#81 Aberglauben, Bekenntnis, Paranoia
Mein Aufsatz kommt ans Tageslicht. Etwas Redaktion hätte ihm sicher noch gutgetan, ich griff ja aber dadurch ein, in welcher Reihenfolge ich ihn vorlas und zerhackstückte.
„Klima: Aufwachen! Oder No Agenda?“
(Ab hier in dieser Folge 81)
Paranoia
Die Paranoia zeichnet sich dadurch aus, keine Zwischentöne, Relativierungen und Ironie zu kennen. Der Mensch kann hier nicht mehr schmunzelnd auf seine Ideale schauen und über die Distanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit hinwegsehen und sie humorvoll nehmen.
Der Todgeweihte sagt sich, als man ihn montags zur Wand führt um ihn zu erschießen, na die Woche fängt ja gut an. Er hat ein Überich, das für die ganze Woche plant und dadurch die Ausweglosigkeit der Situation transzendieren kann.
Trump
Erst nach dem Anschwellen der Klimaparanoia im letzten Jahr konnte man Trump im Podcast ganz ungeniert als Non-Person abschätzig behandeln und keinen seiner Auftritte und Reden ernst nehmen. Denn zuvor war es euch noch möglich, sich differenziert zu äußern und darzulegen, warum Trumps Handlungen auch nicht schlimmer sind als das was gängiger Usus der US-Politik ist und sein grelles Auftreten dies nur verschleiert. Doch mit dem Klimathema ging das nicht mehr, die Klimabewegung scheint so wichtig, so allumfassend (es geht ums Ganze, die Große Gesundheit), dass es unerträglich wird, sich über ihre Gegner auch nur irgendwie differenziert zu äußern. Bei jeder Gelegenheit müssen sie diffamiert werden, da wir in ihnen die Diebe unseres Genießens sehen und sie verantwortlich seien, dass unser aller Leben zerstört wird. Trump einfach nur nebenbei zu erwähnen wäre hier eine Sünde gegens Klima, sofort muss er gebrandmarkt werden. Trump frönt nur hemmungslos seiner Lust an der Kohleverbrennung, so meinen wir, ohne zu sehen, dass er eben etwas tut, was hoffentlich seinen Wählern ein wenig Würde und Eleganz gibt, die Arbeit, das sichere Abbauen eines Rohstoffs zum Verbrennen, wo gibt es eine schönere Metapher auf den Kapitalismus?
So meinen wir, Trump sei nun schuld an allem, weil er dies tut und jenes unterlässt. Aber Trump hat keinen Schalter, mit dem er die amerikanischen CO2 Emissionen stoppen könnte. Stattdessen braucht es die Normen und hegemonialen Diskurse der Gesellschaft, um einen Rahmen zu setzen, in dem man etwas gegen den Klimawandel unternehmen kann.
FFF-Moral
Dazu muss man sich politische Lösungen überlegen und nicht wie FFF sich auf der Vermittlung von wissenschaftlichen Erkenntnissen ausruhen. Dieser moralische Diskurs lässt die Leute ratlos zurück, was nun zu tun sei. Dass wir alle ganz entschlossen sind, ist klar. Doch wenn die Bundesregierung so dumm handelt, die Steuerkasse plündert für die Energiekonzerne, dann sollte es nicht schwer sein, sich ein besseres Konzept zu überlegen, das nicht perfekt sein muss, trotzdem den Anspruch haben sollte, eine signifikant intelligentere Herangehensweise an das Klimaproblem zu sein.
Ich empfinde eine verdrehte Lust dabei, mit meinen Flügen durch die Welt zur Klimakatastrophe beizutragen. Denn ich sage mir, solange die Menschheit so damit beschäftigt ist, sich Sorgen um ihr Überleben zu machen und dabei die Frage nach dem Inhalt und des Wert dieses Lebens vergisst, verbleibt die Welt in einem Zustand der Hoffnungslosigkeit, wo es zunehmend schwerfällt, sich zu amüsieren, sich einfache Genüsse zu gönnen, neues entdecken zu wollen. Es ist dann eine Welt in Auflösung, in der das Individuum am Arbeitsplatz ausgelöscht ist und privat eben auch keine Lust mehr entwickelt sondern sich in einem ständigen Übergangszustand befindet, zwischen Identitäten, es muss ständig lernen und offen bleiben für eine Welt in rasantem Wandel. Niemand kann sagen, was in 10 Jahren sein wird und deshalb ist es auch unmöglich, so zu denken wie vor 10 Jahren gedacht wurde. Heute sind wir wo ganz anders an einem singulären Punkt und der Mensch muss verstehen, muss teilnehmen am Spiel der Produktion und Konsumption. Er darf nicht innehalten, dann wäre er tot. Die Starrheit der sexuellen Beziehungen spiegelt das wieder. Vermeintlich befreit und nur noch der eigenen Lust verpflichtet, ist der postmoderne Mensch so von verzerrten Sexdarstellungen aus Kunst und Medien überflutet, dass er sich nur noch in die altbekannte Zweierbeziehung flüchten kann und dort die Wunden heilen lassen. Der Mensch ist heute virtualisiert, das heißt er begreift sich nicht mehr als physische Instanz sondern als Bündel von Informationen. Er steht auf dem Marktplatz und sieht sich paranoisch in ständigem Vergleich und Wettkampf mit anderen, in Sachen Sexualität, Arbeit, Intelligenz, sozialer Kompetenz…
Ich möchte nicht sagen es sei ganz furchtbar und zwecklos, weiterzuleben. Nur sehe ich hier die Voraussetzungen nicht erfüllt um zu sagen, wenn wir von Auslöschung bedroht sind wäre das so schlimm und wir sollten schnell alles dagegen tun. Das versetzt uns nur noch mehr in Panik, Verwirrung und Hass auf die, die sich diesem Ziel nicht anschließen (John & Adam).
Ein besserer Ansatz wäre, wie AOC zu sagen,ok unser Ground Zero ist nun da in Puerto Rico und die Temperaturen sind ja schon global angestiegen.
Vielleicht ist hier Seelenruhe möglich und erstrebenswert, um unsere kollektive Würde zu bewahren.
Neoliberalismus
Die Ideologie des Liberalismus ist die größte Gefahr unserer Zeit und ich möchte mich ihr mit allem was ich habe entgegenstellen. Obwohl ich die Klimagefahren durchaus sehe und Sympathie für Aktivisten wie Leonie habe, glaube ich, dass ihre Forderungen sich bestens mit dem Neoliberalismus vertragen.
Beispielsweise scheinen die Aktivisten die Möglichkeit politischen Handelns gar nicht zu verstehen, da sie gefangen sind in ihrem unmittelbaren individuellen Wirkungsbereich. So wird explizit nur gefordert, die Ziele von Paris einzuhalten, und Leonie sagte, sie habe nur eine Vermittlerrolle zwischen Wissenschaft und Politik, also keine Rolle, in der sie aktiv Forderungen stellen und auf die Umsetzung von politischen Konzepten pochen kann.
Klimaneutralität bis 2050 ist vieles, aber kein politisches Konzept. Diese Forderung entspricht ganz der Pfaller‘schen Paranoia, da hier nichts geklärt ist, aber die eigene moralische Überlegeneheit zementiert wird. Lästig nur, dass sich eine Ökonomie, die erst durch die Verbrennung von Öl ihre Dynamik erhielt und nun 200 Jahre auf der Nutzung dieses Rohstoffs basierte, sich kaum innerhalb von 30 Jahren komplett vom Öl lösen wird können. Aber es muss eben sein, und damit basta, das ist der paranoische Standpunkt.
Das Ignorieren der politschen Dimension ist uns als neobliberal erzogenen Bürger tief eingepflanzt. Wir müssen bei dem anfangen, was wir ändern können, also unserem Konsum, und was darüber hinaus geht, können wir nicht anerkennen. Dieser Illusion muss man entgegentreten und sagen, doch es gibt eine Sphäre des Politischen, es gibt die Möglichkeit zu Handeln, auch wenn Angela Merkels Kanzlerschaft uns das Gegenteil einreden will.
Ich gebe zu, nunmal eher negativ und auf Zerstörung aus zu sein (Molotovcocktail Trump). Daher meine Lust am klimaschädlichen Fliegen. Wenn ich schon nichts tun konnte, um die Welt besser zu machen, möchte ich wenigstens zu ihrer Vernichtung beitragen. Denn die sozialen und wirtschaftlichen Systeme, die wir im Moment betreiben und unseren Kindern hinterlassen wollen, lohnen aus meiner Sicht nicht, erhalten zu werden.
(Ab hier gelesen in #80)
Ich möchte hier gerne meine Gedanken zum Klimathema darlegen und zeigen, warum mir No Agenda in letzter Zeit immer besser gefällt, nachdem ich anfangs nur sporadisch Stefans Empfehlung gefolgt war. No Agenda hat meiner Meinung nach eine lebensbejahende Haltung zu der großen Gefahr, die der Klimawandel im öffentlichen Diskurs darstellt. Dadurch, dass das Thema ins Lächerliche gezogen wird, kann der Hörer sich von den Weltuntergangsvorstellungen lösen und das Leben wertschätzen.
Natürlich ist es schlimm, wenn sich unser Planet auf eine Weise verändert, die Leben unmöglich macht. Doch in dem Buch „wofür es sich zu leben lohnt“ des Philosophen Robert Pfaller wird die Frage gestellt, was so schlimm daran ist, wenn wir alle gleichzeitig sterben statt hintereinander. Wir alle müssen sterben.
Die humorlose Forderung nach drastischen Einschnitten in unserer Art zu leben speist sich aus dem narzisstischen Wunsch nach ewigem Leben. Es kann doch nicht sein, dass wir, die wir so wertvoll sind, sterben, bzw. unser Planet zugrunde geht. So steht die Erde und ihr Leiden am menschengemachten Klimawandel symbolisch für den menschlichen Wunsch nach einem fortwährenden Weiterleben, einer Verneinung des Todes.
Problematisch daran ist, dass die Klimabewegung ihr Anliegen als das einzig wichitge darstellt, neben dem es nichts anderes geben darf, weil alles andere eben dadurch gefährdet wäre. Diese Form des politischen Denkens nennt Pfaller Paranoia, da alles sofort dem großen Ziel, den Klimawandel zu stoppen untergeordnet werden muss. Dabei wird nicht mehr nach Plänen und Zielen, sinnvollen Strategien gefragt, und daher bleibt es bei Willensbekundungen. Denn die Not ist ja so groß, dass nichts anderes möglich ist, als die totale Umkehr vom bisherigen Pfad und die Ausrufung eines Notstands.
Der Unterschied zu bisherigen Formen des Glaubens an ein politisches Konzept oder eine Religion liegt darin, dass beim herkömmlichen Glauben (an Kommunismus oder Christentum etwa) das Individuum sich vom Ideal des Glaubens getrennt sieht und sich daran messen kann. So kann sich die brave Kommunistin die Frage stellen, ob sie denn im Einklang mit ihren Überzeugungen lebt. Wenn eine Lücke zwischen Ideal und Realität besteht, kann die Kommunistin dies mit Humor nehmen, und sich sagen, ach ja, ich bin eben nur ein kleiner Mensch und fehlbar und habe nicht die Kraft, mein Ideal voll und ganz zu erfüllen. Ganz anders bei der Paranoia, denn hier sieht sich das Individuum zunehmend eingekreist von seinem angestrebten Vollkommenheitszustand der Klimaneutralität. Ständig muss es sich fragen, ob es nicht weniger Fleisch essen, andere Milch trinken soll, und niemals kann es zur Ruhe kommen. Der Mensch verliert so seine Fähigkeit zum Humor, denn das Thema ist ja todernst und duldet keine humoristische Brechung und Relativierung. Genau diesen Abstand zwischen Ideal des Handelns anhand der menschengemachten Erderwärmung und der realen Unzulänglichkeit unserer Handlungen stellt No Agenda wieder her, indem sie sich weigern, das Klimathema ernst zu nehmen. Es mag aus unserer europäischen Sicht ignorant sein, die Wissenschaft zu leugnen, aber ich halte dagegen, dass es wichtigeres gibt, als immer richtig zu liegen. Wichtiger ist es, die Gründe, wofür es sich zu leben lohnt, nicht zu verlieren. Pfaller zitiert den römischen Philosophen Juvenal, der sagt: „Betrachte es als größte Schande, das nackte Lebhen höherzustellen als die Gründe, für die es sich zu leben lohnt“ Meiner Ansicht nach sind es kleine Dinge wie ein gutes Stück Fleisch, die das Leben lebenswert machen. Durch die Klimaparanoia wird uns der Zugang dazu zunehmend unmöglich gemacht, da wir uns schuldig fühlen und den anderen ihr Fleisch oder ihren Flug nicht gönnen. Stefan hat anhand des Tourabsage einer Band ja genau dieses Argument gemacht, dass Musik zu wertvoll ist, um sie für den Klimawandel zu opfern. Ich würde sagen, Flugreisen allgemein sind ein hohes Gut, das sich nicht einfach ersetzen lässt. Fremde Länder und Kulturen kennen zu lernen ist etwas, was das Leben lebenswert macht und sollte deshalb nicht unter Klimavorbehalt gestellt werden.
Sparguthaben CO2__Geldverdienen Wenn ich immer nur auf das CO2 Konto schaue und sage, ich darf nur noch so viel ausgeben, damit wir morgen auch noch eine Erde haben, dann wird dadurch das Leben entwertet und getötet, dieses Leben gleicht dann immer mehr schon dem Tod. Genauso beim Geldverdienen, das zur Obsession wird, damit wir morgen noch genug haben um das reine Leben zu sichern.
Robert Pfaller: Aberglaube, Bekenntnis, Paranoia in „Erwachsenensprache“ S. 133
Der logische Einwand wird sein, dass es ja aber wirklich so schlimm wird, wenn große Teile der Erde unbewohnbar werden und andere Horrorszenarien eintreten wie aus Stefans Buch „Empty Planet“. Daher gibt es doch gar keine Alternative, als schnell und radikal zu handeln. Aber warum? Wir sind nicht die erste Generation die sich vom Weltuntergang bedroht sieht, das Ende der Welt, wie wir sie kannten ist ein wiederkehrendes Thema der Menschheitsgeschichte. Nur sind wir die ersten, die so borniert und anmaßend sind, an die unbedingte Richtigkeit der apokalyptischen Vorhersagen zu glauben, da wir nun unsere Befürchtungen von der unantasbaren Wissenschaft bewiesen sehen. Doch selbst wenn die Wissenschaft absolut richtig liegt, Kipppunkte überschritten sind und uns eine düstere Epoche der Klimakatastrophen und Klimakriege bevorsteht, möchte ich immer noch die Frage stellen, was dieses Thema so dringlich macht, dass es nun so viel Platz in der politischen Debatte und so viel Sendezeit im Podcast einnimmt. Wir wissen, dass wir sterben. Wir ahnen, dass wir unseren Kindern nicht den Reichtum und die Möglichkeiten bieten werden können wie zu unserer Zeit. Jonathan Frantzen ist in seiner Analyse inkonsequent, rührt aber an einen wunden Punkt. Ist es nicht besser, im Angesicht der Apokalypse ruhig zu bleiben und wenn wir schon dahingefegt werden, dies wenigstens mit Würde über uns zu ergehen lassen statt in hektischem Aktionismus und gegenseitigen Beschuldigungen? Hier setzt eine Klimavergiftung ganz anderer Natur ein, nämlich zwischenmenschlich, so wie etwa John und Adam nun nur noch als Spinner behandelt werden können, weil sie sich der Großen Anstrengung zur Rettung der Welt nicht anschließen mögen. Ist diese Gesellschaftsklimavergiftung vielleicht schlimmer als alle Vergiftungen, die unsere Industrie angerichtet hat?
Hoffnung Doch in Wahrheit will ich ja tatsächlich eine bessere Welt und gebe die Hoffnung nicht auf. Die Sysstemfrage. Kommunismus könnte ein Weg aus dem Egoismus sein, andererseits beruht er auch auf dem Glauben an den Menschen, der nun mal aus Erfahrung egoistisch und lügnerisch ist. Immerhin könnte der Kapitalismus weiterbetrieben werden aber mit anderen Rahmenbedingungen. So sagte Flassbeck, das System der Nachkriegszeit bis in die 70er war kein Kapitalismus, weil die Kapitalmärkte eben noch streng eingehegt waren und im wesentlichen internationale Abkommen wie Bretton Woods die Richtung bestimmten, nicht das Kapital. Darauf hinzuarbeiten wäre lohnenswert. Nutzen wir die Kraft des Marktes, aber mit der Maßgabe dass wir dabei auf ein hochexplosives Konzept zurückgreifen, ähnlich wie Atomkraft, das deshalb ausgeklügelte Sicherungsmechanismen braucht.
Aber das reicht nicht, wir müssen auch den Beleuchtungswechsel in der Kultur wieder hinkriegen und uns nicht mehr vom postmodernen 68er Diskurs der scheinbaren Emanzipation des Ich leiten lassen. Dieser Diskurs bedeutet leider die Loslösung von jedweder Normvorstellung, von gesellschaftlichen Vorgaben, die uns nun nicht mehr als Lustressourcen zur Verfügung stehen. Bsp. Tanzen Opernball enger Körperkontakt vs. Disko
Das bedeutet, eine andere Auffassung von Demokratie, in der wir das Verfahren als das Heilige sehen, also im abergläubischen Sinn unsere Hingabe nur spielen, weil wir eben in Gesellschaft sind. Daraus entsteht der heilige Ernst, den die Demokratie braucht und den uns die alten Griechen vorgelebt haben mit ihren vertrackten Losverfahren, Auswahl und Zusammenstellung von Armeeregimentern aus verschiedensten Teilen Attikas, Plenardebatten, etc… Weg von der sterilen Vorstellung eines klaren politischen Willens des Einzelnen, der diesen sauber und unzweideutig äußern solle. Der Begriff Willensbildung offenbart doch schon, dass es nicht weit her ist mit dem Willen des einzelnen und auf ihn zu vertrauen völlig zwecklos ist. Erst im sozialen Spiel können wir unsere wahre Intelligenz entfalten.
Aber auch hier möchte ich noch weiter gehen und den Weg über den Materialismus hinaus nehmen Richtung Metaphysik. Dort gibt es die Leere zu füllen, die den modernen Menschen heimsucht. Wir sehnen uns nach dem Ewigen, wir mögen durch unseren Verstand scheinbar getrennt sein von der Möglichkeit des Glaubens an Gott, doch das Problem besteht weiterhin und es ist genau jene Naivität, die meint, heute seien wir ganz anders und einzigartig, dass die alten Fragen einfach ihren Sinn verloren hätten. Wir wollen aber weiterhin eine Vorstellung von der Welt und das wissenschaftliche Weltbild ist nicht nur emotional unbefriedigend, es hat ja noch nicht mal eine solide Grundlage, wie wir an der Unvereinbarkeit der wichtigen Theorien in der Physik sehen. Wir können erklären, alles reduzieren, aber irgendwann stoßen wir an die Grenze, ohne sagen zu können warum hier nun der Reduktionismus versagt.
Dies nur eine kurze Skizze der Sachthemen, die ich als diskussionswürdig ansehe und deren Umsetzung ich mich widmen will. Der Neoliberalismus wohnt in mir und ich möchte seine lebensfeindlichen Fesseln abschütteln; mit einem Engagement für das Klima, für die Paranoia des lustfeindlichen, selbstachtenden Ich ist das unvereinbar.
Hoffnung 2
Meine persönliche Antwort liegt nicht im Nichtstun, sondern in einer anderen Priorisierung unserer Probleme. Nehmen wir den Klimakollaps als gegeben. Ich wünsche mir, dass wir eine Wirtschaftsordnung finden, die den ärmeren Ländern Luft zum Atmen gibt und ihnen realistische Perspektiven zum Aufholen und zur Industrialisierung aufzeigt. Ich wünsche mir, dass wenn wir schon alle untergehen, wir bis dahin ein größeres Maß an Gleichheit erreicht haben und wir sagen können, ja unsere Generation hat etwas gegen die weltweite Armut und den Hunger getan. Wir können vielleicht nicht völlige Gerechtigkeit erreichen, aber wir können wenigstens versuchen, die Schweinereien, die wir vorgefunden haben, ein Stück weit zurück zu drängen.
Hierzu passt Tilos Mantra, man müsse die Systemfrage stellen, um den Klimawandel zu bewältigen. Aber warum zur Hölle muss erst der Klimawandel kommen, damit wir diese Frage stellen? Meiner Meinung nach gibt es auch so genügend Gründe zu sagen, ja dieses System ist nicht nachhaltig und langfristig tragfähig, wir müssen uns Gedanken machen über Sozialismus, Beteiligung der Arbeitnehmer am Unternehmen, was auch immer.
Doch Stefan betreibt hier im Podcast eine Deradikalisierung der Hörerschaft, indem er immer betont, ihm würde ja schon eine Erbschaftssteuer reichen und dass die 50 Mrd Haushaltsüberschuss ausgegeben werden. Das erkläre ich mir dadurch, dass er eben keinen so akuten Handlungsbedarf sieht, wenn wir nur über Wirtschaft sprechen, sondern erst wenn das Klima hinzukommt. Denn bei Wirtschaftsthemen können wir immernoch den herkömmlichen Glauben an unsere Überzeugungen bedienen und die Mängel der Realität humorvoll nehmen. Beim Klima hört der Spaß auf und der Glaube schlägt in Paranoia um, die keinen Widerspruch, keine Einordnung, keine zweite Meinung duldet.
Ich bewundere Greta Thunberg und sehe Parallelen zwischen ihrer depressiven Verzweiflung, in die sie angesichts des Klimawandels fiel und meiner Biografie. Auch ich verzweifle an der Welt, allerdings bezogen auf die Hartleibigkeit und Unerbittlichkeit des neoliberalen Wirtschaftssytems in dem wir leben. Auch ich sah hier düstere Zeiten heraufziehen, die es den folgenden Generationen unmöglich machen würden, zu leben. Nicht aufgrund der physischen Zerstörung des Planeten, sondern wegen der Zersetzung des Individuums und seines Strebens nach Glück. Die Fixierung auf Tauschwerte, die Zuordnung von Geld und Leistung, die Bewertung und Hierarchisierung, all das macht das Leben nach und nach nicht mehr lebenswert. Daher wäre die Zeit, radikale Veränderungen zu ergreifen, z.B. es in Form von Arbeitszeitverkürzungen und der Möglilchkeit, sich wieder über etwas anderes als das Geldverdienen zu definieren.
Auszug aus Trumps Davos-Rede 2020:
„Dies ist nicht die Zeit für Pessimismus. Dies ist eine Zeit des Optimismus. Angst und Zweifel sind kein guter Gedankengang - denn dies ist eine Zeit der großen Hoffnung und Freude und des Optimismus und des Handelns. Aber um die Möglichkeiten von morgen anzunehmen, müssen wir die immerwährenden Untergangspropheten und ihre Vorhersagen über die Apokalypse ablehnen.
Amerika wird immer die stolze, starke und unnachgiebige Bastion der Freiheit sein. In Amerika verstehen wir, was die Pessimisten nicht sehen wollten: dass eine wachsende und lebendige Marktwirtschaft, die sich auf die Zukunft konzentriert, den menschlichen Erfindungsgeist inspiriert und eine Kreativität anregt, die stark genug ist, um jede Herausforderung zu bewältigen - jede Herausforderung bei weitem."
Diese Zeilen bringen die radikale Ablehnung der paranoischen Forderungen zum Ausdruck. Robert Pfaller empfiehlt als Heilmittel, wenn wir uns zu sehr von Paranoia leiten lassen, die Frage, wofür es sich zu leben lohnt. Trump gibt hier seine vorhersehbare Antwort: die Freiheit und der Erfindungsgeist Amerikas sind etwas unglaublich wertvolles, das nicht geopfert werden darf, auch nicht für eine Klimadiktatur zum Wohle des Planeten.
Trump hat völlig Recht, wenn er sagt, Angst und Zweifel seien kein guter Ratgeber- leider hat die Klimabewegung aber nichts anderes anzubieten. Auch ich würde sagen, lassen wir uns lieber von positiven Visionen leiten, wie eine Welt aussehen kann, in der der Mensch mit sich selbst versöhnt ist und nicht mehr im ständigen ökonomischen, sexuellen, gesundheitlichen Kampf ist. Beim wirtschafltichen Kampf geht es um das nackte Leben, das heißt sich eine sichere Rente aufzubauen, um keine Angst vor dem alter zu haben. Diese Haltung ist nach Juvenal schändlich, falls dabei das eigentliche Leben aus dem Fokus gerät und wir alles unserer Arbeit unterordnen.
Eine andere Wirtschaftsordnung ist möglich und auch wenn man keine bessere Idee als etwa Kommunismus hat, liegt meiner Meinung nach viel mehr Edles darin, den Wandel dahin wenigstens zu versuchen und vielleicht mit wehenden Fahnen unterzugehen als einfach so weiterzumachen wie bisher. Aber darüber können wir nicht diskutieren, solange das Klima alle anderen Überlegungen in den Schatten stellt.
(gelesen bis hierher in #80)
Auch der sexuelle Kampf um einen Partner nimmt immer brutalere Formen an, wie etwa Michel Houellebecq zeigt. Dieses Thema ist enorm wichtig, auch wenn keine einleuchtende Lösung auf der Hand liegt. Es muss das neoliberale Denken überwunden werden, es muss möglich sein, den anderen nicht ständig zu taxieren und ihm einen Wert auf dem Marktplatz des sexuellen Begehrens zuzuweisen. Das ist ein wichtiges Problem für die generelle Lebensqualität in unseren Gesellschaften und ein weiteres Beispiel eines Missstandes, den ich wenigstens mal gerne diskutieren und angehen würde, bevor die Apokalypse kommt, und dann könnte man auch mit ruhigem Gewissen in den kollektiven Tod gehen. Genauso die Gesundheit, wir sollen uns optimieren um möglichst lange zu leben, doch diese Leben werden keinen Sinn mehr haben und somit verlängern wir nur die Qual und das Leiden.
Mir ist dieser Punkt ganz wichtig, dass die Bedrohung unseres Lebens angesichts von Klimaveränderungen mir überhaupt nicht so schlimm erscheint, wie es in der gegenwärtigen paranoischen Debatte vorausgesetzt wird. Der neobliberale Mensch kennt eben nur noch sich und sein Leben und sein höchstes Gut ist das nackte Leben, zu dessen Sicherung immer mehr Güter angehäuft werden müssen, was der Kapitalismus ermöglicht.
Ich behaupte, es gibt wichtigeres als das nackte Leben. Bei dem traurigen Bild, das wir als Menschheit derzeit abgeben- die sich steigernde Unlust in den westlichen Gesellschaften, auf sexueller Ebene, die Schwierigkeit Freundschaften zu schließen, die Fixierung auf die eigene Identität, deren Ergründung den westlichen Menschen auslastet, sodass er sich keine philosophischen Fragen über sein Leben stellen kann, und dazu die materielle Not im Global South, das ist ein Bild anhand dessen ich sagen würde, ja dann soll die Apokalypse doch kommen, denn wenn wir so weitermachen wird die Lust zu leben sowieso weiterhin dahinschwinden und wir könnten nichts mehr anfangen mit einer lebenswerten, klimaneutralen Erde.
Wir werden hier eine Welt schaffen, die klimaneutral ist, aber in der Menschen nichts lebenswertes mehr finden, und am Ende nichts mit dieser schön sauberen Welt anzufangen wissen.
Nur wenn wir den Mumm haben, den wirren Verlockungen neoliberalen Denkens zu widerstehen und eine Gesellschaft aufzubauen, die das Individuum mit seinesgleichen versöhnt, lohnt es sich überhaupt, an einem Weiterbestand des Planeten zu arbeiten.
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