#89 Nuancen-Fieselei
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„Der nächste Reichskanzler, mag sein Name nun Strauß oder Brandt sein, wird nur noch ein halbierter Tyrann sein.“
So Peter Hacks über die westdeutschen Verhältnisse, in denen er einen Bruch zu Beginn der 60er ausmachte, weil die Bourgeoisie nun alle Schalthebel der Macht in Militär, Geheimdienst und Wirtschaft übernahm. Deutschland war also nicht mehr der politischen Macht seiner obersten offiziösen Repräsentanten unterworfen wie etwa noch zu Zeiten Hitlers und teilweise noch Adenauers.
„Ein Hitler ohne Deutschland ist kein Hitler“
Der parlamentarisch-politischen Elite der BRD entglitt zu dieser Zeit der Zugriff auf die wirkliche Macht und es zeigte sich wie von Marx prognostiziert die Einheit von ökonomischer und politischer Macht. Der moderne Staat hat nun den gleichen Zweck wie die Bourgeoisie, er steht an deren Spitze und versucht, ihre Interessen möglichst effizient und geräuschlos zu verteidigen und durchzusetzen.
Den Beginn dieses Zusammenfallens datiert Hacks auf das Jahr 1893, in dem seiner Analyse zufolge das erste deutsche Kartell entstand („Der sächsische Holzstofffabrikantenverband“).
Dies interpretiere ich gleichzeitig als Beginn der historischen Periode, die Hacks als „Imperialismus“ klassifiziert und die auf den zu Marx’ Zeiten noch unentwickelten kapitalistischen Staat folgt. Die bürgerlichen Staaten des 19. Jahrhunderts waren wie in Frankreich unter Louis Napoleon bis 1870 noch ein Instrument des Ausgleichs zwischen Bourgeoisie und den diffusen Interessen einer breiteren „demokratischen“ Volksmasse. Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts hin fällt der Staat vollständig der Bourgeoisie als Beute zu.
Daraus resultiert dann auch die „Krise des Individuums“, das nun nur noch die Wahl hat zwischen „schmollen“ oder sich aufraffen und den „revolutionären Weg“ beschreiten.
Die daraufhin von Hacks beschriebene Krise der modernen Poesie betrifft uns alle, nicht nur die Poeten. Denn in ihr wird offenbar, dass es nicht mehr reicht, die Welt beschreiben zu wollen. Innere, subjektive Gegebenheiten drängen nach außen und mischen sich mit der unförmigen, feindlichen Welt, die eben keinen Wert mehr auf Individualität legt. Zumindest in der ökonomischen Verwertung des Menschen liegt nun der Fokus auf der Standardisierung, der Einstampfung und Normierung des Menschen, der für die großen Industrien und Fabriken nutzbar gemacht werden muss. Und das Ökonomische bestimmt eben doch unser Handeln bis in die unheimlichsten Tiefen der „Seele“ oder der Persönlichkeit (und ist nicht nur ein weiteres Subsystem neben zahllosen gleichberechtigten anderen in der funktional differenzierten Gesellschaft, die sich in immer spezifischere Systeme oder Codes aufspaltet, wie die Systemtheoretiker und Luhmannianer annehmen), da uns die schiere Angst auffrisst, ohne das soziale System der ökonomischen Taschenspielerei des Kapitalismus - der sich als natürlicher, unhinterfragbarer Zustand geriert mittels der Postulierung von Gesetzmäßigkeiten, „Tatsachen des Lebens“ und ideologischer Verbrämungen der blanken Herrschaft des Stärkeren und ungebremsten Ausbeutung und Unterwerfung der menschlichen Gesellschaft unters Profitstreben - gar nicht mehr auskommen und leben zu können.
Hier passt ein zufälliges Zitat von Niklas Luhmann ganz gut, das ich erst heute morgen beim Schmökern las. Luhmann schreibt hier über die historische Genese des Begriffs des „Individuums“, dass dies keine anthropologische Konstante ist, sondern durch die jeweiligen Gesellschaftskontexte erzeugt wird. Beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit wird das Individuum beweglicher, dies ist die Zeit des Übergangs von stratifikatorischen zu funktionalen Systemen. Erstere schichten die einzelnen Gruppen an Individuen bspw. anhand deren ständischer Zugehörigkeit (Adel, Klerus, 3. Stand). Das Individuum ist also im Wandel, hier nun das Zitat aus „Liebe als Passion“, S. 16:
„Das alles hat jedoch nicht dazu geführt, den alten Begriff des Individuums, nämlich die Definition durch Abgetrenntheit und Unteilbarkeit, aufzulösen oder doch für den Fall des Menschen zu modifizieren.
Die Entwicklung zur heutigen Welt, die den alten Begriff des Individuums auflöst und das Wort neu besetzt, hat mehrere Aspekte, die sorgfältigst unterschieden werden müssen, da sie nicht nur sachlich Verschiedenartiges besagen, sondern sich auch gegenseitig problematisieren. Zunächst kommt es im Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Gesellschaftsdifferenzierung zu einer stärkeren Differenzierung von personalen und sozialen Systemen (was genau genommen heißt: von System/Umwelt-Differenzen für personale bzw. soziale Systeme). Der Grund dafür ist: dass bei funktionaler Differenzierung die Einzelpersonen nicht mehr in einem und nur einem Subsystem der Gesellschaft angesiedelt sein kann, sondern sozial ortlos vorausgesetzt werden muss.
[Fußnote] Für den Begriff des Individuums heißt dies unter anderem: dass die alte Spezifikationsrichtung: Lebewesen → Mensch → Angehöriger einer Schicht → Bewohner einer Stadt bzw. eines Landes → Angehöriger eines Berufs → Angehöriger einer Familie → Individuum, ihren Sinn verliert und gerade die Individualität, früher das Konkreteste, jetzt das allgemeinste am Menschen wird. Demzufolge kann auch das, was früher als hochkontingent gelten musste, jetzt als notwendig begriffen und durch Weltbezug charakterisiert werden. Andererseits hebt diese Neufassung, diese Definition des Individuums durch einzigartige Weltkonstitution, die bis etwa 1800 geltende Auffassung des Individuums als Natur auf. [Ende der Fußnote] Das heißt nicht nur, dass die Personen selbst sich jetzt durch größere Verschiedenartigkeit ihrer Merkmale auszeichnen (was man sehr wohl auch bezweifeln könnte), sondern dass für die Systemreferenz der personalen Systeme deren System/Umwelt-Verhältnisse sich stärker differenzieren, so dass es als Zufall (und nicht als Gattungsmerkmal) behandelt werden muss, wenn Personen trotzdem gleiche Merkmale aufweisen.“
Hier scheint Luhmann also die Charakterisierung Robert Pfallers der Postmoderne als der Epoche des „Be Yourself“ vorwegzunehmen. Man soll einfach frei und man selbst sein, das einzigartige individuelle Potential ausleben, das in einem schlummert. Ob man dann tatsächlich so viel anders ist als die anderen, spielt eine geringe Rolle. Wichtig ist der grundlegende Platz, den das „Individuum“ einnimmt. Es ist nun ein leerer Ort, etwas ganz Abstraktes, was Grundbedingung unserer Weltauffassung wird. Es ist die erste Entität, die erkenntnistheoretisch postuliert werden kann und die dadurch geschaffene Struktur bildet, deformiert und überwältigt unsere gesamte Weltwahrnehmung und Weltabbildung.
Die Welt, die wir heute zu denken und zu begreifen imstande sind, ist also die Welt des Individuums. Hier nehmen wir nun den Weg zurück zur Politik: der Großteil des heute kultivierten bürgerlich-liberalen Ressentiments gegen Kommunismus und Stalin besteht meiner Betrachtung nach in dem Zwang, den der Kommunismus auf das als absolut frei und unantastbar imaginierte Individuum ausübten. Die Bolschewiki kollektivierten alles, aber was, wenn einer lieber für sich allein arbeiten wollte und nur so sein ihm gebührendes Potential hätte ausschöpfen können?
Auf den Gedanken, dass Zwang und insbesondere durch einen sozialistischen Staat ausgeübter Zwang auch etwas sehr Gutes und dem Einzelnen Förderliches sein kann, erlaubt sich das liberale Bewusstsein nicht zu kommen. Das würde ja die Freiheit und Integrität meiner unbefleckten Seele antasten. Hier muss allerdings mit realistischem Blick konstatiert werden, dass die grundlegende Tatsache des Lebens die menschliche Faulheit und Trägheit ist. Ohne den revolutionären Anstoß und die Avantgarde der Revolutionäre wären die Volksmassen nie in der Lage gewesen, ihre Fesseln abzuschütteln, sich lesen und schreiben beizubringen und eine reichhaltigere Produktionsweise aufzubauen, deren Früchte langsam aber sicher demokratisch unters Volk verteilt werden, wie dies unter der Ägide Stalins geschah. So ist das liberale Mantra der Freiheit nichts weiter als ein letztes Stöhnen, ein Sesselfurz desjenigen, der träge eingesunken im Sofa verharren möchte und dazu einen ehrwürdigen Grund sucht, mit dem er sich seinen Ekel und Abscheu vor der Welt der Tat und der Umwandlung des Alten in Neues erklärt und rechtfertigt.
Auch zu Stalins Zeiten litten noch Sowjetbürger unter unwürdigen Zuständen und Widersprüchen der neuen Politik, der Garten Eden konnte leider noch nicht geschaffen werden innerhalb einer Dekade, man war aber in der Sowjetunion vor der Naziinvasion durchaus auf einem guten Weg dorthin. Der grundlegende Widerspruch in der Welt ist aber der imperialistische, der von Hacks beschrieben wurde. Das Individuum in vorrevolutionären oder reaktionären Gesellschaften (wie im imperialistischen Westen, der allzu platten Antithese zur Sowjetunion) möchte doch einfach nur es selbst sein und sein kunterbuntes selbstschaffendes Treiben kultivieren, wird dabei aber mit den Ansprüchen des nun staatsmonopolistisch gewordenen Staates konfrontiert. Hier ist die grundlegende Zwickmühle des Liberalismus: man will so frei sein und das hört sich ja erstmal wie eine gute Idee an, aber irgendwie kommt man ja nicht drumherum, wahrzunehmen, wie angewiesen man ist auf die Erzeugnisse der Industrie, das Teilhaben am Wirtschaftskreislauf, letztlich das Verwursten der eigenen Person im Dienst des kapitalbesitzenden Unternehmers oder Fabrikeigentümers, was die von Marx eingeordnete Position des Proletariers hervorbringt, des Angehörigen der Arbeiterklasse, der dieser Klasse ausgeliefert und in ihr gefangen und eingeschlossen ist, sofern man nicht den revolutionären Weg in Betracht zieht.
Letztlich muss sich der Liberale also immer wieder mit der doch wahrgenommenen und nicht ganz zu leugnenden Knechtung des eigenen Daseins auseinandersetzen und wird dabei von der herrschenden Moral also auf den Weg der Décadence geführt. Die Staatsinteressen, die laut Hacks nunmehr seit über 100 Jahren mit den Wirtschaftsinteressen übereinstimmen, werden kurzerhand zu den Interessen des Individuums verklärt. Auf diesem Staate stehe ich, und ich kann nicht anders! Das ist der Ruf der Feigheit, Dekadenz und der fehlgeschlagenen Dialektik des Geistes, in der man sich einrichten und mehr oder minder gut leben kann. Das schmollende Individuum ist also zugleich ein jasagendes, ein affizierendes Individuum, das den Staat für die selige Mutterbrust nimmt, die es als Säugling so nötig hatte. Von hier aus muss ein neuer Begriff des Individuums entwickelt werden, wozu meine Kraft jetzt nicht mehr reicht, so nehmt diese Skizzen des neuen Menschen als ersten Versuch dieser Neuerfindung. Insbesondere muss über die Sphäre des Sozialen nachgedacht werden und die Frage, warum gerade sie so entscheidend ist für alles, was der Mensch an Freude, Stolz, Anerkennung, Harmonie, Größe, visionärer Kraft etc. empfinden oder erfinden kann.
Grundsätzlich ist Stalins Diktum, „die Schriftsteller sind die Ingenieure der Seele“ vollkommen richtig und ebenso wichtig zu erkennen, dass die von Dichtern und Denkern produzierten Seelen der Volksmassen viel wichtigere Produktionsgüter sind als Panzer und sonstiges Industriematerial.
Bürgerliche Schreiber oder Historiker wie Sebag Montefiori empören sich über diese literaturtheoretische These Stalins, da sie eben ganz frei in ihrem Schreiben sein wollen und glauben, das auch sein zu können. Dabei sind die von ihnen gezeugten revisionistischen Werke ja immer wieder der größte Beweis, wie beherrscht sie wirklich sind durch das Interesse der Bourgeoisie, den Weg der Bolschewiki als inhuman, gefährlich und gewalttätig zu verleumden. Montefiori schreibt stellenweise sehr gut über Stalin, aber er muss eben doch immer wieder bei diesem Punkt angelangen: Gewalt, Menschenverachtung, Zynismus seien alles angebliche singuläre Hervorbringungen der bolschewistischen Politik und einzelner böser Parteimenschen.
Dabei sind diese Erscheinungen natürlich gesellschaftlich hervorgebracht und nur innerhalb der sie umschließenden historischen Epoche zu begreifen.
Um hier zum Schluss zu kommen, möchte ich als den Grundzug der heutigen Epoche die Schüchternheit, Hemmung oder den Ekel vorschlagen. Die Welt entgleitet uns und mancher fragt sich, ob es nicht besser so ist, weniger von ihr mitzubekommen, oder sie zumindest in einer abgeschwächten Form ansehen zu können, wie es die Virtual Reality Ideologie anstrebt.
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