#90 Die östlichen Macker
Grohn's Artikel über Corona auf Telepolis
Ja, liebes hörendes und fahrendes Volk, liebe Podcastkonsumenten, die ihr euch meinen sprachlichen Stoff aneignet.
Es geht rasant weiter, daher ein kurzer Blick in mein eigenes Innenleben, ein rasendes Karussell der Seele, die jetzt durch so viele Publikationen und die Verfassung der dazugehörigen Editionsnotizen (Shownotes) in hellen Aufruhr versetzt ist.
Worüber ich dieser Tage am meisten nachdenke, ist das Gefühl des Beherrschtwerdens.
Die Felder stehen im Saft, die Ähren glänzen im fahlen Abendlicht und das satte Grün der Wiesen springt das entzückte Auge wollüstig an.
Und doch, es bleibt ein Zweifel. Was ist dieses Leben?
Beherrschung, Herrschaft und Untertanentum stehen alle in einem Zusammenhang.
Wir werden beherrscht durch Konzepte, die uns durchdringen und uns erst als Person erschaffen, kulturelle Standards und implizite Autoritäten und Sagbarkeiten ("Unwahrscheinlichkeiten" im Luhmann'schen Duktus), alles greift durch- und ineinander und das junge und wilde Gemüt greift beherzt und hungrig nach allem, was ihm von den älteren Generationen, Lehrern, Eltern, Erziehern etc. als Norm und Regel vorgesetzt wurde, in seinem Durst nach Vorgaben und Gewissheiten des Geistes ist es wenig wählerisch, wie Friedrich Nietzsche hellsichtig bemerkt.
So glauben wir alle an die unleugbare Realität des Todes. Dennoch hat die Schwelle zu ihm keiner von uns überschritten und wir wissen nciht, wie es dahinter aussieht.
Wir sind aber durch das Vertrauen auf Autoritäten und anschlussfähige Symbole, Codes (Kommunikation) darauf festgelegt, die Faktizität des Todes und vor allem die Tragik darin wahrzunehmen. Es kann doch nicht geleugnet werden, dass es schlimm ist, zu sterben.
(Man würde gern seinen Körper einfrieren lassen, um ihn später wiederbeleben lassen zu können bei Erfindung der Ewigkeits-Medizin)
Dagegen wende ich mich und stelle kühl philosophisch fest, dass kein Anhaltspunkt besteht, dies zu glauben, materialistisch hört mit dem Tod mein Leben und damit mein Daseins- und Denkhorizont auf. Hier gibt es nichts weiter zu erkennen, ob das, was dann kommt, besser oder schlechter sein wird als der Status Quo ante.
Die Franzosen nennen den Orgasmus "La petite morte" und das ist im Grunde auch alles, was ich zu diesem Thema zu sagne habe. Hat denn je jemand an der Überlegenheit der Franzosen in Geistesfragen gezweifelt? Und die Liebe sowie der Tod sind gewiss Fragen des Geistes und des Glaubens.
Dies sind metaphysische Gebiete, und so wie Slavoj Zizek schreibt, sollten wir uns vielleicht nicht zu voreilig von den christlichen Wurzeln der abendländischen Kultur losseilen. Die neue Gesellschaft kann nur durch die alte geschaffen werden und muss mit ihren Muttermalen zuercht kommen (siehe Marx, Gothaer Programm).
So hat eventuell die christlich-revolutionäre Philosophin Simone Weil recht mit ihrer Aussage, nicht die Religion, sondern die Revolution sei das Opium des Volkes.
Allzu oft haben die Arbeitermassen - zumindest im imperialistischen Westen - ihre Hoffnungen vergeblich in die Führung durch eine umsturzwillige kommunistische Partei gesetzt und sich mit dem Glauben an die kommende Revolution getröstet. Derweilen sahnten die linksliberalen Theoriehengste der Nach 68er-Kultur schön ab, entsagten dem revolutionären Denken und fanden sich mit dem Status Quo ab.
Daher wollen wir Revolutionäre des 21. Jahrhunderts nicht mehr lang fackeln. Bisweilen mag es scheinen, als seien wir in unserer unkritischen Aneignung und Verteidigung der sozialistischen Projekte und Errungenschaften des 20. Jahrhunderts allzu übermütig und böten die nur genauso falsche Antithese zum herrschenden Persönlichkeits- oder Meinungssystem, welches die heutige BRD als den friedensliebenden, fortschrittlichen Staat schlechthin darstellt und dessen selbstgerechte Selbstauffassung unkritisch reflektiert.
Dem ist nicht so. Vielmehr ist dem heutigen Revolutionär qua dialektischem Denken bereits die Synthese geglückt und er sieht in der Parteinahme die einzige Möglichkeit, nicht unehrlich zu werden und unter dem Deckmantel der imperialistischen Klassen- und Parteiinteressen seine Thesen als Ausgeburte der freien, ungetrübten Vernunft im liberalen Lande darzustellen, wo niemand mehr beherrscht oder unterjocht wäre. So sonnt er sich im Glanz des eigenen Ich und des von ihm produzierten, angeblich freien Inhalts, also ein vermarktbarer Persönlichkeitskern.
Doch wozu dient die Ansammlung sozialen Kapitals letztlich? Nun, manche sagen, der Mensch werde von Sex getrieben, diese Erklärung fruchtet immer, auch wenn man sie unter der Rubrik "reduktionistisch" einordnen muss, was aber nicht zu ihrem Nachteil sein soll - wir müssen uns die Welt einfach machen, sonst begreifen wir gar nichts mehr und leben in einer komplexen, verteilten Welt, deren Bewegungsgesetze sich unserem Horizont entziehen und wo wir also nur vorgeblich glücklich sein können, da ja nie klar ist, wovon dieser Zustand des Glücks eigentlich abhängt.
Ja, und diese Worte sind dann auch eine gute Einstimmung für die nächste Folge, die "Der westliche Macker" (oder auch: "Die Pimmeltheorie") heißen wird. Hier ist die entscheidende Differenz zu beachten: im sozialistischen Osten geht es im Plural um "die Macker", im Westen um das vorgeblich freie, souveräne Individuum, das aber an der Bürde dieser Autonomie zerbricht, was sich in Hemmungen, Ängsten, Depressionen äußert, wohingegen der junge Mensch im Osten (Frauen sind natürlich mit gemeint und deren Situation muss in analogen Theorien ausformuliert werden, soweit sie nicht in den universellen Pfeilern dieser "phallozentrischen" Theorie enthalten ist; ich musste diese Theorie qua eigenem Erkenntniszugang aber aus der männlichen Perspektive stricken) durch die Einbindung in Jugendorganisationen und allerlei sozialistische Veranstaltungen erstmal einen gesitteten Gegenüber im Großen Staat (dem großen Anderen im Lacan-Duktus) hat, an dem er sich reiben und bilden kann.
(Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir nicht allein die Errungenschaften der vergangenen revolutionären Projekte herausstellen müssen, sondern auch über dessen inhärente Begrenzungen und Widersprüche hinausblicken und uns Lösungen überlegen müssen, was wir dem bisherigen historischen Zusammenhang von Theorie und Praxis des Marxismus hinzufügen können. Kann der sozialistische Staat durch die Organisation erotischer, romantischer, galanter Veranstaltungen und Rituale die Utopie des Sexkommunismus verwirklichen?)
Es geht um Staaten, Entitäten, Soziale Konstrukte, Zusammenhänge, nicht um Personen, deren Fehler oder Tugenden. Dennoch ist wichtig, wer an der Staatsspitze steht, auch wenn sich ein Marxist Peter Hacks zufolge grämen wird, dies zuzugeben, da er doch die vollständige gesellschaftliche Genese der individuellen Lebenssituation, Gedanken, Glaubenssätze etc. vertritt.
Trotzdem: ohne Lenin oder Trotzki keine Oktoberrevolution und kein gewonnener Bürgerkrieg. Ohne Stalin kein Sieg gegen die Nazis. Das sind dann wohl die Widersprüche, die jedem menschlichen Denken innewohnen.
Und so auch der Zweifel und Widerspruch, worauf ich mit meinen Bezügen zur Sexualität eigentlich hinaus will? Wollt ihr das wirklich wissen? Oder ist es besser, wenn das mein schmutziges Geheimnis - gar vor mir selbst - bleibt?
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