Tischlein, deck dich!

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#86 Sartorisch

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Sartorisch? Sardonisch zumindest heißt so viel wie sarkastisch, boshaft, ätzend, mokant

Robert Pfaller Erwachsenensprache

Marlon Grohn: Hass von oben..

Ja, liebes hörendes Volk, diesmal musste ich doch wieder nach Veröffentlichung den Titel der Episode ändern. Immer wieder schwanke und wanke ich zwischen zwei oder mehreren Titeloptionen. Die Findung des richtigen Titels ist definitiv die schwerste Aufgabe eines jeden Podcasters. Das Zitat aus "Hass von oben, Hass von unten" ist natürlich exquisit und beschreibt den im Moment im Netz stattfindenden Klassenkampf von oben hinlänglich: "Unterdrückte dieser Erde, haltet die Fresse!"

So erschallt der Ruf all jener linksliberalen Diskursonkels und Tanten, der Freunde des netten, also harmlosen Gelabers und Gequakes, der verzweifelte Schrei aller Verfechter der herrschenden Meinung, an deren Gewissheiten sie glauben und hängen wie ein Säugling an der Mutterbrust, der kleinbürgerlichen Intellektuellen und Zeitungslohnschreiber jeder Couleur nach der harten Hand des bürgerlichen Staates, der die Äußerungen der Arbeiterklasse mit Verweis auf deren angeblichen Hass-Gehalt unterdrücken sollen.

Allein, wenn der Hass gegen die richtigen geht, dann ist freilich alles erlaubt und man selbst ist von den Weltläuften zum Hassen gezwungen, während die Anderen einfach ihrer boshaften Natur freien Lauf ließen, so erklärt sich der liberale Groß-Satiriker die Legitimität seines Treibens.

Trotzdem musste ich die Folge jetzt doch "Sartorisch" nennen, was ein schönes Wort ist, auch wenn ich seine Bedeutung noch nicht restlos entschlüsseln konnte. Auch Stalin soll zuweilen sartorisch gelächelt haben, wie ich in dem verleumderischen Buch über ihn von Sebag-Montefiori nachlas. Das ist doch schon mal ein Pluspunkt für diesen Begriff des Sartorischen. Zudem ist er prägnanter als Titel und nicht so vulgär. Mein Produkt, der Podcast, sollte ja nicht von vorneherein mögliche Hörer abstoßen und vergraulen, daher nehme ich hier die konziliante Haltung ein und ziehe diesen vulgären Titel zurück und den Schwanz ein.

Damit der Hass-Kampf nicht ganz zu kurz kommt, bringe ich hier ein Zitat aus dem Buch an, das auf S. 52 steht und ich noch nicht vorlas, welches aber sehr wichtig für die infrage stehende Möglichkeit der Differenzierung zwischen zulässigem, von oben abgesegnetem satirischen Treiben à la Böhmermann und dem bösen, verruchten Hass der auf social media pöbelnden Klein-Accounts und Trolle, also den nicht offiziell anerkannten Satirikern der Gosse:

------------------ Zitat --------------------

"Einerseits gelten Satire und Hass als zwei verschiedene Sachen, andererseits sind sie dasselbe: Es liegt immer am - formellen, nicht inhaltlichen - Zusammenhang, in dem etwas stattfindet, ob es den Leuten als Hass oder Satire erscheint. Es ist aber dann der Inhalt, der beäugt wird, obwohl lediglich der formale Rahmen unpassend ist. Es ist der Inhalt, der skandalisiert wird, obwohl der Skandal bereits darin besteht, dass ein- und derselbe Inhalt je nach Äußerndem mal als ehrenwert gelobt, mal als Hassverbrechen verdammt wird. Es ist, kurz gesagt, der Unterschied zwischen Hofnarren, die staatstragenden Dienst absolvieren, und fahrendem Gesindel, das gehalten ist, seine Narreteien außerhalb des Hofs ans Publikum zu bringen.

Selbst wenn man sich einmal auf die Talsohle der Kriterien des Liberalismus hinabließe und spaßeshalber davon ausginge, dass tatsächlich ein Unterschied bestünde zwischen der persönlichen Beleidigung, die ein Berufsdichter, und einer, die irgendein Facebook-User hervorbringt (etwa eine Schmähung gegen Renate Künast), wäre das schon nahezu unmöglich, weil keine verbindlichen Maßstäbe mehr existieren, die regelten, wo eine gewisse Werkhöhe von Dichtung beginnt und die von Social-Media-Postings aufhört, zumal ein Großteil der gegenwärtig als Literatur oder Lyrik durchgehenden Werke auch nur noch gesammelte Tweets sind. (Weshalb auch beim Beleidigen in den Sozialen Medien dem offiziell als Künstler, Dichter etc. Tätigen mehr gestattet ist als dem Otto-Normal-Beleidiger.)

Den irrsinnigen Fall angenommen, ein solcher Unterschied bestünde: worin genau?

Dass etwa bei einem beleidigenden Gedicht das Kunstwerk im Vordergrund stehe, nicht die Beleidigung, kann wohl niemand im Ernst behaupten, wenn ein solches Werk hauptsächlich aus der Beleidigung besteht, die Pöbelei schieer den tragenden Inhalt ausmacht. In der Form besteht der Unterschied nicht. Vielleicht in der Art und Größe des Publikums? Da gibt es sicher Unterschiede. Aber macht es eine Beleidigung wirklich besser, weniger beleidigend oder persönlichkeitsschädigend, wenn sie in einem zigtausendfach gedruckten, verkauften und gelesenen Gedicht steht, als wenn sie nur in einem Facebook-Kommentar mit 12 Lesern verbreitet wird?

Solche Fragen sind nicht uninteressant. Sie werden von den Hass-Hassern aber gar nicht erst gestellt, sondern die Antwort darauf hat von vornherein klar zu sein: Derjenige, der mehr Schaden anrichtet, sei im Recht, während der wirkungsarme Pöbel bitte still sein möge. Das zumindst in universitären Kreisen zu gewisser Geltung gekommene identitätspolitische Geblödel von der "Sprecherposition", wonach die Richtigkeit einer Äußerung vor allem danach bemessen wird, von wem diese Äußerung stammt, ist also in Wahrheit kein modernes Konzept unterdrückter Minderheiten, sondern eine schon uralte, bürgerliche Erfindung mit langer Tradition im Klassenkampf von oben.

Die angebliche Trennlinie zwischen Hass und Kunst ist eine bloße Scheingrenze, deren Existenz immer wieder herbeigelogen wird, um Ausreden dafür zu haben, warum Etablierte - nennen wir sie ruhig: Bürgerliche - Rechte haben, die man den Kleinen, den Kläffern nicht zugesteht.

Sie erhalten Preise für Einlassungen, die anderen als Verbrechen angekreidet werden: Hass, Pöbelei, Beleidigung. Die falsche Trennung von Hass und Kunst muss existieren in dieser Gesellschaft, weil sie eine ideologische ist, keine auf Wahrheit fußende. Denn es darf nicht jeder alles, was man den bürgerlichen Eliten durchgehen lässt: Schon die Möglichkeiten ihrer Anwälte sind denen der Pflichtverteidiger irgendeines Hartz-IV-Beziehers im Falle einer Anzeige weit überlegen. Doch die Diskussion über Klassenpolitik soll möglichst nicht aufkommen. Deshalb schimpft man hier Hass, was man dort als Kunst ehrt."

------- Zitat Ende -------

Kommen wir abschließend noch einmal auf den in dieser Folge 86 vorgelesenen Satz "Haltet die Fresse, Unterdrückte dieser Erde!" zurück. Er ist Ausdruck des Klassenhasses von oben und wird dank der neuesten gesetzgeberischen Initiativen zum Hass im Netz nicht nur implizit sondern juristisch verankert ausgesprochen.

Doch was ist guter Hass, was verwerflicher? Ist es legitim, wie Peter Hacks in einem seiner Gedichte, zur Guillotinierung von Gerhard Schröder, Gregor Gysi, Lothar de Maizière und weiteren Politikern aufzurufen? Aus meiner Sicht unbedingt, aus Sicht der staatlichen BRD-Moral natürlich nicht, trotzdem wird dieses Gedicht weiter gedruckt und verlegt, weil scheinbar eine dichterische "Schöpfungshöhe" vorhanden ist, die es von beliebigen Gewalt-Tweets unterscheidet.

Aber auch auf Twitter dürfen die niederen Volksmassen durchaus hassen, beleidigen und zu Mord aufrufen, Bedingung ist allerdings, dass die inhaltliche Stoßrichtung der Hassaussagen mit den herrschenden Interessen übereinstimmt.

Als drei wichtige Pfeiler dieser erlaubten, da staatlich abgesegneten ("staatstragenden") Haltung nennt der Autor folgende:

  1. Pro EU

  2. Kontra Totalitarismus

  3. Putin-ist-sehr-gefährlich!

So ist es mittlerweile völlig legitim, zum Mord an Putin aufzurufen oder das gesamte russische Volk zu beleidigen und sich in einem Kampf ums Ganze gegen die Russen zu fühlen, bei dem wir alles aufbieten müssten, um sie in die Knie zu zwingen, also auch Hungersnöte, Medikamentenmangel in Kauf nehmen oder wie die damalige US-Außenministerin Albright sagte, es sei doch gerechtfertigt, wenn aufgrund von Sanktionen gegen Medikamente in den 90ern eine halbe Million irakischer Kinder sterben, denn es ist der Preis, den wir (die Iraker) zu zahlen bereit sind, um die Regierung dort zu stürzen.

Die herrschende Moral entspricht den Interessen der herrschenden Bourgeoisie und wer also den BRD-Imperialismus und den EU-Nationalismus verteidigt und dessen Gegenspieler wie etwa Boris Johnson und jegliche Brexit-Befürworter niedermacht, beleidigt und abwertet, der ist im Recht, da er sich innerhalb des großdeutschen Interesses eines unter deutscher Kontrolle stehenden Europas äußert. Ja, denkt sich der Freund des gepflegten Imperialismus, die EU ist doch unbestreitbar ein Fortschrittsprojekt und die Briten sind bald weg vom Fenster, weil sie es wagten, gegen die ewigen "Gesetze" der marktliberalen Globalisierung aufzubegehren (und nicht etwa wegen der enormen Klassenwidersprüche, Armut und Spaltung der Gesellschaft dort, die diejenige auf den kontinentalen Ländern weit übersteigen).

Egal, was die EU noch an Verbrechen, Inkompetenz oder Schädigung unserer Volkswirtschaften (Energie-Embargo gegen Russland) anrichtet, es ist alles gerechtfertigt, denn sie ist ja so demokratisch, pluralistisch und wenn sie nicht das GUTE verkörpern soll, dann wissen wir auch nicht mehr weiter. Die Welt ist zu komplex für den Systemsoziologen von Rang und so gibt er sich damit zufrieden, in Brüssel werde nun mal jeder NGO ein Büro zugewiesen, wodurch sich deren gesellschaftspolitische Verbesserungswünsche auf lange Sicht durchsetzen müssten. Diese ideologische Schimäre dient in der Tat einigen Podcastern als hauchzarte Bedeckung ihrer vollumfänglichen Unterstützung der EU, BRD und der von diesen Institutionen immer wieder aufs Neue entfesselten Kriege, wirtschaftliche Vernichtungsfeldzüge (Sanktionen gegen Länder, die dem US-Imperium als Feindbild dienen wie der Iran, Venezuela…) und Entrechtung, die auf der ganzen Welt gesät wird.

Soweit mein kurzer Exkurs zu einigen konkreten außenpolitischen Fragestellungen der Zeit. Warum sich die Welt in dem heutigen erbärmlichen Zustand befindet, hat sicher auch mit der Geltung des Grohn'schen Doktrin zu tun, dass nämlich die Unterdrückten die Schnauze zu halten haben und mittels solcher Pseudo-Politiken wie die der Hate-Speech-Bekämpfung sogar noch mit strafrechtlichen Konsequenzen für gedankenlos ins Netz gekübelte Affekt-Ausdrücke eingeschüchtert werden.

Es gelingt dem Liberalismus also, die Geltung der genehmen politischen Meinungen auf voller Linie durchzusetzen, da "die Medien" das Vorhandensein einer Zensur-Instanz überflüssig machen, wie Peter Hacks schreibt, dessen Texte wir in den kommenden 90er-Folgen ausführlich lesen werden. Die Medien sind eine Hundemeute, stets bereit, eine Kampagne oder eine schnelle koordinierte Aktion zu starten, wenn es darum geht, eine gefährliche Information zu unterdrücken oder eine nützliche Fehlinformation zu verbreiten, wie Hacks in seinem Aufsatz "Unter den Medien schweigen die Musen" schreibt. Sie lügen dann wie aus einem Munde, die "Sprachregelung" tritt auf den Plan, was alle Rezipienten einigermaßen bedrückt und betroffen macht, denn dadurch wirken diese Medien dann mit einemmal so ehrlich.

Die Medien (nur wer im Plural von ihnen spricht, ordnet sie richtig ein, so mögen die einzelnen Hunde einer Jagdmeute zwar alle ihre Namen haben wie "Stern", "Spiegel" usw., aber letztlich besteht ihr Auftrag darin, in der Meute zu jagen und das Wild zu erlegen, nur hier als Vielzahl sind sie voll konstituiert) besorgen das Geschäft, die Große Lüge durchzusetzen, die laut Hacks in dem Satz besteht: mit dem Zustand der Gesellschaft hat es seine Richtigkeit und seine Unabänderlichkeit.

Dieser Satz ist so irrsinnig, dass er sich anders als über den Umweg der Medien nicht sagen ließe. Wer den Leuten einredet, es gäbe an der Gesellschaft nichts zu bedenken, der hat ihr eingeredet, sie sei unbedenklich. (Hier paraphrasiere ich Hacks)

Ein Land, das Medien hat, kann auf Zensur verzichten, da es auch keine Wahrheit mehr gibt und alles relativ ist, zu jeder Meinung wird irgendwo auch die Gegenmeinung vertreten werden und zu jedem richtigen Satz steht irgendwo die falsche Antithese, die den Zweifel und die heutzutage unumstößliche, heilige Relativität in unser Bewusstsein einpflanzt. (Alles ist relativ außer das Dogma der Relativität selbst, nichts ist fest, alles konstruiert…) Dabei setzen sich die Meinungen der herrschenden Klasse automatisch durch. Die Journalisten sind qua Anzeigeneinnahmen auf deren Wohlwollen angewiesen und kommen also über die Schranken des kleinbürgerlichen Denkens allein materiell in ihrem Beruf, der ihnen Brot gibt, nicht hinaus.

Hier ist eine marxistische Einordnung wichtig; in Folge 85 wollte ich gewisse Fernsehmoderatoren ins Gulag stecken, wobei sie selbst der Bourgeoisie nicht prinzipiell angehören müssen und nur teils fürstlich von ihr entlohnt werden für ihren ideologischen Dienst am Volk, das in geistiger Abhängigkeit und Unmündigkeit gehalten wird mittels der ehrwürdigen "tagesthemen" und "heute-journal"-Medienverbrechen.

Marx schreibt in "Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte", dass die politischen Vertreter des Kleinbürgertums und die wirklichen Kleinbürger, die in sozialen Zusammenhängen leben, die sie zu ihrer Stellung als Verteidiger des bürgerlichen Eigentums und Staats prädestinieren, im ideologischen Windschatten der wirklichen "Bürger", der Bourgeoisie, keinesfalls persönlich übereinstimmen müssen.

Was sie zu Mitgliedern derselben Klasse macht ist, dass der eine im Denken nicht über die Schranken hinauskommt, über die der andere im Leben nicht hinauskommt.

Der Kleinbürger, also der selbständige Handwerker, Unternehmensberater oder Supermarktbesitzer sieht sich materiell mit Schranken konfrontiert, die unüberwindbar sind, er muss den Status Quo verteidigen und gutheißen, da er davon profitiert und ihn als Garanten seines Einkommens sieht. Die politischen Vertreter dieser Haltung hingegen sind in ihrem Denken zu beschränkt, um über die Fesseln der liberalen bürgerlichen Denkweisen hinweg zu kommen ("Wir alle sind so frei und können alles aus uns machen, in alle Richtungen liegt das ganze Leben offen vor uns und jeder, der genug Mumm hat, wird darin sein Glück machen").

Die Klassenposition von Podcastern wie der No Agenda-Macher ist sehr interessant; sie sind Kleinbürger par excellance, da sie nur von den Spenden ihrer Hörer leben und sonst keiner Lohnarbeit nachgehen. Sie haben also ihr eigenes kleines Medienunternehmen und sind Besitzer der Produktionsmittel, die sie zur Herstellung des Podcasts brauchen, der wiederum von Zehntausenden Hörern geschätzt und finanziell honoriert wird. Auch wenn die Hörereinnahmen mit mehreren Tausend Dollar pro Folge (zweimal wöchentlich, wobei auch die exorbitanten Lebenskosten in den USA berücksichtigt werden müssen) relativ hoch sind, fühlen sie sich - zurecht oder unrecht mag hier egal sein - noch nicht als Bestandteil der Reichen, wie sie immer wieder betonen. Trotzdem müssen sie dieses kapitalistische System mit Zähnen und Klauen verteidigen, da sie darin allein die Grundlage ihres materiellen Überlebens erblicken.

Sie sind der exemplarische Ausdruck des Kleinbürgers, der zwar intelligent genug ist, die Beschränkungen des herrschenden Systems und seiner diskursiven Verbrämungen zu erkennen, aber zu ängstlich, darüber hinauszugehen. Eine Revolution möchten sie sich nicht vorstellen, auch wenn sie immer wieder beispielsweise auf die unzähligen Obdachlosen in den USA zu sprechen kommen, die in hierzulande unvorstellbarem Ausmaß die Straßen Kaliforniens bevölkern. Adam Curry meinte hierzu, es könne ein Aufstand der Obdachlosen drohen, aber wie wäre der zu koordinieren? Durch einen Podcast, schlug er vor, ein Podcaster könnte die anonyme, geknechtete, verächtlich gemachte Masse der Wohnsitzlosen vereinen, organisieren, aufwiegeln und zum Aufstand anleiten. Doch ob er selbst gern diesen Podcast machen würde, schien ihm nicht mal als Frage einzufallen, vielmehr scheint er zu denken: puh, hoffentlich kommt niemand auf die Idee, denn der Zorn der Obdachlosen würde sich letztlich gegen das System richten, das er doch so entschieden gegen die aus seiner Sicht arbeitsunwilligen, verzogenen Millenials verteidigt.

Zuletzt noch das erwähnte Gedicht von Hacks zur Schönheit und Brauchbarkeit der Guillotine aus dem Gedichtband "Diesem Vaterland nicht meine Knochen":

Appell

Weil ihr arm seid, müsst ihr spenden / Die ihr unter Brücken gammelt / Die ihr lehnt an Bahnhofswänden, / Gebt die letzte Mark. Gesammelt / Wird für eine Guillotine, / Also eine Köpfmaschine. / (Übrigens zu wünschen wär / Auch ein neuer Robespierre).

Erstmals zeigte der Erfinder, / Dass er Frankreichs Lob erziele, / Seinen Köpfehobel in der / Place de l'Hotel de Ville. / Später noch weit schönre Morde / Bot die Place de la Concorde, / Deutschland hat nun zum Ersatz / Leergeräumt den Leninplatz. /

Eine Plattform steht von Planken, / Draus zwei Pfosten stattlich ragen, / Die, geschmückt mit Eichenranken, / Das geschärfte Eisen tragen. / Bald aus einem fernen Knarren / Bildet sich ein Zug von Karren. / Krause rollt und de Maizière / Vorne vor dem Zuge her. / Böhme, Thierse, Schnur und Stolpe, / Gysi, Modrow, Wolf und dann / Poppe, Barbe, Klier und Bohley, / Schröder, Ull- und Eppelmann, / Die Gebrüder Brie und, ärger, / Eheleute Wollenberger, / Alle lassen ihren Kopf / Fallen in den Auffangtopf. /

Großer Beifall. Sehet fruchten, / Lieben Bettler, eure Spende. / Mögt nun das Jahrtausend wuchten / Kraftvoll im Genuss der Wende. / Auch die Kinder, schwatzend, hüpfend, / Tücher über Blusen knüpfend, / Sind mit ihrem Pionier- / leiter zum Vergnügen hier.


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Über diesen Podcast

Liebe Hörer*innen,
warum braucht es noch einen Podcast?
Vor allem wollte ich dem ersten Artikel der amerikanischen Verfassung gerecht werden, wie er von Adam Curry formuliert wurde: You shall not make bad TV.
Es sollte unser erster Anspruch sein, mal ein besseres, unterhaltsameres Medienangebot bereitzustellen, denn was sonst so in den Massenmedien stattfindet, ist für mich nicht akzeptabel und schädigt mich immer weiter, indem es meine innere revolutionäre Kraft hemmt und uns einhämmern will, es gäbe keine Alternative zum Gegebenen, Revolution sei verboten…

Friedrich Nietzsche brachte wohl das zwiespältige Gefühl, meine Gedanken mit mehr Menschen teilen zu wollen, im Nachtlied des Zarathustra am besten auf den Punkt: 
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das laut werden will. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: Ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. 
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
Wer immer austeilt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Viel Sonnen kreisen im öden Raum: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — so wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen in ihren Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkst euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Nacht ist es: ach, dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nachtigern! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen — nach Rede verlangt mich.“

Ja mein Podcast ist eine Quelle der Lebenskraft für mich selbst und vielleicht jetzt auch für euch. Aber ich möchte betonen, dass es selbstverständlich sein sollte, was ich mache und mein Trieb zum Podcasten speist sich einfach aus dem Drang, nicht der Herde zu folgen, eigene Wege zu gehen durchs eisige Gebirge des Denkens.
Das ist meine Kälte, dass die anderen Sonnen in der Medienlandschaft für mich nicht leuchten und nur schales, langweiliges Flackern von ihnen ausgeht, sodass ich selbst produktiv werden musste, allein schon um selbst auch wieder bessere Podcasts genießen zu können als das was die Podcastlandschaft sonst so bietet.

Erwartet bitte keine Wunder von meinem Podcastwerk, es ist eben keine Milch, kein Labsal, sondern wird es erst wenn ihr es in euren Ohren dazu macht. Das heißt, wenn ihr meine Podcasts zu sehr vergöttlicht, dann tut ihr ihnen unrecht und überseht meine eigentliche Botschaft, dass nämlich gerade die Dunkelheit und das Unklare erforscht werden sollten und immer wieder unsere Neugier anstacheln, nicht das bekannte, wohlige Glück.
Der gesunde Menschenverstand ist eine Geisteskrankheit; ich widme mich lieber meinen eigenen, esoterischen Verrücktheiten, als in die Jauchegrube Twitter hinabzusteigen und dort bei den "Vernünftigen" mit zu diskutieren. Dasselbe erwarte ich von euch.

Um nicht wie Nietzsche zu enden, ist es jetzt wirklich höchste Zeit, meine Mitwelt in meine Gedankenausflüge einzubeziehen, der Mensch als soziales Tier braucht immer die Bestätigung und Anerkennung von anderen. Kommentiert gern auf der Podigeeseite und seid nicht zu zimperlich bei eurer Kritik.

von und mit Simon

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