#99 Da das Volk sich nicht selbst regieren kann, so muss es regiert werden.
Peter Hacks: Marxistische Hinsichten
„Die wissenschaftliche Gesellschaft und ihr Herr Nachbar"
Versuch über C.M. Wielands Politische Schriften
Das Volk stört
Marlon Grohn: Kommunismus für Erwachsene
Ja, liebe Leute. Mit atemberaubender Wucht rasen wir auf die Hundert zu. Hier gibts nicht mehr viel zu sagen, nur noch zu genießen. Wundert euch nicht, dass es oftmals ein bisschen hoch her geht oder ich auch „polemische“, „hasserfüllte“ Abschnitte einschiebe. Unter Bolschewiken ist ein rauer Umgangston normal, wir sind am möglichst raschen Umsturz interessiert, nicht am höflichen Debattieren und Argumentieren.
Stalin zu rechtfertigen und den Begriff des Stalinismus zu erklären, bleibt eine der wichtigsten und dringlichsten Aufgaben heute. Ohne diesen Begriff können wir keine Revolution machen, müssen also gar nicht erst anfangen zu denken. Entweder man versuchts oder man lässt es. Aber sich auf den Geschichtsfälschungen der Faschisten, Imperialisten und Trotzkisten auszuruhen, wird sicher keine systemdestabilisierende Wirkung entfalten und jeden revolutionären Versuch scheitern lassen.
Man stelle sich vor, wir haben Erfolg mit der Revolution und dann wirft uns jemand an den Kopf: „Das ist aber stalinistisch!“ Was dann? Wenn wir die bürgerliche begriffslose Moral akzeptieren und wirklich glauben, hinter dem Schleier des leeren Signifikanten „Stalinismus“ verberge sich etwas Unrechtmäßiges, Mörderisches, Beklagenswertes, dann können wir an der Stelle schon einpacken. Selbstverständlich wird jede Revolution ihren Gegnern genau diesen Anlass bereiten, die Stalinismuskeule auszupacken, daher ist es im Vorfeld schon mal angebracht, diese genauer zu untersuchen und die grundrichtigen, objektiv begründeten Politiken des Stalinismus als das zu erkennen, was sie der historischen Wirklichkeit nach sind: die Kraft des Fortschritts, der entschlossene Weg zum Aufbau des Sozialismus ohne Rücksicht auf dessen Feinde und Bedenkenträger.
Dass auf diesem heldenhaften Weg, den die vereinigten Völker der Sowjetunion zu gehen entschlossen waren, auch vereinzelte Gräuel und Grausamkeiten begangen werden mussten, ist bedauerlich, hat aber für die Gesamtbetrachtung des historischen Phänomens exakt nichts zu bedeuten. Diese Gräuel sind genauso wenig Stalins Schuld wie die heutigen Verbrechen des Kapitalismus Angela Merkels Schuld sind. Sie war nur die oberste offizielle Repräsentantin des Kapitalregimes für 16 Jahre. Wenn unter der weltweiten Kapitalherrschaft Millionen Menschen sterben oder fliehen müssen in von imperialistischen Staaten und Geheimdiensten ins Werk gesetzten Kriegen (zu Zwecken der Rohstoffgewinnung, geopolitischen Verbesserung der eigenen Position im Konkurrenzgeflecht der Nationen etc.), dann ist das eben eine Auswirkung der bewussten Entscheidung der herrschenden Klasse, ihre Interessen zu wahren und den erreichten Stand des trennenden Kapitalismus mit aller Gewalt zu verteidigen; dieser Kapitalismus also, der überall die Mauern in den Städten und in den Köpfen anwachsen lassen muss, weil seine gesamte Welt aus dem dialektischen Spiel zwischen Ausbeuten und Ausgebeutetwerden besteht und diese Konzeption zunehmend normativen Charakter gewinnt, die Staaten, Märkte und sozialen Beziehungen also immer weiter nach diesem Schema gestaltet.
Merkel ist hier nur die Maske dieser kollektiv herbeigeführten Entscheidung, beim alten System zu bleiben und sich wieder einmal der grundmenschlichen Trägheit hinzugeben, in der wir alle uns so gern einrichten und glauben mögen, es müsse nun mal Ruhe und Ordnung herrschen, revolutionäre Dynamik und rücksichtsloser Kampf sei verboten. Dabei gibt es keinerlei Unterschied zwischen der heutigen Weltbarbarei und der Hitler’schen Variante der Weltbarbarei, heute wie damals wäre eigentlich jeder denkende Mensch aufgefordert, mit aller Kraft gegen dieses System zu kämpfen. Nur bekommen wir die Insassen der Festung Europa ihr Todesurteil heute nicht mehr so unverblümt serviert wie damals die Juden und heute die Bewohner anderer Kontinente und Weltregionen.
Diese Regionen sind so vielfältig, man weiß kaum, wo hinschauen, so viel Unrecht und Entmenschlichung gibt es. Daher schauen wir lieber auf Stalin, der uns zeigen kann, wie man damit endlich Schluss macht. Nur ein kleines Beispiel an der Stelle. Wieder einmal zieht ein vom IWF verordnetes Weltschuldgericht zurzeit über Argentinien her, plündert das Land und lässt für die nächste Dekade der Jugend nur die Option, auszuwandern, übrigens aufgrund der verfehlten Wirtschaftspolitik des konservativ-neroliberalen Mauricio Macri, der ja erst ins Amt kommen konnte aufgrund der weltweit ausgeübten geistigen Vorherrschaft des Konzepts der offenen Märkte, liberalen Handelsbeziehungen und des größten Juxes von allen, der liberalen Demokratie. Ohne dieses imperialistische, nördliche Herrschaftsinstrument der fucking Demokratie kein Macri, keine Schulden, weniger Elend. Und auch weniger Leute, die dann an geschlossenen Krankenhäusern oder mangelnder Medizin sterben.
Strukturell gesehen sind Macron, Scholz oder Biden die obersten Vollstrecker der Kapitaldiktatur. Aber sie haben eben auch nicht deren Regeln und Zwänge erfunden, sie agieren lediglich im vorgegebenen historischen Rahmen, der ihren Entscheidungsmöglichkeiten enge Grenzen setzt.
Objektiv betrachtet lässt sich aber sagen, dass die periodische Demütigung etwa des argentinischen Volkes durch die wohlhabenderen Völker und Politiker des Nordens eine spezifische ideologische Funktion im liberalen System erfüllt und nicht einfach ein Nebenprodukt des reibungslosen Ablaufens der Profit-Maschinerien ist. Nämlich geht es darum, die Argentinier zu unterwerfen, sie in eine inferiore Position zu bringen, um so den Zorn der Volksmassen des Nordens auf ein anderes Ziel zu lenken als etwa die Politiker und Machtstrukturen der politischen Ökonomie.
Wir dominieren über andere Länder wie etwa Argentinien oder die Türkei – und wie in #92 beschrieben kann die sexuelle Lust hier durchaus einen starken sekundären Motivator liefern, um die nördlichen Menschen in der Knechtschaft zu halten, die ihnen als Überlegenheit und relatives Wohlergehen verkauft wird. Diese „Pimmeltheorie“ ist keinesfalls ein Witz sondern höchster Ernst, mit der ich meine Wut auf die hiesigen Strukturen und die Intellektuellen, die in ersteren nichts Falsches erkennen können, ausdrücken wollte. Ja, ich will euch verächtlich machen. Ihr alle seid Teil des Problems, wie auch ich, doch der Unterschied ist, dass ich kämpfe.
Mit diesen wutschnaubenden Aussagen möchte ich euch aber auffordern, euch nicht zu sehr zu verausgaben mit dem Hören dieser Folge. Denn die nächste Folge wird noch wichtiger, da ich darin meine eigenen Texte einbringe, die ja schon das ein oder andere Mal für Furore sorgten, zumindest in meinem Inneren, meiner geistigen Blase, so in #67, #77 oder #92. Damit hinterlasse ich hier noch einen Auszug aus einem fragmentarischen Roman, den ich in der nächsten Folge vorlesen werde. Bis dahin viel Glück.
KONSUM UND LIEBE
Der Konsum und die Liebe
Nichts definiert uns- außer dem, was wir konsumieren, und dem, was wir lieben.
Ich nehme mir vor, jeden Abend zu kiffen. Immer fühlte ich da eine gewisse Leere in mir, ein Gefühl, dass dieser Tag nicht richtig genutzt sei, wenn ich nur arbeitete oder zur Uni ging und meine alltätlichen Verrichtungen vornahm. Nein- wir sind zu mehr bestimmt, das war mir klar, zu einem Abenteuerleben in der hellen Mittagssonne, an steilen Küstenklippen klettern und um jeden Meter ringend. Das ist unser Schicksal, unsere Bedeutung. So fabulierte ich vor mich hin, als das Semester zu Ende ging und ich wieder einmal unglücklich war über meine Studienwahl. Das gras war mir durchaus bekannt und ich hatte lange gezögert, mich ihm zu nähern, doch letzten Sommer war der Zeitpunkt doch gekommen, wo ich mich überwand und einen Joint probierte. Ich spürte, dass ich mich lächerlich machte, wenn ich weiter zögerte und der Angst nachgab, was passieren könnte, sollte ich mir dieses illegale Laster zu eigen machen. Also rauchte ich bei meinem Bruder mit und empfand ein unglaubliches Gefühl der Belustigung und des Außerhalbseins, der Überschreitung meiner Willenskräfte, ich war nicht mehr in der Lage, meine Handlungen und Gefühle zu kontrollieren. Das weckte zwar noch nicht den Drang, ständig zu rauchen und dieses Erlebnis bald zu wiederholen, aber mit zunehmender Verzweiflung über meine sinnlose Studiererei wuchs in mir die Lust, sich einfach ein Laster aus Übermut zu geben. Aus purer Verschwendungssucht, denn was anderes ist das Rauchen als Verschwendung an Lebenskraft, an Geist, an der Daseinslust? Das gab mir ein Gefühl der tiefen Beruhigung schon vor dem Rauchen, denn nun wusste ich ja, was am Abend zu tun war, um den Tag erträglich zu machen. So wie der müde Arbeiter am Nachmittag genau weiß, was nun allein sein Herz erfreuen kann: ein frisch gebrühter Kaffee, als cappucino, espresso oder auch Filterkaffee, ganz gleich. Ihm geht es dabei um das Symbol, er muss sich versichern, wenigstens noch einen letzten Trumpf in der Hand zu haben, wenn die Geisteskräfte nachlassen und die langwierige Bildschirmarbeit seine Nerven auszehrt. Genauso war mir zumute, als ich lustlos die Semesterferien in Angriff nahm. Ich musste kiffen, ich brauchte etwas zu tun, um meinen rastlosen Geist ruhigzustellen, ihm dieses harte Brot zu kauen zu geben. Du sollst rauchen. Jeden Abend. Das ist dein Gebot der Lust. Alles andere als rauchen wäre Verschwendung dieses wunderbaren Konsumangebots, wozu hat Gott wohl diese zauberliche Cannabispflanze erschaffen ,wenn nicht für deinen Genuss? (Als Prüfung?)
So hätte es immer weiter gehen können, doch etwas stellte sich meinem Genuss in den Weg. Ein schüchternes Mädchen kreuzte denselben und verdrehte mir den Kopf. Wie es sich für einen ernsthaft Verliebten gehört, dachte ich jeden Abend an sie, diese Gewohnheit ging mir noch stärker in Fleisch und Blut über als das Kiffen. Und dieses bescherte mir immer mehr Probleme wie ich merkte: die Gedanken rasten und fanden nach dem Rauchen endgültig keinen anderen Haltepunkt mehr als sie, meine geliebte Arbeitskollegin Amanda. Ohne das Rauchen schienen sich meine Gedanken noch ausgeglichener zu bewegen und es kamen Intervalle vor, in denen ich gar nicht mehr an Amanda dachte, wenigstens ein paar Minuten, vielleicht Stunden. Also hörte ich auf damit, vom einen Tag auf den anderen. Ich setzte einen Roman über den Konsum auf, denn er schien mir die Grundsubstanz unseres Lebens. Wenn ich kein Gras mehr konsumierte, dann konsumierte mich nun eben der Gedanke an eine Beziehung mit Amanda. Irgendeine Form des Verzehrens, Verbrennens muss es immer geben. Suche ich, davon loszukommen? Nein, nur einen Roman niederzuschreiben, der mir Ruhm bringen wird, mich also begehrenswerter für Amanda macht. Dieser Roman spielt in einer Welt, in der die Polizei streng überwacht, dass die Bürger ihre Verpflichtungen zum Genuss einhalten. Jeder darf sich sein eigenstes Konsumlaster aussuchen, doch er muss täglich und nachweisbar darin Leistung erbringen. Letztlich spiegelt dieser Gesellschaftsentwurf die Ermüdung der kapitalistischen Gesellschaft wider. Was passiert, wenn wir zu träge werden, um noch Lust am Konsumieren zu haben, aber wir das Kaufen und Verkaufen brauchen wie die Luft zum Atmen, damit unser Wirtschaftssystem weiterläuft? Offensichtlich hat der Staat dann die Pflicht, seine Bürger zum Konsum zu animieren und im Extremfall zu zwingen. Denn diese wollen ja auch nichts anderes, als dass ihre geregelten Leben als Arbeiter und halblebendige Regelbefolger weitergehen, ohne dass sie sich groß darum zu kümmern bräuchten. Nur der Trieb zum Konsum ist ihnen abhanden gekommen. Man ekelt sich vor dem Mitmenschen, es gilt als große Überwindungsleistung, jemanden zu lieben und als Krönung, eine Beziehung einzugehen und all jene ekelhaften Dinge am anderen wahrzunehmen, den Körpergeruch, die schlechten Manieren und Laster, die unverständlichen Meinungen und Neigungen. Nur wenige gehen noch diesen Weg und erfüllen ihre Konsumpflicht in Form der Liebe. Aus heutiger Sicht mag es merkwürdig anmuten, die Liebe auch gleich unter den Konsum einzuordnen, doch für die Menschen dieser zukünftigen Gesellschaft schien der Gedanke selbstverständlich.
Ich aber entschloss mich bewusst, den Weg der Liebe zu wählen, da mir nach der jahrelangen Fixierung auf das Kiffen kein anderes Laster mehr erträglich schien. Essen konnte ich schon lange nicht mehr genießen, seit ich entdeckt hatte, welche sinnliche Befriedigung und Berauschung der Verzicht aufs Essen brachte, die disziplinierte Verweigerung der Triebbefriedigung. Das heißt nicht, dass ich wenig aß, nur aß ich nicht aus Hunger und Lust, sondern die Lust steckte in jenen Stunden des Fastens, wenn ich spürte, wie sich die Leere breitmachte und mich ganz leicht und frei wie einen Vogel machte. Als ich meinen ersten echten Job antrat und dabei Amanda kennenlernte, war mir der Weg klar, den ich beschreiten würde. Zwar hatte ich wenig Hoffnung, sie könne meine erdichteten Gefühle für sie erwidern. Wie gesagt waren nur noch wenige hart genug, sich den Untiefen der Liebe hinzugeben. Aber mir würde schon das reine Gefühl reichen, die innerliche Anspannung und Hoffnung, das wäre mein Trieb, mein Konsumgut, das ich begierig verschlingen würde. Und genauso wie ich mir beim Kiffen schon sicher gewesen war, hiermit die Lösung in Händen zu halten, war ich es auch diesmal wieder. O du schöne Vergesslichkeit, wie erträglich machst du erst das Leben inmitten all dieser unbeugsamen Gebilde aus Willen, Zwecken, Verantwortlichkeiten.
Ups, nun ist mir die Realität mit meinem Roman verschwommen, Verzeihung. Amanda existiert in der Realität, das harte Regime der Genusspflicht natürlich nur im Roman. Die Geschichte, die ich erzählen möchte, handelt auch von der Realität, von meiner geteilten Realität mit Amanda
Gerade als Stoner fühle ich, wie man sich manchmal zu sehr der Reflexion hingibt, man raucht und dann geht die Gedankenmaschine los. Dabei wär ich doch so gerne frei in meinem Tun. Aber das geht nicht, wenn immer gleich schon die Folgen abgeschätzt und die Bedeutungen reflektiert werden. So sitze ich beim Friseur, und dieses Wahnsinnsmädchen wäscht und trocknet meine Haare. Sie tastet sich langsam vor, ihr scheint zu gefallen, was sie findet und sie packt härter zu. Wie gern würde ich ihr sagen, oh das machst du aber gut. Bist du in der Ausbildung? Und das könnte ich auch, ich hätte noch die Kraft dazu bis zu dem Moment, wo das Rattern im Kopf losgeht. Was wenn wir zusammenkommen? Was wenn ich feststelle, dass ich mich verguckt habe und sie in Wirklichkeit ganz schön zickig ist? Ihr wilder Blick stachelt mich jetzt an, aber was wird später sein, wird diese Leidenschaft in einen explosiven Streit münden?
Aber egal, ich weiß, dass dies eine perfekte Chance ist, meine Pflicht zum Konsum zu erfüllen. Denn immer nur an meine Kollegin zu denken wird langsam zur Last. Also verfasse ich heute ein Gedicht über die schöne Lisa, die bei der Friseurin, die ich neu an meinem Arbeitsort entdeckt habe, in die Lehre geht. Ich bin erfüllt, die schwere Augustluft ist schwanger von dem jugendlichen Übermut, der von Lisa ausgeht. Entgegen meiner Gewohnheit haue ich mir doch wieder einen Joint an. Was das zu bedeuten hat, weiß ich nicht. Aber nach der Hälfte vergeht mir die Lust und ich lege ihn beiseite. Ich sinniere in der lauen Abendluft und es kommt mir vor, als genösse ich tatsächlich, einfach hier zu sitzen und an meine Gehemmtheit gegenüber Frauen zu denken. Was hält sie von mir fern, ist es mein durchdringender Blick, mein zerrüttetes Gesicht?
Aber diese Art von unschuldigem Genießen ist uns heute nicht mehr so einfach möglich. Bald darauf kommt eine Polizistin des Wegs und hält direkt vor mir an.
„Hallo.“ sage ich. Und plötzlich bin ich meiner Schüchternheit überdrüssig. „Setzen Sie sich doch. Der Abend ist so wunderschön, da wäre es doch passend, ihn gemeinsam mit einer so schönen Frau zu genießen“. Sie lächelt, das scheint ihr zu gefallen.
„Oh, vielen Dank für das Kompliment. Aber ich bin dienstlich hier. Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen. Wie ich sehe, haben Sie ihren Joint nicht aufgeraucht. Darf ich fragen, warum?“
„Nun, ich fühle mich nicht mehr verpflichtet dazu, seit ich mein Laster offiziell zur Liebessucht geändert habe.“
„Liebessucht, soso, so einer sind Sie.“
„Wir können uns ruhig auch duzen.“
„Gern“
„Nun, wenn du bei mir bleibst und dich hierher an meine Seite setzt, dann kann ich meine Liebespflicht sicher noch besser erfüllen. Du regst mich an, da fallen mir gleich mehrere Gedichte ein. Meine Knie werden schon ein bisschen weich…“
Es war einmal ein Roman, der war darauf angewiesen, dass etwas passierte, eine nachzuverfolgende Handlung sich vollzog. Also wurde die unerfüllte Liebe der schüchternen Kollegen in eine reale Liebesgeschichte transformiert. Der Dreh- und Angelpunkt unserer Geschichte ist die Heirat, der Moment, in dem er sie oder sie ihn kriegte. Die Heirat wird symbolisiert durch ein Mühlrad, da dieses sich immerfort dreht und durch den angetriebenen Mahlprozess der Übergang von der Phase der Produktion der Liebe in die Phase des Konsums der Liebe versinnbildlicht.
Lassen wir das, wir sollten nicht so sehr in trüben Gewässern fischen, die wir nicht kennen. Ich erkläre feierlich, dass ich mit 25 Jahren noch keine Liebesbeziehung innehatte und somit nicht über deren Vollzug oder den markanten Moment der gegenseitigen Bejahung sprechen kann. Allerdings kann ich auch nicht schweigen, da dies Schande bedeuten würde, mich nicht gewagt zu haben, den Fuß in dies kalte Gewässer zu tauchen, jetzt wo ich verliebt bin und etwas zu wagen habe--
Der Fuß, er ist mir überhaupt sehr wichtig. Denn er ist mein Tor zur Welt des Unbedenklichen, der samtigen Sicherheit, die das Hineinschlüpfen in meine schönen weißen Ballettschuhe vermittelte.
Theorie
Das Rauchen von Gras ist eine fürchterliche Sache, sicherlich. Gerötet ziehen sich die Augen zurück ins Körperinnere. Wer uns aus ihnen anschaut, ist schwer zu vollziehen. Zu vollziehen? Ich fürchte, der Graskonsum ruft schon in mir gewisse Hemmungen, korrekt zu schreiben, hervor. Aber naja. Haben wir nicht alle unsere Problemchen, Süchtchen und netten Dingelein, von denen wir nicht lassen wollen, obschon wir doch aus heiterem Himmel die Epiphanie erfuhren, dass es von nun an RICHTIG sei, dies zu unterlassen – haargenau dies, was uns bis hierher so viel Lust verschafft hatte.
Da sind wir wieder, beim Konsum. Das Diktum von Peter Hacks, der Vorwurf der Konsumgesellschaft gehe fehl in Bezug auf den Westen, denn er verfehle das Wesentliche, dass nämlich Konsum etwas Wunderbares ist, wie uns eigentlich allen aus der Erfahrung geläufig ist, und somit der Tatbestand der „Konsumgesellschaft“ – die Ausdehnung der Luxusgüter auf breitere Volksschichten, die Demokratisierung der materiellen Reichtümer – das mithin einzig Lobenswerte an der gegenwärtigen Verfasstheit unserer korrupten und bis zum Fassboden verschimmelten westlichen pluralistischen (nichts für wahr haltenden) Gesellschaften darstellt.
Letztlich ist diese Feststellung aber hilflos gegen die anbrandenden Wellen der feurigen jungen Klimaaktivisten, denen ich hier auch höchsten Respekt zolle. Ihren Mut und ihre kühne Verachtung der gesellschaftlichen Standards, welche ihnen erlaubt, ihren Eltern ins Gesicht zu blicken und vollständiges klimapolitisches Versagen zu attestieren, ist sehr bewundernswert und sollte unsere Nachahmung finden.
Allerdings ist das zarte Mitfühlen mit Mutter Erde nicht gerade ein politischer Gedanke, nicht gerade maßgeschneidert für den Menschen als geschichtlich-politisches Wesen.
Weniger Konsumieren, um weniger Müll zu hinterlassen, weniger verdrecken, die Luft nicht weiter aufheizen, die Sonne wieder natürlich strahlen lassen, den Rauch der Industrieschlote nicht zu ungehemmt entströmen lassen.
Genug, man konsumiert, um zu leben. So auch das Gras. Das sollten die Aktivisten einsehen. Doch weil sie das nicht taten, landeten wir in der Klimadiktatur. Von dort gings in die Konsumdiktatur. Und hier sind wir jetzt, beim Übergang hin zur Liebesdiktatur. Unsere Philosophen fanden heraus, der Reihe nach: Klimagase sind schädlich, gefährden unsere Zukunft. Als niemand mehr die bösen Produkte, die mittels Öl-, Kohle- und Gaseinsatz hergestellt wurden, konsumieren wollte, schlug die Regierungsform um in eine „Konsumdiktatur“, welche ich oben beschrieb.
Ihr Grundprinzip war die Verpflichtung zum Konsum.
Das funktionierte, eine zeitlang. Dann jedoch war jeder nur noch so darauf beschränkt, zu konsumieren und sich schöne kleine Dinge zu leisten, neue Uhren, die Pulsschlag und Bauchfett maßen und protokollierten; Ferngläser, mit denen sich auf gekrümmter Bahn bis hinter die umliegenden Berge und in die dahinterliegenden Täler sehen ließ… doch so fühlte sich niemand mehr sicher beim Liebesspiel, jederzeit könnte man beobachtet werden.
Niemand war mehr bereit, Kinder zu zeugen. So entstand die Liebesdiktatur, die basierte auf der Pflicht, wenigstens einmal für kurze Zeit zu lieben. Unter hohen Pinien an den weißen Stränden Italiens erfüllte ich in einem turbulenten Jahr diese Pflicht. Ich war hergereist, um meinen Sommerurlaub zu verbringen. An Liebesabenteuer dachte ich nicht, auch wenn ich wusste, dass es Zeit war, meinen Soll zu erfüllen, sonst würde das Liebesamt mich bald ermahnen und mir sogar Zusatz-Zärtlichkeiten und romantische Briefe und Tete-a-Tetes aufbrummen. Das würde ich vermeiden, schwor ich mir. Also sah ich mich um. Aber statt Frauen konnte ich nur die Bäume bewundern, die sich im leichten Seewind bogen und mit den Zweigen wedelten. Eine maritime Brise ist etwas Herrliches. Ganz leicht wurde mein Herz und schien bereit, aufzufliegen und sich übers Meer in die Luft zu begeben, um von oben herunter zu schauen auf die Menschen und ihre Probleme, ihre vergeblichen Versuche, anzubandeln und für eine gewisse Zeit mit der Person ihrer Wahl zurecht zu kommen, lange genug, um Kinder zu machen und sie aufzuziehen.
Kommentare
Neuer Kommentar