#45 Menschenleben
Was ist der Wert eines Menschenlebens? Halt, das ist eine verbotene Frage, schreien die Humanisten, der Wert kann nicht beziffert werden und ist folglich unendlich, daher müssen wir auch unendlich hart durchgreifen, um einzelne Todesfälle in einer Pandemie zu verhindern.
Diese naive Sicht geht davon aus, wenn man nur über genügend Rechenleistung verfüge, könne man alle Aspekte des Lebens berechnen. Der Tod ist eine binäre Frage, entweder sterben oder leben. Daher könnten wir die Pandemie auch durch die quantitativen Analysen der Virologen beherrschen.
Ich als materialistischer Metaphysiker gehe aber davon aus, dass sich von den wesentlichen Aspekte des Lebens nur einige Bruchstücke durch wissenschaftliche oder sonstige (poetische, künstlerische) Sprache übermitteln und verstehen lassen. Die Sprache erlaubt uns, ein bisschen an der Oberfläche zu kratzen und die Langeweile, in die uns dieses zwecklose Leben stürzt besser auszuhalten, weil die Aussendung und der Empfang von akustischen Sprachsignalen das Gefühl der Verlorenheit und Einsamkeit zu lindern vermag. Und das ist auch ein gutes Ergebnis und die Beschäftigung mit Wissenschaft ist sicher förderlich für den einzelnen und bringt uns auf lange Sicht voran.
Über den Wert und die Bedeutung von alledem, was wir unter dem Begriff Leben subsumieren, lässt sich auf wissenschaftliche Weise aber sicher keine Aussage treffen. Jeder einzelne kann nur versuchen, sich selbst und seinem Leben Wert zu verleihen, indem er seinen Begierden und Sehnsüchten kompromisslos folgt und sich von alten metaphysischen Wertvorstellungen löst. Entweder wir schmieden selbst neue Werte oder wir werden ewig die Sklaven der alten Wertproduzenten wie Religionen sein und uns noch auf Lange in deren metaphysischen Kämpfen verstricken. Wie ist aber das Verhältnis der heutigen Medizin zur Metaphysik? Laut Giorgio Agamben nimmt sie den Platz der großen Erlöserin ein in diesen nur vordergründig säkularisierten Zeiten.
Ihr Heilsversprechen: das nackte Leben soweit nur irgend möglich zu erhalten und den Tod hinaus zu zögern.
Für mich hat der Erhalt des nackten Lebens keine vorrangige Bedeutung, das kulturelle Leben ist alles.
»Die Medizin, einst angetreten, um Leiden zu lindern, läuft heute Gefahr, noch mehr Leiden zu schaffen.«
Dieser Satz von Giorgio Agamben, italienischer Philosoph, wendet sich gegen die seit knapp zwei Jahren herrschenden Panik-Epidemie, die auf alarmierenden Meldungen fußt und sich auf wahllose Faktenbruchstücke aus der Virologie beruft, ohne den größeren Zusammenhang aus Ökonomie, Soziologie oder gar Psychologie zu berücksichtigen. Wozu an die Wirtschaft denken, wenn es doch in der Virologie so klar und einfach zugeht: so und so viele Tote und hier ist ein Schaubild, das genau beweist und vorhersagt, wie sich die Zahlen entwickeln werden…
Diese Sichtweise verherrlicht die Wissenschaft und erhebt sie zur Heiligen Schrift, aus der wir die richtige Politik nur noch abzulesen hätten.
Das ist allerdings ein fataler Irrglaube und führt uns zurück ins Zeitalter der Mythen, in denen ein Orakel befragt wurde und sein Spruch nicht weiter hinterfragt oder kritisch beleuchtet werden musste, sondern Fakt war. So auch heute unser Umgang mit den von Virologen geäußerten Worten der Weisheit, die von der impliziten Annahme ausgehen, es gelte eine maximale Anzahl an pandemiebedingten Todesfällen zu verhindern. Diese Prämisse ist für einen Wissenschaftler der Virologie angemessen in seiner Arbeit, sie ist aber hinterfragbar und muss im politischen Prozess geprüft werden.
Wenn nun aber die politischen Institutionen, deren wir uns im freien Westen rühmen, seit einigen Jahrzehnten unübersehbar bankrott sind und Politik nur noch im Krisenmodus und Ausnahmezustand bewältigen können, dann muss um der politischen Debatte auszuweichen auf wissenschaftlichen Klärungsbedarf verwiesen werden.
(Der Text geht weiter in den Shownotes unterhalb der Episode wenn man auf das i-Symbol klickt)