte als Clinton oder Biden, die erwiesenermaßen in ihrer Karriere rassistische Gesetze billigten und stets mit der Herde des politischen Establishments gingen und auch gegen Rassismus nichts einzuwenden hatten, solange er mehrheitsfähig war. Was genau sollten sich die Schwarzen von der Wahl dieser Politiker erhoffen? Zumindest in der Außenpolitik war er mehr auf Verständigung und eine friedliche Koexistenz der Nationen bedacht als die Falken in der Demokratischen Partei, die ihn in Sachen Russland mit ihrem hysterischen Diskurs vor sich hertrieben und trotz fehlender Beweise weiter an der Verschwörungstheorie festhielten, Russland habe die Wahl entscheidend zu seinen Gunsten beeinflusst und es bestünden geheime Machtküngeleien zwischen Trump und den Russen. Die Massenmedien in den USA und viel entschiedener noch in Europa, stilisierten Trump nichtsdestotrotz zum absolut Bösen und unberechenbaren Autokraten, der die Sicherheit der ganzen Welt gefährde. (Wenn er wirklich so doof und impulsgetrieben wäre, hätte er dann nicht schon längst eine Dummheit begangen, die ihn vollkommen erledigt hätte? Wer glaubt, seine Drohungen gegenüber dem ukrainischen Präsidenten, die zum Impeachment führten, seien irgendwie ungewöhnlich und gingen über das normale Maß an Amtsmissbrauch hinaus, das amerikanischen Präsidenten zugestanden wird, der ist wohl nicht mehr zu retten und hoffnungslos verblendet durch seinen irrationalen Hass gegen die Person Trumps. Machtausübung bedeutet zu einem gewissen Grad immer auch Machtmissbrauch. In diesem Fall wollte Trump die Ukraine dazu bringen, Ermittlungen wegen Korruption gegen Joe Biden zu führen, wodurch er seinem potentiellen Herausforderer in der anstehenden 2020er Wahl ein Bein stellen wollte. Warum aber sollte es überhaupt illegitim sein, dass der US-Präsident darauf beharrt, dass Gesetzesverstöße von US-Amerikanern auch im Ausland verfolgt und geahndet werden? Sollte das nicht vielmehr die Normalität sein? Natürlich verband Trump damit das Kalkül, seine Chancen zur Wiederwahl zur erhöhen, aber das ist nun wirklich ein Machtmissbrauch der läppischsten Sorte. Abraham Lincoln ließ etwa mitten im Krieg die Soldaten zurückholen von der Front, damit sie wählen konnten und erhoffte sich so seinen Wahlsieg zu sichern. Hat er damit auch die Interessen der USA verraten oder ist es nicht eher der Normalfall, dass ein Politiker zuerst an seine Wiederwahl denkt und dann erst an das Wohl des Landes?) Diese Massenmedien also, die breite Bevölkerungsteile gegen Trump aufstachelten, um so den Rest des politischen Systems als das Normale, Vernünftige dastehen zu lassen, sind Teil des Systems, das es zu zerstören und zu ersetzen gilt. Sie sind zum Großteil hoffnungslos durch den Glanz der Macht oder schlichte monetäre Zwänge korrumpiert. Trump kann hier sicher keinen politischen Beitrag leisten, dieses System umzustürzen, aber er spricht zumindest die hoffnungslose Überkommenheit des alten erbarmungslos und korrekt aus. Trotzdem halte ich Trump natürlich nicht für den Heiland und Erlöser und muss auch klarstellen, dass ich von ihm keine Revolution erwarte. Aber er hält, was er verspricht, was man von seinen Gegnern nicht behaupten kann. Zwar mag es sein, dass aus der Mauer nicht viel wurde, aber sein Hauptversprechen bestand eben wie in #10 schon mit Bezug zum Aufwachenpodcast ausgedrückt darin, „diejenigen, die sich bisher sicher und protegiert vom Polit-Establishment fühlten, auch mal die Angst fühlen zu lassen, die ein Arbeitsloser oder Geringverdiener im Mittleren Westen spürte.“ Die New Yorker Banker und die Washingtoner Beamten spürten durch den Wirbelwind Trump, dass ihre eisern geglaubten Sicherheiten zerbröckelten und das war sein Verdienst, diese Angst zu denen getragen zu haben, die sich jahrzehntelang von ihr frei halten konnten, während sie immer größere Bevölkerungsteile in den Abgrund der Armut und Existenz-Unsicherheit bugsierten. Mehr versprach Trump nicht, und jeder der ihm aufmerksam zuhörte, verstand dies und dürfte keineswegs enttäuscht über seine erste Amtszeit gewesen sein, allenfalls ein wenig ernüchtert, aber möglicherweise lernt er ja dazu und sorgt in der zweiten Amtszeit, die ihm so gut wie sicher sein dürfte, wenn Biden und Co so dilettantisch weitermachen, besser für die von ihm vertretenen Schichten der von Fabrikschließungen bedrohten Arbeiter und abgehängten Niedrigverdiener im Mittleren Westen, so zumindest das Klischee, das eine gewisse Berechtigung haben dürfte (auch wenn auf gesamtamerikanischer Ebene natürlich trotzdem eher reichere Schichten republikanisch wählen). Einen Hang zur Selbstinszenierung und zur Faszination von den Insignien und Prunkstücken der Macht ist ihm natürlich zu eigen, doch das gilt wohl für jeden, der für dieses Amt kandidiert. Die Vorwürfe, er wolle das amerikanische politische System in eine Diktatur umbauen oder vertrete offen rassistische und sexistische Positionen, sind aus meiner Sicht unfundiert und basieren auf einem hysterischen Diskurs, auf Hass und Neid gegen den so rhetorisch gewandten Trump mit seinem Gespür für große, glanzvolle Auftritte.

Trump wird schon dadurch die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen, dass er der Medien-, Politik- und Wirtschaftselite Angst macht durch sein unberechenbares Auftreten. Allein seinen Reden zu lauschen ist bessere Abendunterhaltung als das sonstige Fernsehprogramm, das in seiner Starrheit, blumigen Rechtfertigung des unhinnehmbaren Status Quo und langweiligen Verkürzung der politischen Geschehens kaum mehr auszuhalten ist, diesseits wie jenseits des Atlantiks.

Was Trump liefert, ist eine gute Show, und somit verbessert er ja schon das Leben seiner Anhänger, indem er ihnen eine alternative Unterhaltung und Abendbeschäftigung im TV anbietet, als den etablierten Fernsehgranden zuzuhören. Natürlich hätte auch ich lieber Bernie Sanders im Weißen Haus gesehen oder beim nächsten Mal Alexandria Ocasio-Cortez falls sie schon alt genug ist, aber gegen Clinton oder Biden war und ist Trump definitiv die bessere Alternative.

Argentinien

Kommen wir desweilen noch zur Situation hier im Norden Argentiniens. Diese Provinzen sind wirtschaftlich extrem abgehängt, die Spaltung ist wohl noch extremer als in Deutschland zwischen den Industriezentren und den ländlichen Regionen vor allem in Ostdeutschland. Und das bei einem deutlich niedrigeren Einkommensniveau selbst in den reicheren Provinzen im Süden und in Buenos Aires. Die Wirtschaftskrisen der letzten Jahre haben diese Regionen im Norden besonders hart getroffen und die Situation, die man hier in den Straßen sieht, ist deutlich prekärer als bei meinem letzten Besuch vor zehn Jahren. Es gab einige Kupfer-, Zink- und Silber-Minen, die zwar die Umwelt schädigen und lebensgefährliche Arbeitsbedingungen mit sich brachten, aber immerhin für einige rare Arbeitsplätze in dieser abgelegenen Region sorgten. Doch nachdem diese schlossen, bleibt vielen nur noch, im Umfeld des Tourismus zu arbeiten oder auszuwandern. Diese Option ergreifen immer wieder die gebildeten und diejenigen, die überhaupt genug Geld haben, sich das Ticket zu leisten und sich auf den Weg in Nachbarländer oder gleich nach Europa zu machen. Es gibt wohl nur wenige Gründe für die Einheimischen, hierzubleiben:

  • kein Geld für ein Bus- oder Flugticket
  • keine Idee oder Perspektive, wohin man auswandern könnte, um Arbeit zu finden
  • man hat Kinder, die noch zur Schule gehen

Im 15. Jahrhundert kamen hier die Inkas an, die aus dem Norden vordrangen, dem heutigen Peru und Bolivien, und eroberten das Territorium des heutigen nordwestlichen Argentinien. Sie drängten den bestehenden einheimischen Kulturen ihre Lebensweise und Herrschaftsform auf, führten die Religion des Sonnenkultes ein - zuvor war Religion etwas zutiefst persönliches, worüber man nur in Ausnahmesituationen redete. Die indigenen Völker hier waren just auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung, als die Inkas ihre Zivilisation übernahmen, soziale Bande zerstörten und teilweise Umsiedlungen vorantrieben. Dadurch bereiteten sie tragischerweise auch die Kolonisierung durch die Spanier im folgenden Jahrhundert vor, die es dadurch umso leichter hatten, vorzudringen, das Territorium und Bodenschätze an sich zu reißen und die einheimische Zivilisation zu entwurzeln. Dasselbe passierte den Inkas, die im 16. Jahrhundert ebenfalls auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung waren und ein ausgedehntes Reich aufgebaut hatten, das sie durch eine großes bürokratisches System verwalteten und durch Religion und Handel zusammenhielten. Dann kamen die Spanier und zerstörten diese Kultur, wobei tragischerweise auch Millionen an eingeschleppten Infektionskrankheiten starben, die nicht endemisch waren und der die einheimische Bevölkerung daher schutzlos ohne Immunität ausgeliefert war. Allerdings denke ich nicht, dass wir Spanier oder Inkas für ihre Kolonisierungen moralisch verurteilen sollten. Das war damals eben der Gang der Dinge und sie glaubten, so den Fortschritt zu bringen sowie die einzig richtige Heilsreligion zu verbreiten.

Anders ist die Situation aber heute, wenn wir diesen Entwicklungsländern weiterhin dümmlichen, zigfach empirisch getesteten und widerlegten Liberalismus predigen: freier Devisenhandel, deregulierter Arbeitsmarkt, kein Protektionismus, "freier" Handel (was stets nur den entwickelten Ländern zugute kommt; auch Deutschland konnte sich im 19. Jahrhundert nur deshalb industriell entwickeln, weil man scharfe protektionistische Schranken aufbaute, um die erst entstehende Industrie zu schützen und nicht direkt der deutlich weiter entwickelteren Konkurrenz aus England auszusetzen) wenig Sozialkosten, Lohnkosten senken, Staatsausgaben einschränken etc.

Denn wir müssten heute eigentlich wissen, dass dies nicht der Weg zum Fortschritt sondern zurück ins tiefste geistige Mittelalter der unantastbaren Dogmen und blind geglaubten Wirtschafts -"Gesetze" ist. Indem wir dies weiter predigen und weiter zuschauen, wie es für diese Länder keinen Ausweg aus der Armut für große Bevölkerungsteile gibt und eine immer größere soziale Spaltung entsteht, laden wir eine horrende moralische Schuld auf uns. Denn heute müsste jedem denkenden Menschen klar sein, dass dieses zynische Wirtschaftssystem ausgedient hat und nur durch drastische Veränderungen zu zähmen ist.

Es kann einfach nicht sein, dass wir an dem Glauben festhalten, der Kapitalismus sei das bestmögliche Wirtschaftssystem. Sicherlich, einige profitieren auch hier in Argentinien davon und zu ihren Gunsten wird weiterhin die Propaganda verbreitet, die liberale Manipulation, die uns weismachen will, wir alle könnten zu potentiellen Gründern und Selfmadeunternehmern werden. Auf globaler Ebene leiden diese Länder aber natürlich deutlich mehr als wir unter den weltweit geltenden Wirtschaftsbeziehungen und es ist eine Schande, ganze Generationen aufzugeben und ihnen keine Arbeit in ihrer Heimat anbieten zu können. Menschliche Kreativität, Erfindungskraft, Kollektivgeist und Arbeitsdrang wird vergeudet, weil wir weiterhin das Märchen von der Entwicklung durch Kapitalismus erzählen müssen. Wenn er einen Weg aus der Armut und Unterentwicklung zeigen könnte, dann hätte er ja mittlerweile genug Zeit gehabt, die Länder in Südamerika, Afrika oder Asien zum Aufholen und Anschluss an unser Lebensniveau zu führen.

Wie kann es ernsthaft noch so weitergehen mit dem naiven Mantra, es sei aber gerecht, dass der Reiche seinen Reichtum anhäufen dürfe? Wie kann es weiter geglaubt werden, nur so, durch die große Motivation, auch reich wie Jeff Bezos oder Steve Ballmer werden zu können, ließe sich Innovation hervorbringen? Es ist ein illusorisches, wahnhaftes Konstrukt, das von der Gutartigkeit und Nützlichkeit des kapitalzentrierten Systems für uns Menschen ausgeht und vor allem von Kleinbürgern propagiert wird, die mit einem lächerlichen Minimallohn für ihre Bemühungen abgespeist werden, sich aber glücklich in ihrer Rolle fühlen, dem Kapital immer wieder seine Ehrbarkeit und Unantastbarkeit zu bescheinigen.

Die Kapitalisten lachen sich wohl heimlich kaputt und fragen sich, warum sich die Masse der ausgebeuteten Arbeiterschicht nicht erhebt? Sie selbst hätten wohl nichts dagegen einzuwenden, denn sie lieben den Kampf, das Spiel ums Ganze und würden sich eine Herausforderung sehnlichst wünschen, bei der sie sich mit Zähnen und Klauen verteidigen müssten gegen die revolutionären Anwandlungen der Volksmassen. Stattdessen bekommen sie ihre Gewinne heutzutage staatlich abgesichert und werden mit aller Kraft von den Politikern, die sich kaum noch von direkten Lobbyisten unterscheiden lassen (Habeck über Covid-Patente: https://twitter.com/TiloJung/status/1486361152464556032 ), protegiert, was ihnen auch schon langweilig werden dürfte. Aber die schafsköpfige Herde vor allem der linksliberalen Journalisten und Politiker bleibt zahm und ängstlich und ist ganz zufrieden, wenn sie ab und an ein Bröselchen aus der gütigen Hand des Kapitalisten aufsammeln dürfen. Mehr wagen sie sich nicht zu erträumen. Sie sind verängstigt, geknickt, gebrochen. Man fragt sich, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, dem Spruch des mexikanischen Revolutionärs Zapata zu folgen: lieber stehend sterben, als weiterhin knieend zu leben.

Das ist vielleicht auch der Hintergedanke des wirtschaftlich deklassierten Trumpwählers in Michigan, Oklahoma oder Kentucky: auch wenn ihm bewusst ist, dass Trump nichts zur Besserung seiner wirtschaftlichen Situation leisten wird, möchte er doch lieber einen Rest Stolz und Würde behalten, indem er durch das Votum für Trump der etablierten, seriösen Politik und den Grundprinzipien der amerikanischen Gesellschaft „Fuck you!“ sagt und sich immerhin nicht weiter als Wahlvieh einspannen lässt zur Legitimation eines gescheiterten politischen Systems.

Liberale Manipulation

Nun aber zu erfreulicheren Themen und einer kurzen Nachzeichnung meines politischen Werdegangs: auch ich war zu Beginn meines politischen Denkens mit 14 Jahren von der Printpresse der Süddeutschen Zeitung, deren Wirtschaftsteil ich mit Vorliebe gründlich las, derartig manipuliert, dass ich mich als Liberalen betrachtete und FDP wählen wollte – und es auch tat bei meiner ersten Wahl mit 18. Das entsprang dann aber eher einem nostalgischen Gefühl und Sehnsucht nach dieser Zeit in der Mittelstufe, als ich erstmals regelmäßig Zeitung las, und weniger einer noch bestehenden Überzeugung. Mit 18 hatte ich nämlich schon erkannt, dass an diesem Liberalismus etwas grundfaul war, wobei ich in dieser Lebensphase eher apolitisch war und mich noch nicht für weitere politische Aufklärung interessierte, das kam erst später und ist ja nie beendet. Die meisten bleiben aber wohl in diesem kümmerlichen Stadium des politischen Denkens stecken. Und hier muss ich meine Diagnose, meine Selbsterfahrung teilen: Man glaubt, selbst irgendwann zu den ganz wenigen Begünstigten gehören zu können, die so extrem von einer frei regulierten Wirtschaft profitierten. Steuern auf Kapitalerträge darf es nicht geben, denn auch ich werde mal mit meinem Ersparten an der Börse zocken und da voller Berechtigung meinen Gewinn einfahren. Dieser Gewinn wird mir ein verkürztes Arbeitsleben und die Flucht vor dem miesen Wetter in Deutschland auf eine Südseeinsel erlauben. Man sieht, es ist eine Art Eskapismus, der den naiven FDP-Wähler antreibt. Aber das ist nicht alles. Man will auch an die eigene Erfindungskraft und Schöpfergeist glauben und meint, irgendwann schon zum Start-Up-Unternehmer werden zu können und da müsste natürlich alles frei von staatlichen Interventionen sein, die meinen Kapitalfluss und die Freiheit, zu verkaufen, was mir gefiele, behinderten. Diese schöne Illusion ist sehr mächtig, auch wenn eigentlich klar ist, dass sie sich stets nur für sehr wenige erfüllt. Wir sind aber scheinbar naturgegebene Einzelkämpfer. Doch diese Auffassung ist falsch, wie man leicht einsieht, wenn man sich traut, innezuhalten um darüber nachzudenken, was schwer fällt, da man damit ja vermeintlich seinen Konkurrenten einen Vorsprung gewährte, die sich mit solchen spitzfindigen Fragen nicht lange aufhalten. „Meine Freiheit endet nicht dort, wo deine Freiheit anfängt, sondern meine Freiheit setzt sich in deiner Freiheit fort, weil wir eine Kette an menschlichen Lebewesen sind.“ (Guillermo Giacosa)

Dieser Satz bringt es auf den Punkt: die liberale Illusion, worauf die Menschenrechte und sonstige Garnierungen unserer brutalen Weltordnung gründen, können nur individuell gedacht werden als Rechte, welche streng voneinander abgegrenzte Individuen gegeneinander aufrufen und ausspielen können. Dabei ist anhand der Arbeitsteilung ja schon klar, dass niemand ohne den anderen überleben könnte. Selbst Philosophen leisten hier wichtige gesellschaftliche Arbeit, ohne die ihr das Überleben vielleicht schwerer fiele (daher sollten sie auch einigermaßen revolutionär denken, denn das Überleben im gegenwärtigen Zustand der Ausbeutung, Unterdrückung und Entfremdung ist gar nichts so schützenswertes sondern muss transzendiert werden, von einer Idee eines höheren Guts, das es infrage stellt). Daher sind wir also eine Kette an Lebewesen: alles, was wir täglich tun und fühlen, stammt von woanders und hat sich durch die Zeiten mit dem Fortgang der Weltgeschichte und der Entwicklung und Ausdifferenzierung der Kulturen so eingespielt, dass es uns heute ganz selbstverständlich scheint. Selbst in der Liebe ist man nicht so frei und selbstbestimmt, sondern angewiesen auf die hübschen romanhaften Träumereien der Literaten, die einem erst ein Schema zum Träumen bereitstellen, nach dem man sich dann auch selbst verlieben oder in den Gedanken der Liebe hinein steigern kann. Das schönste am Leben, die Liebe und das manchmal anstrengendste, die Arbeit, zeigen uns also deutlich, wie sehr wir aufeinander angewiesen sind, dass kein Mensch eine Insel ist und niemand sich seinen Reichtum, den er auf dem Konto vorfindet und als seinen legitimen Besitz reklamiert, wirklich verdient hat. Stattdessen ist dieser monetäre Reichtum durch ein Zusammenspiel an Faktoren entstanden, die wir alle nur unzulänglich durchschauen und einfach so tun, als hätte alles so schon seine Richtigkeit und wir müssten uns nur noch ganz ordentlich anpassen, um unseren Platz in der Welt zu finden und ein guter Mensch zu sein. Der gute Mensch ist dieser herrschenden Auffassung zufolge der verdienende Mensch, der in die Sozialkassen einzahlt und so nicht die Gesellschaft „betrügt“ als Arbeitsverweigerer. Wir müssen dieses Paradigma durchbrechen, allerdings nicht indem wir komplett mit der Arbeit brechen und sie zum Teufelszeug stilisieren, sondern es muss eine Form der Arbeit konzipiert werden, wo alle teilnehmen können und sich nicht im Wettlauf der Konkurrenz gegenseitig ausstechen müssen. So auch hier im Podcast, wo ich euch zu Kommentaren einlade, die das Werk des Podcasters ja erst vervollständigen.


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Über diesen Podcast

Liebe Hörer*innen,
warum braucht es noch einen Podcast?
Vor allem wollte ich dem ersten Artikel der amerikanischen Verfassung gerecht werden, wie er von Adam Curry formuliert wurde: You shall not make bad TV.
Es sollte unser erster Anspruch sein, mal ein besseres, unterhaltsameres Medienangebot bereitzustellen, denn was sonst so in den Massenmedien stattfindet, ist für mich nicht akzeptabel und schädigt mich immer weiter, indem es meine innere revolutionäre Kraft hemmt und uns einhämmern will, es gäbe keine Alternative zum Gegebenen, Revolution sei verboten…

Friedrich Nietzsche brachte wohl das zwiespältige Gefühl, meine Gedanken mit mehr Menschen teilen zu wollen, im Nachtlied des Zarathustra am besten auf den Punkt: 
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das laut werden will. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: Ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. 
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
Wer immer austeilt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Viel Sonnen kreisen im öden Raum: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — so wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen in ihren Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkst euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Nacht ist es: ach, dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nachtigern! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen — nach Rede verlangt mich.“

Ja mein Podcast ist eine Quelle der Lebenskraft für mich selbst und vielleicht jetzt auch für euch. Aber ich möchte betonen, dass es selbstverständlich sein sollte, was ich mache und mein Trieb zum Podcasten speist sich einfach aus dem Drang, nicht der Herde zu folgen, eigene Wege zu gehen durchs eisige Gebirge des Denkens.
Das ist meine Kälte, dass die anderen Sonnen in der Medienlandschaft für mich nicht leuchten und nur schales, langweiliges Flackern von ihnen ausgeht, sodass ich selbst produktiv werden musste, allein schon um selbst auch wieder bessere Podcasts genießen zu können als das was die Podcastlandschaft sonst so bietet.

Erwartet bitte keine Wunder von meinem Podcastwerk, es ist eben keine Milch, kein Labsal, sondern wird es erst wenn ihr es in euren Ohren dazu macht. Das heißt, wenn ihr meine Podcasts zu sehr vergöttlicht, dann tut ihr ihnen unrecht und überseht meine eigentliche Botschaft, dass nämlich gerade die Dunkelheit und das Unklare erforscht werden sollten und immer wieder unsere Neugier anstacheln, nicht das bekannte, wohlige Glück.
Der gesunde Menschenverstand ist eine Geisteskrankheit; ich widme mich lieber meinen eigenen, esoterischen Verrücktheiten, als in die Jauchegrube Twitter hinabzusteigen und dort bei den "Vernünftigen" mit zu diskutieren. Dasselbe erwarte ich von euch.

Um nicht wie Nietzsche zu enden, ist es jetzt wirklich höchste Zeit, meine Mitwelt in meine Gedankenausflüge einzubeziehen, der Mensch als soziales Tier braucht immer die Bestätigung und Anerkennung von anderen. Kommentiert gern auf der Podigeeseite und seid nicht zu zimperlich bei eurer Kritik.

von und mit Simon

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