#92 Die Pimmeltheorie
Platon: Das Gastmahl
Der westliche Macker???
Liebes fahrendes Volk, meine treuen hörenden Wesen, die ihr noch nicht zur herrschenden Klasse in der Podcastlandschaft gehört, den Produzenten und Produktionsmitteleigentümern.
Heute erblickt eine ganz besondere Theorie das Licht der Welt. Sie ist mein Eigentum, mein Sensibelstes und manchmal identifiziere ich mich gar mit ihr.
Aber das ist alles halb so wild. Durch den langen Puffer zwischen Aufnahme und Publikation habe ich mir eine unsichtbare Barriere zu den niederen Gefilden der Podcast-Rezeption oder Konsumption aufgebaut, und kann mich immer wieder aufs Neue freireden und produzieren.
Eher bedrückend, aber auch entrückend war da die Kurzgeschichte, die ich unter der letzten Episode hinterließ. Sie werde ich noch lange nicht im Podcast vorlesen, so intim sind die Fragen, die sie anspricht. Die allgemeinen, universalistischen Fragen können aber heute angegangen werden.
Jeder von uns bzw. die allermeisten haben ein sexuelles Verlangen. So bringt dieses gewisse Zwänge mit sich, seien sie nun biologischer, sozialer oder vermischter Art. Es stellt sich die Frage, wie damit umzugehen sei. Aber das ist mir viel zu kompliziert. Das sind die Fallen der Selbstbefragung, in die sich das heutige Individuum verstrickt und so beherrscht gehalten wird, um nicht ans Objektive, das draußen Liegende materielle Gut zu denken, das auch der Körper einer begehrten, geliebten Person sein kann.
So wollte ich durch die Abfassung dieser Theorie schlicht ein herrschendes Paradigma unserer Zeit herausarbeiten und freilegen, durch welches wir alle in unterschiedlicher Weise beherrscht werden. Sicher, diese Theorie ist mir etwas vulgär geraten. Aber ich denke, Vulgarität ist auch ein gutes Mittel, um sich der Brachialität der herrschenden Weltzwänge entgegenzustellen, die es uns noch unmöglich machen, die einfachsten Lüste und Genüsse auszuleben und unbefangen auf sie zuzugehen.
Beim Sex wie in der Liebe und erotischen Anziehung geht es um Unterschiede, Differenzen. So ist es nicht verwerflich sondern wunderbar, wenn sich Menschen verschiedener Hautfarben und Weltherkünfte begegnen und lieben lernen und vielleicht gerade das durchweg Andere, Fremde am Gegenüber als erotisierend empfinden.
Was allerdings nicht in Ordnung ist, sind die weiterhin geltenden Gesetzmäßigkeiten der ökonomischen Herrschaft und Ausbeutung ganzer Kontinente durch einige recht kleine Inseln des Wohlstands, die sich in ihrem liberalen bloß vorgeblichen Antirassismus sonnen und glauben, in einer ökonomisch derart ungleichen Welt (deren materieller Reichtum auch anhand von Rassen- und Ländergrenzen klare Demarkationslinien aufweist) könne es überhaupt ein glückliches Leben geben, wo man doch vom Leiden der Anderen weiß. Der Antirassismus, der den herrschenden Zwang, welcher den Rassismus in sich trägt, nicht überwinden will sondern am heutigen politischen Kräftespiel festhält, ist kein wirklicher Widerstand für den Rassismus sondern dessen Bedingung. Mit einem Wort, nur wer sich Gedanken über die Revolution macht und auf sie hinauswill, kann wirklich etwas gegen Rassismus tun.
Um aber die herrschende Ordnung zu stürzen und zu demaskieren muss deren Rassismus und Sexismus auch offen ausgesprochen und persiflierend verarbeitet werden. Das habe ich mit untenstehendem Text getan, der mir eines Tages nach der Arbeit einfach wie von selbst aus den Fingern floss. Ich war erregt, begierig, meinen Stachel ins Fleisch dieser begrifflichen Arbeit zu senken; was hat es nur auf sich mit dem Pimmel und seiner dunklen Lust?
Die Pimmeltheorie
Merkwürdig, wie einem nur so ein Wort im Gedächtnis hängen bleibt von den emotionalen Stürmen und Ablagerungen während meines Spaziergangs wie üblich über den kleinen Hügel nach Feierabend.
Das sollte einem etwas sagen: die Macht des Signifikanten, des Wortes.
Reduktionismus alles biologisch unterfüttert.
• Die Pimmellust ist die supreme
• Wer meinen Stab reibt, der tut mir gutes
• Dagegen kann ich mich gar nicht wehren, willenlos bin ich den anbrandenden femininen Kätzchen ausgesetzt, die mich verführen wollen.
• Wir alle sind nur so hier. Nur manche – die westliche Welt – denkt sich, wer garantiert mir diese Werte, diese Größe zwischen meinen Beinen? Der westliche Mensch ist besessen vom Sex, den er leider immer seltener genießen kann aufgrund der sozialen Barrieren, die in einem kapitalintensiven System der Diktatur des Kapitals zwangsläufig zwischen den konkurrierenden, sich selbst verwurstenden Individuen entstehen.
• Der westliche Macker also fragt sich: wer garantiert mir, immer über den großgewachsenen Afrikaner oder den wuseligen Asiaten überlegen zu sein? Ahh, fällt ihm ein: das Kapital, das mir seinen unsichtbaren Blowjob angedeihen lässt. So lehnt er sich zurück und denkt: jetzt müssen wir nur noch sicherstellen, dass dieses Kapitalsystem wirklich bis in alle Ewigkeit gilt und der Afrikaner mich also niemals überholt.
• All diese unbewussten Schlüsse, mittels derer der westliche Macker seine Gefolgsamkeit gegenüber dem US-Imperialismus rechtfertigt, beruhen letztlich auf der Illusion, wir könnten uns sowieso nicht gegen unsere sexuelle Determinierung wehren. Wir seien einfach ausgeliefert und jede Anstrengung, dem rohen Trieb zu widerstehen, sei vergeblich. Das stimmt auf gewisse Weise. Ja, der sexuelle Trieb ist stark. Nur müssen wir daraus eben nicht schließen, dass es etwas Irreduzibles in uns gibt, das ganz klar macht, was unser „Nutzen“ unser Ziel sein müsste.
• Denn das Ziel der Vagina ist für den Mann die Wurst, mit der er weiter geködert wird: denk bloß nicht an Revolution, denn es könnte noch viel übler werden…. Jeder materielle Verlust ist doch vernachlässigbar gegen die Vorstellung, irgendwann keinen Zugang mehr zu einer kuscheligen Vagina zu haben, bei dieser Ressourcenverteileung außen vor zu bleiben.
• Die USA, die bewiesenermaßen den größten Pimmel von allen haben, garantieren uns Schutz und Wohlstand, wenn wir uns nur in ihre Arme flüchten, ihre Verbündeten unterstützen, auch wenn sie wie Saudi-Barbarien ganze Völker abschlachten (Yemen) und ihre Feinde bekämpfen, auch wenn sie wie Russland die Hälfte unserer Energie liefern.
• Der sexuelle Kommunismus tut not, damit die armen, getriebenen westlichen Macker nicht mehr diese aggressive Außen- und Wirtschaftspolitik mittragen müssen, nur weil sie so schwer an der Bürde ihres Phallus und seines symbolischen Gehalts zu tragen haben (er symbolisiert Macht, aber in diesen feministischen Zeiten soll der Mann doch keine Macht über die Frau ausüben, wie kann er sich anmaßen, ihr mit seinem Ungetüm zu Leibe zu rücken?)
(Die Unterordnung des Denkens unter eine Theorieströmung, Frage, Gesichtspunkt, gibt ihm erst die nötige Freiheit)
Hier bringe ich einen weiteren Text an, der meinen gegenwärtigen Reflexionsstand widerspiegelt und nicht direkt an dieses Thema anschließt.
Ja, meine lieben Schäfchen. Dieser Tage denke ich viel über Stalin nach. Ja, ich bin regelrecht besessen von dem Mann, kann man sagen. Doch die Verleumdungen der bürgerlichen Geschichtsschreiber bedrücken mich. Sie hängen wie eine dunkle Wolke über der Menschheit, die das revolutionäre Schwert nicht mehr zu ergreifen wagt und schon mit Chruschtschews Haltung beerdigte.
All das soll mich nicht hindern, nun mal wirklich selbst in seinen Werken nachzuschlagen. Hacks sagt zwar er habe nur von Lenin abgeschrieben. Aber man muss sich immer zuerst selbst ein Bild der Lage machen. So auch ich in meinem geschichtswissenschaftlichen Eifer.
Da bedrückt es mich, den intellektuellen Anforderungen zuzeiten nicht gerecht zu werden. Ich bin nur ein armer Mensch, deformiert und beschädigt durch die heutigen Gesetzmäßigkeiten und die Art und Weise meiner Vergesellschaftung. Aber zum Glück gab es ja Stalin. Zumindest er bildete sich unermüdlich weiter, las französische Romane, deutsche Philosophie und überhaupt alles, was er greifen konnte. So schlief er meistens auf einem Sofa in irgendeinem der Zimmer seines Hauses ein, die alle mit Sofas ausgestattet waren. Ihm gefalle es eben, so spartanisch zu leben und an Ort und Stelle beim Lesen einzuschlafen, sagte er.
Ja, ein so bescheidener, unermüdlicher (und auch durch die Gewalt seines Elternhauses deformierter, durch die alte feudale gesellschaft produzierter) Arbeiter im Weinberg von Marx, der wird nicht in jedem Jahrhundert geboren werden. Aber zuzeiten darf man ja doch hoffen auf großen Personen, Charaktere, die so unerschöpflich und weitläufig sind, dass sie doch immer wieder von der Historie erzeugt und nach oben gespült werden.
Damit dieses Oben aber irgendwann in harmonischem Einklang mit allem „Unten“ der Gesellschaft einhergehe und koexistiere, ist eine sehr einschneidende stalinistische Politik der Wirtschafts-Modernisierung und Bildung der Massen erforderlich. Diesen von Stalin beschrittenen Weg müssen wir weiter gehen und so werde ich seine Texte nun suchen und wenn auch langsam, so doch unermüdlich, lesen.
Frei nach dem Vers von André Müller: „Ein Verbrechen ist’s nicht / Schlägst du bei Stalin mal nach“.
Hier noch ein paar Notizen zu Stalin, die ich vor ein paar Tagen verfasste: (K = Kapitalismus)
Stalin war sein eigenes Bild nicht, er sagte zu seinem Sohn Wasili: „Wer hat dir erlaubt, meinen Namen zu benutzen? Du bist nicht Stalin. Nicht mal ich bin Stalin, Stalin ist das Bild in den Zeitungen…“
Er vermochte so, sich Distanz zu schaffen. Die unpersönlichen Anliegen des Marxismus verfechten, ohne auf die persönliche Einheit seiner physischen Daseinsfunktion zu verzichten. Daher griff er zuweilen hart durch und ließ Gegner und Oppositionelle erschießen. Er war zurecht besorgt darüber, ob es ihm gelänge, lebendig im Sozialismus anzukommen. Die Sorge ums Überleben ist die erste und natürlichste. Der Sowjetstaat war von Feinden umstellt und von inneren Umstürzlern durchdrungen und „zum Abschuss freigegeben“ (Grohn).
Stalin fasziniert, da er sich zu entziehen vermochte. Er konnte sich einen Rückzugsort der Freiheit beibehalten, daher sein abwesender Gesichtsausdruck insbesondere bei jenen Wanderausflügen in Georgien (Fotos im Buch von Sebag Montefiori).
Es ist beeindruckend, sich nicht um sich selbst zu scheren, außer darum, eine erfüllende Arbeit und genug zum Lesen zu haben und eben zu überleben und wachsam gegen seine Feinde zu sein. Aber den Rest wird der Weltgeist besorgen. Natürlich würde er verleumdet von den Historikern des Westens, wusste er, aber was machte das schon, auf lange Sicht würde sich die Reinheit und Integrität seines Denkens und Handelns durchsetzen. Damit weist Stalin uns den endgültigen Weg zur Depersonalisierung. Keine Charaktermasken mehr, soll mich doch die ganze Welt hassen, ich verrichte schweigsam und eigenbrötlerisch meine Arbeit.
So möchte auch ich mittlerweile einfach lange leben um viel von diesem Jahrhundert zu sehen. Was wird noch alles geschehen? Der Beginn ist mäßig interessant, Imperialismus und Massenwahnsinn halten sich die Waage, alles fiebert und wartet auf das große Ereignis, die Eruption der politischen Landmassen.
Stalins Attitüde vermittelt Beherrschung. Man muss erst sich selbst disziplinieren und dem eigenen Willen gehorchen lernen, will man ein Land regieren.
Aber kann man diesen Weg wirklich noch gehen; will ich mir die tausend imaginären Ausfallstraßen abschneiden, die meinem Charakter als Fluchtwege offenstehen, wenn das Individuum drückt und einen sartorisch umkreist?
Heutzutage ist man beherrscht.
Man ist ein vereinzeltes, hilfloses Individuum, das aber beansprucht, souverän und gediegen über seinen persönlichen Gestaltungsspielraum zu herrschen.
Der Marxist fühlt hierbei ein Unwohlsein aufsteigen. Er wollte hoch hinaus, weit fliegen als einzelner Denker, der das Urheberrecht auf seine Ideen beansprucht – sicherlich auch, da man so zu viel Geschlechtsverkehr kommen kann.
So liest er also Marx und damit hat es sich. Er fühlt sich weniger unwohl in der kapitalistischen Gesellschaft. Sein Schuldgefühl bezieht sich jetzt auf den Kommunismus: hat er denn genug getan, um sich als Gegner des herrschenden Kapitalismus zu erkennen zu geben und seinen wenn auch kleinen Beitrag zu dessen Abschaffung zu leisten? Er kann in die DKP eintreten, kann Flugblätter und Bücher schreiben. Aber ein leiser Zweifel bleibt doch.
Und dieser Zweifel ist der Triumph des K und die Ermöglichungsbedingung seines Weiterbestehens. Diejenigen, die ganz linksradikal voll von seiner Schlechtigkeit überzeugt sind und sich ihm vermeintlich entgegenstellen, sind in Wirklichkeit erst seine Erzeuger und Reproduzenten. Denn in ihrem Geist wiederholen sich seine Gräueltaten – nirgends sonst als hier gehts schrecklich zu. Und doch überredet sie der Weltgeist, dass es einen Sinn habe, sich anzupassen und im Kapitalismus ein vorgeblich glückliches Leben zu führen.
Das Sollizitierende und Sollizitierte sind nur in ihrem mittleren Begegnungspunkt, schreibt Hegel. Der K muss erst vorgestellt und begrifflich gefasst werden. Die Volksmassen – das kollektive Gesellschaftsbewusstsein – wissen eigentlich, dass Marx recht hatte und jeden Tag mehr bestätigt wird. Die Lohnarbeit ist ein System der Sklaverei. Ohne sie abzuschaffen werden wir auch die direkte Sklaverei nie weltweit abschaffen können.
Die Welt ist schlecht – so die bürgerliche Moral. Daher die Kriege, Ausbeutung… der Unternehmer ist eben egoistisch und zahlt nicht mehr. Der Warlord spannt die jungen Männer für seine düsteren Zwecke ein. Das ist laut dieser Moralschule der letztgültige Grund, warum alles schlecht läuft: schlechte Menschen. Der Marxismus behauptet die Schlechtigkeit der Gesellschaft, wohingegen die sie konstituierenden Wesen recht harmlos seien.
Man traut sich nicht mal mehr, sich zu äußern: außerhalb des Leitplanken-Systems zu sein, die Arbeit zu lassen, lange auf Reisen zu gehen, grundsätzliche politische Zweifel zu äußern, Fundamentalkritik, Umsturzgedanken.
Man traut dem eigenen Verstand nicht. Man glaubt, ohne Kapitalsystem auf der Straße zu stehen. Das ist ein Punkt, woran sich die breite Akzeptanz des Marxismus im vulgären Volksbewusstsein zeigt. Das Materielle kommt zuerst. Wir wissen es. Und daher wissen wir, wem wir dienen müssen. Was fehlt, sind einzig und allein Kommunisten, die es ernst meinen, also fähig sind. Sie müssen der Aufgabe gewachsen sein, die ihnen durch den unseligen Marx gestellt wurde, der selbst nie so weit kommen konnte, die Realisierungsmöglichkeiten seiner Fundamentalkritik auszuloten. Aber was er nicht wusste, wissen wir: es muss probiert werden, die Menschheit steht sonst vor dem Abgrund. Auch wenn dies nicht der richtige Grund ist, die Revolution zu probieren, sondern die Verbesserung des Inhalts unseres Daseins, aber wen scheren Gründe, es geht nach Marx nur noch um Bewegung. Die Geschichte, unsere Körper und Geister und Staaten müssen sich bewegen. Das Kapital muss als das letztlich Immerstarre entlarvt werden, das Unproduktive, Chimärenhafte, Illusionäre, das nur den einzelnen Kapitalbesitzer befriedigt und für eine Zeit mit Vorgaukelungen der Autonomie und des Glückes beschäftigt.
Es ist müßig zu warten, die Leute mögen dessen müde werden; sie wissen nicht, dass Glück nichts so Erstrebenswertes, zumindest nichts so Simples ist, sagen wir mit Pfaller: es ist unter den gegenwärtigen Produktionsverhältnissen nicht erstrebbar. Denn ja, mein Fahrrad zum Beispiel, es ist schön und funktional und dient mir in meinem Kreise, vom Bahnhof zur Arbeit und nach Hause. Aber was passiert an dem Tag, wo ich mich frage, was ich ohne Fahrrad und Arbeit und Zuhause wäre, wer mir diese essentiellen Entitäten garantiert und was ich von ihrem Verlust zu befürchten habe? Dann fühle ich mich unterworfen, ich muss mich selbst in den Produktionskreislauf hineinwerfen, um auch eine Ware zu sein, die gegen andere getauscht werden kann. Ich muss, es gibt – scheinbar – keine Alternative. Also führt mich das schöne nützliche Fahrrad auf direktem Weg in die Abhängigkeit und ein Gefühl der tiefsten Unterjochung.
Das ist überhaupt das Grundgefühl des Marxisten. Er gehört oft der Mittelschicht an. Der Proletarier denkt sich, nun, so muss es sein, so ist die Welt, der Bourgeois denkt gar nicht nach, ihn pampert das Kapital. Nur diejenigen in der Mitte kommen ins Zweifeln. Ja, ich könnte mir mein Auskommen verdienen, meine heile Insel schaffen, aber kann mir das wirklich zum Glück reichen? Sind nicht vielmehr die gesellschaftlichen Verhältnisse grundschlecht, sodass ich darin gar kein wirkliches Glück finden kann, da die Ausbeutung um mich ja nicht unbemerkt bleibt? Das Elend, der Schmerz der Welt ist in all unsere Kommunikation eingebettet.
Deshalb zum Beispiel können sich heutzutage die Oberschichten ein reines Klimagewissen kaufen, Strom beim Ökoanbieter, Elektroauto und klimaneutralen Handyvertrag und sonstigen Schwachsinn. Der Klimahype erweist sich bei näherer Betrachtung als Mittel zur Deklassierung der Unterschichten, die nun auch noch für die Erderwärmung verantwortlich gemacht werden, frei nach dem Motto: eure Armut heizt die Erde auf, killt die Pinguine und am Ende uns alle.
Der Klimaaktivist will ganz für sich individuell erfolgreich sein, aber leider innerhalb des Rahmens, den ihm die Gesellschaft mitgibt. Er glaubt, hier gäbe es Handlungsspielraum, um reale Änderungen herbeizuführen, wo es doch in Wirklichkeit nur verschiedene Garnierungen derselben Weltbarbarei (K) im Angebot gibt.
Der Marxismus muss sich auch auf die Mittelschichten, nicht nur die Proletarier richten. Sie gilt es zu überzeugen, dass ihre Lage zwar nie ganz aussichtslos, aber noch viel weiter davon entfernt ist, befriedigend zu sein.
Darf man denn die Hypothese ernsthaft ansetzen, die Revolution sei möglich und ein zu ihr befähigter Volksteil sei auszubilden? Nein… das würde mein materielles Sein infrage stellen. So ist der Beweis des Marxismus gleichzeitig sein Hindernis.
Josef Stalin war sicher auch ein Linksradikaler, aber nicht schuld. Nur in dem Sinne, dass seine Person und Amtszeit heute perhorresziert und zum absolut Bösen, Tyrannischen aufgebauscht wird. Die realen Erfolge der entschlossenen Vorkämpfer werden umgedeutet in Wege, die nie wieder beschritten werden dürften. Unser großes Plus: das Gros der heutigen Kommunismus-Ablehnung gründet sich auf sein banales historisches Verenden in den Neunzigern und eben nicht mehr auf die Aufbauschungen der Historie der Sowjetunion in den Stalinjahren (Hunger, Prozesse, …)
(In #23,24,25 redete ich so luzide, weil Stefan zuhörte: mein eigener Schauprozess, Hinrichtung, alles verkraftbar. Erst wenn der große Andere hinschaut, läuft man zur Höchstform auf und wird sich über die Tragweite der eigenen Position klar)
Der historische Abbruch, meinetwegen Scheitern dieses speziellen SU-Weges zum Kommunismus, ist aber kein Argument, kein Faktum, denn jederzeit können wir den Weg ja wieder aufnehmen, vorausgesetzt, er war richtig und es gibt keine unüberwindbaren theoretischen Hindernisse, die da etwa wären:
Liberale Glaubenssätze wie „Freizügigkeit“: angeblich ist es ein Menschenrecht, überall hinziehen zu dürfen. Aber die meisten Menschen kommen nie in diesen Genuss. Also was war so schlimm, wenn die DDR vorgab, besser zu wissen, was für ihre Bürger gut ist und sie also in ihren Grenzen behielt, zum Staatswohl wie auch zu dem des Individuums? Weltweit wird Freizügigkeit verwhert, aber nur weil es in Deutschland zuföllig zwei Staaten nebeneinander gab, die das Überwechseln mangels kultureller Barriere sehr leicht machten, nur hier also soll ihre Verweigerung ein Verbrechen sein? Come on. Ja, sicher, wünschenswert wäre es, jedem frei zur Wahl stellen zu können, in welchem Land, in welchem Beruf und welcher Firma er arbeitet (und ihn zusätzlich so anzuleiten, eine gute Entscheidung zu treffen und die eigenen Talente zu erkennen).
All das speist sich aus dem Glauben an die Einzigartigkeit, ich muss es allen, aber vor allem mir selbst beweisen, meinem Potential gerecht zu werden, jeden Tag die Wörter (als Dichter) aus mir herauszuholen, die in mir stecken.
Dieser Glaube ist zu entlarven und durch die marxistische Erleichterung zu ersetzen: puh, immerhin bin ich nur ein einzelnes Ding im großen Geflecht, welches mich determiniert. Ich kann höchstens meine Position (Rolle) im Ganzen suchen, nicht das „Selbst“ ganz neu erfinden und definieren, was überhaupt ein Individuum zu dieser Zeit sein kann. Das ist schon vorgegeben. Ich kann diesen oder jenen Weg nehmen – aber wozu, wenn man auch träge sein kann und sich so sogar noch im Einklang mit der Welt fühlt: die ist auch so, klebt am Alten, behält das Wirtschaftssystem bei, wo doch Marx schon lange zeigte, wie es anders zu machen ist. Aber diese zufälligen Tragödien der Weltgeschichte (wie dass die SU hätte aufsteigen und einer der wohlhabendsten Staaten werden können ohne Faschismus und 2. Weltkrieg) sind nichts, sind schon aufgehoben durch die tägliche Komödie, die das Dasein unzweifelhaft ist. Außer vielleicht am letzten Tag, dem Tag unseres Todes, wo wir erfahren, dass es kein Wir gibt, nur ich, ich ich, als Individuum. Aber dieser Tag zählt nicht, den Tod ignoriere ich, denn jenseits seiner Mauer gibt es keine Wissenschaft mehr. Alles, was Wissenschaft ist, ist leicht zu machen, daher ist auch der Marxismus innerhalb von ein paar Generationen umzusetzen.
Danach kommen die schwierigen, interessanten Aufgaben.
Erfolgreiche Selbstverwirklichung kann für den heutigen angehenden Arbeiter der sozialistischen Avantgarde (sowohl geistig als auch materiell – kommunitäre Projekte sollten eine Insel des Soz inmitten des barbarischen Imp hervorbringen und die zukünftige Richtung skizzieren, Probleme schonungslos behandeln und offenlegen) kann nur unter der Maxime geschehen, sich nicht fürs Endresultat der Arbeit zu loben sondern die Arbeit selbst als größtes Geschenk des Himmels und Verdienst des eigenen Willens und Intellekts (Fähigkeit, zu unterscheiden, auszuwählen) zu begreifen.
In diesem Moment schreibe ich und ebenjene Tätigkeit hebt mich empor aus dem unförmigen Alltag. Ich bearbeite meine Seele und die Seele der Welt, verrücke die Konzepte, Begriffe, Ideen. Dieser Moment ist der wahre Lohn und zeichnet eine zukünftige Meisterschaft in dieser Tätigkeit vor, die ich mir langsam erst aneignen werde. Das Resultat ist Ergebnis meiner Sehnsucht nach anderen – mithin des sozialistischen Grundgefühls in uns allen, des Drangs, wahrgenommen zu werden. Man achte auf das Wörtchen „wahr“: man will ebenso genommen werden, wie man in Wirklichkeit ist, wie es einer vorgestellten Wahrheit des Selbst oder der Welt (was hinduistisch gesprochen dasselbe ist).
Klima
Ja, woher kommt das Bedürfnis, die multiplen Kollapse der bürgerlichen Welt und ihrer Industrieprodukte (Fukushima…) zu verdrängen mithilfe des Endzeit-Klimadiskurses? Es kommt daher, dass an der Basis dieser Gesellschaft, da wo industriell produziert wird, ja nicht nur zerbrochene, kaputtgemachte oder gar nicht erst in die Arbeitswelt eingelassene Menschen hinterlassen werden, also die sozialen Verwerfungen entstehen, zu deren revolutionärer Überwindung Marx sein Werk aufbaute, sondern eben auch eine durch schädliche Abgase und Produktions-Hinterlassenschaften beeinträchtigte Umwelt.
Ja, die Faschisierung liegt hier an der Basis, hier stinkt es. Die liberale Ideologie rechtfertigt das Unwesen der produktionseigentümerischen Machtausübung immer wieder. Dagegen ist nach dem „Ende der Geschichte“ kein Ankommen. Ein Terminus von Fukuyama, der jedem gerade recht kommt, ihn zu widerlegen, um gleich darauf dazu überzugehen, zu erklären, die Klimakrise sei nun das wichtigste Menschheitsprojekt aller Zeiten und ohne eine kollektive Anstrengung gigantischen Ausmaßes stehe das Ende der Menschheit bevor (siehe Neubauer/Repenning).
Hingegen nähmen wir einmal Fukuyamas Begriff ernst, dann ergibt sich daraus eine einleuchtende historische Erklärung. Die Bourgeoisie, nach 1989 wieder zur weltweit unumstritten herrschenden Klasse aufgestiegen, hatte natürlich alles Interesse daran, die Unmöglichkeit und Unvernünfigkeit neuer revolutionärer Überlegungen und Bestrebungen herauszustellen. Das Stalin-Bashing erledigte die sowjetunion mittels Chruschtschow und Gorbatschow ja schon von selbst. Blieb also nur noch, Marx tot zu loben, indem seine Ideen als gut und edel, nur leider in dieser Welt nicht umsetzbar und zu mehr Schaden führend darzustellen.
Es handelt sich bei der Wende von 1990 also nicht um ein wirkliches Ende der Geschichte, wohl aber um ein Endepunkt der Maskerade, denn das „Ende der Geschichte“ als ideologisches Ziel der Bourgeoisie kann nun wieder unverhohlen ausgesprochen werden – auch wenn der gute Fukuyama sicher anderes im Sinn hatte, entwickelten seine Worte eben genau die Bedeutung der Alternativlosigkeit des herrschenden Systems, des Kapitalismus also.
Nun erkennen solche unmarxistischen Leute wie die Klimaapostel aber nicht, was wirklich und was nur vorgeschobenes Interesse einer privilegierten Klasse ist und nehmen das Ende der Geschichte, also die Unmöglichkeit radikaler Bewegungen, einfach hin. Sie wollen dann aber doch irgendwie nicht ganz zufrieden sein mit der Art und Weise, wie die Welt eingerichtet ist, mit dem System also.
Also findet sich der Vorwand der Klima-“Revolution“. In den Fabriken und mittels des durch sie hergestellten Machtzusammenhangs werden ja nicht nur Menschen, sondern auch die Natur ausgebeutet und aufs Spiel gesetzt. Und irgendwie ist es für sie jetzt, wo es um die unbelebte Natur geht, realer und sie sehen die wirkliche Bedeutsamkeit und Dringlichkeit des Problems. Das entspricht einer verbreiteten Empfindung in meiner Generation: für Menschen empfindet man wenig oder nichts und gesteht ihnen aufgrund der offen zur Schau getragenen kollektiven moralischen Degeneration noch nicht mal das Überleben zu – sollen sie (wir) doch aussterben. Das ist auch meine Haltung. Nur teile ich nicht die optimistischere Haltung vieler Zeitgenossen in Bezug auf die Natur: für diese hätten wir doch eine Verantwortung, da sie so wehr- und schutzlos sei und einfach ihren Gesetzmäßigkeiten folge und dabei schöne Muster bilde… Aber genau das tut der Mensch doch auch, ihr Narren, nur wollt ihr ihn absichtlich schlechter sehen als er ist, weil ihr sonst noch mal einen kritischen Blick auf das „System“ werfen müsstet und euch eventuell kommunistisch bilden müsstet, was schwer ist zugegebenermaßen, man muss lesen.
Da ihr dem revolutionären Tatdrang ausweicht, kommt ihr auf die Abgase, das Klima zu sprechen. Der ganze Müll, der da anfällt, man stelle sich vor. Der Kohlenstoff, der der Atmosphäre neu zugesetzt wird. Irgendwann wird es zu viel. Oh ja, das bezweifle ich ja gar nicht. Ich behaupte nur, es gibt eine Gesetzmäßigkeit, welche die jungen Leute von marxistischer Systemkritik an der materiellen Basis, da wo’s schmutzig wird, in den Fabriken, auf den Geldscheinen, mit der Verschuldung, der Solidität, Straffheit und Zügellosigkeit in Fiskaldingen abbringt und dem Klimadiskurs zuführt. Es wäre aber aus meiner Sicht besser, wir würden uns wieder mehr mit Utopien zur Überwindung des Kapitalismus auseinandersetzen, als mit Appellen zur Dringlichkeit der Verringerung der Konzentrationen gewisser Moleküle in der Atomsphäre. Ich plädiere also dafür, erst die soziale Atmosphäre zu verbessern, und wenn wir auf dem Weg ein bisschen weiter sind und Menschen nicht mehr vor Hunger oder Durchfall krepieren oder ohne Arbeit vom System für unnütz erklärt und zurückgelassen werden, dann wenden wir uns dem auch sehr wichtigen Projekt der Verbesserung der geologischen, klimatischen Atmosphäre zu.
Der Kapitalismus führt zum Faschismus, kooperiert mit ihm, päppelt ihn auf, hilft ihm selbst nach der Niederlage noch, seine alten Wurzeln zu erhalten und Täter zu decken und sie in Südamerika untertauchen zu lassen.
Das ist irgendwie unappetitlich, daher wende ich meine psychoanalytische Deutung an: der Analysand wendet sich den Klimafragen zu, denn irgendwie drängt es ihn in die Richtung, über die gärende, sich stets verschlechternde Atmosphäre nachzudenken, aber es darf nicht über die soziale Konkurrenzsphäre sein, da er ideologisch von der Beourgeoisie beherrscht ist, was nicht seine Schuld ist, wir aber trotzdem gemeinsam in der revolutionären Analyse überwinden sollten.
Zurück zum Thema: der Tod
Der grundlegende Knacks in unserer modernen Wahrnehmung des Todes und der davon emanierenden Gefahr, liegt in der Illusion der Beherrschbarkeit. Die Illusion, frei über den Tod verfügen zu können, hat uns die Medizin mit ihren schwindelerregenden Fortschritten eingeflößt. So wird der Tod zum Objekt, das uns zu Diensten zu stehen hat. Da sind wir aber gar nicht erfreut, wenn Stalin in der Sowjetunion im Zuge des Großen Terrors Oppositionelle erschießen lässt. Da glauben wir, so schlimm darf es nie wieder werden. Doch, es muss sogar. Wir müssen unsere Feinde definieren und ausschalten- hoffentlich nicht physisch, sondern nur ihren Wirkungskreis so weit hemmen, dass sie unschädlich für den Aufbau des Sozialismus gemacht werden und ihren Antikommunismus im Gefängnis oder im Ausland oder Arbeitslager ausleben und sich bessern können.
Und wenn sich die Weltlage verändert und faschistische Angriffskriege am Horizont drohen wie zu Beginn des Großen Terrors anno 36 dann wird man auch zu vorher undenkbaren Mitteln greifen. Ohne die Exzesse des Terrors rechtfertigen zu wollen, bleibt doch nun mal Fakt, dass Stalin nicht frei und nach Belieben handelte, sondern innerhalb des geschichtlichen Rahmens, den ihm die damaligen Zwänge auferlegten. Auch war er nur ein Mensch voller Mängel, Wissenslücken und Fehler, auch wenn er als unverbesserlicher Autodidakt diese stets auszumerzen versuchte im Gegenteil zu uns selbstgerechten Postmodernen. Stalin wurde als Kind geschlagen und als es hart auf hart kam in den dreißiger Jahren und das Überleben des bolschewistischen Staats auf dem Spiel stand, da langte er auch kräftig zu, wie er es von seinem Vater gelernt hatte.
Erwähnenswert ist auch, dass die Ausgangslage vor der Revolution anno 1917 im feudalen Russland nicht vergleichbar ist mit dem etwa heute hochentwickelten Deutschland und wir viele Härten der nachrevolutionären Klassenkämpfe in dieser Form heute nicht zu spüren bekommen werden aufgrund der bereits durch den Imperialismus erfolgten Entwicklung hierzulande. Es bleibt trotzdem richtig, sich an Stalin zu orientieren und nicht blind seine angeblich exzessive, unerhörte, grausame Gewaltanwendung zu verdammen. Denn wozu sollen wir, die wir ernst machen wollen und die bolschewistische Revolution anstreben, in den Grundlinien unseres Denkens also mit Lenin und Stalin übereinstimmen, die reaktionäre Propaganda übernehmen, die nur die schützende Hand über die heute herrschende Klasse hält?
So grausam sei es im sibirischen Arbeitslager gewesen, stöhnen die bürgerlichen Historiker und wollen uns damit weismachen, wir alle stünden auf der bürgerlichen Seite der Moral, von wo aus man gar nicht anders könne, als die bolschewistische Politik von Grund auf zu verdammen. Dabei sind es jene, die uns heute Gewalt antun indem der Zustand der Entrechtung und Ausbeutung tagtäglich aufrechterhalten wird, die durch solche Lügenmärchen über sowjetische Unmenschlichkeit geschützt werden sollen. Sie, die uns heute ausbeuten, schädigen und verächtlich machen, dürfen angeblich nicht in Arbeitslager verfrachtet oder erschossen werden, das gehe gegen unsere allgemeingültige Moral. Die Moral ist aber stets nur die Moral einer Klasse und wir Proletarier sind eben erst im Begriff die uns eigene zu schaffen und wollen von solchen bürgerlichen Empfindlichkeiten nichts wissen. Wer rumflennt, der hat was zu verbergen, der will uns das bürgerliche Gewissen, die Rücksichtnahme auf kapitalistische Verbrecher, sowie deren staatlich-politische Repräsentanten einschmuggeln. Solche Leute also, die müssen wir nach der Revolution ganz bestimmt in die Arbeitslager stecken und sie gerade wegen ihnen wieder aufbauen. Aber das sind Detailfragen der Neuen Geistigen Politik.
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