Tischlein, deck dich!

Tischlein, deck dich!

#91 Ressentimentgeladen

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Wofür lohnt es sich zu leben?

Houellebecq: Ausweitung der Kampfzone, Kapitel 8

Pfaller: Erwachsenensprache

Sn 91

"Der westliche Macker" und seine anhängige Theorie kommt heute noch nicht auf den Prüfstand. Das kommt dann nächstes oder übernächstes Mal.

Da ich euch aber einen würdigen Text bieten will, nehmt doch als Editionsnotiz für heute eine burleske und etwas alberne Geschichte aus den Schweizer Bergen, wo mich bei meinem letzten Besuch ja der Rotmilan so fasziniert hat. So wie er ziehe auch ich meine Kreise und lasse meinen schriftstellerischen Blick schweifen auf der Suche nach guten Stoffen, die es literarisch zu verarbeiten gilt. So seid ihr liebe Schäfchen bitte heute meine Richter, ob mir mit folgender Erzählung ein großer Wurf, ein beachtlicher Beutefang als Jäger des Himmels gelang. Sie ist theorielastig, darin bin ich ganz und gar Schüler Houellebecq's.

Die hölzernen Aschenbecher lagen überall verstreut im Zimmer. Wir hatten diese Holzhütte in den Bergen für das Wochenende bezogen, weil das Meer zu weit weg war, nach dessen sanfter Brise ich mich sehnte wie nach einer sanften Frauenbrust oder dem sanften spöttischen Lächeln einer geliebten Frau, die sich anschickt, einen durch eine ironische Bemerkung zu persiflieren.

Solch eine Situation, in welcher die Frau ihre geistige Brillanz und begriffliche Durchdringung der Handlungsweisen des Mannes aufblitzen lässt, sollte unter allen Umständen genutzt werden, um eine erhöhte erotische Spannung zu erzielen. So weit meine elektro-liebestheoretischen Betrachtungen. Diese Situation muss ausgekostet werden und ganz klar von männlicher Seite die weibliche Überlegenheit akzeptiert werden, ohne gönnerhaft zu wirken. Aber in einer solchen Situation waren wir ja nicht, wir waren nur vier Junggesellen, die sich anschickten, das Wochenende zu einem wahren Freudenfest des Rauchgenusses zu machen. Das sollte uns nicht misslingen, allerdings blieb unterdessen das eigentliche Ziel des Holzsammelns für ein späteres Grillfeuer unbeachtet und der lange bereits seit dem frühen Nachmittag diskutierte Aufbruch zog sich bis in die Abendstunden hin, als die vier Rauchkünstler abwechselnd immer wieder erschöpft ins Bett gesunken waren, niedergestreckt von der Waffengewalt des mächtigen THC-Wirkstoffes, der in der Wunderpflanze Cannabis steckt. Diese Gewalt über sich auszuüben und das elegante Rauchritual zu vollführen und es auch bei Teilung der vorbereitenden Arbeit nicht an Korporativgeist und Kollektivbewusstsein mangeln zu lassen, das nenne ich mit Fug und Recht eine Art von Kunst. Wenn auch eine kleinere. Aber doch eine der letzten, die uns diese Gesellschaft zugesteht. Denn sie (der kapitalistische Staat) sagt uns, genieße deine Überlegenheit über den Rest der Welt. Sieh her, die ausgebeuteten und besetzten Gebiete sind weitläufig, aber auch weit weg. Es geziemt sich also für dich, treuer Bundesbürger, die Schnauze zu halten und einfach den Gang der Dinge zu akzeptieren. Ins Büro, in die Fabrik und das ist dein Leben, was doch gar nicht so schlecht ist, nicht wahr? Dafür sorgen unsere periodischen Kriege an den Rändern des Imperiums (Afghanistan, Lybien, …) schon. Dass nämlich der Istzustand hier noch relativ zur Restwelt erträglich aussieht.

Also bleibt kein Wille, kein Weg mehr zur Kunst. Wozu noch etwas sagen, gar eine Weltverbesserung vorschlagen, wenn doch alles so in Stein gemeißelt ist und Verbesserungswünsche Utopie, die angeblich nur die Jungen und Wilden zu denken imstande wären. Zurück also zur letzten verbliebenen Kunst, dem Drogengenuss auf mäßigem Niveau, ohne sich der schwereren Drogen zu bedienen, die das Risiko der Überdosierung und nachhaltigen organischen Schädigung mit sich bringen. Cannabis bringt dieses Risiko nicht mit hinzu zum allgemeinen Risiko des Lebens in dieser Welt, und die psychischen Risiken einer Psychose halten sich die Waage mit dem Risiko, auf dieses in einigen Fällen wirksame Medikament zu verzichten und sich der bürgerlichen Eintönigkeit, Farblosigkeit und Monotonie des Lebens hinzugeben. Da doch lieber mal einen durchziehen. So meine Position. Und so kam es, dass sich die Frage stellte, was das optimale Rauchquantum sei. Aber das war nur meine subjektive Frage an diesem Wochenende, da ich Theoretiker bin. Die anderen begnügten sich damit, ungefähre Schätzungen abzugeben, wie viele Joints wir seit dem Morgen schon geraucht hatten und wie viele noch hinzukommen würden, bis sich des Abends die endgültige Schwere über unsere Glieder und Häupter senken würde. Manche schätzten die Quantität auf sechs, andere auf sieben, als wir abends losgingen, um den Berg zu erklimmen. Voll Tatendurst war ich und hocherfreut, meine Genossen nun endlich überzeugt zu haben, sich aus ihren Lagern und Sesseln zu bequemen und den zugegebenermaßen steilen Weg in Angriff zu nehmen, der durch den eindringenden massierenden Effekt des THC in ihren Blutbahnen zudem natürlich noch schwieriger und anspruchsvoller wurde. Das sind die subjektiven Gegebenheiten und Maßgaben, welche uns sozialen Wesen so hohe Hürden stellen bei der adäquaten Erfassung der umgebenden Realität (die was umgibt? Nur mich oder auch die anderen Subjekte? Vor allem: ist die Erde auch ein Subjekt? Dies schien die Kardinalfrage).

————

Ich hatte ja mit einem schnellen Aufbruch gerechnet. Aber wie mir klar wurde, als ich meine Kameraden sich auf Liegestühlen oder gleich im Bett fläzen sah, konnte daraus nichts werden. So verfinsterte sich meine Miene. Grimmig suchte ich meinen Rucksack und packte die Wasserflasche ein. »He da, wollt ihr nicht mal langsam aufstehen?« knurrte ich meine Genossen an. »Wozu? Hier sitzt sich’s bequem.« »Wenn Lenin sich damals auch das gesagt hätte, wäre die Oktoberrevoultion nie zustande gekommen. Du reaktionärer Saftsack! Sitzt da, wie die Made im Speck, und verschwendest keinen Gedanken daran, den Ausgang aus deiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu suchen. Ich sag dir: gehen wir wandern. Das spannt die Muskeln, da strengt man sich an und kommt zu sich. Es ist schon spät, also nicht zu weit, aber immerhin noch zwei oder drei Stunden bis Sonnenuntergung. Wir können den nächsten Gipfel locker erreichen. Das Ziel liegt also klar vor Augen. Was machst du also noch in deinem Stuhl?« »Ach, ich? Warum nur ich? Er sitzt doch genauso träge da und sonnt sich« meinte der Genosse mit den kurzen Haaren und zeigte zu siener Rechten auf meinen Bruder, der schlaff da hing und wohl etwas mitgenommen von den letzten Rauchrunden war, die er im Gegensatz zu mir mitgemacht hatte. Ich wollte mich nüchtern halten, um KRaft für den Gipfel zu haben und erst abends rauchen. So hätte ich vielleicht mehr Mitgefühl für die Lage meiner Genossen entwickeln sollen, die ja durch das »Gift« in ihren Blutbahnen verständlicherweise etwas gehemmt und beschwert waren.

Doch nichts da. Ich rief: »Disziplin! Gehorsam! Folgsamkeit. Das sind die Attribute, die ich mir wünsche.« »Puh, Gehorsam? Also da weiß ich nicht, ob ich dabei bin…« brachte der vierte Genosse im Bunde hervor, der sich mittlerweile herausbequemt hatte aus seinem Bett und auf die Veranda, wo wir anderen schon länger lümmelten. »Was hast du dagegen einzuwenden? Glaubst du, ohne Gehorsam hätte die Rote Armee damals Hitler zurückschlagen können?« Dazu kam nur noch ein Knurren von ihm. Wütend sagte ich: »Ich packe jetzt alle Vespersachen ein, damit wir Jause auf dem Berggipfel machen können. Wenn ihr Abendessen haben wollt, müsst ihr mit kommen, oder hier selbst was kochen. Aber das Brot und den Käse nehme ich komplett mit. Mal sehen, ob dieser Zwang euch nicht doch guttut und ihr mir folgt. Ich weiß, dass ihr zu behäbig und hirnfaul seid, um in eurem Zustand noch selbst was zu kochen. Daher könnte es sein, ihr seht es als das geringere Übel, mir zu folgen. Auch wenn das anstrengend ist, aber das ist relativ.« »Ja, Moment«, schaltete sich mein Bruder ein, »da hätte ich noch ein paar Fragen. Du kannst doch nicht sagen, das Ziel ist relativ, wir müssen ja schon erstmal genau klären, wo wir da eigentlich hingehen, und dann wäre ich ja auch prinzipiell an Bord.« »Das haben wir doch vorher schon besprochen. Auf den Gipfel, wo wir letztes Jahr zu zweit waren das sind so 45 Minuten einfache Strecke, kein großes Ding und jetzt ist die Sonne auch schon deutlich schwächer, es ist bald 6 Uhr.« »Aber du sagtest was von relativ…« »Ach, ich glaube, du willst nur Zeit schinden und mich aufhalten, dir gefällt es einfach, immer weitere Details zu besprechen. Aber das Ziel ist klar: die Revolution! Die Umwälzung eurer inneren Triebverhältnisse, die jetzt in Richtung Faulheit gepolt sind. Aber wenn ihr es schafft, euch zu erheben mit dem kollektiven Ziel vor Augen, dem sozialistischen Gang hin zum Gipfel, dann werdet ihr vor Freude springen oder tanzen oder zumindest glücklich sein, dass wir die kollektive Anstrengung unternommen haben, auch wenn es am Anfang nach einer Menge Arbeit aussah und der Lohn fraglich erschien…« »Aha, das klingt ja gut« warf mein Bruder ein, »aber könntest du das noch etwas genauer ausführen, was uns da jetzt erwartet auf dem sozialistischen Gipfel?« Wütend wandte ich mich ab, ich sah in seinen Augen den Schalk, mit dem er mich weiter triezen und aufhalten wollte. Er handelte aus purer Lust an der Sabotage, was ich ihm aber leider gar nicht übelnehme konnte, da ich ja seinen Zustand und Werdegang des bisherigen Tages kannte - die conditio humana!

Als ich die letzten benötigten Dinge eingepackt hatte, dachte ich, die Genossen würden sich jetzt vielleicht erheben und mir folgen. Aber als ich wieder auf die Verande schritt, blickte mein Bruder gespielt überrascht drein. »Verlässt du uns schon? Aber ich hatte noch auf eine große Abschlussrede gewartet, in der du deine bisherigen Argumente noch mal bündelst und den letzten Aufruf startest. Für mich war es noch nicht so klar, dass jetzt wirklich der Zeitpunkt ist, wos losgehen soll.«

Nachdenklich blickte ich meinen Bruder an. Ja, vielleicht war das eine gute Idee. Ich hatte meine Genossen bisher vor allem angeknurrt und an Disziplin und Gehorsam erinnert. Es wäre nicht schlecht, zum Schluss ein paar blumige Worte zu finden. Zuckerbrot und Peitsche. So ging ich auf den Rand der Veranda, an der dem Tal zugewandten Seite und blickte hinunter auf den See. Es war ein grandioser Ausblick und ich überlegte kurz, ob ich mich umwenden sollte, meinen Kameraden zu und den Berg hinan, aber dachte dann, nein, ich schau mir den tief im Tal glänzenden See als Inspiration für meine Rede an und gestikuliere am besten auch ein wenig.

»Genossen, die Stunde schlägt, der Tag ist gekommen, unser Schicksal liegt in unserer Hand. Endlich! Der Rucksack gepackt, alles bereit, also, worauf warten wir? Hinauf den Berg und auf zu diesem verwunschenen Pfad, der uns den Bergrücken entlang hin zum Wald am Gipfel des Berges führt, wo viele wilde Erdbeeren wachsen und Heidelbeeren… Gestern haben wir es ja leider nicht geschafft, uns aufzuraffen. Aber das ist kein persönliches Versagen, sondern Teil des Systems, in dem wir leben. Wir sind eben so gepolt, dass das nächste das Naheliegendste und Günstigste und Genehmste ist, einfach weil es bequem einfach zu erreich ist,so wie es einfach ist, den nächsten Joint zu bauen, relativ gesehen, wenn man Erfahrung hat und noch nicht die endgültige THC-Starre eines Abends der Rauchvöllerei erreicht hat. Aber das ist nicht unsere individuelle Schuld, das System erzieht uns so zu sein, nur den naheliegenden Nutzen, das Kapital, zu suchen. Dagegen ankämpfen ist zwecklos, zumindest für heute, denn hier in den Bergen ist die Revolution ausgebrochen, hier gelten andere Regeln und der Gipfel liegt klar vor Augen. Ja, wer Augen hat, zu sehen, der sieht unten im Tal den See, wo sich das Wasser aus den Bergen im Frühjahr sammelt, wie jetzt, wo es die Schluchten und Bäche herabrauscht um rechtzeitig zum Festmahl der großen Vereinigung im See zu kommen. Auch die Wassermolekül streben wie wir nach dem niedrigsten Energieniveau und kullern gesetzmäßig ins Tal. Nur wir haben als Menschen die Kraft, uns ab und zu nur ein wenig über dieses Niveau zu erheben und es zu wagen, unsere eigenen Gesetze zu machen. Dieses Gesetz ist das Gesetz des Herzens, natürlich, welches sonst, und das befiehlt den Gipfelsturm, es will sich die Welt einfach mal von oben anschauen, die nahegelegenen Täler, den See aus höherer Warte und so weiter. Es liegt auf der Hand, dass genau diese Exkursion der heutige Tagesausflug ist, der einem am Abend Wärme und Wohlgefühl ob des Geleisteten einflößt. Wer hier also das Ziel nicht klar sieht und begeistert aufspringt, der ist wohl innerlich schon niedergestreckt, innerlich besiegt.«

Die Menge war ergriffen und applaudierte. Ich selbst war überrascht und bestürzt, schon zum Ende gekommen zu sein, so schön hatte ich geredet.

Der kurzhaarige Genosse wandte mit kritischer Miene ein: »Haben wir denn auch genug Gras dabei?« Ich versicherte ihm, es einzupacken und meine gänzlichen Reste zur Verfügung zu stellen für einen Belohnungsjoint auf dem Berg, meine Reste waren in der Tat dezimiert aber für einen sollten sie reichen. Sofort ging ich ins Chalet und sammelte alles Nötige ein, mir war es recht, ich wollte nur losgehen. Mein Bruder aber konnte nicht umhin, mich wiederum mit ewigen Nachfragen aufzuhalten. Auf seine spöttisch-sardonische Frage, ob ich nicht noch einmal den Weg erklären wolle und genau beschreiben, wo wir lang gehen sollten, damit wirklich alle mit im Boot wären, erwiderte ich wütend: »Na gut, ich dachte eigentlich, die ganze Gruppe wäre vom Geist der sozialistischen Revolution unter uns ergriffen und der Gipfel stünde uns als Ziel klar vor Augen. Aber für die Langsamen des Geister hier noch ein letzter Weckruf. Ihr alle, liebe Volksmassen, seid zu der Wanderung eingeladen, so ihr nur die Last eurer Beine tragen könnt und die Trägheit des Talhockers überwinden wolltet. Und ja, meinetwegen müssen wir das Ziel ja auch nicht so hoch hängen. Schaut, jetzt ist bald sieben, in zwei Stunden geht die Sonne unter, ich sage, wir bringen einfach ein bisschen die Beine in Bewegung, das Wichtigste ist jetzt schlicht, loszugehen. Dann werden wir sehen, wie weit uns unsere Kräfte tragen. Vielleicht auch nur einmal am Hang entlang und bis zur nächsten Bank. Aber ich glaube nicht, wir sind stark, wir wissen es nur nicht, solange wir sitzen. Daher muss ich eure gesäßlastige Haltung, ihr Mehlsäcke da, leider als äußerst konterrevolutionäre Absichtsbekundung brandmarken. Ihr bekundet die Absicht, an einer Fronde, einer Anti-Allianz gegen den etablierten Sozialismus, teilzunehmen. Und ja, die Wurzeln der sozialistischen Umwälzung haben noch nicht tief im Boden eingeschlagen. Das Pflänzchen ist schwach. Wir alle wissen nicht, wie wir uns eigentlich selbst regieren sollen, aber wir müssen doch den Anspruch haben, Ziele zu fassen und sie anzugehen. Wie das essentielle Ziel des Gipfels. Oder auch nur eine Annäherung.« Die Menge meiner Kumpanen, die bei dieser Rede nun unter mir gestanden hatte, applaudierte nicht, sondern schaute betreten.
»Lieber Genosse, aber das war ja ein Unterschied wie Tag und Nacht zwischen den beiden Reden. Vorher schwärmten sie von höchsten Zielen und jetzt reicht auch schon ein Spaziergang?« »Das einzige, was ich sage, ist wie Lenin es in 'Was tun?' ausdrückte, sinngemäß, dass ihr faulen, zufriedenen Säcke doch bitte nur meine Hand loslassen sollt; wenn ihr abdriften wollt in die Sumpfgebiete linker Hand, dann sei euch das unbenommen. Nur lasst doch bitte unsere Hände los, die wir weiter den Berg hinauf gehen wollen, auch wenn es schwierig ist. Wenn ihr Trade-Unionisten, Ökonomisten und Demokraten weiter in die Sumpfegiete gehen wollt, dann geht bitte, aber so lasst doch unsere Hände los, damit wir, die wir weiter den steilen Berg hinan wollen, fortkommen und nicht durch eure Neigung gehemmt werden. Irgendwie so sagte er.« Daraufhin schaute mein Bruder verlegen zu Boden. Schnell hatte sich sein Körper gestrafft und auch ein weiterer Genosse stand bereit zum Abmarsch. Überwältigt von so viel Leidenschaft und Kollektiveinsatz verwendete ich keinen Gedanken mehr an den zurückbleibenden vierten Genossen, was wohl ein Fehler war. Junge Kader müssen erzogen werden und brauchen Geduld. Doch die Sonne stand bereits tief.

————

Wie steil und unüberwindbar empfindet man einen Berg am Anfang der Wanderung? Es ist immer ein Quantum Unüberwindbarkeit in ihm, so scheint es. Und so ist selbst der bestgerüstete und erfahrene Wanderer noch dieser einfachen Illusion ausgeliefert, der Berg sei ganz und gar unmöglich zu erklimmen, umgehen, erwandern, denn zu hoch und feindlich und dunkel dräuend erhebe er sich über ihrem Haupte.

Umso schlimmer trifft es unerfahrene Wanderer so wie meine Genossen, die erst die feurigsten Reden zum Aufstehen aus ihren bequemen Liegesesseln bewegen konnten. Wenn man den Imperialismus tritt, dann stürzt er ein. Es sollte gewagt werden, ihn zu treten. Ebendas versuchte ich meinen Freunden klarzumachen, wenn auch auf allegorische Weise. Was sie in diesem historischen Moment zu treten hatten, war ihre innere Trägheit, die inerte Masse in ihren Charakteren, die ihnen vereitelte und verbot, zur Tat zu schreiten, aus sich herauszugehen oder aus dem Chalet in den schweizerischen Bergen, das sie in ihrem Innern versteckt hielt wie eine Walmutter ihr ungeborenes Baby in ihrem Bauch. Dergestalt waren die Hindernisse, die meine Kumpanen zu überwinden hatten und zuzeiten erschien es mir schon so, als wären sie unüberwindbar und ich müsste sie hier an diesem beschaulich eingerichteten Ort auf halber Strecke zum wahren Wunderort, dem Berggipfel, zurücklassen. Aber letztlich kamen sie doch aus ihren Löchern. Was sie genau packte, vermag ich nicht zu sagen. Ob es meine bolschewistische Rede war, in der ich das Ziel des Berggipfels allegorisch mit der Erhebung der geknechteten Arbeitermassen ummalte, oder auch der sanfte Zwang der Gruppe, die, ist einmal eine mehrheitliche Richtung festgelegt und herauskristallisiert, kaum noch anders kann, als der ihr innewohnenden Triebkraft hin zum Naheliegenden, Gefälligen, Vorgelebten, nachzugeben und endlich ihre Beine in Bewegung zu setzen, der Masse an Geknechteten zu folgen, die den Ausgang aus ihrer ihnen selbst unbegreiflichen Lage zu finden wagen, mittels meiner begrifflichen Hilfestellung durch meine blumige Rede oder zumindest nicht nur ihr zum Trotz. Denn nach erfolgtem Gipfelsturm kamen alle überein, es sei ein exzellentes Ausflugsziel gewesen und die Umwälzung der ökonomischen Trägheitsverhältnisse im Großen und Ganzen ein richtiges und gesundes Ziel gewesen.

Dass sie zu dessen Erreichung meiner Führung bedurften, möchte ich hier eigentlich verschweigen, wenn mich mein marxistischer Dünkel nicht zum Gegenteil bewegen wollte. Das Volk muss getreten werden, um sich zu erheben. Besser von uns, die wir es gut mit ihm meinen und nur auf gesunde, maßvolle sozialistische Weise produzieren wollen, als von den imperialistischen Klassen, die zur Absicherung ihrer Macht die faschistischen Stoßtrupps voranschicken. Eine gewisse Militarisierung liest sich aus obigen Worten heraus, aber das darf uns nicht abbringen vom richtigen Weg. Das politische, ökonomische Zusammenleben neu und besser zu organisieren, ist eine spannende Aufgabe. Wenn nebenbei oder vorher oder mittendrin ein Krieg gegen die imperialistische Gegenreaktion geführt werden muss, ist das bedauerlich, bringt uns aber auch nicht von unserer Aufgabe, ihrer Wahrnehmung und vor allem der Freude daran ab. Die sozialistische Freude der Gruppe zu entfesseln, war mein ehrliches Ziel. Mir wurde vorgeworfen, zu viel Wert auf Disziplin und Gehorsam zu legen, welches Wörter sind, die einen schlechten Leumond haben. Ich aber wollte nur die größtmögliche Lust für die Truppe und die Truppe gab mir recht darin, objektiv ihre Interessen vertreten zu haben, schon bevor sie einsah, dass sie mir nicht nur physisch, sondern auch geistig folgten und den eingeschworenen Pfad für die Dauer der Wanderung als heilig und dogmatisch richtig verstanden.

»Wie gut, dass wir doch noch losgegangen sind, was für eine Wanderung!« riefen die entzückten Genossen bei der Rückkehr den steilen Berg hinab aus. Die Sonne war gerade eben versunken und das letzte Abendrot hatte ihre Gesichter in ein übersinnliches Goldrot getaucht, die langen fahlen Sonnenstrahlen blinzelten noch einmal hinter dem Bergrücken, da wurden wir auch schon weiter getrieben vom innerlichen Fieber, der Wanderlust. Leider wendeten wir uns also schon den Kuhherden und Gipfelwegen ab und dem Tale zu. Ihre Begeisterung machte mich stolz, aber auch demütig über meine Rolle in diesem Tagesprozess.

So gerät mir dieser Ausflug unter variierendem Drogeneinfluss zu einer Allegorie aufs Weltgeschehen im 20. Jahrhundert: die Sozialisten hatten Recht und der Abbau ihrer Staaten bestätigt sie darin nunmal Jahr für Jahr mehr, was freilich nicht viel hilft. Wir müssen an die verlorene Revolution anknüfpen. Stalin, Lenin, wir komm! Wir zertrümmern die innere Angst und Hemmung, Trägheit und Fügsamkeit und das Gesetz des „geringsten Widerstands“ erklären wir schlicht für ungültig.

Lenin sagte:

Wir schreiten als eng geschlossenes Häuflein, uns fest an den Händen haltend, auf steilem und mühevollem Wege dahin. Wir sind von allen Seiten von Feinden umgeben und müssen fast stets unter ihrem Feuer marschieren. Wir haben uns, nach frei gefaßtem Beschluß, eben zu dem Zweck zusammengetan, um gegen die Feinde zu kämpfen und nicht in den benachbarten Sumpf zu geraten, dessen Bewohner uns von Anfang an dafür schalten, daß wir uns zu einer besonderen Gruppe vereinigt und den Weg des Kampfes und nicht den der Versöhnung gewählt haben. Und nun beginnen einige von uns zu ruf en: Gehen wir in diesen Sumpf! Will man ihnen ins Gewissen reden, so erwidern sie: Was seid ihr doch für rückständige Leute! und ihr schämt euch nicht, uns das freie Recht abzusprechen, euch auf einen besseren Weg zu rufen! – O ja, meine Herren, ihr habt die Freiheit, nicht nur zu rufen, sondern auch zu gehen, wohin ihr wollt, selbst in den Sumpf; wir sind sogar der Meinung, daß euer wahrer Platz gerade im Sumpf ist, und wir sind bereit, euch nach Kräften bei eurer Übersiedlung dorthin zu helfen. Aber laßt unsere Hände los, klammert euch nicht an uns und besudelt nicht das große Wort Freiheit, denn wir haben ja ebenfalls die „Freiheit“, zu gehen, wohin wir wollen, die Freiheit, nicht nur gegen den Sumpf zu kämpfen, sondern auch gegen diejenigen, die sich dem Sumpfe zuwenden!


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Über diesen Podcast

Liebe Hörer*innen,
warum braucht es noch einen Podcast?
Vor allem wollte ich dem ersten Artikel der amerikanischen Verfassung gerecht werden, wie er von Adam Curry formuliert wurde: You shall not make bad TV.
Es sollte unser erster Anspruch sein, mal ein besseres, unterhaltsameres Medienangebot bereitzustellen, denn was sonst so in den Massenmedien stattfindet, ist für mich nicht akzeptabel und schädigt mich immer weiter, indem es meine innere revolutionäre Kraft hemmt und uns einhämmern will, es gäbe keine Alternative zum Gegebenen, Revolution sei verboten…

Friedrich Nietzsche brachte wohl das zwiespältige Gefühl, meine Gedanken mit mehr Menschen teilen zu wollen, im Nachtlied des Zarathustra am besten auf den Punkt: 
„Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir, das laut werden will. Eine Begierde nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: Ach dass ich Nacht wäre! Aber dies ist meine Einsamkeit, dass ich von Licht umgürtet bin.
Ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurück, die aus mir brechen. 
Ich kenne das Glück des Nehmenden nicht und oft träumte mir davon, dass Stehlen noch seliger sein müsse als Nehmen.
Das ist meine Armut, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nächte der Sehnsucht.
Wer immer austeilt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer austeilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austeilen.
Viel Sonnen kreisen im öden Raum: zu allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem Lichte — mir schweigen sie.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen, kalt gegen Sonnen — so wandelt jede Sonne.
Einem Sturme gleich wandeln die Sonnen in ihren Bahnen. Ihrem unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Kälte.
O ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nächtigen, die ihr Wärme schafft aus Leuchtendem! O ihr erst trinkst euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Nacht ist es: ach, dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nachtigern! Und Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen — nach Rede verlangt mich.“

Ja mein Podcast ist eine Quelle der Lebenskraft für mich selbst und vielleicht jetzt auch für euch. Aber ich möchte betonen, dass es selbstverständlich sein sollte, was ich mache und mein Trieb zum Podcasten speist sich einfach aus dem Drang, nicht der Herde zu folgen, eigene Wege zu gehen durchs eisige Gebirge des Denkens.
Das ist meine Kälte, dass die anderen Sonnen in der Medienlandschaft für mich nicht leuchten und nur schales, langweiliges Flackern von ihnen ausgeht, sodass ich selbst produktiv werden musste, allein schon um selbst auch wieder bessere Podcasts genießen zu können als das was die Podcastlandschaft sonst so bietet.

Erwartet bitte keine Wunder von meinem Podcastwerk, es ist eben keine Milch, kein Labsal, sondern wird es erst wenn ihr es in euren Ohren dazu macht. Das heißt, wenn ihr meine Podcasts zu sehr vergöttlicht, dann tut ihr ihnen unrecht und überseht meine eigentliche Botschaft, dass nämlich gerade die Dunkelheit und das Unklare erforscht werden sollten und immer wieder unsere Neugier anstacheln, nicht das bekannte, wohlige Glück.
Der gesunde Menschenverstand ist eine Geisteskrankheit; ich widme mich lieber meinen eigenen, esoterischen Verrücktheiten, als in die Jauchegrube Twitter hinabzusteigen und dort bei den "Vernünftigen" mit zu diskutieren. Dasselbe erwarte ich von euch.

Um nicht wie Nietzsche zu enden, ist es jetzt wirklich höchste Zeit, meine Mitwelt in meine Gedankenausflüge einzubeziehen, der Mensch als soziales Tier braucht immer die Bestätigung und Anerkennung von anderen. Kommentiert gern auf der Podigeeseite und seid nicht zu zimperlich bei eurer Kritik.

von und mit Simon

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